PS3: Siren: Blood Curse
Siren: Blood Curse (in Japan: New Translation) wird Euch schon schocken und gruseln, bevor Ihr überhaupt in den Spielverlauf eintaucht. Ich rede hier nicht von irgendwelchen Rieseninstallationen zu Lasten der PS3-Platte, sondern der Geräuschkulisse, die sich im XMB entfaltet, solltet Ihr den Cursor auf dem Spiel stehen lassen.
Ich startete unschuldig und unbedarft die Installation, ging in die Küche und nach wenigen Minuten erklangen Schreie, Stöhnen und unterweltliche Horrorlaute, die mir und dem gesamten Innenhof wohl einen guten Schrecken einjagten.
Siren gehört zu den Kultspielen der PlayStation 2. Nicht, weil es perfekt als Spiel funktionieren würde, nicht weil es die Technik pushte, sondern weil es dem seit den absoluten Anfangstagen vor sich hin stagnierendem Horror-Survival-Genre wenigstens ein paar neue Ideen verpasste. Und da es sich bei Siren: Blood Curse laut Aussage um ein verändertes Remake des 2004er Horror-Trips handelt, lohnt es sich, noch mal kurz einen Blick auf das Original zu werfen.
Siren auf der PS2 lebte – und lebt – von seiner dichten Atmosphäre und diese wiederum von Handlung und Blickwinkel. Die Story folgt keinem linearen Faden, wohl aber einem roten, der sich zerhackstückt und gelegentlich auch in Zeit-Schleifen durch drei Tage in einem abgelegenen japanischen Dorf sowie das Leben von zehn normalen Menschen zieht.
In besagtem Dorf geschehen alle paar Jahrzehnte schlimme Dinge. Der Himmel wird dunkel, in den Seen und Flüssen fließt Blut und es regnet eigentlich fast ständig. Widrige Bedingungen, wenn Ihr in einem Dorf überleben sollt, in dem sich alle Bewohner in schnelle und ausgesprochen gefährliche Zombies verwandelt haben und nur auf Euer Blut aus sind.
Was erstmal nach einem ziemlich klassischen Trip durch 72 Stunden voller Blut, Horror und Gewalt klingt, wurde von Keiichiro Toyama, geistiger Vater von Silent Hill, in kleine Häppchen aufgeteilt, gewürfelt und zu einem komplexen Flickwerk zusammengesetzt, das Euch mehr als einmal verwirrt und leicht ratlos zurück lässt. Wer bin ich gerade? Wo muss ich hin? Was soll das hier alles eigentlich?
Habt Ihr Euch durchgebissen, gibt es natürlich eine Auflösung als Belohnung. Aber wie beim japanischen Theater des Makaberen so üblich, besteht das eigentliche Ziel der Reise darin, Euch in den Zustand einer erschreckten Katze zu versetzen, die mit aufgerichteten Nackenhaar stets zum Sprung bereit ist und nur auf den Auslöser wartet. Der, wie Ihr es aus 'The Ring' und Co. kennt, nur sehr verzögert kommt und lieber Euch dabei zuschaut, wie Ihr Euch in der Atmosphäre allgegenwärtiger Bedrohung windet.
Und Siren fand 2004 einen neuen Weg, Euch zu verstören und zittern zu lassen. Aus der Sicht des Feindes – oder gelegentlich auch friedfertigen NPCs – seht Ihr Euch selbst oder, was normalerweise weit besser für Euer Weiterbestehen kam, eben nicht. Der röchelnde, gierige Blick des Zombies, der die Umgebung nach dem nächsten leckeren „Brrraaiiiinn!“ absucht, Euch ins Visier nimmt und nachjagt, sorgte für mehr als nur eine kurze Verzögerung im Herzzyklus.
Und genau dieses wunderbare, neuartige und überraschend effektive Feature, sowohl in spielerischer als auch Atmosphäre schaffender Hinsicht, konnte ich in der bisher gespielten Demoversion von Siren: Blood Curse nicht entdecken. Lediglich ein nicht-interaktiver Schnitt zum Blickwinkel eines NPC deutet schon an, wohin es gehen könnte. Die zu ca. 60 % in gnädigem englisch gehaltenen Optionsmenü auszuwählende Automatik-Sichtwechsel bewirkt nämlich ein wenig was anderes, als ich erwartet hätte.
Wo früher der Screen in einem kurzen Aufblitzen der Perspektive des Feindes Euer Herz in dem Moment der Entdeckung stocken ließ, wird nun ein geteiltes Bild einbeblendet. So nett der technische Effekt an sich derzeit auch wirken mag, er bietet nicht den ungewöhnlichen Augenblick des Schreckens, Euren Charakter nur durch die Augen des Monsters zu sehen.
Es scheint eigentlich sogar unwahrscheinlich, dass das alte Wechseln zur Gegnerperspektive in Blood Curse überhaupt eine Rückkehr feiern wird, kündigte Toyama doch ein neues, wesentlich direkteres System an. Seinen Worten nach sollte es Euch den Blickwinkel geben, ohne dabei die Action unterbrechen zu müssen. Das zumindest wird mit dem Splitscreen erreicht. Ein Mehr an schreckintensiver Siren-Atmosphäre ließ sich dadurch aber beim besten Willen nicht feststellen.
