PC: This is Vegas
Bei der Erwähnung des Namens Las Vegas habe ich als erstes ein Bild von Joe Pesci im Kopf: Ein kleiner Streit an einer Casino-Bar, der damit endet, dass der geborene Minigangster jemanden für praktisch nichts einen Füller mehrmals hintereinander in die Halsschlagader rammt. Scorseses „Casino“ prägt das Bild eines Mafia-Sündenpfuhls, in dem Ihr vom Glück sagen könnt, wenn sie Euch nur das Geld abnehmen.
Bei Midway hat man offenbar ein paar andere Filme über Vegas gesehen. Oceans Eleven. Oder noch wahrscheinlicher, Fear and Loathing in Las Vegas. Definitiv nicht Leaving Las Vegas.
This is Vegas, so der Titel von Midways Ausflug in die Welt der unwirklichen Glitzerpaläste, zeigt Euch die Spielermetropole in der Wüste nicht als Hort von Gewalt und Bösartigkeit, sondern kehrt die spaßigen Seiten hervor. Zu denen natürlich auch ein wenig Gewalt gehört. Es war sicher nicht ganz leicht, eine sowieso schon überdrehte Realität noch ein wenig weiter in die Parodie zu schrauben, aber es kann gut gelingen. Vor allem, wenn man den humorigen Ansatz mit grundsoliden Spielelementen untermauert.
Ausgangspunkt für das Gameplay ist das aktuell boomende Open-World Konzept. Ihr kriegt die Stadt und dürft loslegen. Die Welt geht vor Euch auf die Knie oder zumindest so weit runter, wie sie für 50 Dollar bereit ist zu gehen. Das ist nicht sehr weit, wie Ihr schnell erfahren werdet. In der Rolle des ganz normalen Typen von Nebenan erreicht Ihr Vegas mit gerade mal dem Gegenwert einer GTA 4-Ausgabe in der Tasche und wollt einfach nur in das blühende Leben eintauchen.
Dummerweise blüht es gerade nicht ganz so sehr wie es sollte. Hinter dem Neon siecht Old School Vegas vor sich hin, die echten Casinos laufen schleppend, die Clubs sind runtergekommen, die Bars lausig. Und wo der Leitwolf Schwäche zeigt, wird er schnell herausgefordert. In diesem Falle von einem Kerl namens Preston Boyer. Sein sinistrer Plan: Las Vegas in einen familienfreundlichen und gewinnbringenden Vergnügungspark zu verwandeln. Wie kann er nur? Familienfreundlich. Pfui!
Mit so wenig Barschaft könnt Ihr Euch zwar ganz Vegas von außen angucken, nur alles unternehmen natürlich noch nicht. Die offensichtliche Variante, um an ein wenig mehr Geld in dieser Stadt zu kommen, dürfte wohl das Glücksspiel sein. Wer allerdings schon mal bei Black Jack, Poker und den Slotmachines – den drei bisher genannten Floor-Games – sein sprichwörtliches Glück versuchte, weiß, dass hier der Dollar schneller geht als kommt. Ihr braucht einen Vorteil, sonst gewinnt das Haus.
Gut, dass Ihr Eure Glückssonnenbrille dabei habt. Ihr nehmt Platz beim Black Jack, beobachtet, wie die Karten verteilt werden, schaut Euch im Raum um, werft anderen Gästen einen Blick zu. Andere Spiele reißen Euch aus der normalen Spielperspektive heraus, um Euch die Karten in einer übersichtlichen Anordnung zu präsentieren. Nicht so This is Vegas. Ihr spielt ein paar Runden um Kleingeld, dann endlich ein gutes Blatt. Zeit für die Brille, die Euch geheime Markierungen auf den Karten offenbart.
Eine ganz sichere Sache ist das auch nicht, schließlich steht ein rückseitiges Kreuz für Ass oder Zehn, eine Kreis für Sieben, Acht oder Neun. Viele Variablen, aber es reicht, um die Chancen realistisch abschätzen zu können und Eure Taschen zügiger zu füllen. Jedes der Spiele kann auf ganz eigene Weise manipuliert werden, aber eins haben alle Tricksereien gemein: Ihr solltet es tunlichst vermeiden, sie permanent einzusetzen. Es fällt auf. Nicht beim ersten, nicht beim zweiten, aber spätestens beim fünften hohen Sieg in Folge werden Euch ein paar stattlich gebaute und wild kostümierte Herren den unauffälligsten Hinterausgang zeigen.
Jetzt kommt es für Euch darauf an, wie viel Berufsethos der gerade beschubste Laden mitbringt. Die alte Garde von Vegas weiß noch aus dem wilden Westen wie mit Falschspielern zu verfahren ist: Im folgenden Kampf geht es um Eure Haut. Andere wollen Euch einfach nur ein bisschen verprügeln und im Rinnstein liegenlassen.
So oder so: wehrt Euch! Es wird zwar Waffen in This is Vegas geben und wenn Ihr sie habt, werdet Ihr Euch an einen anderen Midway-Titel, Stranglehold, erinnert fühlen – natürlich ohne die Blutorgie und mit ein wenig Slapstick bei den Treffern, aber sonst recht ähnlich. Die meiste Zeit verlasst Ihr Euch aber auf die Fäuste und das bedeutet eine Menge Arbeit für den X-Knopf. Auch wenn das Move-Repertoire ganz respektabel wirkt, läuft es mit Ausnahme der völlig überzeichneten Finishs auf milde getimtes Buttonsmashing hinaus.
