Wolfenstein

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Activision
Entwickler
Raven Software
Genre
Shooter
PS3: Wolfenstein

Gesamtwertung

7/10

PS3: Wolfenstein

Mimikry ist nicht nur ein lustiges Wort, sondern auch eine tolle Erfindung der Natur. Bei dieser Art der Tarnung tun Tiere, als würden sie einer anderen, viel tolleren Gattung angehören. Von der gelbschwarzen Schwebfliege etwa denken viele potenzielle Fressfeinde:

„Uiuiui, die kann bestimmt ungemütlich werden, diese Wespe! Ne, die verspeise ich besser nicht, da geh ich heute mal lieber zu McDonald's.“

Oder so ähnlich halt.

Wolfenstein, und jetzt kommen wir zum Punkt, betreibt Software-Mimikry. Der neue Spross der berühmt-berüchtigten Ego-Shooter-Reihe mimt ein „Open World“-Abenteuer. Er möchte dem Nutzer die Illusion vermitteln, dieser könne sich frei bewegen und frei entscheiden, was ihm zu tun gelüstet. Ein Vertreter der alten Schule macht auf modern – kann das gutgehen? Diese Frage entpuppte sich während des Tests als Casus knaxus, wie der Hobby-Lateiner zu sagen pflegt.

Grundsätzlich ist alles wie gehabt, was Fans prima finden dürften: Der Spieler schlüpft in die Rolle des amerikanischen Super-Einzelkämpfers B.J. Blazkowicz, den das actionreiche und witzige Einleitungsfilmchen im Indiana-Jones-Stil dermaßen cool darstellt, dass es in seinem direkten Umfeld eigentlich ständig schneien müsste. Sein Auftrag: die Nazis stoppen. Dies darf er in vier Schwierigkeitsgraden versuchen, wobei freies Speichern nicht möglich ist. Wie mittlerweile genreüblich verfügt der Held über Wunderheilkräfte à la Jesus und muss bei Verletzungen nur kurz in Deckung gehen, um wieder gesund zu werden.

Weil Wolfenstein eine alternative Realität des Zweiten Weltkriegs zum Thema hat, nutzen Hitlers virtuelle Schergen bei ihrem Streben nach Macht allerlei schwarzmagischen Schnick und Schnack. Folgerichtig schlagt ihr euch nicht nur mit Hundertschaften von Normhelmträgern herum, sondern auch mit gepimpten Übersoldaten, Monstern und anderen mystischen Kreaturen. Blazkowicz nutzt außer den üblichen Waffen futuristische Friedensstifter. Mein Favorit, und zwar wegen der fröhlich klingenden Bezeichnung: die Leichenfaust 44.

Mit dem Zweiten Weltkrieg hat das Spiel letztlich so viel zu tun wie die auftauchenden Gegner mit herausragender künstlicher Intelligenz. Denn um die Jugend zu schützen, ist der Shooter hierzulande auch für Erwachsene in veränderter Form erschienen: Ihr kämpft nicht gegen die Wehrmacht, sondern gegen „Wölfe“, Obernazis wie General Zetta heißen „Alphawolf Zetta“, und es gibt keine herumfliegenden Pixelkörperteile. Virtuelles Blut und brennende Gegner, die etwa durch euren Flammenwerfer oder die obligatorischen explodierenden Fässer Feuer fangen, schon. Klar, dass verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze und SS-Runen entfernt wurden.

Ausgehend von der fiktiven Stadt Isenstadt erledigt ihr vor allem Aufträge für eine Widerstandsbewegung mit dem Namen Kreisauer Kreis. Stadt Isenstadt? Kreisauer Kreis? An dieser Stelle ein Dank an die kreativen Übersetzer, es fehlt eigentlich nur noch, dass der Held des Abenteuers Blasi Blazkowicz heißt. Mann!

Doch zum Kernproblem: Um euch vorzugaukeln, ihr hättet eine offene Spielwelt vor euch, stehen für den Recken oft mehrere Haupt- und Nebenmissionen zur Wahl, die er in beliebiger Reihenfolge absolvieren kann. So weit so gut. Dummerweise schicken einen die Auftraggeber ständig von A nach B, von Saulus zu Paulus und von Hinz zu Kunz, sodass ihr euch, um in der Terminologie des Spiels zu bleiben, einen Wolf lauft. Dabei müssen die kleinen Abschnitte häufig nachgeladen werden. Bereits über den Jordan geschubstes Gesindel taucht in den Stadtvierteln immer wieder auf, an den immer selben Stellen.

Eine derartige Todsünde, „Respawn“ genannt, mindert natürlich die Glaubwürdigkeit einer virtuellen Welt. Hier ist wohlgemerkt nicht vom hanebüchenen Szenario an sich die Rede – das ist absolut okay und von Liebhabern der Serie wohl sogar gewünscht. Es geht vielmehr um Design-Details: Ich muss mich immer und immer wieder durch strohdumme Schießbudenfiguren wühlen, die nicht mal Trefferzonen haben. Sie sinken also selbst nach zwei Schüssen in den kleinen Zeh tot darnieder.

