X360: Grand Theft Auto IV: The Lost and Damned
Ich hatte in meinem Leben nur wenige Erfahrungen mit „echten“ Bikern gesammelt. Bis ich auf einen Hell's Angel traf. Mitte der Neunziger kontrollierten sie in Berlin die Türsteher-Szene und in einem meiner Stamm-Clubs (Tresor) stand immer ein großer, breitschultriger Kerl an der Tür, der mit seiner Hell's Angels-Jacke und seine langen blonden Haaren einen furchterregenden Eindruck machte. Ich hörte von Geldwäsche und einige Leute flüsterten, dass sie mit Drogengeschäften zu tun hatten und auch gern mal die gesamten Einnahmen einer Party mitgehen ließen.
Einen Beweis für diese Vorwürfe bekam ich nie vorgelegt und da im Club eine relativ entspannte Atmosphäre ohne Schlägereien herrschte, war ich irgendwie dankbar. Als ich dann nach einer Weile zusammen mit einem befreundeten DJ früher im Tresor auftauchte, kam es zu einem ersten Gespräch. Der Kerl hieß Andreas und wirkte nach ein paar Sätzen gar nicht mehr einschüchternd.
Er war freundlich, etwas prollig und arbeitete nebenbei als Mechaniker. Er wirkte nicht gerade wie ein gesetzestreuer Bürger, aber eben auch nicht wie ein durchtriebener Vollblut-Gangster. Er erklärte mir, dass er sich auf seine Jungs hundertprozentig verlassen kann. Egal was für einen Bockmist er gebaut hat, ein Anruf genügt und sie sind da - eine gruselige Vorstellung: Ein Dutzend Biker pflügen sich durch den Laden. Ich persönlich hatte aber nie Stress mit ihm und er hat weder im noch vor dem Club übertriebene Härte gezeigt.
Nach einer Weile verlor ich ihn aus den Augen, wechselte den Club und hatte ihn fast vergessen, bis ich zum ersten Mal Johnny Klebitz erblickte. Mal abgesehen vom kahl geschorenen Kopf, ähnelt der besonnene Hauptdarsteller des Grand Theft Auto IV-DLC-Addons The Lost and Damned dem zumindest auf den ersten Blick gutmütigen Riesen. Seine ruhige Ausstrahlung, sein vernarbtes Gesicht und seine reduzierten Bewegungen machen klar, dass der Kerl genau weiß, was und vor allem wer er ist.
Kein unkontrollierbarer Wahnsinniger, sondern ein geradliniger Typ, der trotz oder gerade wegen seiner krummen Geschäfte irgendwie sympathisch wirkt. Ein perfekter Antiheld, der erneut das Gespür der Rockstar-Jungs für glaubwürdige, fast menschliche Charaktere unter Beweis stellt und es dank noch schärferer Gesichtstexturen auch optisch locker mit Niko Bellic aufnehmen kann. Er führt Euch erneut nach Liberty City, das sich bis auf eine etwas düstere Beleuchtung - es ist noch unklar, ob der neue Grafik-Filter bis zum Release erhalten bleibt - und ein paar neue Indoor-Locations kaum verändert hat.
Als vorübergehender Präsident der Biker-Gang „The Lost“ hat er mit den Erzfeinden, „Angels of Death“, einen brüchigen Frieden geschlossen und die Geschäfte auf Hochtouren gebracht. Vorbild für diesen Konflikt: Die jahrelange Feindschaft der Banditos und der Hell's Angel. Bis, ja, bis Billy wieder auftauchte. Der cholerische Anführer hat es trotz einer recht enormen Menge Kokain in seinem Kofferraum geschafft, wieder aus dem Knast zu kommen. Er hat sich selbst als Opfer dargestellt, musste in die Therapie und wurde als geheilt entlassen. Ein wirklich guter Schauspieler.
Kaum lässt sich das manische Kraftpaket zuhause blicken, verändert sich alles. Johnny ist nur noch Vize-Präsident, die Bruderschaft wird auf einen Krieg gegen die Erzfeinde eingeschworen und es kommt zu immer mehr Spannungen. Schon nach wenigen Minuten wird der Anführer der Gegner erschossen und die verbleibenden Zeugen durch die Straßen von Liberty City gejagt. Willkommen in der ersten Mission. Willkommen zurück in der Hauptstadt des Verbrechens und der Gewalt.
