Eye of Judgment

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Sony Computer Entertainment Europe
Entwickler
Sony Computer Entertainment
Genre
Strategie
PS3: Eye of Judgment

Gesamtwertung

8/10

PS3: Eye of Judgment

Es ist Abend in Nürnberg. Im Zuhause unserer Chefredakteurin knistert das Kaminfeuer. Einer Einladung folgend strecke ich nach getaner Arbeit die Füße aus und genieße den verdienten Feierabend. Den gesamten Tag haben wir vor der Flimmerkiste verbracht, Texte geschrieben und uns die Daumen wundgespielt. Nun wollen wir den Tag mit einem Glas Wein und einem netten Gespräch ausklingen lassen.

Aber die Welt der Spiele lässt uns nicht aus ihren Klauen. Schon nach wenigen Minuten kribbelt es in unseren Fingern. Wir wollen, nein, wir müssen noch etwas zocken und am besten ohne Joypad oder Maus. Da strahlt uns in der Ecke die wunderschöne Promo-Kiste von Eye of Judgment an. Als alte Kartenspieler und Final Fantasy-Fans stürzen wir uns auf die edle Pappbox, packen voller Verzückung die ganzen Utensilien aus und machen es uns auf dem Boden gemütlich.

Direkt vor den großen Fernseher wird die beiliegende Stoffmatte platziert. Mit einem Plastik-Gestänge befestigen wir das Playstation Eye über der Unterlage und reißen ganz aufgeregt die Karten aus der Verpackung. Auf den ersten Blick wirken sie wie ganz normale Trading Cards. Monster und Zauber verteilen sich gleichmäßig auf das Starterdeck. Um online auftrumpfen zu können, muss man sich zusätzliche Booster-Packs kaufen und sich so ein eigenes, schlagkräftiges Deck zusammenstellen.

Dabei ist schon die Grundausstattung kein echte Schnäppchen. Satte 99 Euro zahlt Ihr für Spiel plus Kamera, müsst für jedes Boosterpack mit 8 Karten 3,50 Euro und für die großen Themendecks 12,50 Euro hinlegen. Immerhin liegt dem Titel ein Startdeck mit 30 Karten und ein Boosterpack bei. Für ein erstes Spieldeck und ein paar Online-Partien reicht das schon mal aus. Um Tricks zu verhindern, müsst Ihr für die Internet-Gefechte erst einmal jede Karte einzeln vor die Kamera halten, danach auf dem Spielfeld lassen und damit Euer Set verifizieren. Gegen den Computer gibt es eine solche Abfrage nicht. Wer möchte, darf hier nach Herz und Laune schummeln.

Die vielfältigen Kreaturen besitzen Angriffs- und Verteidigungswerte, die oft in direkter Verbindung zu ihren Manakosten stehen. Spezialfähigkeiten und Angriffsrichtungen erhöhen die Komplexität und auf den ersten Blick ist es kaum ersichtlich, wie man das Spiel richtig angeht. Doch die Entwickler haben auch daran gedacht und liefern ein hübsches Lehrvideo mit – leider nicht hochauflösend –, dem wir angespannt lauschen.

Der Unterhaltungswert der bewegten Bilder ist vorzüglich. Die seltsamen Vorspieler und die dumpfe Stimme aus dem Off sind für einige Lacher gut. Trotzdem werden zumindest die Grundzüge der Spielregeln vermittelt und wir wagen uns an eine Partie gegen den Computer. Angestachelt durch das Video wollen wir endlich selbst Hand anlegen, aber das Programm möchte zuerst, dass wir die Kamera justieren. Mangels hellem Licht dauert dieser eigentlich einfache Vorgang gefühlte Stunden.

Mit einer Nachttischlampe und viel Geduld gelingt es uns, die Kamera dazu bewegen, die Strichcodes auf den Karten richtig zu lesen. Das Spiel gegen die Konsole ist übrigens ein simples Training, das eigentliche Spiel lebt vom Kampf Mann gegen Mann (bzw. Frau) und bietet neben einem Offline-Mehrspieler auch eine Online-Variante mit Ranglisten an.

