Lost Odyssey

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Microsoft
Entwickler
Mistwalker
Genre
Andere
X360: Lost Odyssey

Gesamtwertung

8/10

X360: Lost Odyssey

Es war so ungefähr in der sechsten Spielstunde, als mir klar wurde, dass Lost Odyssey vielleicht nicht das perfekte und ganz sicher nicht das innovativste Rollenspiel sein dürfte, mich trotzdem aber bis zum noch fernen Finale an das Pad fesseln würde. Das wichtigste überhaupt hat Mistwalker nämlich hinbekommen: Lebendige und vor allem interessante Charaktere. Und hier hat jeder einzelne weit mehr zu bieten, als der gesammelte Kindergarten aus Blue Dragon.

Fangen wir einfach beim Helden Kaim an. Auf den ersten Blick habt Ihr da den etwas grantig wirkenden, leicht auf androgyn getrimmten Anime-Veteranen, jung an Jahren, alt an Erfahrung, so oder ähnlich seit Urvater Cloud Strife wohlbekannt. In Lost Odyssey steht aber endlich mal ein Charakter, der wirklich allen Grund hat, mehr als nur ein wenig Lebensmüdigkeit an den Tag zu legen.

Er ist nicht nur unsterblich und handelte im Laufe der letzten 1000 Jahre nicht immer nur aus gutem und reinen Gewissen, jetzt hat er auch noch all dies vergessen und lebt in einem ständigen Gefühl von Déjà-vu, Verlust und innerer Leere. Wir müssen uns nicht fragen, wie er so jung schon so lebensmüde werden konnte. Er ist steinalt und hat genug Gründe, um dies nicht als Segen zu betrachten.

Kaims dunkle Träume aus einer reichen und vielschichtigen Vergangenheit, erzählt in den etwas mehr als 30 Teilen des „Thousand Years of Dream“, werden von kleinen Mementos ausgelöst. Das Puzzle von Gegenwart und Vergangenheit verwebt sich immer mehr zu der Schicksalsfrage nicht nur eines Mannes, sondern der ganzen Welt.

Das ungreifbare Gefühl, alles schon einmal erlebt zu haben, schon einmal gesehen zu haben, wo es hinführte und dass das Rad des Schicksal sich wieder zum Schlechten dreht, schafft eine düstere und geheimnisvolle Grundstimmung, die dank des guten Skriptes auch an Euch weitergegeben wird. Dafür sind die fast schon innovativ schlichten Erinnerungsfetzen zu einem guten Teil verantwortlich. Jeder Schnipsel erzählt Euch ca. 10 Minuten lang eine Geschichte und zwar nur als Text mit dezenter Hintergrundmusik.

Das Erstaunliche dabei ist die Qualität. Ihr müsst schon aus Stein gemeißelt sein, um nicht bei den Geschichten des heimkehrenden Kriegers oder des alten Mannes im Kerker zu schlucken. Die Fragmente von Kaims Vergangenheit lösen Emotionen aus und schaffen ohne Bilder weit mehr, als jede CG jemals erreichen könnte.

Damit Kaim und so auch Ihr nicht ganz allein den düsteren Verstrickungen auf den Grund gehen müsst – und natürlich auch Rückendeckung in den zahlreichen Kämpfen habt – , stellt Euch Mistwalker einen starken Cast von weiteren Unsterblichen und normalen Menschen an die Seite. Alle irgendwo sicher aus dem

großen Buch der RPG-Stereotypen entliehen, das können sie nicht verbergen, aber mit genug Charakter, Charme und vor allem persönlicher Handlungstiefe, um Euch diesen Umstand schnell wieder vergessen zu lassen.

Lost Odysseys sicher definierender Moment als das neue Rollenspiel für das „erwachsene“ Klientel – im Gegensatz zum Blue Dragon-Kindergeburtstag – dürfte wohl eine frühe Begegnung mit Jansen sein, einem Streuner-Magier im besten Sinne des Rollenspielglossars, der mit drei leichten Damen, einem Hangover in Warteschleife und einer Reihe cooler und pointierter Sprüche einen denkwürdigen Auftritt feiert.

Immer, wenn es in der Handlung mal wieder ernster und pathetischer wird, als es gut sein kann, springt der Schurke mit dem Herz am rechten Fleck, das wild für alle Frauen der Erde schlägt, zur Rettung. Ein lockerer und in 90 Prozent der Fälle auch erstaunlich trocken passender Satz - nicht zuletzt dank der guten Lokalisierung, sowohl im Deutschen, Englischen und auch den anderen drei Sprachen (für Fans gibt es japanischen Ton) – und schon herrscht wieder Stimmung. Aber auch er hat seine ernsten Momente. Niemand mimt hier nur den komödiantischen Sidekick.

