Patapon

Review
Plattform
Sony PlayStation Portable
Vertrieb
Sony Computer Entertainment
Entwickler
Sony Computer Entertainment
Genre
Andere
PSP: Patapon

Gesamtwertung

9/10

PSP: Patapon

Sprechen wird doch mal über Marschmusik. Immer wieder sonntags kratzte die zugestaubte Diamantnadel die letzten Reste Tschinderassa-Bumm aus dem ausgelutschten Vinyl mit dem grandiosen Titel "Unter'm Schellenbaum" und füllte das heimische Wohnzimmer mit Gepauke und Getröte. So etwas prägt. Meine Begründung zur Wehrdienstverweigerung war somit bereits im zarten Alter von zehn Jahren komplett abgefasst im Schreibtisch verstaut. Was also tun, um diese präpubertäre Psychose zu überwinden? Eine Trommeltherapie könnte helfen. Konfrontationstherapie sozusagen, ich muss mich meiner Neurose stellen.

Patapon bietet da eine gute Möglichkeit. Direkt aus dem Hause Sony, aus dem auch schon der hysterisch-fröhliche Loco Roco in die Welt rollte (allerdings nicht von demselben Entwickler-Team), kommen nun auch die Patapons. Mit einem recht merkwürdigen Aussehen – Augäpfel mit Beinchen dran – und folgerichtig mächtigen Defiziten im Bereich der Kommunikation.

Die runden Kreaturen mit Stummelbeinen verstehen nur rhythmisches Getrommel. Grundsätzliche Ideen wie "vorwärts Marsch" oder "Angriff" lassen sich damit bestens vermitteln. Die Position als Heerführer und Pauker muss natürlich der Spieler besetzen, fortan als "Allmächtiger" bezeichnet. Eine helfende Hand haben die Patapons allerdings dringend nötig, denn sie wurden von den Zigotons aus ihrem Land vertrieben. Ein Gegenschlag muss her, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Als Allmächtiger stellt man natürlich keine Fragen, sondern haut in die Tasten, um seinen neu gefundenen Schützlingen aus der Patsche zu helfen.

Den Marsch bläst man seinen zyklopischen Kriegern über die rechten PSP-Tasten. Jede Taste repräsentiert eine Trommel: Kreis ist Pon, Vierecke Pata, Dreieck ist Chaka und X ist Don. Um dem kriegslüsternen Haufen nun also Beine zu machen, müsst Ihr ein gut getimtes Pata-Pata-Pata-Pon erklingen lassen. Die munteren Gesellen auf dem Screen antworten darauf mit einem ähnlichen Singsang und setzen sich in Bewegung. Erst dann kann erneut getrommelt werden.

Ein geräuschvolles Metronom gibt den Takt vor, damit Ihr den richtigen Rhythmus einhaltet. Es ist essentiell wichtig, immer im Rhythmus zu bleiben, ohne geht gar nichts. Wahlweise solltet Ihr mit dem Fuß mitgehen, wippen, nicken oder die PSP wie ein Orff-Instrument schwenken – Hauptsache, der Beat sitzt. Gelingt es euch, zehnmal hintereinander im Takt zu bleiben, werden die Patapons aufgeputscht und wechseln in den Fever-Modus. Die Truppe steigert sich immer mehr in den Rausch, die Gesänge werden intensiver und es erfordert viel Konzentration, hier noch den richtigen Rhythmus zu finden, sich nicht ablenken zu lassen.

Überhaupt ist Patapon nichts für unmusikalische Menschen mit Timing-Problemen. Das Halten des Takts ist auf die Dauer anstrengend und schweißtreibend. Um es zu verdeutlichen: Nach einer halben Stunde Patapon fühle ich mich wie nach drei Stunden Wii-Tennis. Durch die ständige Konzentration auf den Rhythmus verpasst man jedoch zuweilen, was auf dem Bildschirm läuft, da man wie in Trance in die Tasten schlägt und sich nur auf den Beat konzentriert. Und plötzlich steht der Gegner vor der Truppe und der Angriffsbefehl muss schnell der marschierenden Scharr übermittelt werden.

Dies geschieht mit etwas Verzögerung, denn nach jeder Trommelansage muss erst die Reaktion der Befehlsempfänger abgewartet werden, Vorplanung und überlegenes Handeln ist also durchaus sinnvoll. Doch nicht nun innerhalb der Missionen ist taktisches Vorgehen gefragt: Patapon offeriert neben einem ausgeklügelten und ungewöhnlichen Rhythmusspiel auch eine strategische Komponente mit Managementfunktionen.

