Gesamtwertung8/10 |
Die Tage werden kürzer, die Temperaturen verwandeln sich von ungemütlich in unerträglich und die Zeit der Videospiele beginnt. Statt gelangweilt vor dem eher traurigen Fernsehprogramm zu hocken, taucht die Fangemeinde in bizzare Welten, fremde Charaktere und packende Abenteuer ein. Wie jedes Jahr haben die Publisher dabei eine bunte Palette bekannter Szenarien zusammenstellt und bombardieren uns mit klassischen Fantasy-Universen, verseuchten Raumschiffen oder den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Ungewöhnliche Titel, wie etwa Valkyria Chronicles, haben da wenig Chancen, sich aus der Masse hervorzuheben und ihre Zielgruppe zu erreichen.
Es fehlt einfach oft an Zeit und Geld, um sich solch schrägen Nischenprodukten zu widmen. Dabei sticht der Titel aus der Masse der Mittelmäßigkeit und Langweile wie eine Perle hervor, die sich aber erst auf den zweiten Blick zu erkennen gibt. Wie seine Genrevertreter leidet Valkyria Chronicles zwar unter den süßlichen Nonsens-Dialogen, riesigen Mandelaugen und dem etwas verdrehten Humor, doch unter der Oberfläche steckt ein spielerisches Rundenstrategie-Schwergewicht, das so manch westliches Produkt alt aussehen lässt.
Satte 30 Stunden Einzelspieler-Kampagne, Dutzende Skirmish-Missionen und unzählige Charaktere warten auf ihre Entdeckung. Segas neustes Japan-Kleinod liefert genug Umfang, um Euch für die nächsten Tage, Wochen und Monate zu beschäftigen. Um ein Haar wäre aus Valkyria Chronicles sogar ein echter Überraschungshit geworden. Mit einem einmaligen Grafikstil, einer für japanische Verhältnisse erfreulich erwachsenen Geschichte und einem gelungen Action-Strategie-Mix wirkt der Titel nahezu perfekt. Beim näheren Hinsehen findet man zwar immer mehr Sand im Getriebe, der den Gameplay-Motor zum Stottern bringt, ihn zum Glück aber nie stoppt.
Doch zuerst ein paar erfreuliche Details: Beim Szenario beweisen die Japaner mal wieder viel Liebe zur europäischen Kultur. In einer verdrehten Version des Zweiten Weltkriegs stehen sich die beiden Großmächte der Föderation und des Imperiums gegenüber.
Zwischen diesen beiden Giganten, die wohl die Ost-West-Problematik darstellen sollen, liegt das kleine Land Gallia. Neutral wie die Schweiz hat sich der wohlhabende Staat bisher aus dem Konflikt heraus gehalten. Doch die reichen Ragnite-Vorkommen, eine Art Super-Öl, das Maschinen antreibt und Menschen heilt, wecken Begehrlichkeiten. Als der Konflikt mit dem direkten Kontrahenten in die heiße Phase übergeht, versucht das Imperium sich das friedliche Stückchen Erde einzuverleiben.
Ausnahmsweise ist der Held der Geschichte kein 16-jähriger Jüngling, der sich zum Retter der Nation aufschwingt oder unter Amnesie leidet. Mit seinen 22 Jahren ist Welkin fast schon ein alter Hase und statt freudig in den Krieg zu ziehen, möchte er eigentlich nur die Natur studieren. Im Laufe der Geschichte legt der Generalssohn seine leicht pazifistische Grundhaltung schnell wieder ab, trotzdem präsentiert sich die Geschichte von Valkyria Chronicles erfreulich vielschichtig.
Ob Rassimus, Konzentrationslager oder der all gegenwärtige Tod, unter dem Zuckerguss der süßen Charaktere, seichten Gespräche und vorpubertären Liebschaften lauert der Abgrund eines echten Kriegsdramas, bei dem liebgewonnene Figuren nach einigen Missionen den umfangreichen Friedhof pflastern.
Das zweite Highlight ist ganz sicher der Grafikstil. Statt klassische Manga-Techniken zu nutzen, wurde der gesamte Titel in ein Gemälde verwandelt. Schatten werden von der Grafik-Engine als gestrichelte Linien dargestellt, Flächen zeigen pinselartige Spuren und blasse Farben bestimmen die Tonalität. Eingerahmt von einem weißen Bilderrahmen wirkt der Titel wie frisch aus dem Atelier eines begnadeten Künstlers. Unterstrichen wird diese fast surreale Darstellung durch Comic-hafte Effekte, die den Sound des Spiels visualisieren. Schüsse und Explosionen werden lautmalerisch in Worte verwandelt, die aggressiv über den Bildschirm flackern. Der Titel wagt sich so visuell weit von den üblichen Konventionen weg, nur um sich dramaturgisch streng an sie zu halten.
