PS3: Red Dead Redemption
Ich liebe Western-Filme. Nicht der alte Cowboy vs. Indianer-Mist mit eindimensionalen Figuren, unglaubwürdigen Feuergefechten und knallroten Indianern, sondern moderne Vertreter, wie Erbarmungslos, Tombstone, Wyatt Earp oder Open Range. Echte Hardcore-Western, die die Gesetzlosigkeit des Wilden Westen auf einmalige Weise in Bilder, Figuren und Geschichten gießen. Viel Dreck, Blut und Charakter, keine Schwarz-Weiss-Zeichnung, nur die harte Grauzone, die sich Realität nennt.
Aktuelle Western-Games, meistens Shooter, können dieses Szenario nur ungenügend darstellen. Eine Reduktion auf Feuergefechte trifft nicht den Kern der Sache. Sich mit einem Sechs-Schuss-Revolver durch eine Horde Banditen zu ballern, wird auf Dauer langweilig. Auch die engen Level, das vereinfachte Gameplay und die begrenzten Möglichkeiten passen, meiner Meinung nach, nicht zu dem Pionier-Geist dieser aufregenden Jahre. Sie schränken ein und verdrehen den – für Spiele – ungewöhnlichen Ansatz.
Umso mehr freut es mich, dass Rockstar für den Nachfolger des Western-Shooters Red Dead Revolver den naheliegenden Schritt in die Open World wagt. Eine Welt, die die Freiheit dieser wilden Tage perfekt einfängt. Weite Steppen, kleine, verschlafene Nester, fantastisch umgesetzte Pferde, spannende Shoot-Outs und ein Missions-Design, das stark an Grand Theft Auto erinnert, sollen die Fan-Gemeinde begeistern. Grand Theft Horse sozusagen, auch wenn mich dafür die deutsche PR wahrscheinlich grün und blau schlägt.
Auch der Hauptdarsteller, John Marston, wirkt in vielen Momenten wie die Anti-Helden vergangener GTA-Tage, nur dass er deutlich besser aussieht. Rabenschwarze Augen, tiefe Narben und ein wilder Vollbart erzählen von einer bewegten Vergangenheit.
Eine Vergangenheit, die er hinter sich lassen möchte. Am Ende des 19. Jahrhunderts, ca. 50 Jahre nach Red Dead Revolver, hat sich der ehemalige Gangster endlich zur Ruhe gesetzt. Die Liebe zu seiner Frau hat ihm zum Umdenken bewegt. Gemeinsam mit seinem Sohn möchte er die Schatten der Vergangenheit vergessen und sich dem Farm-Leben widmen. Doch wie es in einer guten Gangster-Geschichte so ist, holt ihn genau seine düstere Geschichte gnadenlos ein.
Das Bureau, die Vorläufer-Organisation des FBI, findet den ehemaligen Gesetzesbrecher und bietet ihm einen Deal an: Entweder er arbeitet mit ihnen zusammen und erledigt schmutzige Aufträge, oder aber er landet in einem dunklen, stinkenden Loch von Gefängnis und erblickt nie wieder das Tageslicht. Eine leichte Entscheidung: John schnappt sich seinen Colt und zieht auf der Seite der skrupellosen Cops in den Krieg gegen das Verbrechen.
Soviel zur Vorgeschichte. Nach dem Starten der Vorschauversion wird deutlich: Auch optisch erinnert der Titel stark an das große Vorbild. Rockstar San Diego verwendet nicht nur die gleiche Engine samt extremer Sichtweite – und einigen Updates (Pflanzen, Tiere, Animationen) -, sie setzen auch auf ein ähnliches Head Up Display.
In der unteren, linken Ecke befindet sich ein Radar, auf dem wichtige Locations durch einen Buchstaben dargestellt werden. Statt einer Lebensenergieanzeige - die wird wie bei modernen Shootern durch einen rot eingefärbten Bildschirm ersetzt und regeneriert sich nach dem Gefecht -, wird nur Eure Ausdauer beziehungsweise die Eures Pferdes durch einen blauen Balken visualisiert.
Neben dem HUD erinnert zudem das Charakter-Design an die Inhouse-Konkurrenz. Trotz der stattlichen Spielwelt, bestehend aus drei riesige Arealen: Das Grenzland, Mexiko und das Grasland des Nordens, wurde gegenüber Grand Theft Auto IV kräftig an den Feinheiten gearbeitet. Johns Lederklamotten, die er jederzeit austauschen kann, strotzen nur so vor Details. Jeder Gegenstand, der in seinem Gürtel steckt, kann auch genutzt werden. Um realistisch zu bleiben, könnt Ihr nur ein Gewehr, eine Handfeuerwaffe und eine Spezialwaffe mit Euch herumtragen. Seine Grundausstattung: Ein Karabiner, ein Colt, ein Messer und ein Lasso.
