Risen

Preview
Vertrieb
Deep Silver
Entwickler
Piranha Bytes
Genre
Andere
X360: Risen

X360: Risen

„Erfolg freigeschaltet 50G Raffzahn“ – für PC-Rollenspieler wirken diese kryptischen Einblendungen ungewohnt. „Die Spieler wollten sich schon in Gothic gerne besser vergleichen können“, erklärt Daniel Oberlerchner, der bei Herausgeber Deep Silver Verantwortliche für die Marke Risen (risen.deepsilver.de). „Deshalb übernehmen wir die Erfolge der 360-Version auch für den PC.“

Gamerscore sammeln am PC? Warum nicht. Gegen Extra-Herausforderungen habe ich nichts einzuwenden. 1.000 Punkte gilt es zusätzlich zum eigentlichen Abenteuer zu erarbeiten. Der Erfolg „Raffzahn“ bedeutet zum Beispiel, dass ihr 300.000 Münzen hortet – ein langer Weg von dem Moment am Strand, wo ihr zu Beginn als Schiffbrüchiger landet und einer Leiche das erste Goldstück abknöpft.

Es gibt noch jede Menge weiterer Erfolge für passionierte Achievement-Whores, also Erfolge-Huren, wie der Engländer augenzwinkernd die Zunft der leidenschaftlichen Gamerscore-Jäger betitelt: „Heimwerkerkönig“ für 20 gefundene Werkzeugbeutel, „Großwildjäger“ für 2.000 getötete Monster, „Witzbold“ für 25 verwendete Witz-Zaubersprüche. Oder auch einen Erfolg für Hobby-Bergsteiger: „Idiot“ - drei Mal zu Tode gestürzt. Doch lohnt es sich auch, so viel Zeit in Risen zu investieren?

Nach einem hungrigen Seegeier, jungen Stachelratten, Gnomen, Wölfen und einer Grabmotte treffen wir Neil. Neil hockt vor einer verlassenen Hütte, dampft gerade einen Joint und spült mit einem Schluck Gerstensaft nach. Probleme mit dem Jugendschutz? „Nicht in Deutschland, die USK sieht so etwas entspannt. Wegen der Altersfreigabe in England mussten wir allerdings in allen Versionen entfernen, wie Leute pinkeln“, verrät Oberlerchner. Danke, England. „In Australien erscheint das Spiel wegen den thematisierten Drogen vielleicht sogar gar nicht, aber dabei möchten wir auch keine Kompromisse eingehen.“ Tja, spätestens seit Fallout 3 kennt man die Schwierigkeiten mit der Prüfstelle in Down Under (eurogamer.de).

Nicht euer Bier. Ihr plagt euch mit anderen Hemmnissen. Als ihr fragt, wer Neil denn sei, rückt er schnell die Machtverhältnisse klar: „Ich bin der mit dem Schwert und du bist derjenige, der antwortet.“ Alles klar, Herr Kommissar. Nicht gerade sehr warmherzig, diese Banditen. Als ihr Neil von eurer Fahrt als blinder Passagier, dem Schiffbruch und der Landung am Strand erzählt, taut er auf. „Also hat doch jemand überlebt, wir dachten schon, der Inquisitor sei der Einzige.“ Der Inquisitor. Das war also der mysteriöse Typ, der sich mitten im Sturm davon teleportiert hat. Es bleibt spannend!

So hatte ich mir das mit der Vulkanfestung nicht vorgestellt. Ich hätte misstrauisch werden sollen, als dieser Türsteher namens Santiago zu mir meinte: „Keine Sorge, Kleiner, es tut nicht weh. Zumindest nicht sehr.“ Jetzt habe ich den Salat und stecke mitten in der Grundausbildung zum Inquisitor-Gehilfen. Gleichzeitig wird der Auftrag des Banditen-Anführers Brogar im Quest-Logbuch als gescheitert markiert. Denn Inquisitoren und Banditen vertragen sich nicht miteinander.

Der Spieler muss sich über kurz oder lang entscheiden, auf welcher Hochzeit er tanzt. Die Inquisition bietet für Magier mehr Möglichkeiten, Banditen kommen dafür an die fieseren Schlagtechniken und lernen zu stehlen. „Dass du jetzt für die Inqusition eingezogen wurdest, ist noch nicht endgültig“, beruhigt Oberlerchner mein ungutes Gefühl. „Du kannst auch später noch einmal die Seiten wechseln. Erst wenn du die Hafenstadt erreichst, solltest du wissen, was du willst.“ Also gut. Nachdem ich mir meinen Hare-Krishna-Inquisitions-Talar abgeholt habe, falle ich zumindest optisch unter diesen ganzen Rekruten nicht mehr sonderlich auf. Und etwas Gutes hat die Sache auch: Die Burschen hier bringen mir ein paar Kniffe für den Stabkampf bei. Tricks, die aber zunächst mit den eben angesprochenen Schmerzen verbunden sind.