Die erste Partie verläuft recht einseitig. Der Computer macht uns sowas von nass, dass wir nur erstaunt auf unser vernichtetes Kartendeck blicken können. Das Spielfeld ist dabei in neun Felder geteilt, die jeweils einem anderen Element angehören. Abwechselnd bekommt man Mana dazu und kann Karten ablegen. Wenn man zum Beispiel einen Feuerdrachen auf ein Feuerfeld legt, bekommt er zusätzliche Lebenspunkte und oft auch noch weitere Spezialfähigkeiten.

Wer am Ende fünf Felder eingenommen hat, wird zum Sieger erklärt. Klingt doch eigentlich einfach, oder? Überraschenderweise sorgen jedoch diverse Spezialfähigkeiten, Zauber und Ausnahmefälle für ein äußerst komplexes Spielvergnügen. Erst nach einem Dutzend Partien gelingt es uns, die KI zu schlagen. Nun wollen wir den nächsten Schritt wagen und verwandeln das Wohnzimmer in ein gigantisches Schlachtfeld.

Es heißt Menne gegen Metzger. Unsere grazile Chefredakteurin gegen den brutalen Schlächter, der am liebsten metertief im Blut watet. Hier zählen keine flinken Finger und monatelanges Training. Wir sind beide auf dem gleichen Stand und können endlich heraus finden, wer von uns der Bessere ist. Anmut gegen pure Kraft, wer wird die Schlacht um die Eye of Judgment Krone gewinnen?

Menne vs. Metzger

Tanja wählt zum Einstand eine schmucke Wasserhexe. Nachdem sie zwei Manapunkte gut geschrieben bekommen hat, kann sie das zarte Wesen auf einem Wasserfeld platzieren. Karte gelegt, erkannt und schon erscheint das wunderhübsche 3D-Modell auf dem Bildschirm. Eine grüne 2 erscheint auf der Kreatur und die Lebenspunkte werden schlagartig um zwei Punkte auf 3 erhöht. Kaum ist der Zug abgeschlossen, zieht meine Wenigkeit freudestrahlend einen Zwerg aus seinem Kartenstapel.

Mit einer triumphierenden Geste setzt er den Gnom neben die Hexe und löst damit einen Angriff aus. Die Darstellung auf dem Bildschirm verändert sich durch einen Kameraschwenk, ein Kampfplatz wird ersichtlich. Der zu kurz geratene Kämpe springt auf die Wasserhexe zu und fügt ihr zwei Schadenspunkte zu. Die Dame revanchiert sich mit einer recht schwachen Magieattacke, die nur einen Lebenspunkt vernichtet und die Runde ist beendet.

Nach zwei mal Aussetzen, um genug Mana zu sammeln, setzt Tanja auf eine Zauberkarte. Mit einem Erdbeben dreht sie das Feld, auf dem der Zwerg steht, herum. Statt seinem Element Erde ist dort nun ein Wald zu sehen. Die abrupte Klimaveränderung haut den Kurzen gleich aus den Socken. Da er an die Erde gebunden ist, fügt ihm den Wald zwei Schadenspunkte zu und er verschwindet auf den Friedhof. Immerhin bekomme ich meine Manapunkte zurück und kann sie in einen dreiköpfigen Höllenhund investieren. Das gute Stück macht fünf Punkte Schaden, wenn es auf einem Feuerfeld platziert wird und kann sich nach drei Seiten verteidigen.

Geschickt platziere ich den Höllenhund so auf einem Feuerfeld, das er sich in jede Richtung verteidigen kann. Auf den Karten findet man nämlich auch Angriffsrichtungen und Schwachpunkte verzeichnet, die den Kampfverlauf entscheidend beeinflussen. Das Wasserwesen hat Pech und wird ein Opfer der Feuerattacke - damit habe ich Boden gut gemacht und dominiere nun die obere Spielhälfte. Noch hat General Metzger die Fäden in der Hand und Fürstin Menne muss sich etwas einfallen lassen, um die Überlegenheit wieder auf ihre Seite zu ziehen.