Der Rest der Truppe fällt da ein wenig ab und Kaims große Liebe Sarah mimt nach der gelungenen Einführung in die Runde ohne übertriebenen Elan die Rolle der intellektuellen Stubenhockerin, die frisch an Licht und gleich in den ersten Kampf getrieben wurde. Mehr liefert da schon Ex-Piratin Seth mit einem ebenfalls tragischen und sich langsam entfaltenden Hintergrund. Klar: Tragik, Drama und auch ein definitives Maß an triefigem Klischee sind dabei, besonders, sobald es an die Liebesgeschichte geht.

Hier werdet Ihr mehr als nur einmal auf dem Sessel hin- und herrutschen und Euch fragen, ob Ihr Euch jetzt einfach von diesen ersten emotionalen Gesprächsversuchen eines auf diesem Level bestenfalls präpubertären Liebespaares abwenden solltet, um zumindest ein wenig Restrespekt vor Charakteren und Autoren zu bewahren. Zumindest solange, bis Jansen auch diese Kastanien aus dem Feuer holt und mit ein wenig treffendem Humor die Szene rettet.

Lustigerweise trifft Mistwalker bei allen anderen emotionalen Lagen den perfekten Ton, sei es Trauer oder Freude. Nur wenn es um Liebe geht, steht man anscheinend etwas verlegen wie damals auf dem Schulhof, scharrt mit dem Fuß und weiß nicht so recht, wie man es sagen soll.

Der kleine Romantik-Ausrutscher kann nicht die Handlung an sich nicht ruinieren, nur werdet Ihr Euch wünschen, dass Mistwalker mal wieder einmal etwas schneller auf den Punkt gekommen wäre. Und da schließt sich der Kreis zur sechsten Spielstunde. Erst zum Ende der ersten DVD und einigem an Zeit kommt das Ganze mit einem Schlüsselmoment wirklich in Gang und die richtige Richtung.

Dann setzt endlich das richtige Timing ein und immer, wenn Ihr denkt, dass es langsam mal Zeit wäre, ins Bett zu gehen, erreicht Ihr die nächste Traumsequenz Kaims oder einen Handlungsfortgang, der Euch wieder auf der Sesselkante hängen lässt: Wie geht es weiter, was passiert jetzt, nur ein paar Kämpfe noch, dann bin ich da, wo ich hin soll, dann erfahre ich es. Kriege, Magie und die ganze Welt in der Waagschale. Großes Material, in den besten Momenten mit einem Esprit, den nur wenige Spiele des Genres und ganz sicher nicht Mistwalkers Erstling Blue Dragon erreichen.

In Lost Odysseys schlechteren oder vielmehr uninspirierteren Momenten habt Ihr oft den Eindruck, dass nicht nur Kaim unter zu vielen DejaVupdichs leidet, auch Ihr selbst habt das alles schon mal erlebt. Dramatische Kämpfe auf einem Hochgeschwindigkeitszug hatte das Genre schon oft erlebt, genau wie das obligatorische Entkommen aus dem Kerker, sogar inklusive einer eher missratenen Stealth-Einlage.

Das alles, bis hin zu den sehr generischen bösen Strippenziehern – megalomanischer Wannabe-Weltherrscher gefällig? - , hattet Ihr alles schon mal ähnlich und besser in einer breiten Auswahl an Genrevertretern, namentlich Final Fantasy ab Teil VII aufwärts. Glücklicherweise gelingt es den tiefgängigen Charaktergeschichten, solche Ausflüge in Squares Klamottenkiste zu überspielen und Euch bei Laune zu halten.

Eine kleine und permanente Geduldsprobe gilt es aber in allen Lebenslagen und Situationen des Spiel zu bestehen: Ladezeiten. In der heutigen Welt schnellstrotierender Laufwerke, Cachedateien und eigentlich recht großzügigem Rams erstaunt ein Titel, der zum Laden mancher Areale länger braucht, als Ihr anschließend für die Durchquerung besagten Gebiets. Nicht, dass ansonsten technisch alles im grünen Bereich wäre.

Meist kommt das mittels Unreal Engine 3 Gebotene sehr stattlich und schick daher, was sicher nicht zuletzt an den bildschönen Designs der Monster und Areale liegt. Nur hatte man die Konsole dabei entweder nicht ganz im Griff oder war schlichtweg mit der Epik der weiten Landschaft überfordert. So oder so, leichte Ruckler gehören zu Euren ständigen Begleitern.

