Gesamtwertung9/10 |
Sucht [zuxt]; f; Zusammenfassend kann Sucht - ob mit oder ohne Drogen - definiert werden als unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Gefühls- Erlebnis- oder Bewusstseinszustand. Das Ziel von süchtigem Verhalten ist entweder, Lustgefühle herbeizuführen und/oder Unlustgefühle (Unruhe, Trauer, Wut etc.) zu vermeiden. Suchtursachen sind im Zusammenwirken der Faktoren Mensch, Gesellschaft und Suchtmittel zu beschreiben.
Individueller Hintergrund ist eine Autonomiestörung, die als Selbstwertschwäche deutlich wird. Um von Suchtverhalten zu sprechen, müssen die vier Merkmale Wiederholungszwang, Dosissteigerung, physische oder psychische Abhängigkeit und Entzugserscheinungen klar ausgeprägt sein. (Quelle: Landesstelle Berlin für Suchtfragen e.V.)
Wiederholungszwang, Dosissteigerung, Entzugserscheinungen? Scheiße, ich bin süchtig. Ähnliche Symptome hatte ich schon Ende der Neunziger, als mir Counter-Strike den Kopf verdrehte. Inzwischen, so dachte ich, kann mir das nicht mehr passieren. Schließlich ließ mich selbst World of WarCraft relativ kalt und auch kein anderes Online-Spiel schaffte es, mich längerfristig vor den Bildschirm bannen. Doch es hat mich wieder einmal erwischt. Lustigerweise ist es erneut ein Online-Shooter, und dazu noch einer, der mich sogar Halo 3 vergessen lässt – das lang verschollene Team Fortress 2.
Ein massiver, ca. zwei Meter großer Soldat betrachtet mit aufgerissenen Augen seine ungefähr zwei Zentner schwere Mini-Gun, drückt sie nach einer kurzen Überlegung an sein kantiges Kinn und schließt verträumt die Augen. Nur zwei Meter weiter zieht ein nicht gerade Vertrauen erweckender Arzt seine Gummi-Handschuhe fest und holt mit irren Augen eine Nadlerpistole aus dem Kittel. Direkt gegenüber steht ein blauer Soldat stramm und tanzt kurz danach einen durchgedrehten Freudentanz.
Sind wir aus Versehen auf einer Motto-Party gelandet? Man könnte es annehmen, aber diese illustre Gesellschaft wird in wenigen Sekunden gemeinsam in den Krieg ziehen und scheint dabei eine ganze Menge Spaß zu haben. Die Freude kommt nicht von ungefähr, denn nach langen Jahren des Wartens dürfen sie endlich Team Fortress 2 spielen.
Vielen hatten den Titel schon aufgegeben. Das Spiel wurde nämlich schon 1999 mit einem vollkommen anderen Konzept vorgestellt und versank bis zum letzten Jahr komplett in der Versenkung. Die ursprüngliche Idee griff Titeln wie Battlefield 2 vorweg und integrierte einen Commander-Modus, bei dem ein Spieler sein Team dirigierte. Die Grafik war für die damaligen Verhältnisse klasse und die gesamte Online-Community wartete gespannt auf die Veröffentlichung – bis heute.
Von den ganzen neuen Ideen ist allerdings nicht viel übrig geblieben. Team Fortress 2 ist stattdessen ein originelles Remake der Original-Version, die als Modifikation für Quake weltberühmt wurde. Mit ein paar neuen Ideen und vor allem mit einem komplett neuen Grafik-Design, macht sich das alte Spielkonzept daran, den ganzen neumodischen Shootern zu zeigen, wie ein echter Team-Shooter funktioniert.
Die Grundlagen und die Klassen haben sich seit der Quake-Modifikation nicht verändert. Zwei Teams müssen sich gegenseitig ins Jenseits pusten beziehungsweise bestimmte Missionen meistern. Jeder Spieler entscheidet sich dabei für eine Klasse, die eine spezielle Aufgabe erfüllt. Der Ingenieur zum Beispiel ist mit seiner Selbstschusskanone in erster Linie für die Verteidigung zuständig. Gleichzeitig sorgt er mit einem Energie- und Munitionsspender für ständigen Nachschub. Der Scout dagegen ist geradezu für den Angriff geboren. Schnell, agil und mit einer Schrotflinte ausgestattet, ist er die ideale Figur, um Dokumente zu stehlen oder einen verlassenen Kontrollpunkt einzunehmen.