Nach jeder erfolgreichen (oder auch gescheiterten) Mission kehrt Ihr zum Kultplatz des eigenwilligen Völkchens zurück. Hier ist auch der Sitz des Lebensbaumes, über den neue Patapons ins irdische Dasein gerufen werden können. Zunächst einmal muss die Einheit ausgewählt werden, für die ein Patapon erstellt werden soll: Es gibt sechs verschiedene Einheiten, vom Speerwerfer, über den Axtschwinger bis hin zum schwerem Geschütz. In die Schlacht ziehen aber jeweils immer nur drei Einheiten.

Um einen Patapon zu erzeugen, braucht es wiederum Kaching, das in den Missionen erworben wird und die Währung des Spiels darstellt. Zudem sind diverse Gegenstände wie Eisen oder Holz in verschiedenen Ausprägungen von Nöten, die je nach Kombination unterschiedliche Patapons entstehen lassen. Da am Anfang das Wissen um die Wirkung der einzelnen Zutaten fehlt, ist Trial-and-Fail angesagt. Zudem können nur sechs Patapons in eine Einheit aufgenommen werden, weitere Genossen ersetzen lediglich dahingeschiedene Kameraden.

Das ist allerdings nur schweren Herzens machbar. Jeden Patapon, den es dahinraffte, verursachte Trauerstimmung. Genau wie bei Loco Roco fühlt man sich tatsächlich für das kleine Völkchen verantwortlich und ist nicht gewillt, auch nur einen Verlust hinzunehmen. Lieber fängt man eine Mission von vorne an. Glücklicherweise reinkarnieren gefallene Krieger, insofern man ihren Helm aufgelesen hat. Ist der Helm futsch, ist auch der Patapon ins virtuelle Walhalla entschwebt.

Diese Bindung an die Patapons liegt zum einen an der liebevollen Grafik, die mit ihrem Scherenschnittstil an den Kinderklassiker Peter und der Wolf erinnert, aber auch an den kleinen Details, die Patapon so bezaubernd machen. Mit Begeisterung reagieren die Einheiten stets auf gelungene Trommelkünste des Allmächtigen, feuern Euch an, tanzen, singen und zeigen sich auch im Kampf wesentlich stärker. Patzt Ihr, beginnen die Untergebenen zu motzen, sie fallen um und lassen jede Euphorie sofort fallen.

Ähnlich Lumines oder REZ spürt Ihr deutlich die akustische und visuelle Steigerung der eigenen Leistung, ein Art Sinnestaumel, der durch das rituelle Getrommel noch verstärkt wird. Und nach einer Runde Patapon ist das ständige Schwirren der Trommelsequenzen im Kopf unvermeidbar. Pon-Pon-Pata-Pon, immer wieder.

Leider wartet Patapon aber nicht nur mit Euphorie, sondern auch mit ein paar frustrierenden Momenten auf. So müssen einige Missionen mehrmals absolviert werden, um mehr Kaching zu sammeln oder um neue Combos freizuschalten. Beispiel Wüsten-Szenario: Der ersten Marsch durch die sengende Hitze rafft die tüchtigen Patapons dahin. Es braucht einen Regentanz, um für Abkühlung zu sorgen. Diesen erlernt Ihr als Patapon-Bändiger aber nur durch besagtes Wiederholen einer früheren Mission, erst dann kann die Wüste gefahrlos durchquert werden. Dazu ist allerdings obendrein ein fehlerfreies Spielen erforderlich: Der Regentanz funktioniert ausschließlich im Fever-Modus. Einmal eine nicht ganz perfekte Trommelsequenz abgeliefert und die Mission scheitert.

Unter dem niedlichen Äußeren von Patapon verbirgt sich also eine wilde Bestie, die sich mit jedem Weiterkommen deutlicher zeigt. Besonders die übergroßen und hartnäckigen Gegner verzeihen keine Fehler, jeder Patzer wird konsequent abgestraft. Erneut gilt es, kleinere Missionen zu wiederholen, um seine Truppen aufzubauen und somit die schwierigen Patapoon-Fresser niederringen zu können. Nicht sonderlich überwältigend ist übrigens die Übersetzung geraten: Ein paar Schnitzer und Fehler sprechen leider eine etwas schluderige Sprache.

Trotz einiger Frustmomente ist Patapon ein herausragendes Spiel für die PSP. Man fühlt sich mit jedem der kleinen Geschöpfe verbunden, verspürt Trauer, sobald es einen dahinrafft, Freude (und auch Stolz), wenn sie euphorisch auf fehlerfreie Trommelstücke reagieren. Und ständig wippt man im Takt des Rhythmus mit, während die getrommmelten Befehle tagelang in den Gehörwindungen widerhallen. Wird in den kommenden Jahren über innovative Spielideen oder das, was man gemeinhin als Kultspiel bezeichnet, debattiert, bin ich mir sicher, dass neben Namen wie Portal, ICO, REZ oder Loco Roco auch Patapon auftaucht.

Patapon ist für die PSP ab sofort im Handel erhältlich.

 

 

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