Damit dies nicht zu schnell zu langweilig wird, habt Ihr noch einen zweiten Knopf für Griffe und Schubsereien und vor allem die Möglichkeit, die Knöpfe gedrückt zu halten. Gelingt Euch dies im richtigen Moment, setzt es härtere Comic-Hiebe, so heftig, dass für den Durchschnittstypen in Vegas ein Schlag ausreicht, um ihn meterweit durch die Luft segeln zu lassen. Spielerisch mag es primitiv sein, dafür gibt sich das Design vieler Gegner alle Mühe, dies zu kaschieren.
Erinnert Ihr Euch an Jim Carreys fragwürdigen ersten Schritt in Richtung Superstar, Ace Ventura? Haltet vom Rest des Films, was Ihr wollt, die Szene, in der er das Adler-Maskottchen auf dem Football-Feld verdrischt (de.youtube.com), ist einfach groß. Die von der Erznemesis geheuerte, familienfreundliche Security in This is Vegas will das zahlende Publikum nicht verschrecken und steckt ebenfalls in Maskottchen-Uniformen. Und einfach mal im Comicstil so richtig Typen in schrägen Kostümen zu vermöbeln, reicht dem Kind in mir schon fast, um vieles zu übertünchen.
Natürlich sind alle Franchises, Casinos und Namen in This is Vegas frei erfunden, aber für Ortskundige stehen sie am richtigen Platz. Es ist nicht zu sehr „in your face“, aber es bringt auch sicher nicht die größere Ernsthaftigkeit mit sich selbst mit, die ein GTA oder Saints Row an den Tag legt. Nicht in den Kämpfen, nicht in den – teilweise von Cracked Magazines Jay Pinkerton geschriebenen – Dialogen und schon gar nicht bei all dem anderen Zeugs, was Ihr in der Sin City so anstellen könnt.
So richtig Party machen zum Beispiel. Die Clubs laufen nicht gut, die Tanzflächen sind leer. Zeit einem alten Laden eine unvergessliche Nach zu bescheren und ihn so wieder auf die Karte der inoffiziellen Stadtführer zu setzen. Zuerst mimt Ihr mittels eines Tanz Knopf Drück-Minispiels den Travolta und heizt ein wenig die Stimmung an. Dann kümmert Ihr Euch in ein, zwei Schlägereien um die nervigen, unhippen Typen, die dem Türsteher durchrutschten.
Anschließend erst mal ein Bier an der Bar. Uups, zu viel, die Optik verschwimmt, es ist nicht ganz einfach, den Mens Room zu finden. Grad noch geschafft, Gott ist Euch schlecht. Nach einigen Minuten geht es wieder. Zurück an die Bar, aber diesmal von der anderen Seite. Mittels richtigen-Knopf-zur-richtigen-Zeit Minispiel werden die Gäste Cruise-Cocktail-Style bedient – Midway erinnert Euch gern an ihr 1982er Tapper -, dann noch eine Runde ziemlich prüdes Wet-T-Shirt und schon brummt die Bude wieder.
Ihr könnt auch noch weiter gehen. Wisst Ihr, womit die California Dream Boys so ihr Geld verdienen? Könnt Ihr auch machen. Oder ein Besuch in einem Striplokal, diesmal mit Frauen als Hauptakteure. Egal wo Ihr hinkommt, an fast allen Lokalitäten gibt es kleine Mikro- und Minispielchen zu bestehen. All dies hilft Euch dabei, die verschiedenen alteingesessenen Kräfte zu beeindrucken, die eigenen Taschen zu füllen und Vegas zurück zu verwandeln. No more Disney, back to the Rat Pack.
Auf diesem Weg ereignen sich dann die Dinge, wie sie Euch in den meisten Open-World Games zufallen und wie sie es im richtigen Leben leider nur selten tun: Der Aufstieg von der schäbigen Mietsbehausung in ein Premiumpenthouse, eine Vielzahl gekaufter Freunde und Connections und natürlich jede Menge Autos. Selbige müsst Ihr nicht zwangsläufig legal erwerben, sondern könnt sie auch „ausborgen“, alle stehen Euch aber nicht vom Start weg für ein kleines Strip-Race zur Verfügung. Gelegentlich trefft Ihr ein besonders hübsches, geparktes Modell am Straßenrand, das Ihr sicherst verschlossen findet. Hey, Ihr seid Spieler und Partyhecht, kein Profiautoknacker.
Aber vielleicht wird auch daraus noch ein Minispielchen. Ich sehe derzeit den Aufstieg von This is Vegas in der lebendigen Stadtkulisse, den vielen Möglichkeiten, einen guten Abend zu verbringen, dem keineswegs subtilen, aber auch nicht erzwungenen Humor, dem netten bis fantastischem Look, den Kartentricks und den Ladys. Der Niedergang könnte damit beginnen, dass Ihr vielleicht zu schnell eine Party zu viel anheizen müsst, dass sich Midway in Tanz-Bierzapf-Strip Mikrospielchen verliert.
Die Rettung sollte eigentlich der rote Faden einer Story sein, die Missionen, die den eigentlichen Ablauf definieren. Wir werden sehen, denn das große Ganze behält es aktuell noch für sich. This is Vegas verspricht viel. Hoffen wir, dass in Vegas nicht nur Versprechen gemacht werden, um sie zu brechen.
Die Rettung von Las Vegas aus den Klauen der Familienfreundlichkeit hat noch ein wenig Zeit. Vor dem vierten Quartal 2008 ist nicht mit This is Vegas zu rechnen. Dann geht es aber zeitgleich auf Xbox 360, PS3 und PC los.
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