Men of War

Review
Plattform
PC
Vertrieb
1C Company
Genre
Andere
PC: Men of War

Gesamtwertung

8/10

PC: Men of War

Vielleicht lag es am ausgelutschten Weltkriegs-Szenario, den dämlichen Namen oder der trockenen Präsentation, auf jeden FaIl hatte ich die best way Strategie-Serie mit den äußerst gelungenen Titeln Soldiers: Heroes of World War II und Faces of War mal so gar nicht auf dem Schirm. Ein Fehler, wie ich jetzt zugeben muss. Entsprechend unvorbereitet erwischte mich Men of War, das trotz seines 0815-Titels beim Durchspielen für staunende Blicke sorgte. Dem russischen Entwickler-Team ist es wirklich gelungen, eine echte Company of Heroes-Konkurrenz auf die Beine zu stellen, die die Genre-Referenz von Relic in einigen Punkten sogar richtig alt aussehen lässt.

Viele Elemente, die ich Innovations-mäßig den Kanadiern zugesprochen hatte, gibt es bei best way schon eine ganze Weile. Zum Beispiel konnte man schon bei Soldiers Fahrzeuge und Fußsoldaten mit den Cursor-Tasten und Maus direkt steuern. Was Company of Heroes erst mit Tales of Valor eingeführt hat, gehörte also bei der best way-Serie ab 2004 zum Standard-Programm. Auch die im zweiten Teil komplett zerstörbare Umgebung wurde gleichzeitig mit der Konkurrenz eingeführt. Doch es wird noch besser.

Wirklich begeistert hat mich das Inventar der Soldaten. Jede einzelne Menschenseele kann unterschiedliche Waffen, Granaten und Spezialgegenstände tragen. Und lässt sich so auf dem Feld an die Gegebenheiten anpassen. Außerdem könnt Ihr im Notfall auch einen Panzer mit einem normalen Fußsoldaten besetzen. Richtig effektiv wird er zwar erst mit einem Panzerkommandanten, doch auch das normale Kanonenfutter ist dazu in der Lage, die Blechbüchse in Richtung Front zu bewegen.

Aus diesen vielseitigen Einsatzmöglichkeiten und satten 50 unterschiedlichen Einheiten entstehen Hunderte Anwendungsmöglichkeiten und lassen das Echtzeit-Taktik-Spiel zu einem wahren Strategie-Springbrunnen avancieren. Leider steigt dadurch auch der Anspruch, und ohne eine Portion Durchhaltevermögen werdet Ihr schnell die Segel streichen. Men of War ist ein echtes Biest, das selbst Experten fordert.

Satte 25 lange Missionen warten bei Men of War auf ambitionierte Taktik-Fans. Die russische Kampagne spielt dabei an der Ostfront und deckt sowohl den Einmarsch der Deutschen, die Wende im tödlichen Winter, als auch die Eroberung Berlins ab. Gleichzeitig wird in etwas dilettantischen Zwischensequenzen, mit viel Pathos und mit unterirdischer Sprachausgabe die Geschichte zweier Brüder erzählt, die sich an der Front ihre Hörner abstoßen.

Die Deutsche Kampagne wird dagegen deutlich reservierter gesponnen und beginnt mit der Eroberung Kretas. Anschließend führt sie die Afrika-Krieger, wie auch die Alliierte-Kampagne, über mehrere nordafrikanische Stationen bis nach Tobruk. Die Bonus-Missionen schicken Euch dagegen an eher unbekannte Schauplätze. Ihr erobert ein belgisches Städtchen oder schlagt Euch durch kleine, italienische Dörfer.

Beim Missions-Design setzt best way auf zermürbende Grabenkämpfe, blitzschnelle Commando-Angriffe und suboptimale Stealth-Einsätze. Im Gegensatz zu Company of Heroes baut Ihr bei Men of War keine Einheiten oder erobert Nachschubpositionen. Die zu Beginn oder im Laufe der Missionen zur Verfügung gestellten Einheiten müssen erst einmal genügen. Später könnt Ihr zwar noch im begrenzten Maße Unterstützung anfordern, aber die meiste Zeit müsst Ihr mit dem vorhandenen Material zurecht kommen.

Vor allem die Verteidigungs-Missionen der russischen Kampagne haben es in sich. Ohne Gefühl für den richtigen Schwierigkeitsgrad – Easy ist schon ganz schön knifflig, der Rest nahezu unschaffbar – werdet Ihr gleich zu Beginn in knallharte Front-Gefechte geworfen, die Eurem strategischen Geschick alles abverlangen. Welle um Welle deutschen Kriegs-Materials werden gegen Eure Stellungen geworfen. Wer hier nicht blitzschnell die Flanken deckt und für eine gut verteilte Panzer-Abwehr sorgt, wird innerhalb von wenigen Minuten überrollt. Die KI der Gegner reagiert geschickt, ändert ihren Angriffsvektor und greift stets Schwachstellen an.

Aber nicht nur beim Schwierigkeitsgrad zeigt best way Nerven, auch die Bedienung ist suboptimal. Auf dem Schlachtfeld tummeln sich nämlich nicht nur steuerbare Einheiten, sondern zudem jede Menge NPC-Charaktere. Leider ist nur auf der Mini-Karte ersichtlich, welche davon Euch gehören. Beim Truppen-Management geht so einiges daneben. Obendrein reagieren die Einheiten nicht immer so, wie Ihr es wollt. Treffen sie auf Gegner oder ein unbekanntes Hindernis, bleiben sie einfach stehen. Angesichts der gewaltigen Einheiten-Masse eine sehr nervige Angewohnheit.