Abgesehen von Wolfsheinis und Widerstandskämpfern ist Isenstadt leer und wirkt deshalb etwas leblos. Und wie der anfangs prima eingeführte Held bleiben die anderen Charaktere in der Folgezeit eindimensional. Deshalb juckt es kaum, was mit ihnen geschieht. Da haben ja Slicks mehr Profil!

Apropos Reifen: Fahrzeuge darf Blazkowicz keine nutzen. Lediglich Geschütze unterschiedlicher Ausprägung. Das ist dann fast ein einen Tick zu viel alte Schule. Und noch eine letzte Frage nach Glaubwürdigkeit: Welcher Schwarzhändler oder Boss eines streng geheimen Geheimbunds ist bitte so dämlich, neben seine Eingangstür einen fetten, roten Totenkopf beziehungsweise eine riesige gelbe Sonne zu pinseln, damit ihn auch jeder Depp findet? Antwort: in Isenstadt alle.

Dass Wolfenstein letztlich doch die Kurve kriegt und Spaß macht, liegt zum einen an der furiosen Action, die es nach einem eher verhaltenen Start generiert. Wer schnörkelloses Ballern liebt und sich gern von einem zum anderen fetten Obermotz hangelt, bekommt rund acht bis zehn Stunden lang ordentlich Adrenalin. Je nachdem, wie viel Zeit er auf das Suchen von Geheimdokumenten, Büchern und Gold verwendet. Das ist nötig, um Waffen bei Schwarzhändlern mit Zielfernrohren, größeren Magazinen und ähnlichen Dingen aufzumotzen.

Außerdem kommt auch für den Helden Magie ins Spiel: Herr Blazkowicz schleppt nicht nur bis zu acht Schießeisen gleichzeitig mit sich rum – wobei ich gar nicht wissen möchte, wo beispielsweise die Panzerfaust steckt – sondern zudem eine Art „Bei der Macht von Grayskull, ich habe die Kraft!“-Dingens. Hier in Form eines Amuletts, das vier außergewöhnliche Fähigkeiten verleiht und regelmäßig aufgeladen werden muss.

Die Schleier-Funktion des Zauber-Emblems versetzt euch für kurze Zeit in eine Art Paralleldimension. Während dieser Phase lauft ihr zum Beispiel doppelt so schnell, seht geheime Wege durch Mauern, nutzt eigentlich unsichtbare Leitern und entdeckt bei stärkeren Gegnern etwaige Schwachpunkte. Die Kraft Zeitdehnung verlangsamt alles um euch herum, sodass ihr unter anderem gefahrlos durch zuschnappende Fallen huschen oder über unter den Füßen wegbröselnde Brücken rennen könnt. Der Schild, intelligente Menschen mögen es vielleicht bereits mutmaßen, hüllt das Alter Ego in ein schützendes Feld, während der Verstärken-Modus die Durchschlagskraft von Geschossen erhöht, sodass es Blazkowicz möglich ist, durch Energiebarrieren zu schießen.

Schleier-Fähigkeiten kann Blazkowicz ebenfalls ausbauen. Insgesamt präsentiert sich das Upgrade-System somit als nette Dreingabe. Dasselbe gilt übrigens für den Mehrspieler-Bereich. Dieser bietet mit den Modi „Team Deathmatch“ und den zwei missionsbasierten Varianten „Ziel“ und „Stoppuhr“ acht Karten sowie den Klassen Soldat, Sanitäter und Technikern nichts Weltbewegendes, aber ordentliche Unterhaltung.

Doch zurück zum wichtigeren Solo-Part: Hier sorgen auch die Szenarien für Abwechslung. So turnt ihr unter anderem draußen in der Pampa, in einem Hotel, Krankenhaus, einer Burg und in einem Zeppelin herum. Der zugehörigen Hintergrundstory den Tiefgang eines Arthouse-Films anzudichten, verbietet sich natürlich. Doch darüber soll sie vermutlich gar nicht verfügen - man könnte die Geschichte schlicht wolfensteinig nennen. Was ja auch eine Art der Auszeichnung ist.

Angesichts des großen Namens ist im Fall von Wolfenstein die Erwartungshaltung entscheidend. Ich habe die Pobacken zusammengekniffen und die designbedingte Moorhuhnjagd zwischen den eigentlichen Aufträgen wie ein Mann ertragen. Geändert hat die Flennerei natürlich nichts. Dafür bekam ich ordentlich Action und war positiv überrascht, dass die Waffen des Herrn B. nicht wie so oft nur Staffage, sondern je nach Gegner und Situation auch sinnvoll und unterschiedlich einsetzbar sind.

Auf leicht taktisches Obermotz-Geplänkel stehe ich darüber hinaus ohnehin. Und weil alte Männer es oldschool mögen, stört mich selbst die eher durchschnittliche Optik null. Einige Effekte sind nämlich trotzdem nett. „Erfreuen Sie sich an Kleinigkeiten, Herr Fränkel“, sagt mein Therapeut immer, wenn er mir nach dem Freigang abends die Ledermaske wieder umschnallt. Entsprechend habe ich mich mehrfach dabei ertappt, dass ich mich bei Wolfenstein unter tropfenden Stellen postierte, weil das Wasser so schön vom Monitor perlt. Kein Witz!

Wolfenstein ist ab sofort für PC, PlayStation 3 und Xbox360 erhältlich.

 

 

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