Dafür werdet Ihr mit Detailgrad und –verliebtheit entlohnt, die so noch nicht in dieser Konsolengeneration zu haben waren. Schon die erste Stadt von Urah oder der folgende Ausflug über die Ipsilon Berge wird Euch vom Start emotional berühren. So schön kann Fantasy also sein. Und so ernüchternd, wenn das Areal dann wechselt und Euch wieder für ein Weilchen den Ladescreen zeigt…

Auf eine Oberwelt hat Mistwalker verzichtet, stattdessen verbinden sich die einzelnen Areale über eine Karte, auf der Ihr einfach Euer nächstes Ziel auswählt. Das erspart Euch unnötige Zufallskämpfe, die auch in den begehbaren Gebieten weit seltener auftauchen, als Ihr es sonst aus dem Genre gewohnt seid. Sobald Ihr aber ein paar Monster aufscheucht, haben es diese dann wirklich in sich.

Zunächst einmal geht sehr herkömmlich zu - Angriff und Magie, Items und Verteidigung, verteilt auf Kampfrunden und wohlbekannte Menüpunkte. Einige Extras werten das Geschehen taktisch auf. Die erste wichtige Entscheidung gilt es vor dem Kampf zu treffen und betrifft die Zusammensetzung der Gruppe. Im Kampf sind Eure unsterblichen und sterblichen Helden voneinander abhängig, denn nur die Letzteren sammeln mittels Levelaufstieg neue Fertigkeiten.

Die Unsterblichen stehen zwar, wie der Name so sagt, einmal gefallen nach wenigen Kampfrunden wieder auf und machen weiter, lernen beim Leveln aber keine zusätzlichen Techniken. Dazu müssen sie Skillpunkte in den Kämpfen sammeln und können dann die Skills der sterblichen Weggefährten lernen. Diese Abhängigkeit sorgt automatisch dafür, dass Ihr immer mit einer gut gemischten und gleichmäßig trainierten Truppe herumstreift, und auch Charaktere nutzt, die Ihr vielleicht nicht ganz so leiden könnt. Schließlich wollt Ihr ja ihre Fertigkeiten haben.

Auf dem Schlachtfeld sind dann Timing und Positionierung gefragt. Je weiter Ihr vorankommt, desto wichtiger werden nicht nur die Fertigkeiten, sondern auch die Ringe, die Ihr über das Spiel in unzähligen Vasen, Straßenecken oder anderen wenig offensichtlichen Plätzen verteilt findet. Die Ringe geben Euch je nach Element und Art Boni gegen bestimmte Gegner, automatisch werden diese nicht dazugerechnet.

Sobald der Charakter einen Ring trägt, erscheinen bei seinem Angriff zwei Ringe über den Gegner, deren Zusammentreffen Ihr mit dem Trigger genau abpassen müsst, um den Schaden zu maximieren. Habt Ihr mit einem Feuerring dann einem Wasserelement gezeigt, wo es langgeht, dürft Ihr noch im selben Kampf die Ringe wechseln und beispielsweise mit den Jägerring den geflügelten Freund des ersten Biestes vom Himmel holen.

Ihr müsst auch darauf achten, wer in welcher Kampfreihe steht. Ein extra Balken zeigt an, wie viele Verteidigungspunkte die vorderste Reihe Eurer Frontschweine bringt – je stärker die Charaktere, desto besser decken sie natürlich. Solange diese Punktzahl gut gefüllt ist, hat die zweite Reihe nicht viel zu befürchten. Jeder feindliche Angriff dezimiert den Wert und einmal auf Null angekommen, gibt es keinen besonderen Schutz für die Magier und Fernkämpfer mehr.

Dafür, dass Ihr diese feineren Kampfaspekte nicht außer Acht lasst, sorgt der knackige Schwierigkeitsgrad, bei dem reines Powerleveln und dann den Bossgegner übertrumpfen, nicht gilt. Die Areale haben eine Obergrenze, bis zu der Ihr steigern könnt. Mit einer vollen Fünfer-Truppe ergibt dies spannende, taktische und teilweise wirklich denkwürdige Kämpfe. Im ersten Viertel – mal ehrlich Mistwalker, die erste DVD ist nie so Euer Ding, oder? – seid Ihr noch dabei, die Posse zusammen zu trommeln und tretet häufig genug in bitterer Unterzahl an, stets mit dem Gefühl, dass es mit einem Streiter mehr fair sein könnte.

