Anno: Erschaffe eine neue Welt

Review
Plattform
WII
Vertrieb
Ubisoft
Entwickler
Keen Games
Genre
Andere
WII: Anno: Erschaffe eine neue Welt

WII: Anno: Erschaffe eine neue Welt

Nintendos Wii ist eine seltsame kleine Konsole, die konsequent alle bisher scheinbar etablierten Regeln der Spiele-Entwicklung so gründlich auf den Kopf gestellt hat, dass außer Nintendo kaum ein Publisher so richtig auf dem kleinen, weißen Kästchen mit dem ungewöhnlichen Controller überzeugen konnte. Aber nach unzähligen Stunden Anno: Erschaffe eine neue Welt kann ich jetzt mit Fug und Recht behaupten: Ubisoft hat verstanden, worauf es bei einem guten Wii-Spiel wirklich ankommt.

Zugegeben, bis dorthin war es ein langer Weg. Das simple, aber beliebte Genre „Minispielsammlung“ hatten die Franzosen mit den Raving Rabbids schnell gemeistert. An komplexerer Kost scheiterte aber auch Ubisoft mit schönster Regelmäßigkeit, folgten die Entwickler doch der wenig inspirierten Regel „man konvertiere ein brauchbares PS2 oder Xbox-Spiel, gebe eine Handvoll mäßig inspirierter WiiMote-Wackelei dazu und stelle es zum Vollpreis in die Läden“. Und so kamen halbgare Titel wie Prince of Persia – Rival Swords in die Läden – und dort blieben sie dann größtenteils auch.

Dieses Schicksal wird Anno: Erschaffe eine neue Welt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht teilen. Denn Anno ist nicht nur für sich allein gesehen ein ganz vorzügliches Aufbau-Strategiespiel, es ist gleichzeitig die perfekte Blaupause, wie man einen Titel, der von Natur aus doch eigentlich nur auf PC funktionieren kann, stimmig in ein neues Hardware- und Spielerumfeld versetzt. Neben seinen spielerischen Qualitäten zeigt Anno vor allem aufs Deutlichste, wie die Eigenheiten einer neuen Hardware und die Ansprüche einer neuen Zielgruppe gekonnt für die Neuerfindung einer etablierten Serie genutzt werden können.

Motto der Konvertierung ist: „Stellen wa uns jetzt mal janz dumm. Wat is Anno?“ Und so hat der Frankfurt Entwickler Keen Games in Zusammenarbeit mit Blue Byte die Anno-Reihe gründlich seziert und aus der Essenz der Serie ein von Grund auf neues Spiel geschaffen, das im Großen und Ganzen alle Qualitäten der Reihe beinhaltet, aber perfekt auf die neue Hardware und vor allem auf neue Spieler zugeschnitten ist. Hier entdecken nicht nur die Helden von Anno eine neue Welt, auch eingefleischte Konsolenspieler genauso wie altgediente PC-Veteranen dürfen in eine ebenso unverbrauchte wie interessante Spielwelt eintauchen und erleben ein angenehm frisches Spielgefühl.

Das erfrischendste an Anno ist sicherlich die allgemeine Friedlichkeit des Spiels. Auch wenn im späteren Spielverlauf der Faktor Militär zumindest Einzug hält, so ist Anno doch ein fast durch und durch konstruktives Spielvergnügen. Ihr baut fleißig an Eurer Siedlung, sorgt für Rohstoffe und eine ausgeglichene Ökonomie. Glückliche Einwohner zahlen gerne ordentlich Steuern, und wenn Ihr eine Siedlung auf ein gewisses Niveau bringt und Euer Volk mit ein paar Annehmlichkeiten versorgt, dann werden aus bescheidenen Siedlern bald Pioniere, Bürger oder gar Patrizier. Und die sind zwar anspruchsvoll, bringen aber auch einen ordentlichen Batzen Geriebenes in die Kasse.

Wenn Ihr dann im Laufe der Besiedelung auf Eure orientalischen Nachbarn im Süden trefft, kommt es nicht dem aktuell vorherrschenden Zeitgeist entsprechend zu bewaffneten Auseinandersetzungen, stattdessen baut Ihr freundliche Handelsbeziehungen auf und erhaltet als Lohn für florierende Städte immer wieder wertvolle technische Errungenschaften aus dem im 15. Jahrhundert Europa technisch und kulturell weit überlegenen „Morgenland“: Teehäuser lassen die Kasse klingeln, während ein lukrativer Handelsvertrag für bessere Ver- und günstigere Einkaufskonditionen sorgt.

Zwei Modi erwarten Euch bei Anno. Im klassischen Endlos-Modus fangt Ihr mit einer kleinen Siedlung an und bevölkert nach und nach eine ausladende Inselwelt. Aber im Endlos-Modus haben vor allem erfahrene Anno-Spieler ihren Spaß. Alle anderen wählen de Story-Modus. Dort folgt Ihr der Geschichte von Königssohn William, der im Auftrag seines Vaters die südliche Inselwelt besiedelt, um dem hungerleidenden Volk in der Heimat zu helfen.