„Du hast doch nichts dagegen?“, fragt der Bursche rhetorisch, als er mein bewusstloses Alter Ego um ein paar Geldstücke aus dem Beutel erleichtert. Eine Unverschämtheit! Das ist ja noch schlimmer als bei Ryanair, die demnächst Münzschlitze an den Türen ihrer Flugzeug-Toiletten anbringen wollen. Zugegeben, der Kampf war fair und ich habe verloren. Der Typ verdient eine Belohnung. Aber er war auch ein harter Brocken. Zwei Treffer von ihm und schon singen bei mir die Engel. Schlagen, blocken, kontern, ausweichen – das ist nicht so leicht, wie es sich anhört.

„Es kommt vor allem darauf an, die Körpersprache des Gegners zu lesen“, verkündet Oberlerchner. Wer schon einmal in einer lauten Heavy-Metal-Kneipe erfolgreich ein Bier bestellt hat, weiß, wie wichtig das sein kann. Mithilfe ein paar Cheat-Codes demonstriert Oberlerchner, was er genau meint. Hält der Held mit einer niedrigen Erfahrungsstufe im Schwertkampf die Klinge wie eine Stange Lauch, steht er mit einem höheren Wert schon kampflustig wie Conan mit erhobener Waffe bereit. Bei den Gegnern verhält es sich genauso. Man weiß gleich, auf was man sich bei einer Auseinandersetzung einlässt.

Je höher die Erfahrungsstufe, desto mehr Kombinationen sind möglich. Ab Level 3 dürft ihr zum Beispiel bei Ausweichschritten noch zusätzlich zuschlagen. Es gibt Rundumschläge, Block-Angriffe, härtere Kraftschläge und so weiter. „Als besonderen Bonus kann ein Schwertkämpfer auf der zehnten und höchsten Stufe einen Zweihänder mit nur einer Hand führen“, macht Oberlerchner mir die Charakterentwicklung schmackhaft. Ähnliche Boni existieren auch für die anderen Fertigkeiten in Kristallmagie, Runenmagie, Diebeskunst oder Herstellung, für die es jeweils weitere Unterrubriken gibt.

„Alles auf einmal lässt sich aber in einem Spiel nicht auf Maximum bringen“, schränkt Oberlerchner ein. „Du musst dich entscheiden, auf welche Art du das Spiel bestehen willst.“ Da wären sie wieder, die Entscheidungen. Bei wem sich schon an der Eisdiele eine Schlange bildet, wenn es um die Wahl zwischen Vanille oder Schokolade geht, hat mit Risen vermutlich wenig Freude.

„Wer bist du?“ Der Glatzkopf in weißer Kutte starrt mich misstrauisch an. Über seinem rechten Auge hängt ein rotes Okular. Ein bisschen erinnert mich sein Aussehen an die Borg-Version von Captain Picard aus Star Trek. Sieht schon cool aus, der Mann. Nur seine Augen wirken enttäuschend leblos – wie übrigens bei allen Figuren. Bei dem Herrn heute handelt es sich um Inquisitor Mendoza persönlich. Genau, den Kerl vom Schiff, eine der Schlüsselfiguren in Risen. Zu seinen Füßen liegt eine Leiche. „Du wirst herausfinden, wer für diese Schweinerei verantwortlich ist“, beauftragt er mich, nachdem ich ihm glaubhaft versichern konnte, mit dem Mord nichts am Hut zu haben. Jawohl, Detektiv „Namenloser Held“ meldet sich zum Dienst! Auf jeden Fall besser, als weiter den Hof in dieser Vulkanfestung zu fegen.

Das Inventar des Spielers nimmt schon bald epische Ausmaße an. Kein Wunder, wenn man an jeder Ecke stehen bleibt, um Kräuter für Tränke zu pflücken und Kisten zu öffnen. Zum Glück ordnet Risen die Beute recht übersichtlich nach Gattung des Gegenstands und Wert. Rüstungssets stellt das Spiel als ein Objekt dar. Fein.

Weitere individuelle Sortier-Funktionen bietet das Spiel allerdings nicht. Genauso wenig wie eine Taste, um alle Gegenstände im Umkreis einzusacken. Wäre das denn wirklich so schlimm? Nun gut, immerhin braucht ihr nicht in jedem Dorf zu einer blöden Truhe oder zum nächsten Händler rennen, um den Plunder wieder los zu werden; das Inventar ist eine Art Fass ohne Boden. Ihr dürft soviel mit euch herumschleppen, wie ihr möchtet.

Auch speichern dürft ihr nach Belieben. Ob an PC oder Xbox 360 spielt dabei keine Rolle. „Automatisches Speichern, Schnellspeichern, normales Speichern – in Risen darf der Spieler alles“, so Oberlerchner. „Wir wollen verhindern, dass Frust aufkommt. Man kann nämlich auch leicht sterben.“ Die Entwickler strecken also zumindest das Spiel nicht künstlich. Eine Idee, auf die böse Menschen wegen der überschaubar wirkenden Weltkarte zunächst kommen könnten. Doch die täuscht offenbar ohnehin ein wenig.