Eine ausführliche Beschreibung sämtlicher Klassen und ihrer Aufgabengebiete findet Ihr in unserem Klassen-Special
. Die Spielerfahrung hat gezeigt, dass das Balancing hervorragend funktioniert und man mit allen Klassen Erfolge feiern kann. Je nach Spielmodus und Situation sind einige jedoch leichter zu erlernen als andere. In den drei Spielmodi 'Capture the Flag', 'Control Points' und 'Territory Control' müsst Ihr Euch fast immer sowohl um den Angriff als auch um die Verteidigung kümmern. Lediglich bei der 'Territory Control' kann es vorkommen, dass Ihr Euch für eine Strategie entscheiden müsst.
Anfänger sollten beispielsweise einmal den Medic ausprobieren, der eigentlich nur die ganze Zeit seine Heilkanone auf einen Heavy mit Mini-Gun richten muss. Dann, nach einer gewissen Aufladezeit, einfach die zehnsekündige Unverwundbarkeit anwerfen und schon regnet es Kill-Assists. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten bekommt man nämlich auch einen Punkt gut geschrieben, wenn man nur bei der Vernichtung des Gegners hilft. Das fördert die Zusammenarbeit und senkt bei einigen Klassen deutlich das Frustpotential.
Schon 1996 führten die Entwickler der Modifikation, Robin Walker und John Cook , ein Belohnungssystem ein, das unabhängig von den Kills funktioniert. Die Spieler werden dadurch zur Zusammenarbeit gezwungen. Einige Klassen, wie der Sniper, sind aber ganz auf sich allein gestellt, auch wenn ein unterstützender Medic in den harten Scharfschützengefechten immer hilfreich ist. Die Verteidigung eines wichtigen Punktes, das Deaktivieren einer EMP-Device oder das Ausschalten eines Geschützes, mehrt zudem das eigene Konto. So entsteht selbst auf bunt gemischten Public-Servern ein Gefühl des Zusammenhalts und der Abhängigkeit. Selbst ohne Sprachkommunikation versteht man sich blind, da das Spiel sonst so herrlich einfach ist.
Mal abgesehen von den harten Gefechten steht der Humor klar im Vordergrund. Nicht umsonst hat Valve einen Comic-artigen Look gewählt. Dank der wunderbar überzeichneten Charaktere versprüht das Spiel selbst in den Feuerpausen so viel Charme, dass man kaum aus dem Lachen herauskommt.
Mitverantwortlich für die gelungene Optik der recht simplen Modelle ist die Source-Engine, die realistische Schatten und HDR in die Comic-Welt zaubert. Wem der Stil gefällt, wird begeistert sein. Doch selbst Kritiker werden zugeben müssen, dass man durch die einfache Darstellung wunderbar die einzelnen Klassen auseinander halten kann. So erkennt Ihr auf den ersten Blick, welcher Gegner Euch hinter der nächsten Ecke erwartet und könnt Eure Taktik entsprechend planen.
Zusätzlich wirkt die gesamte Welt wie aus einem Guss. Karten und Charaktere sind perfekt aufeinander eingespielt und mit viel Liebe zum Detail animiert. Jede Figur besitzt 11 verschiedene „Emotes“, mit denen Ihr die Wartezeit überbrücken können. Dadurch bekommt Ihr eine persönliche Beziehung zu den Figuren, die durch ein weiteres, kongeniales Feature noch verstärkt wird.
Erst einmal bannt eine Kill-Kamera den Moment Eures Todes sowie das Antlitz Eures Mörders auf Zelluloid. Hat Euch ein Gegner oft genug hinter einander erwischt, verwandelt er sich in Eure Nemesis. Gelingt es dem Opfer, also Euch, sich anschließend an ihm zu rächen, bekommt Ihr Bonuspunkte gut geschrieben. Unterstützt durch ein leuchtendes Symbol mit zwei Box-Handschuhen, das über dem Kopf Eures Feindes erscheint, entwickeln sich so intime Hassbeziehungen, die den Mehrspielergefechten die richtige Würze verleihen.