Der Weg in das umfassende Addon, das ca. 10 Stunden Spielspaß und diverse neue Online-Modi bereit hält, führt über das Start/Pausen-Menü. Einfach ein neues The Lost and Damned-Spiel aufmachen und Ihr startet mit Johnny Klebitz in das Biker-Abenteuer, das parallel zur Haupthandlung spielt und mit mehreren Überschneidungen einen Blick hinter die Kulissen wirft.
Nach der Jagd auf die fliehenden Biker mit der doppelläufigen, abgesägten Schrotflinte, der kompletten Gang und Johnnys Custom-Made Chopper, führt uns ein Sprung in die Geschichte direkt zu Drogen-Queen Liz. Niko traf bei ihr in der Mission „Blow that cover“ zum ersten Mal auf den wuchtigen Biker. Damals noch mit einer langweiligen, abgeschnittenen Jeans-Jacke, heute mit imposanter Biker-Kutte, gilt es dem Ost-Europäer auf Johnnys Seite in der Mission „Buyer's Market“ bei einem Deal zur Seite zu stehen. Doof nur, dass dieser gehörig daneben geht.
An der Eingangs-Zwischensequenz wurden ein paar Details geändert. Eine andere Kamera-Einstellung, ein paar neue Statisten, andere Musik und eben die besagte Kleidung. Die restlichen Dialoge entsprechen aber 1zu1 dem Vorbild. Die vermeintlichen Dealer werden als Spitzel entlarvt und während sich Playboy und Niko über das Dach davon machen, muss Johnny sich durch das heruntergekommene Wohnhaus ballern. Mit neuer Automatik-Schrotflinte und einem ständig für mich cheatenden Rockstar-Mitarbeiter (hmpf, ich hab ihm gesagt, er soll es lassen) muss ich nur noch die drei Fahndungssterne loswerden und schon ist das erste Treffen mit Niko abgehakt.
Für diese Aufgabe schnappe ich mir nicht etwa einen der vielen amerikanischen Straßenkreuzer, die noch immer wie ein siegreicher, stockbesoffener Fußballverein durch die Straßenschluchten wanken, sondern eines der neuen, schnellen Motorräder. Deren Fahrverhalten wurde gehörig auf Vordermann gebracht und erlauben ein recht stressfreies Cruisen. Da Ihr als waschechter Biker ständig mit Eurer eigenen Maschine unterwegs seid, findet Johnnys bestes Stück nach einer Mission immer wieder seinen Parkplatz vor dem „The Lost“-Hauptquartier. Nur wenn Ihr die Maschine geschrottet habt, müsst Ihr bei Eurem Chopper Spezialisten einen Ersatz bestellen.
In der Biker-Bude dürft Ihr zwischen den Missionen das neue Fernseh-Programm und die neuen Musikstücke der Radio-Sender genießen. Ihr könnt Mini-Games wie Billard, Armdrücken und Karten spielen, Euch mit Euren Kumpels unterhalten oder Euch im Waffenarsenal bedienen. Eine neue Feuerspritze pro Waffen-Kategorie und ein praktischer Granatwerfer sollen den Gefechten mehr Wumms verpassen, was wir gleich bei der nächsten Mission eindrucksvoll vorgeführt bekamen.
Vollkommen durchgeknallt und unter dem Vorwand einen Bruder zu rächen, ruft Billy die Gang zum Angriff auf das gegnerische Hauptquartier auf. Gemeinsam ziehen zehn Biker schwer bewaffnet auf ihren Motorräder zum dem heruntergekommenen Vereinshaus. Auf dem Weg dorthin müsst Ihr die Formation einhalten, um die Angriffskraft der Nicht-Spieler-Charaktere zu verbessern. Wie in einem Rollenspiel gewinnen die für die Story irrelevanten Biker immer mehr an Erfahrung, schießen besser und ziehen statt mit einem schwachen Revolver mit einer dicken Schrotflinte durch die Gegend. So sollt Ihr zu den No-Name-Charakteren eine Verbindung aufbauen, sie vor Schaden beschützen und sie so langsam, aber sicher in eine unschlagbare Truppe verwandeln.