Dabei hat er nicht nur in kompetente Ratgeber an seiner Seite, sondern auch einen eifersüchtigen Bruder am Hals. Mit dem verbindet ihn eine einseitige Rivalität – während William der Denker und Diplomat ist, löst der Herr Bruder die Probleme des Volkes lieber säbelrasselnd. Mit diesen Figuren bestreitet Ihr sieben recht umfangreiche Kapitel, in denen Ihr zunächst in die Grundlagen des Spiels eingeführt werdet und später immer anspruchsvollere Aufgaben löst.

Baut auf einer öden Insel eine Metropole, siedelt eine gewisse Menge anspruchsvoller Bürger an, hebt für einen orientalischen Handelspartner versunkene Schiffsladungen... Die Lernkurve ist währenddessen so optimal gestaltet, dass Ihr Euch niemals überfordert fühlt. So bringt Euch Anno auf unterhaltsamste Art und Weise bei, wie intelligent und komplex die zahlreichen Faktoren der Spielwelt miteinander verzahnt sind und erzählt nebenbei noch eine nette Geschichte.

Und wenn Ihr dann nach zehn bis zwölf Stunden den Story-Modus abgeschlossen habt, dann versucht Ihr Euer Glück im Endlosmodus und setzt dort all Euer Wissen und all Eure zuvor erworbenen Fähigkeiten zum Wohle Eures Volkes ein. Denn auch wenn Anno auf Wii im Vergleich zum großen PC-Bruder sehr vereinfacht wurde, so ist die Städte- und Rohstoffplanung doch alles andere als simpel und anspruchslos. Was einfach und zugänglich beginnt, wird mit zunehmender Spieldauer immer komplexer, ohne Euch dabei jedoch irgendwann zu überfordern. Klar, ein gewisses Multitasking-Talent ist später, wenn Ihr mehrere große Siedlungen und zahlreiche kleinere Rohstoffkolonien verwaltet, durchaus praktisch. Trotzdem bleibt Anno stets ein angenehm entspanntes, hektikfreies Vergnügen.

Zwei clevere Elemente etablieren dabei besonders stark den verspielten Gesamteindruck: Auf Wii bastelt Ihr nicht nur fleißig an florierenden Metropolen, Ihr geht auch abenteuerlustig auf Schatzsuche. Für ein paar hundert Goldstücke kauft Ihr Schatzkarten und setzt dann Segel in Richtung der angezeigten Stelle. Nach kurzer Suche ist die Kiste schnell gefunden und dann gilt es, die Segel zu setzen. Natürlich sind sofort fiese Piraten hinter Euch her. Schafft Ihr es aber, den Schatz wohlbehalten zu Eurem Kontor zu bringen, freut Ihr Euch über ordentlich Kohle oder einen Batzen wertvoller Rohstoffe, die entsprechend Euren Bedürfnissen ausgewählt werden. Wie 20 Tonnen Kräuter sich in einer Holzkiste auf dem Grund des Meeres frisch halten können, lassen wir mal dahingestellt...

Neben den Schatzsuchen hat Keen Games ein motivierendes Achievement-System implementiert. Natürlich vergibt die Wii keine Gamerscore-Punkte, trotzdem wird das Erreichen bestimmter Marken belohnt. Wenn Ihr fünf Schätze hebt oder eine gewisse Menge eines Rohstoffs bunkert, werdet Ihr nicht nur mit einer Medaille belohnt, Ihr dürft auf ein weiteres Stück der Weltkarte öffnen. Das sorgt immer wieder für kurzfristige Zwischenziele, interessante Belohnungen und beugt so auf durchdachte Weise Leerlauf und Langeweile vor. Aber all das ließe sich natürlich auch problemlos auf jeder anderen Hardware verwirklichen...

Was macht Anno jetzt also so extrem Wii-tauglich? Tatsächlich sind das gleich mehrere Faktoren. Zunächst wurde die Steuerung ganz vorzüglich an die WiiMote angepasst. Scrollen, bauen, Schiffe lenken, dank intelligenter Tastenbelegung und clever angelegter Ringmenüs gehen Bauvorhaben, Besteuerung des Volkes, Schatzsuche und An- und Verkauf von Rohstoffen wunderbar einfach von der Hand. Die Wiimote wird intelligent genutzt, die Erkennung Eurer Bewegungen ist besonders in der stärksten der drei Zoom-Stufen sehr fein und genau. Natürlich ist eine gute PC-Maus immer ein Stück genauer, aber die Wii-Kontrollen wissen trotzdem bei Anno: Erschaffe eine neue Welt auf ganzer Linie zu überzeugen.