Aber nicht nur bei solchen Gelegenheiten strotzt der Titel geradezu vor Statistiken. Zum Beispiel bekommt Ihr nach jeder Runde mitgeteilt, ob Ihr einen der mannigfaltigen Rekorde und erreichbaren Ziele gebrochen habt. In Kombination mit den in die neue Steam-Community integrierten Achievements wird man immer wieder dazu genötigt, alle Klassen auszuprobieren. Nach einer Weile schälen sich zwar Präferenzen heraus, doch so ist man vorbereitet, wenn es mal wieder Zeit wird, eine andere Rolle zu übernehmen.
Die Gefechte selbst wirken auf den ersten Blick chaotisch und unterscheiden sich dramatisch von anderen Taktik-Shootern. Wenn Demo-Männer ihre Granaten in einen engen Gang werfen, ein Heavy gemeinsam mit einem Medic nach vorne stürmt und sich Spione unsichtbar auf die andere Seite schleichen, muss man blitzschnell reagieren, um nicht sofort in Stücke gerissen zu werden.
Dies wird hübsch passend in Form von explodierenden Schrauben, Feder, Hamburgern und Fischgräten dargestellt. Sonst fließt natürlich kein Tröpfchen Blut, zu der humoristischen Darstellung würden aber auch keine Splatter-Effekte passen.
Brillant sind auch die sechs Karten, auf die sich ab dem 10. Oktober die Spieler tummeln dürfen. Der Umfang fällt zwar recht übersichtlich aus, dank unterschiedlicher Wege und einem nahezu perfektem Leveldesign machen die Schlachtfelder aber auch nach dem Hundertsten Male jede Menge Spaß. Vor allem die Neuauflagen der Klassiker '2fort', 'Well' und 'Hydro' sind einmalig und auch stilistisch absolute Weltklasse. Wie auch beim Gameplay wurden nur Details geändert, Veteranen werden sich also sofort wohl fühlen. Damit aber erst gar keine Langweile aufkommt, wird Euch Valve laut eigener Aussage nach dem Release weitere Karten liefern. Früher oder später wird auch die Community dazu beitragen, obwohl es angesichts des ungewöhnlichen Grafikstils nicht ganz so einfach wird, dafür selbst Karten zu basteln.
Da ist sie also wieder, meine Online-Sucht. Schön, dass Valve auch einen abgebrühten Shooter-Oldtimer noch überraschen kann. Mal abgesehen von dem unverwüstlichen Spielprinzip macht wirklich jede Detailänderung Sinn. Außerdem begeistert mich die ungewöhnliche Grafik, die sich deutlich von den ganzen pseudo-realen Vertretern da draußen abhebt. Die Geschwindigkeit und die Spieltiefe, die sich schon aus den neun unterschiedlichen Klassen ergibt, werden Team Fortress 2 schnell an die Spitze der meist gespielten Titel befördern.
Negativ fällt bislang lediglich der recht überschaubare Umfang ins Auge. Die sechs Karten sind zwar hervorragend konstruiert, werden aber auf absehbare Zeit doch irgendwann langweilig. Außerdem haben die Bösewichte den VIP-Modus gestrichen. Hier muss Valve schnell Nachschub liefern, um meine Sucht vollends zu befriedigen. Bis dahin müssen meine anderen Online-Shooter wohl oder übel eine Pause einlegen, denn Team Fortress 2 verschafft mir mit Abstand die meisten 'Lustgefühle'.
Wer sich die Orange Box jetzt schon über Steam zulegt, darf bis zum Release am 10. Oktober die Beta spielen. Xbox 360-Besitzer und Box-Käufer müssen sich bis zum 19. Oktober gedulden und PS3 Besitzer sogar bis zum 26. Oktober.
Mach Dir einen Namen im Dark Orbit. Allein oder mit Verbündeten wagst Du Dich in weit entfernte Sternen- systeme vor und kämpfst um 10.000 € zum Spiel...
Team Fortress 2 im Test.
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