„Etwa ein Drittel der Welt besteht aus Dungeons“, gibt Oberlerchner preis. Es dauert also seine Zeit, bis man alle sogenannten Regional- und Quest-Karten in seinen Besitz gebracht und durchforstet hat. Und bei einige Stellen scheint sich ein späterer Besuch zu lohnen, wenn man etwa mit neuen Kräften zu vorher unerreichbaren Geheimräumen gelangt oder magische Barrieren hinter sich lassen kann. Um sich trotzdem nicht nur mit Reisen aufzuhalten, ergattert der Spieler für einige Orte Teleport-Steine.

Apropos schwarze Künste. Hier trumpft Risen auf. Es findet sich alles im Spiel. Vom Witz-Zauber, der schlecht gesinnte Charaktere wieder wohlwollend stimmt, über Feuerbälle, Eis-Hexereien, Illusionen, Skelett-Beschwörungen und Levitations-Kräfte bis hin zum Nautilus-Zauber, der den Spieler in einen Einsiedler-Krebs verwandelt und so durch enge Lücken oder unbemerkt an Gegnern vorbei schlüpfen lässt. Als Krieger ist man allerdings auf Spruchrollen angewiesen und darf nicht aus den Vollen schöpfen. Dafür stehen an einigen Orten wiederum Magiekristalle, die Zauberei verhindern.

„Die Götter haben die Welt verlassen und ihre Sklaven, Wesen von uralter Macht, erheben sich wieder.“ Gothic-Spieler kennen die Stimme in der Einleitung von Risen bereits. Es ist Bodo Henkel, der in allen Teilen von Gothic den Zauberer Xardas gesprochen hat. In Risen schlüpft er passenderweise in die Rolle eines Druiden. „Von den knapp 30 Sprechern stammen bestimmt 25 aus dem früheren Portfolio von Gothic“, berichtet Daniel Oberlerchner. Nicht die einzige Parallele, die zu Gothic gezogen werden kann. Quellcode-Schuster Piranha Bytes bleibt eben bei seinen Rollenspiel-Leisten, ob nun mit offizieller Gothic-Lizenz oder ohne.

Drei Stunden hatte ich in München die Gelegenheit, die aktuelle Version von Risen zu begutachten. Das Ergebnis: Es wird! Zumindest auf dem Dualcore-Rechner mit drei Gigabyte Arbeitsspeicher und einer Geforce 260 läuft das Spiel mit 1.680 x 1.050 Bildpunkten bereits einwandfrei. Ohne Ladepausen, ohne Ruckler. „Genügsamer als Fallout 3 (eurogamer.de)“, wie Oberlerchner behauptet. Nur ab und zu überlappt mal ein Polygon oder ein Gesprächspartner merkt erst beim zweiten Versuch, dass ihr die gestellte Aufgabe bereits erledigt habt. Alberne Kleinigkeiten zum aktuellen Zeitpunkt, wenn man bedenkt, dass das Spiel erst im Oktober erscheinen soll. Behält Projektleiter Björn Pankratz Recht, wenn er ein Spiel frei von Bugs verspricht (eurogamer.de)? Schwer zu sagen, doch bei Gothic 3 klebten vermutlich zehn Wochen vor dem Veröffentlichungstermin noch nicht einmal Texturen auf den Bäumen.

Risen hinterlässt einen guten Endruck bei mir. Entwickler Piranha Bytes scheint sich alle Mühe zu geben, die Scharte von Gothic 3 auszumerzen und ein würdiges Rollenspiel abzuliefern. Über die Insel Faranga zu streunen, rostige Schwerter einzusammeln, den mürrischen Schmied zu bequatschen und Aschebiestern den haarigen Hintern zu versohlen, fühlt sich ein bisschen nach Nachhausekommen an – sofern man Gothic liebt. Trotzdem ist Risen anders. Vielleicht auch, weil es als erstes Spiel von Piranha Bytes auch auf einer Konsole erscheint. Es wirkt nicht mehr ganz so rau, vielleicht aber auch einfach eine Spur gereifter. Ob das nun gut oder schlecht ist, steht und fällt letztendlich damit, ob das Abenteuer funktioniert. Ob wirklich alles authentisch wirkt, oder ob man am Ende doch das schale Gefühl bekommt, dass Gothic 1 und 2 damals besser waren.

Mein Rat: Kauft die Donnerechse nicht im Sack, sondern wartet auf unseren Test. Es dauert ja nicht mehr lange. Meine Prognose, die ich aus den frischen Eingeweiden einer Ente Süß-Sauer gelesen habe, fällt zwar positiv aus, doch wir alle wissen, dass auch Irre menschlich sind.

Risen erscheint für PC und Xbox 360 voraussichtlich am 2. Oktober.

 

 

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