Erzählt wird die Geschichte nämlich in typisch japanischen, ausufernden Zwischensequenzen und nervigen Dialogen, die mit ihren sprechenden Köpfen die Dynamik eines Erstklässler-Kammerspiels entwickeln. Vor jedem Kampf muss man sich im so genannten Buch-Modus durch mehrere dieser Abschnitte quälen, um endlich zur nächsten Mission zu gelangen.
Leider erkennt man erst auf den zweiten Blick, ob sich hinter dem entsprechendem Abschnitt langweiliges Geplapper oder wichtige Hintergrundinformationen verstecken. Wer das Gespräch abkürzt, läuft Gefahr, etwas Entscheidendes zu verpassen. Erschwerend kommt hinzu, dass man jede Antwort mit einem Knopfdruck bestätigen muss. Bei Hunderten Gesprächsfetzen eine sehr ermüdende Angelegenheit.
Komfort steht also an zweiter Stelle, was sich auch in einem äußerst anstrengenden Speicherkonzept niederschlägt. Statt automatisch den Fortschritt zu sichern, kann und muss man ständig selbst Hand anlegen. Auch das Missionsbriefing fällt eher mittelmäßig aus. Über die Zusammensetzung der gegnerischen Truppe erfährt man wenig. Da man zu Beginn das Startaufgebot selbst festlegen muss, tappt man erst einmal im Dunklen. Die Figuren lassen sich zwar auf dem Schlachtfeld austauschen, verbrauchen dabei aber wichtige Kommandopunkte. Eine Ressource, die bei Valkyria Chronicles eine entscheidende Rolle spielt, aber dazu später mehr.
Insgesamt stehen Euch fünf Klassen zur Verfügung, um die entsprechende Mission zu erfüllen. Den Anfang macht der vielseitige Scout, der eine recht hohe Schuss-Reichweite und einen großen Aktionsradius besitzt. Ihm zur Seite steht der Shocktrooper, der mit seinem Sturmgewehr vernichtende Salven abgeben kann und deutlich weniger anfällig auf Beschuss reagiert.
Um die Panzer der Gegner aus dem Weg zu räumen, führt Ihr so genannte Lancer ins Feld, die mit einer Art Bazooka-Lanze ausgerüstet sind. Außerdem zeigen sie sich von Explosiv-Munition relativ unbeeindruckt, bewegen sich aber sehr schwerfällig über das Spielfeld. Zusätzlich gibt es noch Ingenieure, die Panzer und Verteidigungsstellungen reparieren sowie Scharfschützen, die über eine praktische Zoom-Funktion verfügen.
So weit, so üblich. Deutlich innovativer und vor allem erfrischend präsentieren sich die eigentlichen Kämpfe. Im Gegensatz zur restlichen Rundenstrategie-Konkurrenz, Fire Emblem, Advance Wars und Co., werden die Züge in Echtzeit ausgeführt. Für die verwendeten Kommandopunkte dürft Ihr Eure Truppen direkt aus der Third-Person-Perspektive steuern, einen bestimmten Weg zurücklegen und Euch hinter Sandsäcken in Deckung begeben. Unlogisch: Andere Gegenstände wie Kisten, Fässer und Mauerstücke könnt Ihr nicht verwenden. Außerdem dürft Ihr pro Zug einmal auf Gegner schießen, Eure Verbündeten heilen oder im Fall des Ingenieurs Panzer reparieren. Zum Glück steht es Euch frei, vor, während oder nach der Bewegung Eure Aktion durchzuführen. Es ist also kein Problem, einen Schuss abzugeben und schnell wieder hinter einer Deckung zu verschwinden.
Befinden sich feindliche Shocktrooper oder Scouts in Schussreichweite, feuern sie so lange auf Euch, bis Ihr in den Zielmodus schaltet. Dort könnt Ihr entweder auf den Kopf zielen, um mehr Schaden zu machen oder den sicheren Weg über den Körper gehen. Nach Eurem Angriff haben diese beiden Klassen die Möglichkeit zurückzufeuern. Lancer und Scharfschützen reagieren leider gar nicht, passt also auf, wo Ihr die Spezialisten positioniert.
Bei den Feuergefechten kommen aber noch andere Faktoren ins Spiel: Mit aufsteigendem Level werden individuelle Charakter-Fähigkeiten freigeschaltet, die Euch zum Beispiel beim Stürmen einer Stellung mehr Defense verpassen. Außerdem gibt es bestimmte Vorlieben und Abneigungen, die sich direkt aus der individuellen Geschichte der Figuren ergeben. Ein Gigolo bekommt zum Beispiel einen Status-Boost, wenn er in der Nähe von Frauen kämpft, ein Homosexueller bei Männern. Andere Charakter sind Stadtkinder, Pollen-Allergiker oder Naturverbunden. Das System erlaubt eine Spieltiefe, die ihresgleichen sucht, ohne Euch allzu hart zu bestrafen, wenn Ihr diesen Faktor beiseite lasst.