Kaum hat die Gang den traurigen Versammlungsort erreicht, der sich dreckig und verwanzt an einen Highway-Pfeiler kauert, muss Johnny die gegnerische Horde mit einer gut gezielten Granate durch das Fenster auf die Straße jagen. Ein kurzes Ploppen, dann ein lautes Krachen und schon schießen Flammen aus der Öffnung. Hastig rennen die Erzfeind auf die Straße, direkt in das Feuer der schwer bewaffneten „The Lost“-Biker, die aus den Todesengeln innerhalb kürzester Zeit Kleinholz machen.
Damit wird das Liberty City-Chapter der „Angels of Death“ ausgelöscht und der wahre Grund für dieses Massaker kommt ans Tageslicht: Billy wollte sich die gewaltigen Drogenreserven der Konkurrenten schnappen und zu Geld verarbeiten. Die Rache für den Mord war nur ein vorgeschobenes Argument. Gleichzeitig gibt die brachiale Mission die Schlagrichtung vor. Ihr seid nicht als Einzelgänger unterwegs, sondern meist als Team und bekommt so ein ganz neues Spielgefühl vermittelt.
Doch die Krönung der Präsentation stellte die letzte Mission dar. Auf dem Rücksitz eines schnellen Motorrads und mit einer automatischen Schrotflinte mit unendlicher Munition bewaffnet, darf Johnny nach einem geplatzten Drogen-Deal so richtig die Sau rauslassen. Verfolgt von der Polizei, muss er deren Fahrzeuge verschrotten, Hubschrauber vom Himmel holen und Straßensperren durchbrechen.
Überzogen, unrealistisch, dafür aber umso spaßiger, zerlegt die mächtige Waffe Scheiben, Reifen und Karrosserieteile. Ein paar Salven genügen und die Limousine der Angreifer geht in die Knie, beginnt zu brennen und fliegt mit einer gewaltigen Explosion in die Luft. Körper werden aus den Fahrzeugen geschleudert, kleine Partikel markieren jeden Einschlag und am Ende hinterlässt das zerstörerische Duo ein brennendes Schlachtfeld.
Angesichts solcher Doppel-Missionen, dem Formationsfahren und den angekündigten neuen Online-Spielmodi stellt sich die Frage, ob es diesmal einen richtigen Coop-Modus geben wird. Rockstar hält sich natürlich weiterhin bedeckt, doch wir drücken ganz fest die Daumen. Schließlich wäre es genial, gemeinsam mit Freunden die Gang-Missionen zu bestreiten. Alternativ würde ich mich auch über einen erweiterten Gang-War im Internet freuen, in dem die Biker eine gute Figur machen würden. Doch alles nachfragen und drohen half, mal wieder, nichts und wir wurden auf die nächsten Wochen vertröstet.
Obwohl Liberty City das gleiche, unglaubliche Authentizitätsgefühl vermittelt und sich kaum verändert hat, gibt es einen entscheidenden Unterschied. Diesmal seit Ihr nur sehr selten allein unterwegs. Die Missionen gemeinsam mit NPCs zu bestreiten, verändert das Gameplay zum Teil grundlegend. Teamwork und Gemeinschaftsgefühl stehen im Vordergrund, Ihr könnt schnell nachvollziehen, warum sich die Truppe gemeinsam durchs Leben schlägt und sich gegenseitig beschützt. In einer Welt voller Feinde sind die Brüder trotz all ihrer Differenzen ein Fels in der Brandung.
Trotzdem geht The Lost and the Damned der Innovations-Bonus des Hauptspiels ab. Die wenigen frischen Indoor-Locations können natürlich keinen neuen Stadtteil ersetzen. Wer sich sehr intensiv mit Liberty City und Niko beschäftigt hat, muss mit vielen bekannten Ecken leben. Doch die aufregenden Missionen, die lange Spielzeit und die neuen Spielelemente holen dieses Manko locker wieder heraus und scheinen den hohen Preis zu rechtfertigen. Falls sich das Niveau hält, könnte The Lost and the Damned die Shivering Isles vom Thron der Download-Episoden schubsen. Die Zeichen stehen auf Must-Have.
Grand Theft Auto IV: The Lost and Damned erscheint am 27. Februar exklusiv für die Xbox 360 als Download-Content.