Ob die wild gewürfelte Handlung ein wenig entworren und damit nicht nur für ganz tief eintauchende Lost Highway Verschwörungtheoretiker durchschaubar wird, lässt sich noch nicht sicher abschätzen, überraschen würde es jedoch nicht. Statt einer Gruppe von Japanern, geht es diesmal in dem ansonsten recht unverändert gebliebenen Setting einem siebenköpfigen amerikanischen Fernsehteam an den Kragen.
Toyama begründet diesen Wechsel der Charaktere damit, dass er die Art und den Stil des japanischen Horrors durch die Augen einer fremden Kultur zeigen möchte. Warum das funktionieren sollte, wenn der Regisseur und Schöpfer der fremden Kultur dann wieder Japaner ist, führte er leider nicht aus.
Einen unbestreitbaren Vorteil bietet der Wechsel der Protagonisten-Nationalität: Die komplette Sprachausgabe der im Dorf eingefallenen Gaijin wurde in Englisch gehalten und japanisch untertitelt. Die bisherige Qualität der Sprecher passt sich gut in die Synchronisationswelt eines Low-Budget-Japano-Horrors ein: Warum sollte der Verleih die besten Sprecher heuern, wenn es sowieso nur um einen B-Flick geht. Den Japanern, für die diese Sprachausgabe in erster Linie gedacht ist, dürfte es egal sein.
Diese können als erste die 12 Episoden des Blood Curse-Horrors herunterladen. Auch wenn es wohl eine komplette Retail-Version geben wird, Sonys Hauptaugenmerk liegt auf dem Episodenkonzept, das man von vornherein beim Neuaufbau der Handlung im Hinterkopf hatte. Schließlich hätte sich das ursprüngliche Spiel nur schlecht so teilen lassen, dass es für jede Folge einen Start-Teaser und einen Abschluss mit Cliffhanger parat hält.
Pro Episode werdet Ihr aber nicht nur einen einzelnen Charakter weiterverfolgen, sondern alle sieben. Die gesamte Handlung entwickelt sich wie bei einer modernen TV-Serie weiter und ob Ihr auch mal eine Folge auslassen dürft, ist noch nicht definitiv klar, angesichts des verwobenen Plots aber eher unwahrscheinlich. Zumindest, solange Ihr alle Geschehnisse verstehen wollt.
Diese zu erwartende Linearität rückt Siren weiter in die Nähe des bekannten und häufig zelebrierten Survival-Horrors und die einzelnen Spielelemente scheinen diese Tendenz zu bestätigen. Zu Beginn gilt es dem ersten Zombie auszuweichen, da Ihr noch keine Waffen habt und Eure Fäuste praktisch nutzlos sind. Also knipst Ihr die Taschenlampe aus, geht in die Hocke und kraucht durchs Unterholz.
Eure erste Möglichkeit zurück zu schlagen, erhaltet Ihr in Form einer Metallstange, die sich als recht effektiv herausstellt und mich an zahllose Silent Hill–Prügeleien erinnerte. Einfach vage in die Richtung halten und immer feste druff. Schnell zeigt sich bei den Kämpfen eine weitere „Neuerung“, neu freilich nur für Siren. Wer von Euch für das Blut kam, darf sich an martialischen Kill-Finishs erfreuen, wenn er einen Zombiekopf an der Wand zerschmettert oder den Widersacher in einen offenen Fahrstuhlschacht befördert. Zimperlich war Siren sicher nie, diesmal wird es richtig explizit.
Später ergattert Ihr eine Pistole und hier schickt Euch das Spiel beim Drücken der Schultertaste in die Ego-Sicht, was recht präzises Zielen und schnelle Headshots erlaubt. Unspektakulär und altbekannt. Spannung und Atmosphäre wird auch Siren wohl weniger aus einem komplexen und taktischen Kampfsystem ziehen, sondern aus der Fremdartigkeit des Szenarios und dem Design der Feinde.
Dabei leistet die komplette Überarbeitung der Optik natürlich eine ganze Menge. Mutete auf der PS2 alles etwas dreckig und matschig an, wusstet Ihr nie so genau, ob das gewollt oder nur der begrenzten Hardwarepower geschuldet war. Es ist auf der PS3 immer noch dreckig und matschig, aber auf eine gute, verstörende und unheimliche Art. So wie Fernost-Horror sein muss. Irre zuckende Zombies, die sich mit einem diabolischen Grinsen auf Euch stürzen, flackerndes Licht, dunkle, andersweltliche Soundeffekte.
Und damit auch ein Paradigmenwechsel des Siren-Horrors. Weg von dem schwer durchsichtigen Plot und der bösartigen Härte, die alle zwei Schritte Euer Ende bedeutete. Aber auch weg von dem verwobenen, in den Zeitabläufen springenden Handlungsebenen und dem so spannenden Blick aus den Augen des Feindes. Wir können nur hoffen, dass dieser vielleicht doch noch seinen Weg in die fertige Version findet. Der Splitscreen ist nett, nur bei Weitem nicht so furchteinflößend und erfrischend anders.
Sieht es also nach einem schlechten Horrortrip aus? Nicht, wenn man sich bei der Neumodellierung des Plots keine derben Schnitzer erlaubt. Dann stehen mit Siren: Blood Curse erneut drei grausige Tage ins Haus. Düster, befremdend und immer noch definitiv Japan-Horror. Nur halt nicht ganz so definitiv Siren, wie wir es kennen und fürchten.
Siren: Blood Curse soll Euch bereits im Sommer dieses Jahres auf der PS3 in Angst und Schrecken versetzen – per Download im PlayStation Network.
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