Ein paar weitere Runden lang tut sich nicht viel. Tanja sammelt nach und nach immer mehr Mana-Punkte, um mich mit einem großen Schlag zu überraschen. Im Gegenzug platziere ich einen weisen Kubus auf die Mitte, der sich im zweiten Zug opfern kann und so jede beliebige Kreatur auf meiner Hand ohne Platzierungskosten auf dem Spielfeld positioniert. Tanja versucht ihn mit einem schwachen Angriff zu vernichten, doch er besitzt die Fähigkeit „Ausweichen“.

Der Angriff geht daneben und ich rufe einen biotischen Gott auf das Spielfeld, der mich eigentlich 9 Manapunkte gekostet hätte. Leider wird durch den Einsatz des Kubus sein Angriff nicht ausgelöst. Stattdessen muss ich weitere sechs Manapunkte sammeln, um seinen gigantischen Schaden über das gesamte Spielbrett zu verteilen.

Doch Tanja hatte einen Plan. Sie ruft einen Feuerdrachen herbei, der sieben Punkte Schaden produziert, eine ganze Reihe attackiert und gerade mal mit einem Manapunkt erneut angreifen kann – so lange er auf einem Feuerfeld steht. Meine Konzentration auf meine Superkarte hat mich die Initiative gekostet. Tanja hat inzwischen vier Kreaturen auf dem Spielfeld platziert und benötigt nur noch einen Angriff, um das Spiel nach Hause zu fahren. Ich versuche mein Glück bei einer schwächeren Kreatur, doch ihre Waldelfe darf einmal ausweichen und mein Angriff geht ins Leere.

Meine Kontrahentin hat nicht mehr genug Manapunkte für eine weitere Kreatur, Ihr Drache fegt indes mit einem Feuerstoß meinen Froschmann und meine Feuermagier vom Spielbrett. Mit dem Katapult kann ich sie zwar noch mal überraschen, die Niederlage ist aber unabwendbar. Zwei Züge später muss ich mich geschlagen geben. Frau Menne ist die bessere Eye of Judgment-Spielerin, ich plappere noch irgendwas von Revanche und verziehe mich mit hängenden Schultern nach Hause.

Ich bin kein guter Verlierer. Deswegen würde ich den Titel wegen dem etwas dünnen Einzelspieler und der fehlenden Hintergrundgeschichte gerne eine Note schlechter machen. Doch erstens würde mich Tanja dann in der Realität um einen Kopf kürzen (O-Ton: 'Wag es dich, das Spiel ist einfach klasse') und zweitens muss ich zugeben, das ich schon lange nicht mehr so viel Spaß hatte.

Die anfangs etwas ungewohnte Mischung aus Analog und Digital funktioniert fantastisch. Es ist einfach schön, dem Gegner die nächste Karte erst einmal triumphierend ins Gesicht zu strecken, bevor man mit einem simplen Zauber seine Superkarte vom Platz fegt.

Diese Interaktion macht die Faszination von Eye of Judgment aus und sollte gerade Trading Card-Spieler begeistern. Endlich erlebt man mal die schicken Geschöpfe in Aktion und kann sich kaum satt sehen an den hübschen Modellen und ihren erstklassigen Animationen. Doch wer keine wahnsinnigen Freunde hat, die bereit sind sich stundenlang in die Materie einzuarbeiten, oder gar den Online-Modus verschmäht, wird schnell vor dem Bildschirm vereinsamen. Eye of Judgement ist derart konsequent auf Mehrspieler ausgelegt, dass die KI-Gefechte über kurz oder lang vollends in den Hintergrund geraten – selbst wenn sie noch so knackig sind. Hier hätte man ruhig eine Kampagne unterbringen können. Übrigens: Ich hab meine Revanche erhalten und gewonnen. Jetzt muss ich mich für die nächste Runde fit machen.

Eye of Judgment ist inklusive dem Playstation Eye ab dem 24. Oktober für 99 Euro erhältlich. In der Box enthalten sind neben den 30 Starterkarten auch ein Boosterpack mit 8 zusätzlichen Karten. Weitere Pakete gibt es dort, wo auch das Spiel erhältlich ist.

 

 

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