Wer also ohne zu Töten eine Person beziehungsweise ein Tier einfangen möchte, kann das klassisch mit einem Seil tun. Im Video gab es außerdem noch Dynamit-Stangen, Schrotflinten und ein obligatorisches Gatling-Geschütz zu sehen. Keine großen Überraschungen, aber alles, was das Westernherz begehrt.
Bei der ersten gezeigten Mission wird John von Agenten begleitet, die mit ihm einen Gefangenenaustausch vornehmen sollen. Bonnie, eine Freundin von John, wurde von einer Gang gekidnappt. Im Austausch für einen ihrer Männer, Norman Deek, wollen sie die junge Dame gehen lassen. Übergabeort: Das verdreckte Kaff Tumbleweed, das sich lediglich aufgrund einiger verstaubter Bretterbuden Stadt schimpfen darf.
In der prallen Mittagssonne, die die prächtige Landschaft mit ihren Hunderten Büschen, Kakteen und Sträuchern in gleißendes Licht taucht, führen die Gesetzeshüter den Gangster in Richtung Freiheit. Doch der Austausch ist eine Falle. Die Gangster wollen Norman Deek loswerden und eröffnen schon nach kurzer Zeit das Feuer.
John und seine Kollegen hechten in Deckung. Er zieht seinen Colt, visiert in der Schulter-Perspektive die Gegner an und wechselt in den Dead Eye-Modus. Das Bullettime-ähnliche Feature aus dem Vorgänger gibt es diesmal in zwei Ausführungen.
Die Zeit verlangsamen könnt Ihr mit jeder Waffe, aber nur mit Pistolen seid Ihr dazu imstande, bis zu sechs Gegner anzuvisieren und die Kugeln dann kurz hintereinander abzufeuern. Eine weitere Neuerung: Wechselt Ihr in die Zielperspektive, wird John selbst undeutlich. San Diego hat einen Tiefenschärfe-Effekt integriert, der fantastisch aussieht.
Auch das Lock-On-System wurde generalüberholt. Statt einfach nur das Fadenkreuz an den Gegner zu kleben und damit die genaue Zielauswahl äußerst schwierig zu gestalten, wird beim Anvisieren eine Hilfe aktiviert, die das Treffen erleichtert. Euren Kameraden könnt Ihr leider keine Befehle erteilen. Wie schon bei Grand Theft Auto machen sie aber ihre Sache ganz ordentlich, suchen sich Deckung und ballern auf die nahenden Feinde. Die Gangster sind so schnell dezimiert, nur zwei hartnäckige Zeitgenossen verschanzen sich hinter der Geisel. Bonnie wurde an einen Galgen gehängt und als John vorrückt, tritt einer der Bösewichter den Stuhl weg. Reagiert Ihr nicht schnell genug, ist die Mission gescheitert und Bonnie segnet das Zeitliche.
Unser geübter Präsentator erlaubt sich aber keinen Fehler und schneidet Bonnie rechtzeitig herunter. Die anschließende Zwischensequenz war leider, wie die Lippensynchronität, noch nicht fertig. Die Chancen stehen aber gut, dass Rockstar San Diego einen ähnlich guten Job wie die Kollegen von Rockstar North abliefern. Der wahre Höhepunkt der Präsentation kam aber erst danach in Form unseres Pferdes daher getrabt.
Wie schon im Trailer zu begutachten, sehen die stolzen Tiere wirklich fantastisch aus. Unter der gescheckten Haut bewegen sich Muskeln, jedes Haar des wunderschönen Schweifes wurde perfekt animiert und ihre Bewegungen versprühen eine Grazie, die man sonst nur von echten Pferden gewohnt ist. Vorteil gegenüber den Stahlrössern aus GTA: John kann sein Pferd per Pfiff zu sich rufen.
Wurde Euer Tier erschossen, könnt Ihr schlicht ein fremdes Pferd stehlen oder ein Wildpferd einfangen und zähmen. Eine lohnenswerte Nebenaufgabe, schließlich besitzt jeder Klepper unterschiedliche Werte, wie Stärke, Schnelligkeit und Dressurverhalten. Auf Knopfdruck könnt Ihr Euer Tier, soweit die Ausdauer trägt, galoppieren lassen, es zum Springen bringen und im Sattel auf Feinde ballern. Eure treuen, tierischen Begleiter zeigen genug Intelligenz, um nicht gegen eine Wand zu rennen, kleinere Hindernisse zu überspringen und Euch bei exzessivem Sporen-Gebrauch auch mal abzuwerfen. Doch nicht immer seid Ihr mit diesen vierbeinigen Fortbewegungsmitteln unterwegs.
In einer zweiten Mission schwingt Ihr Euch auf den Bock einer Kutsche. Ein zwielichtiger Händler wird von unzufriedenen Kunden verfolgt und Ihr müsst ihm die Bande mit Gewehr und Pistole vom Hals halten. Wie in einem Railshooter ballert Ihr auf die angreifenden Reiter. Um die stark modifizierte Euphoria-Animations-Engine zu demonstrieren, schießt der gemeine PR-Mann auf die unschuldigen Pferde der Angreifer. Realistisch brechen sie mitten im Lauf zusammen und bleiben zuckend am Boden liegend. Kein schöner Anblick für Pferdefreunde.