Zusätzlich wird Euer Team durch Panzer ergänzt, die vor allem durch Vielseitigkeit punkten. Neben ihren durchschlagkräftigen Hohlspitz-Geschossen für die Panzerbekämpfung führen sie auch einen verheerenden Mörser ins Feld, der gleich mehrere Feinde auf einen Streich erledigt. Welkins Panzer straft damit seinem lustigen Namen „Edelweiss“ Lüge und ist ein wichtiger Bestandteil Eurer Angriffsstrategie. Später bekommt er noch einen Begleiter an die Seite gestellt, der sich wie alle Klassen durch Upgrades verbessern lässt.
Für Siege erhaltet Ihr Erfahrungs- und Forschungspunkte, die Ihr in das Aufleveln der Klassen und die Verstärkung Eurer Waffen stecken könnt. Statt einzelne Figuren in den Elite Status zu befördern, profitiert bei Valkyria Chronicles gleich die gesamte Klasse. Wenn Euch dann doch mal eine Figur auf dem Schlachtfeld wegstirbt – wenn Ihr sie zum Beispiel nicht innerhalb 3 Runden erreicht – verliert Ihr so nur eine liebenswerte Persönlichkeit und nicht einen kostenintensiven Spezialisten.
Um Eure Truppen zu aktivieren, werden die erwähnten Kommandopunkte benötigt. Normale Fußsoldaten verbrauchen pro Aktion einen, Eure Panzer zwei. Der Clou: Es bleibt Euch überlassen, ob Ihr jede Figur einmal nutzt oder Eure gesamten Punkte in eine Einheit steckt. Nutzt Ihr nicht alle, bekommt Ihr sie im nächsten Spielzug gut geschrieben. Limitiert wird dieser neue Taktik-Ansatz durch die schwindende Bewegungsreichweite und die beschränkte Munition.
Denn während Aufklärer und Shocktrooper unendlich Magazine in ihrem schicken Wasserfarben-Kleid tragen, brauchen Scharfschützen und Lancer ständig Nachschub, den nur der Ingenieur oder ein eingenommenes Lager liefern kann. Diese Camps müsst Ihr wiederum den Feinden aus den Händen reißen, um dort die Taschen aufzufüllen und gefallene Helden wiederzubeleben.
Die Missionsziele gehen aber weit über die Einnahme der Basen hinaus. Valkyria Chronicles bietet die gesamte Bandbreite des Genres. Ob Eskort-Aufträge, Endgegner-Kämpfe oder das Auslösen von Bomben, langweilig wird Euch beim virtuellen Krieg ganz sicher nicht. Deutlich mehr zu meckern gibt es dagegen bei der feindlichen KI. Nur mit plötzlich auftauchender Verstärkung und gezielter Desinformation gelingt es dem Computer, Euch zu überraschen.
Bis auf gelegentliche Aussetzer liefert Euer virtueller Gegner aber genug Gegenwehr, um die Kämpfe nicht in einen Spaziergang zu verwandeln. Vor allem wenn Ihr eine S-Wertung absahnen wollt, müsst Ihr Eure kleinen, grauen Zellen ganz schön in Schwung bringen. Auf der musikalischen Seite liefert Final Fantasy-Komponist Hitoshi Sakimoto eine beeindruckende Vorstellung, untermalt die spannenden Gefechte mit epischen Klanggemälden und rundet den Titel mit seinen wunderschönen Melodien zu einem audiovisuellen Meisterwerk ab.
Trotz seiner augenscheinlichen Mängel ist Valkyria Chronicles ein Kleinod der japanischen Videospiel-Kunst. Das erfrischende Kampfsystem und die außergewöhnliche Grafik trösten über die quälenden Dialog-Sequenzen und die Unstimmigkeiten auf dem Schlachtfeld hinweg. Auch Charaktere, Szenario und Geschichte umweht ein frischer Wind, der den Titel in die Herzen der Fans tragen wird. Ohne Konkurrenz auf der Playstation 3 hat Sega zumindest in diesem Genre ein leichtes Spiel.
Für den ganz großen Wurf, einen echten Blockbuster, fehlt es aber an einer besseren Künstlichen Intelligenz, einer zugänglicheren Präsentation, mehr Komfort und einem ausgereifteren Deckungs-System. Das soll aber niemanden davon abhalten, die Demo auszuprobieren. Vielleicht gelingt es Welkin und Co., Euch trotz der sprechenden Köpfe in seinen Bann zu ziehen. Ich für meinen Teil starte gerade einen zweiten Durchgang. Gallia braucht mich und durch die vielen Options-Möglichkeiten habe ich noch lange nicht alles gesehen.
Valkyria Chronicles erscheint am 31. Oktober für PS3 und PSP.
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Valkyria Chronicles im Test.
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