X360: Brütal Legend
Let me hear the battle cry
Calling on the wind
Let me see the banners fly
Before the storm begins
Let me feel the spirits soar
Destroy the enemy
Striking at the evil core
For all the world to see
„Im Multiplayermodus bekommt ihr ein Rock-Konzert und eine gewaltige Schlacht gleichzeitig“, kommentiert der unscheinbare, bärtige und graumelierte Lockenkopf im weißen Hemd das Geschehen auf dem riesigen Flachbildfernseher. Schnell fügt er mit einem Augenzwinkern entschuldigend hinzu: „Ich habe gerade natürlich nur deshalb verloren, weil ich das Spiel erklären musste.“ Ein Schmunzeln geht durch das dunkle Kabuff, das sich Präsentationsraum nennt.
Sekunden zuvor hatte der Lederkutte tragende Pixelheld des Vorführers mächtig auf die Backen bekommen – von einem aus Muskeln und Sehnen bestehenden Dämonenkrieger mit scheinbar mittig genähter Brust, klobigen Pferdefüßen und schwarzer, stachelbewehrter Sado-Maso-Gedächtnis-Maske. Es ist schwierig, die humanoide Kreatur mit dem Namen Doviculus angemessen zu beschreiben. Das gilt aber auch für viele andere Wesen, die sich in dieser, scheinbar einem grellbunten Achtzigerjahre-Heavy-Metal-Plattencover entsprungenen Fantasy-Welt tummeln.
Ja, wenn jemand virtuelle, comicartige Charaktere erschaffen kann, die so bizarr daherkommen, dass sie sich kaum mit Worten beschreiben lassen, hat er wohl was richtig gemacht. Doch stopp, später mehr zur durchgeknallten Brut an Abscheulichkeiten, die vorsichtig formuliert im bewusstseinserweiterten Zustand entstanden zu sein scheinen.
Der Mann vor dem Fernseher, der im Kontrast zur brachialen Musikuntermalung ähnlich gefährlich rüberkommt wie ein Dackelwelpe, heißt Tim Schafer. Das Spiel, das er während der Spielemesse gamescom vorstellt, Brütal Legend (eurogamer.de). Genau genommen präsentiert der 43-jährige Kult-Designer hinter verschlossenen Türen erstmals den Online-Modus. Und der ist angesichts des wilden, actionreichen Solo-Parts überraschend strategielastig. Am Mehrspielermodus basteln die Entwickler übrigens bereits länger als an dem Abenteuer für Alleinstehende. Die meinen es also wirklich ernst mit ihrer alles andere als ernst wirkenden Online-Beigabe!
Tim Schafer tritt mit Eddie an, dem Axt- und Gitarre schwingenden Protagonisten der Einzelspieler-Kampagne, steuert ihn aus der Verfolgersicht über die Karte „The Bleeding Coast“. Sein Alter Ego läuft herum, erhebt sich aber mit einem Paar künstlicher Schwingen auf Wunsch auch gen Himmel, um das Geschehen aus der Vogelperspektive zu überblicken. Oder er nutzt von ihm gerufene Reittiere und Fahrzeuge als Fortbewegungsmittel.
Wenn Eddie nicht gerade kämpfend ins Geschehen eingreift, befehligt er seine Truppen, die „Ironheads“, wie in einem Taktik-Shooter. Entsprechend folgen sie ihm, bleiben im Defensivmodus oder rücken vor zu Wegpunkten, die ihr Herr und Meister festlegt. Der Rest schmeckt schwer nach vereinfachter Echtzeitstrategie: Als „Rohstoffe“, um Einheiten zu beschwören, dienen Fans. Diese liefern stets ein gewisses Maß an Energie, wodurch immer eine Grundversorgung gewährleistet ist. Außerdem lassen einen die treuen Metal-Apostel von den Toten auferstehen, falls ihr Anführer im Gefecht mal die Gitarre abgibt – dadurch verliert ihr allerdings auch 50 eurer Gefolgsleute.
Um den Ressourcenfluss zu steigern, erobert und verteidigt man sogenannte Fan-Geysire, wobei auf jeder der sieben Mehrspieler-Karten mindestens eine dieser Energiequellen existiert. Damit die Metal-Jünger sich euch anschließen, müsst ihr ein kurzes Gitarrensolo hinlegen, das ähnlich wie bei Musikspielen à la Guitar Hero abläuft. Derlei Reaktionstests sind übrigens auch nötig, um mit der Klampfe spezielle Kampfmanöver auszulösen, also etwa Erdbeben oder Blitzschläge. Die Soli unterscheiden sich nicht durch Schwierigkeitsgrade, wie Schafer auf Nachfrage erklärt, sondern lediglich durch die Dauer.
Wer über eine größere Zahl an Fans und damit mehr Menschenmaterial verfügt, kann entsprechend mehr oder stärkere Truppen ausheben. Letztendlich geht es dann darum, die Basis des Gegners zu zerstören. Wobei es sich bei den Stützpunkten um Konzertbühnen handelt, die aufrüstbar sind.
Witzig: In der eigenen Basis könnt ihr euch je nach Ausbaustufe unter anderem ans Mischpult stellen, die Lautstärke erhöhen und die dadurch entstehenden Schallwellen als Abwehrmaßnahme gegen Feinde nutzen. Oder die Belagerer mit Trockeneis bombardieren. Alternativ zeigt Tim Schafer, wie sich Eddie hinter einen Scheinwerfer klemmt und ihn als Geschützturm missbraucht.
