X360: Bayonetta
Wenn man die Qualität eines japanischen Action-Spiels an der Arroganz ihrer Entwickler ablesen kann, dürfte Bayonetta den Erzrivalen Devil May Cry um Längen schlagen. Die überhebliche und flapsige Antwort des Game Directors und Devil May Cry-Erfinders Hideki Kamiya zur Ankündigung von Bayonetta klingelt mir noch immer in den Ohren.
Danach gefragt, wo denn nun die Unterschiede zwischen Devil May Cry und Bayonetta liegen würden, gab es dann nur ein: „Man spielt eine Frau“, gefolgt von gehässigem Gelächter. Den Witz der Antwort habe ich auf jeden Fall bis heute nicht verstanden, dafür wurde bei der GC-Präsentation deutlich, was das Team von Platinum Games mit ihrer Action-Adventure-Variante anstellen möchte.
Auch, wenn ich es dem überheblichen Entwickler nicht gerade gönne, konnte die holde Hexen-Lady sofort überzeugen. Als sie mit wackelndem Arsch zum ersten Mal in eine typische Devil May Cry Landschaft trat, dachte ich noch an eine schlechte Kopie. Als die ungewöhnliche Heldin dann aber zu Kämpfen anfing, blieb mir das dreckige Grinsen im Halse stecken. Obwohl mir der seltsame Japano-Rock im Hintergrund und das Auftreten der ungewöhnlichen Hauptfigur auf den Keks geht, muss ich zugeben, dass die Kämpfe im Devil May Cry-Stil schon jetzt ihresgleichen suchen.
In einer lieblichen Gartenanlage ging es dann auch sofort ans Eingemachte. Zur Geschichte gab es vorab nur wenig Informationen. Scheinbar ist Bayonetta eine Hexe, die gegen böse Engel antritt. Ihr eigenes rüpelhaftes Auftreten, das mich ein wenig an ihren Schöpfer erinnert, passt so gar nicht zum üblichen Bild einer Weltenretterin. Auch die Bösewichter mit ihren weißen Federschwingen und einem leuchtenden Heiligenschein wollen irgendwie nicht so richtig in die üblichen Klischees hineinpassen.
Um den Sex-Faktor zu erhöhen, ist die gute Frau nur mit ihren eigenen Haaren bekleidet. Das magische Gestrüpp legt sich schmiegsam um ihren Körper und wird bei Spezialangriffen in riesige Waffen geformt. Die Dame entkleidet sich dabei bis auf ein paar Strähnen über der Scham und den Brüsten. Ein ganz besonderer Moment, in dem man sich einen Langhaarschneider herbeiwünscht.
Doch genug von der dreckigen Fantasie eines gestressten Spielejournalisten. Viel wichtiger ist das ungewöhnliche Waffensystem, das die Action auf einen ganz neue Ebene befördert. Da wären zum einen die Fußknarren, die gezielte Tritte in mächtige Fernkampfattacken verwandeln, und die bereits erwähnten Spezialattacken des Haupthaars, das sich beim Angriff schon mal in einen drei Meter großen Fuß, eine Guillotine, eine eiserne Jungfrau oder in einen Grabstein verwandeln.
Mit geschickten Kombos und Tastenkombinationen werden so brutale Schlagfolgen ausgelegt, die das himmlische Volk auf den Boden der Tatsachen zurückholen und es auf ganz unterschiedliche Art und Weise um die Ecke bringt. Besonders effektiv ist aber die feindliche Artillerie, die in Form von himmlischen Posaunen das aufgeregte Flattervieh gleich Reihenweise auf den Boden der Tatsachen zurückholt.
Um Spieltiefe und Taktikumfang weiter zu erhöhen, können die Waffen on the fly gewechselt werden. Während Ihr also eine Kombo mit den Fußkanonen einleitet, könnt Ihr mit einem Knopfdruck zu einem mächtigen Katanaschwert greifen und den Gegner in handliche Sushi-Stücke verarbeiten. Ein „kleiner“ Zwischenboss markierte kurz drauf das Ende des ersten Demo-Levels.
Eine gewaltige, zehn Meter große Putte versuchte, die hübsche Hexe mit ihren schwabbligen Armen in Brei zu verwandeln. Doch unser geschickter Präsentator jagte dem gar nicht friedlichen Himmelswesen eine Kombo nach der anderen herein und ließ als krönenden Abschluss einen gewaltigen Fels auf ihn fallen.
Richtig abgedreht wurde es aber dann im zweiten Abschnitt. Nach einer Zwischensequenz, die scheinbar 500 Jahre in der Vergangenheit spielt, tritt eine diesmal voll bekleidete Superheldin gemeinsam mit einer Freundin gegen die vogelnasigen Flugwesen an. Nach einer kurzen, herrlich überzogenen Zwischensequenz wird eine gewaltige Turmuhr samt Gehäuse abgesprengt und fliegt dem kilometertiefen Boden entgegen.
Das Gefecht findet also auf diesem fallenden Stück Zeit statt, während ringsherum Wolken und weitere Trümmerstücke vorbeirasen. Grafik, Musik und Action werden dabei voll aufgedreht und lassen die Konkurrenz schnell zurück. Nun verstehe ich endlich, was Kamiya mit „Over the Top“-Action meinte. Der gesamte Titel wirkt ein wenig wie Devil May Cry auf Drogen.
Nach weiteren fünf Minuten und Dutzenden zerfetzten Gegnern erreicht die Turmuhr endlich den Boden und die Demo endet mit einem gewaltigen Schlag. Die versammelte Journalie ist auf jeden Fall überrascht und begeistert. Auch, wenn es von den Missionen und der Story wenig zu sehen gab.
Seltsam nur, dass die Japaner erst zur Tokyo Game Show Screenshots veröffentlichen wollen. Die Artworks vermitteln leider nur einen schwachen Eindruck, den Bayonetta sieht schon jetzt fantastisch aus. Das Deisgn ist bestimmt Geschmackssache, die genialen Spezialeffekte holen dieses Manko aber locker wieder raus.
Zähneknirschend muss ich eingestehen, dass der Titel eine ganze Menge Potential hat. Was anfangs noch wie ein langweiliger Devil May Cry-Klon wirkte, bekam mit der herrlich überzogenen Action endlich einen Sinn. Kamiya nimmt einfach das bewährte Spielkonzept und packt an allen Ecken und Ende noch eine Schippe drauf.
Schon die normalen Kämpfe entwickeln so eine bombastische Wucht, die sonst nur in Zwischensequenzen entsteht. Auch das skurrile Szenario mit den ungewöhnlichen Feinden scheint sich ganz bewusst nicht ernst zu nehmen. Die Japaner spielen geschickt mit althergebrachten Klischees und vermischen sie mit Manga-hafter Parodie.
Das Endergebnis spaltet zwar die Geister, aber selbst die schärfsten Kritiker werden die Attraktivität des Konzepts nicht leugnen können. Auch wenn man in diesem Zustand noch kein Urteil fällen kann, scheint Bayonetta ein Videospiel in Reinkultur und ein fantastisches Beispiel dafür zu werden, mit wie viel Kreativität und Begeisterung die Japaner zur Sache gehen. Deshalb verzeihe ich ihnen gerne ihre überhebliche Grundhaltung, in Japan sind sie nun mal Rockstars. Und die dürfen sich manchmal daneben benehmen.
Bayonetta erscheint irgendwann 2009 für Xbox 360 und PlayStation 3.