Vor allem, sobald mal wieder Eure im ersten Viertel zu sehr favorisierten Magier sich verzweifelt an den letzten Hitpoint klammern. Jeden, aber auch wirklich jeden einzelnen Fight müsst Ihr ernst nehmen. Selbst simple Feinde verfügen über mächtige Angriffe und Zauber, die schnell ein oder zwei Mitstreiter niederstrecken. Danach wieder auf die Beine zu kommen, wird sehr hart. In keinem Kampf konnte ich mit „ein Buch lesen und die A-Taste bearbeiten“ punkten.

Über Waffen lässt sich hier nicht viel ausgleichen. Alle paar Dörfer gibt es zwar mal ein theoretisch besseres Schwert oder einen neuen Zauberstab, große Unterschiede bringen die aber in keiner Weise mit. Das Zauberrepertoire kennt Ihr ebenfalls schon seit einer Weile und vielen anderen Rollis: Water, Shadow oder Heal gefällig? Da gibt es nichts, wofür der Gott der Zauberei Dich in den Himmel lassen würde, Mistwalker.

Trotz der leichten Unterbewaffung und Übervorteilung der Feinde, solltet Ihr es als Herausforderung und weniger als Unfairness auffassen, denn am Ende erstaunt es doch, wie viel Spaß das weitestgehend ja nach den bekannten Regeln aufgebaute System auch heute noch macht. Nach einer Stunde endlich dem obligatorischen Steampunk-Riesenpanzer den finalen Punkt abgerungen zu haben, verschafft ein Erlebnis, an das Ihr Euch noch ein wenig zurück erinnern werdet. Nicht zuletzt auch dank der musikalischen Untermalung des Altmeisters Nobuo Uematsu.

Natürlich hat er auch für Lost Odyssey ein kleines Meisterwerk abgeliefert. Mal wieder. Wie immer. Ihr dürft das jetzt sicher Nörgeln auf hohem Niveau nennen, nur wie auch beim Rest des Spiels gibt es hier kaum Experimente. Viele der Melodien werden die Final Fantasy-Kundigen unter Euch erkennen oder es zumindest glauben. Natürlich wurden nicht einfach die alten Werke noch einmal neu benutzt, trotzdem hätte ein wenig mehr Eigenständigkeit hier schon nicht schlecht getan.

Und dieser Mangel an spielerischer Eigenständigkeit dürfte dann neben den kleineren Unzulänglichkeiten auch der größte Kritikpunkt sein. Eine bekannte US-Seite gab Lost Odyssey eine Wertung von ca. 80 %, woraufhin ein Leser die These aufstellte, dass die Redakteure ja wohl von Stinktieren abstammende Square Enix–Lover sein müssten, schließlich hätte das seiner Ansicht nach perfekte Spiel mindestens 95 % verdient und auch bekommen, wenn es statt Lost Odyssey einfach nur Final Fantasy heißen würden. Ich stelle mich jetzt mal schützend vor die Wertung der Kollegen – nicht zuletzt ,weil ich gleich eine sehr ähnliche vergebe. Final Fantasy und Lost Odyssey sind sich in der Grundsache ähnlich, nur hat das große Vorbild stets versucht, sich ein wenig neu zu erfinden.

Das versucht Mistwalker, die sich ja ironischerweise aus den Final Fantasy-Erfindern zusammensetzen, mit ihrem neuen Werk nicht einmal und würfelt stattdessen Bekanntes in den Mixer, garniert mit einer nicht ganz frischen, kompetent erzählten Story. Fertig. Zum Glück macht das nichts. Gute Geschichten höre ich immer wieder gerne, vor allem, wenn man sie mir sie so überzeugend erzählt und in ein bewährtes Spielsystem verpackt. Und sollte es einen Rollenspiel-Oskar geben: Lost Odyssey räumt mit Sicherheit alle Preise für die besten Darsteller ab. Der Rest ist halt klassisches Japanrollenspiel im allerschönsten Sinne. Nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger.

Lost Odyssey ist ab sofort exklusiv für die Xbox 360 erhältlich. In einer Box die Platz für drei DVDs bietet. Die vierte wurde dezent in einem Papierschuber hinter dem Handbuch platziert. Liebevoll. Die fünf Sprachen lassen sich beliebig kombinieren. Der Text regelt sich über die Einstellungen der Xbox, die Synchro im Menü des Spiels.

 

 

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