Die dritte und letzte Mission der First Look-Veranstaltung führt John nach Mexiko. Im Auftrag der mexikanischen Armee muss er einen Postzug beschützen, der wieder einmal von bösen Banditen belagert wird. Die alte Dampflokomotive quält sich durch das unwirkliche Terrain und wird dabei so langsam, dass die Pferde der Angreifer immer näher kommen. Mit seinem Freund, dem mexikanischen General de Santo, reitet John hinter dem Zug her und erledigt Plünderer im Sekundentakt. Zu Fuß und auf Pferden versuchen sie an die lohnende Beute zu gelangen, doch John macht kurzen Prozess und hinterlässt einen gewaltigen Berg Leichen.
Das Ende der Präsentation nutzt das Rockstar Team, um noch ein paar Details abseits der Missionen zu zeigen. Auf dem Weg durch die Prärie, von einem Ort zum anderen, ändert sich nicht nur Wetter und Tageszeit. Immer wieder trefft Ihr auf kleine Nebenmissionen in Form von Kämpfen, Geschicklichkeitsaufgaben und Einzelschicksalen.
So seht Ihr auf einmal am Straßenrand eine havarierte Kutsche. Nebendran ein wunderschönes Mädchen. Kaum nähert Ihr Euch der Dame, springen Gangster hinter dem Wagen hervor und verlangen Wegezoll.
Durch das integrierte Öko-System entstehen abwechslungsreiche Aufträge. So begegnet Euch in der Wüste ein geschwächter Mann, der von hungrigen Kojoten verfolgt wird. Greift Ihr ein und erschießt die Mistviecher, bekommt Ihr von dem Unbekannten eine Belohnung. Sadistische Persönlichkeiten können dagegen das Treiben verfolgen, bis die die Raubtiere ihr Opfer stellen und auffressen. Aber es wird noch komplexer. So ziehen Leichen Geier an, Hasen werde von Wölfen gejagt und Pumas schnappen sich schon mal einen Menschen zum Frühstück. Genial! Wieso hat Far Cry 2 das nicht hinbekommen?
Abseits der großen Weite, die bei Red Dead Redemption erstaunlich viel zu bieten hat, gibt es kleine Ortschaften, wie etwa die Stadt Armardillo. Hier entdeckt John einen General Store, in dem er Nachschub einkaufen kann, einen Saloon, wo es neben viel Alkohol scheinbar auch ein paar leichte Mädchen gibt, einen Waffenschmied sowie eine Bahn-Station, die Euch die schnelle Reise zwischen den Locations ermöglicht. Einen detaillierten Blick durften wir aber nur auf das lustige Mini-Spiel „Five Finger Filet“ werfen.
Die Aufgabe ist einfach: Ihr müsst fehlerfrei und stetig schneller mit einem großen Messer zwischen Eure Finger stechen. Realisiert als Quicktime-Event könnt Ihr so schnelles Geld verdienen. Keine Sorge: Auch wenn Ihr daneben stecht, bleiben Eure Finger dran. Als letzte Info gab es noch die vielsagende Erwähnung eines Multiplayer-Modus. Details folgen.
Auch wenn Rockstar der Begriff Grand Theft Horse nicht gefällt, sind die Ähnlichkeiten unverkennbar und wirklich nur positiv gemeint. Die Detailtreue, mit der das Studio aus San Diego die Welt des Wilden Westen einfängt, ist schon jetzt überwältigend. Egal ob Landschaft, Figuren, Lebewesen oder einfach nur der realistische Sternenhimmel, die Amerikaner beweisen erneut, wie man Open World-Spiele lebendig gestaltet. Red Dead Redemption könnte angesichts der vielen kleinen Verbesserungen in den Herzen der Fans sogar noch größer als Grand Theft Auto IV werden, auch wenn es die Westernsaga schwer haben wird, einen ähnlichen Verkaufserfolg zu erzielen.
Misst man die Qualität an so einfachen Dingen wie dem Öko-System, der Pferde-Simulation oder den spannenden Feuergefechten, kann, angesichts der Qualität der restlichen Rockstar-Produktionen, fast nichts mehr schief gehen. Allein was Steuerung, Zwischensequenzen und Story angeht, muss man wohl oder übel die nächste Vorschau-Version abwarten. Das einzige wirkliche Problem, was ich mit der jetzigen hatte, war der Umstand, dass ich nicht selbst ran durfte. Ein Gefühl, das ich noch ganz genau von der ersten Grand Theft Auto IV-Präsentation kenne.
Red Dead Redemption erscheint im Winter 2009 für Xbox 360 und PS3.