Ähnlich enttäuschend wirkt auf den ersten Blick die Grafik. Insbesondere die Einheitenmodelle können mit der großen Konkurrenz nicht mithalten. Animationen, Detailreichtum und Spezialeffekte sind auf den ersten Blick äußerst dürftig. Doch kommt etwas Bewegung in die Sache, ändert sich dieser Eindruck schlagartig. Kaum wird geschossen, bricht nämlich die Hölle los. Physikalisch korrekt wird leichte Deckung durchschlagen, prallen Gewehrkugeln von Stahloberflächen ab und Granatentreffer hinterlassen matschige Krater. Selbst das geniale Company of Heroes muss bei dieser brachialen Action den Hut ziehen.

Auch die Karten entpuppen sich beim zweiten Blick als echte Hingucker. Gerade was die Farbauswahl und die Abwechslung angeht, kann sich das oft viel zu braune Company of Heroes eine Scheibe abschneiden. Blühende Wiesen, knallrote Häuser und senfgelber Sand machen jedes einzelne Szenario zu einer Augenweide. Bei Nacht sorgen Scheinwerfer für klare Farbakzente und die wunderschönen Explosionen mit anschließend brennenden Wracks sorgen für eine aufregende Beleuchtung. Jede Gebäude lässt sich mit andauerndem Beschuss dem Boden gleich machen und Panzer überrollen so ziemlich alles, was nicht schnell auf dem Weg springt. Selbst Wracks werden von Treffer korrekt durch die Gegend geschoben, anstatt einfach zu zerbröseln.

Besonders ins Auge gesprungen ist die Darstellung der Durchschlagskraft. Wenn Ihr selbst mit einem Geschütz auf einen Panzer zielt, wird angezeigt, ob die Panzerung durchschlagen wird oder nicht. Der Direkt-Steuer-Modus bekommt so eine wichtige Bedeutung, denn die KI-Schützen ballern auch mit einer Wasserpistole auf einen schweren Tank, egal ob es sinnvoll ist oder nicht.

Legt Ihr wie angesprochen selbst Hand an, könnt Ihr Eure Ziele so viel besser auswählen. Entscheidend dabei: Ihr müsst Armor-Piercing-Geschosse nutzen. Wer auf hochexplosives Material zur Infanterie-Abwehr setzt, ist schneller Geschichte als er Scheisse sagen kann. Deckung und Kaliber bekommen so eine ganz neue Bedeutung, da echte Brummer selbst Betonwände durchschlagen. Abseits der bockschweren, aber wirklich erstklassigen Einzelspieler-Kampagnen liefert best way zusätzlich einen umfangreichen Multiplayer-Modus mit. Neben der Möglichkeit, jede Mission per Gamespy auch im CoOp zu bestreiten, werden diverse Spielmodi benutzt, die theoretisch jede Menge Spaß bereiten.

Leider wird der Titel von einem halben Dutzend unterschiedlicher Anbieter auf den Markt gebracht, die es nicht alle mit dem Updaten so genau nehmen. Durch dieses Versions-Wirrwarr ist es gar nicht so einfach, vernünftige Partner zu finden. Schade eigentlich, denn sonst macht der Titel im Multiplayer jede Menge Spaß.

Vor allem die gewaltigen 8vs8-Schlachten begeistern mit einer brachialen Schlachtfeldatmosphäre. Doch selbst im 2vs2-Modus sorgen die Capture the Flag, Attack/Defend und Goldrush-mäßigen Eskort-Missionen für viel Abwechslung vom üblichen Ressourcen-Kampf. Dank der Möglichkeit, Verteidigungs-Stellungen aufzubauen, bekommt der Mehrspieler eine Facette, den die Kampagne so nicht bietet. Auch die Japaner sucht Ihr im Einzelspieler-Modus vergeblich. Best way hat sie mit einem Patch nachgeliefert und so die Anzahl der unterschiedlichen Parteien auf vier erhöht. Und das alles zum Budget-Preis. Überraschend erstklassig für einen russischen Entwickler.

Nach S.T.A.L.K.E.R. der erste russische Titel, der hält, was er verspricht. Innovativ sind einige, wie zum Beispiel Cryostasis, doch normalerweise vermiesen Bugs und spielerische Unzulänglichkeiten die Spielerfahrung. Men of War ist hier eine Ausnahme, auch wenn man mit ein paar kleinen Problemen leben muss. Die Präsentation ist höchstens mittelmäßig, die Sprachausgabe katastrophal und die Bedienung viel zu kompliziert. Dafür ist der Titel rein spielerisch erstklassig, gibt sich mit einem Mittelklasse-PC zufrieden und kommt relativ fehlerfrei daher.

Wenn best way noch an diesen Baustellen arbeitet, könnten sie Relic mit der nächsten Auflage ernsthaft gefährlich werden. Momentan verwehren die erwähnten Probleme aber noch höhere Wertungsregionen. Taktik-Profis sollten sich aber nicht davon verunsichern lassen und trotzdem zuschlagen. Sie bekommen einen echtes Taktik-Meisterwerk geliefert, das durch seine Spieltiefe, seine Detailverliebtheit und seine wirklich brachiale Schlachtfeld-Inszenierung punkten kann.

Men of War erscheint am 29. Mai 2009 exklusiv für den PC.

 

 

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