NASCAR 08

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Electronic Arts
X360: NASCAR 08

Gesamtwertung

5/10

X360: NASCAR 08

NASCAR ist in Deutschland vermutlich so populär wie Hallenhalma oder Straßenschach. Kein Vergleich zum Publikumsmagneten Formel 1, obwohl auch dieser seit der Abstinenz von Michael Schuhmacher etliche Zuschauer eingebüßt hat. Am letzten Wochenende lockte der Türkei-Grand Prix gerade mal 5,6 Millionen Schaulustige vor die Glotze - eine glatte Enttäuschung für RTL und Co. NASCAR dürfte da keine ernsthafte Alternative sein, auch wenn die Serie in den Staaten seit Jahren erfolgreicher und populärer ist als die Formel 1.

Warum, erschließt sich allerdings wohl nur Experten. Am genialen Design der Kurse kann es nicht liegen, setzt die amerikanische Rennserie doch lediglich auf die „atemberaubende Faszination einzigartiger Ovale“, die für Freunde von Geschwindigkeitsorgien wie Burnout oder Need for Speed schnell eine einschläfernde Wirkung haben. Grundsätzlich also besonders für das Marketing-Team von Electronic Arts eine große Herausforderung, deutschen Konsolen-Besitzern den Exoten-Renner schmackhaft zu machen.

Während in den USA das NASCAR-Idol Tony Stewart das Cover der diesjährigen Serienauflage ziert, grinst uns in Deutschland Ex-McLaren Rempel-Rüpel Montoya entgegen - okay, ich kann's verstehen, denn Stewart hat hier ungefähr den Bekanntheitsgrad eines durchschnittlichen ADAC-Mechanikers. Ob Montoya da als Werbefigur besser taugt, sei allerdings dahingestellt.

Mir persönlich kommt die NACAR-Serie seit dem Zugang von Juan Pablo sowieso vor wie das soziale Auffangbecken gescheiterter Formel-1-Piloten. Sehen wir mal über meine Abneigung zu Herrn Montoya hinweg und stellen fest, dass die Helden der berühmten amerikanischen Motorsport-Serie dank taufrischer Lizenz auch in der Auflage 08 wieder alle am Start stehen und sich auf den authentischen Speedways mehr oder weniger spannende Rennen liefern.

Denn Spannung liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Schließlich mag es Menschen geben, die in der Endphase eines Schneckenrennens vor lauter Aufregung einen Herzkasper bekommen. Für genau diesen Personenkreis dürfte auch NASCAR '08 ein fantastisches Rennspiel sein. Aber wir wollen uns nicht länger über das offensichtlich monotone Gameplay auslassen, das nur unmerklich mehr bietet als stupides Im-Kreis-Rasen auf den Speedways der USA. Immerhin stehen fast alle Ovale, die Rang und Namen haben, auf dem Terminplan und können erfreulicherweise sogar direkt angewählt werden.

Deutliche Unterschiede zwischen den Rondellen in Daytona, Indianapolis, Kansas, Las Vegas, Michigan und so weiter und so fort gibt allerdings es nicht – NASCAR-Experten werden dieser These vermutlich vehement widersprechen. Schließlich differieren sich diese durch Neigungenwinkel und Kurvenradius, dies hat beim Rennen aber kaum eine Auswirkung. Eine gewisse Monotonie bringt das Thema NASCAR also von Natur aus mit sich, so dass sich über ein langweiliges Gameplay also niemand beschweren darf. Summa Summarum: Man bekommt mit NASCAR '08 eine reinrassige Simulation der Rennserie – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Der Monotonie der Rennen folgend zeigt sich auch der Season-Modus einschläfernd und langweilig. Man heizt über einen Kurs nach dem anderen, sammelt fleißig Punkte und steht am Ende der Saison als Sieger da. Herzlichen Glückwunsch, das war's, ich kann nach Hause gehen.

Ein Hauch von Spannung liegt allerdings beim The Chase-Modus in der Luft, dessen Ziel der eigene Rennstall und das Bestreiten einer kompletten NASCAR Nextel-Cup-Saison inklusive der originalen Rennstrecken und authentisch gestalteten Boliden darstellt. Na immerhin! Auf dem Weg zum Chef des Rennstalls, der dann auch gerne mal an den Feineinstellungen der Boliden herumschrauben darf, um das perfekte Setup zu finden, liegen herausfordernde Aufgaben.