Das ist aber nicht alles, durch ein paar kluge Kniffe wird die Griffigkeit der Steuerung noch verstärkt. Stimmige Soundeffekte untermalen jede Aktion angemessen, es fühlt sich einfach gut an, wenn man mit einem satten „plumps“ ein neues Wohnhaus in seiner Siedlung platziert. Und wenn ein zweiter Spieler zur Hand ist, dann kann der mit ein paar kleinen WiiMote-Aktionen auch jederzeit unterstützend ins Spielgeschehen eingreifen. Beispielsweise ein Schiff etwas beschleunigen, in dem er mit der Mote Kreise darum zieht, oder mal schnell auf Klick ein Feuer löschen. Diese kleinen, aber feinen Details sind es, die das Gesamt-Spielspaß-Paket Anno so unheimlich wertig machen.

Das Gleiche gilt für die Grafik. Keen Games/ Blue Byte war von Anfang an klar, dass es nicht möglich sein wird, die ultra-detaillierte Grafik der PC-Fassung auch nur ansatzweise auf die TV-Auflösung der Wii zu übertragen. Also hat man sich wieder für den elegantesten und kreativsten Weg entschieden: Anstatt zu versuchen, einen halbgaren Abklatsch zu schaffen, wurde die komplette Grafik neu gezeichnet und berechnet.

Anno: Erschaffe eine Neue Welt setzt demzufolge auf einen bunten, sympathischen und detaillierten Comic-Look mit einer Farbcodierung, bei der auf den ersten Blick klar ist, ob ein Gebäude nun ein Wohnhaus oder ein Rohstoff-Betrieb ist. Technisch ist Anno dabei absolut sauber, kein Grafikfehler trübt den Gesamteindruck, egal wie wuselig das Geschehen auf dem Bildschirm sich entwickelt.

Für den Story-Modus wurden hübsche Zwischensequenzen gezeichnet, in denen sich die Kamera bewegt, auf Protagonisten zoomt und so auch den statischen Artworks eine angenehme Dynamik verleiht. Sämtliche Dialoge wurden Ubisoft-typisch von professionellen Sprechen sehr überzeugend synchronisiert, die gute Leistung der Sprecher ist es auch, die dafür sorgt, dass die Figuren-Charakterisierung dem Spieler spontan sympathisch sind.

Natürlich sind die so eindeutig und vorhersehbar charakterisiert, wie es sonst nur bei Peter Lustig und seinem Nachbarn Paschulke aus Löwenzahn der Fall war: Der nette Held macht alles richtig, der eifersüchtige Bruder macht zunächst alles falsch, erkennt dann aber doch, dass der Held eigentlich Recht hat. Und am Schluss sind alle zufrieden. Das ist vielleicht einfach und etwas naiv, aber doch auch einfach mal nett, so als Abwechslung vom Zynismus-geprägten Zocker-Alltag.

Aber genug der Exkursionen ins deutsche Jugendfernsehen und zurück zu Anno. Denn das verdient einen Ehrenplatz in jeder gut sortierten Wii-Sammlung. Ubisoft, Keen Games und Blue Byte haben ein goldenes Händchen bei der Konvertierung – oder sagen wir besser gleich Neuerfindung – des traditionsreichen PC-Hits auf die familienfreundliche Konsole bewiesen. Komplexität, Steuerung, Grafik, Sound – hier wurde einfach alles stimmig eingebunden und verspricht wochenlangen Spielspaß, auch wenn es PC-erfahrenen Annologen auf lange Sicht durch die Vereinfachungen zu anspruchslos sein mag.

Aber für diese Fraktion ist das Wii-Anno auch nicht so wirklich gedacht. Hier sollen neue Fans gefunden werden, Fans wie meine Wenigkeit, die bisher Berührungsängste mit der komplexen PC-Reihe hatten. Und genau für solche Naturen ist die Wii-Fassung der ideale Einstieg. Im Gegensatz zur komplizierten PC-Klickerei, die für unbedarfte Außenstehende oftmals fast schon nach Arbeit aussieht, bietet die Wii-Fassung einen freundlichen, verspielten Zugang zu einem auf Konsole bisher stark unterrepräsentierten Genre.

Und jetzt, nachdem Ubisoft so beeindruckend gezeigt hat, wie ein guter Wii-Titel auszusehen hat, hoffen wir mal, dass sich die anderen Publisher erst ein wenig ärgern und dann ihre Lehren aus diesem exzellenten Stück elektronischer Unterhaltung ziehen. Anno ist kein mauer Abklatsch des grandiosen PC-Originals, sondern eine eigenständige, kreative Interpretation einer zurecht kultigen Serie, die sich nicht durch die besonderen Eigenschaften der exotischen Hardware in die Knie zwingen lässt, sondern durch diese richtig aufblüht.

Anno: Entdecke eine neue Welt ist ab sofort für Wii und DS im Handel erhältlich.

 

 

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