Yakuza 3

Review
Plattform
PS3
Entwickler
SEGA
Genre
Action
PS3: J! - Yakuza 3

Gesamtwertung

8/10

PS3: J! - Yakuza 3

Beginnen wir damit, ein paar Missverständnisse auszuräumen. Vor gar nicht mal so langer Zeit gab es von mir eine Vorschau zu Yakuza 3. Diese hat aber im Grunde nichts mit Yakuza 3 zu tun, vielmehr handelte es sich dabei um Yakuza Kenzan! (eurogamer.de)- mit vollständigen japanischem Namen Ryu Ga Gotoku Kenzan! -, das zwar das dritte Spiel der Yakuza-Serie darstellt, aber eigentlich nur ein Mittelalter-Spinoff war. Das echte dritte Yakuza – Ryu Ga Gotoku 3 – erschien erst kürzlich in Japan und Südkorea und erzählt eine andere Geschichte. Eine ganz andere.

Ein paar weit grundsätzlichere Missverständnisse über die Serie an sich sollten auch aus dem Weg geschafft werden. Hierzulande und auch in den USA kam Yakuza nie über den Status des Geheimtipps hinaus, möglicherweise nicht zuletzt deshalb, weil es eben kein GTA-Klon mit Fernostgangstern ist oder sein will. Die Yakuza-Spiele, der aktuelle Teil macht da keine Ausnahme, sind alles andere als Sandkasten-Games.

Ihr folgt einer klaren Storylinie, angesiedelt in der Jetzt-Zeit, die ein paar Pausen zum Umherwandern einlegt und Euch ein wenig Zeit mit Nebenmissionen totschlagen lässt. Aber was Ihr eben nicht habt, ist eine in sich geschlossene Welt, in der Ihr jeden Fleck erkunden, jeden auf der Straße niederwalzen oder zum Anführer der Yakuza mithilfe von Missionen in verschiedenen Fraktionen aufsteigen könnt. Ihr schlüpft nicht einmal in die Rolle eines harten Super-Gangsters, der den ganzen Tag nichts anders tut, als ein Verbrechen an das andere für Respekt und Geld zu reihen.

Im Gegenteil. Ich muss zu meiner untilgbaren Schande gestehen, dass ich die beiden Vorgänger nicht spielte, aber ich bekam genug mit, um zu wissen, dass der Hauptcharakter Kiryu Serienkennern bereits bestens bekannt sein dürfte. Nach all den Abenteuern in Japans Unterwelt sucht der harte Mann mit dem markanten Rückentattoo ein wenig nach höheren Werten im Leben und wurde an einem kleinen Strand in Okinawa fündig. Hier widmet er sich einer kleinen Gruppe von Waisenkindern und versucht sie auf einen bessern Weg zu führen, als er selbst einschlug.

Das ist natürlich nur einer der zahlreichen Plots, der eigentlich Große lässt Euch wieder in die finstere Welt der krummen Geschäfte, dunklen Machenschaften und Yakuzas eintauchen. Aber wie gesagt, Kiryu will nicht der Boss von Okinawas Unterwelt werden, sondern einfach nur das Richtige tun und Unheil von dem kleinen Refugium am Strand abhalten.

In der Geschichte selbst und all den kleinen Erzählungen drumherum liegt die große Stärke Yakuzas 3. Es kümmert sich weniger um Eure Freiheit, alles zu tun und zu lassen, und nimmt sich anstelle dessen alle Zeit der Welt, um seinen Figuren Form und Farbe zu geben. Sie werden auf dem Screen lebendig durch ihre Erzählungen, Stimmen, Gestiken und Mimiken, und selbst als Mitteleuropäer ohne Sprachkenntnisse fühlt Ihr die Detailliebe, mit der sich Yakuza 3 seinen Handelnden widmet.

Wen Ihr dem Plot unbedingt etwas vorwerfen wollt, könntet Ihr sein sehr behäbiges Tempo anvisieren. Gerade zu Anfang verbringt Ihr relativ wenig Zeit mit „echten“ Bösewichtern und ihren Machenschaften. Vielmehr kümmert Ihr Euch darum, welches der Kinder vielleicht das Geld eines anderen stahl, wie Ihr es auf den rechten Weg zurückführt oder warum eines Ärger in der Schule hat. Diese Passagen verlaufen wie die meisten Japano-Adventures, indem Ihr einfach lange und ausgiebig mit allen möglichen Ansprechpartnern palavert. Etwas wird sich schon ergeben.