Beispielsweise erwirbt man neue Lizenzen und zieht lukrative Verträge an Land, mit denen neue Stock Cars freigeschaltet werden. Einfaches Gasgeben reicht für NASCAR-Piloten hier jedoch nicht aus, denn spezielle Herausforderungen und brenzlige Situationen gilt es zu meistern: Das Fahrerfeld donnert Runde für Runde durch das Oval von Indianapolis, die Sonne steht tief und nimmt einem fast die Sicht. Jetzt nur keinen Fehler machen und volle Konzentration zeigen. Plötzlich bricht wenige Meter weiter das Heck der Nummer 5 aus. Der Wagen gerät ins Schlingern, kracht nach rechts gegen die Bande, prallt zurück und schleudert quer über die Fahrbahn. Nur mit schnelle Reflexen lässt sich dem Crash entkommen. Dies ist neben den Slingshot-Events eine der wenigen spannenden Aufgaben.

Apropos Slingshots: Wieder ist volle Konzentration gefragt. Meter für Meter schiebt man den eigenen Boliden dem Heck des Kontrahenten entgegen – 900 PS heulen auf und röhren durch das Oval von Daytona. Langsam, aber sicher saugt sich der weiß-rote Racer im Windschatten näher heran. Jetzt heißt es im richtigen Moment ausscheren und vorbeiziehen. Nur das Steuer nicht verreißen – die sensible Handhabung verzeiht keinen Fehler. Das präzise Manöver gelingt bravurös, man ist fast ein bisschen Stolz.

Leider geben die weiteren Aufgaben nur wenig mehr her als simple Überholmanöver oder perfekt getimte Boxenstops. Abwechslung gibt es auf der Strecke zwar auch nicht, aber die Rennen werden schnell zur nervenaufreibenden Herausforderung. Das könnte an der Präzision liegen, mit der man Runde für Runde durch die Speedway-Stadien donnert. Stets die Ideallinie zu finden, den perfekten Ausgangspunkt für die nächste Kurve, und einen möglichst geschmeidigen Übergang auf die Gegengerade – das ist NASCAR 08. Für die einen langweilig, für die anderen Faszination pur. Runde für Runde wieder eine erstklassige Zeit in den Asphalt zu meißeln, ist allerdings schwieriger als am Start angenommen. Immerhin hängt einem das Fahrerfeld mit über 40 Teilnehmern unerbittlich im Nacken und setzt einen permanent unter Druck. Drängeln, schubsen, rempeln, stoßen. Auf den Speedways ist fast alles erlaubt und treibt nicht nur ungeduldige Piloten in den Wahnsinn.

Es ist schon herausfordernd genug, über größere Distanzen keinen einzigen Fahrfehler zu machen, der Konkurrenz ein Schnippchen zu schlagen und die Führung zu behaupten. Wenn dann aber in der letzten Kurve, kurz vor dem Ziel, eine einzige Berührung einen spektakulären Abflug ins Kiesbett macht, möchte man förmlich ins Lenkrad beißen. So ein elender Mist, wieder 10 Runden weggeschmissen und nochmal von vorn anfangen.

NASCAR '08 verzeiht leider keinen einzigen Fehler und bietet im Gegenzug viel zu wenig Action. Ich erwarte keine Formel 1-Saison, aber da die Serie doch von spektakulären Chrashs und rüden Rempeleien geprägt ist, wäre mehr Spannung wünschenswert. Gerangel sollte man wie erwähnt tunlichst vermeiden, es sei denn, man steht auf Wiederholungen schon bekannter Rennen. Staub aufwirbelnde Unfälle und aufeinander schepperndes Blech sind keine Seltenheit, allerdings entzieht die KI Euch sofort die Kontrolle über den NASCAR-Renner, während die Stewarts freudig mit der gelben Flagge winken. Nur die Entscheidung, ob man in die Boxengasse einbiegen möchte oder nicht, bleibt einem selbst überlassen und schafft minimalen taktischen Einschlag.

Ich bin nicht nur frustriert, ich bin auch bitterlich enttäuscht. Die Herausforderungen im Chase-Modus sind weitgehend monoton und unspektakulär und die komplette Saison wird lieblos präsentiert – zu keiner Sekunde kommt die Faszination der NASCAR-Serie zur Geltung. Weder auf der Strecke, noch zwischen den Rennen will richtig Stimmung oder Atmosphäre entflammen, zu sehr lässt die neue Ausgabe die Tugenden seiner Vorgänger hinter sich. Gepaart mit dem hohen Frust, der sich bei jedem Abflug aufstaut, bleibt kaum ein zwingender Kaufgrund. Vielmehr haben Multikonsoleros und Freunde realer Rennserien nur die Wahl zwischen Not und Elend: NASCAR '08 oder Formula One Championship Edition.

Seit dem 23. August fahren NASCAR-Fans zielstrebig im Kreis.

 

 

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