Der Kult-Spielemacher und sein Kollege zeigen an diesem Tag ein Eins-gegen-eins-Duell. Es soll aber möglich sein, dass sich bis zu acht Teilnehmer in zwei Teams virtuell die Köpfe einschlagen. Auch bei mehr als zwei Spielern bekommt jeder seinen eigenen Action-Avatar und die Ressourcen werden aufgeteilt.
Neben Eddies Eisenköpfen warten als wählbare Fraktionen die „Drowning Doom“ um Rockerbraut Ophelia und die „Tainted Coil“ des bereits eingangs erwähnten Dämonenkriegers Doviculus. Jede Partei hat bestimmte Kernfähigkeiten. So setzen etwa die Ironheads vorwiegend auf Feuer, während die Tainted Coil das Wetter beeinflussen.
Einheiten zu beschwören, scheint einfach von der Hand zu gehen. Tim Schafer öffnet per Knopfdruck ein kreisförmiges Menü, in dem pro Kriegsfraktion rund zehn Truppentypen angezeigt werden – von rechts nach links im Uhrzeigersinn die ressourcensparenden beziehungsweise mächtigeren Kampfgenossen. Der Mann am Gamepad wählt einen KI-Kumpel aus und schon wächst vor seinem kleinen Eddie binnen Sekunden ein sogenannter „Thunderhog“ aus dem Boden. Dabei handelt es sich um ein Unterstützungs-Fahrzeug, das in der nähe befindliche Infanterieeinheiten heilt; einen Priester auf Rädern, um es massentauglich und Online-Rollenspiel-gemäß auszudrücken.
Wie eingangs angedeutet, lebt der Mehrspielermodus von Brütal Legend hauptsächlich von den skurrilen Einheiten. Deshalb schoss mir auch sofort durch den Kopf, dass dieses Spiel einfach nur krank, krank, krank und krank ist. Und krank. Und natürlich krank. Kampfnonnen, Typen mit im Bauch wachsenden Killerratten und Kinderwagen, in denen bissige Babys hausen, gehören da fast noch zum Standardprogramm.
Aufseiten von Doviculus hat mich ein Dingensbumsenskirchen besonders beeindruckt, das sich – und da haben wir's wieder – äußert schwierig beschreiben lässt. Man stelle sich zwei mindestens fünf Meter lange Storchenbeine vor, zwischen denen ein Folterkäfig baumelt. Neee, es gibt weder einen Rumpf, noch einen Kopf dazu, es handelt sich tatsächlich nur um zwei Gliedmaßen. Was sich auch auch immer in dem Käfig dazwischen befindet, es blutet wie ein Schwein. Und zwar so sehr aus jeder Pore, dass man es nicht erkennen kann. Fest steht nur, dass die hektorliterweise herausseuchende rote Suppe Feinde verätzt. Nein, ich möchte wirklich nicht wissen, was Herr Schafer und seine Kollegen in ihrer Freizeit für Pilze rauchen.
Ähnlich augenbrauenhebend wirkt ein fetter Sklave, der auf allen Vieren übers Schlachtfeld schwabbelt. Noch so ein Sado-Maso-Heinz! Im Rücken stecken mehrere Speere, sodass eine Hobby-Akupunktur beim Metzger um die Ecke dagegen Erholung pur verspricht. Natürlich kann Herr und Gebieter Doviculus auf dem Speckgebirge reiten. Er rupft sogar die Spieße aus dem Kreuz, um diese auf Feinde zu schleudern. Womit wir bei der sogenannten „Double Team“-Funktion wären.
Nahezu jede Einheit hat im Zusammenspiel mit ihrem Feldherrn eine besondere Fähigkeit. Die headbangenden Rocker von Eddie etwa formen auf Wunsch um ihn herum einen Moshpit. Mit der Thematik nicht vertrauten Lesern sei erläutert, dass es sich dabei um einen aus tanzenden/zuckenden Menschenleibern gebildeten Kreis handelt, der normalerweise vor Konzertbühnen entsteht. Im Fall von Brütal Legend schützt dieser Ring den Helden. Und noch ein zweites Beispiel: Ophelias „Grave Digger“ schaufeln Gräber, in die ihre Meisterin springen, sich anschließend unterirdisch fortbewegen und mit einer gewaltigen Explosion zwischen Feinden wieder auftauchen kann. Rock 'n' Roll, Baby!
Wer mich kennt, der weiß, dass ich Strategiespiele ähnlich sexy finde wie Frau Merkel. Das wird im Fall von Brütal Legend kaum anders sein. Herrn Schafer bei seinem absurden Treiben zuzuschauen, hat aber außergewöhnlich viel Spaß gemacht. Deshalb glaube ich, dass der Mehrspielermodus seines neuen Babys viele Freunde findet. Besonders in geschlossenen Nervenheilanstalten. Natürlich hängt viel davon ab, wie die Balance der Kriegsparteien und Einheiten ausfällt. Das lässt sich derzeit nicht abschätzen, ich wiederhole mich aber gern: Wenn jemand virtuelle, comicartige Charaktere erschaffen kann, die so bizarr und einzigartig wirken, dass sie sich kaum mit Worten beschreiben lassen, hat er schon mal ganz viel richtig gemacht.
Brütal Legend soll am 15. Oktober für Xbox360 und PlayStation 3 erscheinen – komplett auf Deutsch und ungeschnitten.