Der langsame Start der Geschichte ist für Japan nicht untypisch, aber es macht Freude, zur Abwechslung mal eine Geschichte erzählt zu bekommen, die sich nicht nur als Kitt zwischen den Actionszenen begreift. Sondern richtig aufgebaut wird, ihre Figuren entwickelt und Euch dann motiviert und involviert durch das große Drama führt. Denn zum Schluss geht es ganz gut ab, so viel sei verraten, und Ihr müsst nicht fürchten, nur als Babysitter am Strand zu hocken.

Kiryus Weg bietet ihm oft, reichlich und gern Gelegenheit, seine Fäuste – Schusswaffen sind hier kein großes Thema – sprechen zu lassen. Immer wieder stellen sich Euch auf den Straßen von Okinawas Örtlichkeiten unvorsichtige Schläger in den Weg, die Ihr in bester Final Fight-Manier niederprügelt. Selten sind es weniger als drei gleichzeitig und das Kampfsystem zeigt sich dem weitestgehend gewachsen. Eine Unmenge an Kombos lassen sich nutzen, Griffe, Würfe und Verteidigung wurden nicht vergessen und schon bald müsst Ihr auch alle Register ziehen. Spätestens die Endbosse stellen Euch mit übergroßen Lebensbalken auf eine harte Probe.

Um zu bestehen, darf der Held Super-Specials anwenden und auch zu leicht unfairen Mittel greifen. Bänke, Feuerlöscher, Messer und Katanas wollen genutzt werden, schließlich sind die Bösen dabei auch nicht zimperlich. Das Ganze läuft flüssig und im Rahmen der Möglichkeiten eines 360-Grad-Rundumkampfes auch halbwegs übersichtlich. Lediglich das Lock-On auf einen Gegner funktioniert eher halbherzig und von dem, was ich las, war das auch schon ein Problem der beiden Vorgänger. Es artet glücklicherweise nie zum Gamebreaker aus, mitunter nervig ist es dann aber doch. Trotzdem, Ihr seht auch nach Stunden noch jedem Fight mit Freude entgegen, es macht einfach Laune!

Yakuza 3 bietet aber noch weit mehr als nur Fights und Adventure. Zur Auflockerung spielt Ihr mal eine Runde Golf zum Zwecke des sozialen Networkings, vertreibt Euch die Zeit mit ein wenig Bowling, Billiard oder Dart. Seht, wie weit Ihr es in den Bonus-Survival Modi bringt, und vieles mehr noch dazu. In einem Anfall aberwitziger Großherzigkeit veröffentlicht SEGA eine ganze Flut von Gratis-Downloads, die das Spiel nicht nur um neue Modi bereichern, sondern diese auch für zwei Spieler freischalten. Aus dem eigentlich reinen Sologame wird damit kein Multiplayerwunder, ein netter Zug bleibt es trotzdem. Und weitestgehend lässt Euch Yakuza 3 die Wahl, wie weit Ihr hier eintauchen wollt. Ob Ihr Euch nur um den Plot kümmern wollt oder bis in den letzten Winkel alles erkundet, das Spiel stellt sich Euch bei dieser Wahl nicht in den Weg.

Auf dem technischen Level erreicht das Spiel leider nicht ganz die Königsklasse. Die Landschaften wirken etwas verwaschen, die Mimiken könnten feiner gezeichnet sein und das Straßenleben wirkt bei weitem nicht so homogen wie es bei GTA IV der Fall ist. Trotzdem erhaltet Ihr hier insgesamt immer noch ein schönes Spiel, dessen Stärke die dichte Atmosphäre des kleinstädtischen Japans ist. Nach den Straßenschluchten Tokios wirkt das Szenario frisch und Ihr saugt die Stimmung des fremden Landes begierig auf. Der Soundtrack dazu? Meh. Rockig beim Kämpfen, sonst kaum vorhanden. Stattdessen setzt Yakuza 3 auf Umgebungssounds, die ihren Beitrag zur Stimmigkeit ebenso brav wie unspektakulär leisten.

J! - Allgemeine Informationen zu Yakuza 3

Begebt Euch nicht auf den Irrweg, mit dem ich die erste Stunde vergeudete. Dieses Spiel bringt so viel Text mit ein, dass Ihr bereits nach wenigen Minuten komplett verwirrt sein werdet. Nicht einmal die Menüs sind auch nur ansatzweise Englisch. Ich hatte den Eindruck, dass ich zwar etwas Tolles spielen würde, nur ganz sicher war ich mir da nicht. Ich hätte ohne das Internet sicher aufgegeben.

Aber wer suchet, der findet - und zwar den Blog des absoluten Yakuza–Helden überhaupt. Patrick „ThePatrick“ Coffman (kamuro-cho.blogspot.com)ist nicht nur ein Experte dieses Spiels, er legte auch einen Fleiß an den Tag, der seinesgleichen sucht. Nicht genug damit, dass er Euch zu allen Lebenslagen Ratschläge und Tipps gibt und einen Kurzwalkthrough schrieb, nein, er berichtet sogar in seiner langen Lösung ausgesprochen detailliert darüber, was all diese Leute hier so erzählen. Mit seiner Hilfe könnt Ihr Yakuza 3 nicht nur durchspielen, sondern sogar die Geschichte zumindest in einem gewissen Rahmen genießen. Also, Patrick, ich verneige mich tief vor Deiner Arbeit.

Dass Ihr es durchspielen und verstehen könnt, ist leider aber nicht ganz das Gleiche wie es selber spielen und all die kleinen Dinge und Details herauszufinden. Die Spielerfahrung kommt deutlich gefiltert bei Euch an und solltet Ihr das nicht in Kauf nehmen wollen, bleibt Euch nur die Möglichkeit, Japanisch zu lernen. Die Asia-Version bringt Euch hier nicht weiter. Von ihr profitieren lediglich Kenner der koreanischen Sprache, Englisch sucht Ihr auch hier vergeblich.

Solltet Ihr gar kein Japanisch oder Englisch beherrschen und nicht die Seite von ThePatrick zu Rate ziehen können, lasst die Finger von dem Spiel. Es bringt einfach nichts.

Wie bewertet man jetzt so etwas unter der Prämisse, dass es hierzulande von „in der japanischen Sprache Ungeschulten“ gespielt wird? Ich will ehrlich sein, ohne die Bemühungen von ThePatrick würde hier keine Wertung drunter stehen. So aber konnte ich der Geschichte folgen, die einzelnen Dialoge mitnehmen und der Spielerfahrung, die möglich ist, schon recht nahe kommen. Sollte sich SEGA zu einer Übersetzung durchringen – und sie dürfen das hier ruhig als Aufforderung verstehen –, könnte durchaus noch ein Punkt dazu kommen.

Yakuzas einzelne Bestandteile mögen nicht perfekt sein. Das Adventuren bietet viel Herumrennen und wenig Rätseln, der Kampf hat seine Ecken und Kanten, technisch ist sicher noch ein wenig Feinschliff möglich. Das tut dem Spiel als Gesamtwerk aber kaum Abbruch. So wie ein Gourmet das Ganze schmeckt, müsst Ihr hier das Spiel insgesamt im Blick haben, und dabei entfaltet sich ein fernöstliches Aroma allerersten Ranges. Yakuza 3 zelebriert, wie auch beispielsweise das legendäre Shenmue, die Feinheiten einer anderen Kultur ungefiltert und garantiert nicht für den Export bestimmt. Unverfälscht genießt Ihr die lebendigen Akteure in ihrer spannenden Kulisse.

Ich bin mir wirklich nicht sicher, wie viel hier für mich am Ende „Lost in Translation“ blieb. Aber im Angesicht des Spaßes, den ich mit dem immer noch Verbleibendem hatte, bin ich lieber bereit auf dieses letzte Quäntchen zu verzichten, als es gar nicht gespielt zu haben.

Wir möchten uns hier artig bei SEGA Deutschland für die Unterstützung hinsichtlich der Beschaffung einer Import-Version bedanken und schicken natürlich noch einmal ein herzliches Dankeschön an ThePatrick. You Rock!

 

 

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