Gesamtwertung8/10 |
Die roten Lichter erlöschen. Um mich herum heulen gut zwanzig Motoren auf. Das Publikum kreischt. Und zehn Sekunden später würde, hätte ich keinen Helm auf, mein Haar elegant im 200-km/h-Fahrtwind wehen. Klare Sache: Heute bin ich mal Motorrad-Rennfahrer und ganz nebenbei gerade im Begriff, den großen Preis von Italien zu gewinnen – vorausgesetzt natürlich, in den folgenden fünf Minuten leiste ich mir keine Fehler. Denn die können mich nicht nur ganz schnell meine Führungsposition kosten, sondern im schlimmsten Fall das Rennen vorzeitig für mich beenden. Disziplin, Kontrolle und Perfektion werden abverlangt, wenn man das branchenübliche 250-PS-Geschoss unter dem Hintern hat. Wer sich darüber nicht im Klaren ist und die Voraussetzungen nicht mitbringt, hat – so hart es auch klingt – auf der Piste nichts verloren.
Allerdings soll sich davon niemand abschrecken lassen. Dass die blutigsten aller Anfänger hin und wieder den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen verlieren, ist bei einem solch simulationslastigen Spiel wie MotoGP schlicht und einfach ein ungeschriebenes Gesetz. Wer noch keine Erfahrungen mit der populärsten aller Motorrad-Rennspiel-Serien gemacht hat, wird in den ersten Runden vermutlich die Hälfte der Zeit auf dem Schotter, dem Rasen oder in der Luft verbringen. Bis sich einige Fortschritte sichtbar machen, können gut und gerne mehrere schweißtreibende Tage, wenn nicht gar Wochen vergehen. Und erst dann erschließt sich dem geduldigen Spieler die gesamte Faszination des Motorsports.
Ziel ist die Perfektion. Den optimalen Bremspunkt zu finden, die perfekte Kurve zu nehmen, das ideale Feingefühl für die eigene Maschine zu bekommen, die beste Rundenzeit zu fahren – all das wird den leidenschaftlichen Motorrad-Piloten unglaublich motivieren.
Wer die lange, schwierige (und vermutlich für den einen oder anderen auch recht frustrierende) Einstiegsphase erst einmal überwunden hat, der darf jegliche Vorzüge des vollwertigen Motorradfahrer-Daseins nach Lust und Laune auskosten – angefangen vom Designen und Aufmotzen des eigenen Bikes, über freie Wochenendtouren bis hin zur Teilnahme an der MotoGP-Weltmeisterschaft.
Dabei darf nicht nur auf sämtlichen originalen Rennstrecken (inklusive dem neu hinzugekommenen Misano-Parcours) mächtig Gummi gegeben werden, sondern auch auf den inoffiziellen Extreme-Kursen, von denen einige erst nach und nach freigeschalten werden müssen.
Hier fallen dann auch die größten Veränderungen zum Vorgänger auf. In puncto Streckendesign hat sich nämlich einiges getan. Asphalt-Texturen wirken realistischer als noch in MotoGP 06; Umgebungsobjekte, wie über der Piste kreisende Flugzeuge und Hubschrauber, lebendiger.
Die bildhübschen Hintergründe und die superben Wettereffekte tun ihr Übriges. Für mehr Rennatmosphäre sorgen zudem die begeisterten Zuschauer, von denen jeder einzelne – unabhängig voneinander – seinem eigenen Favoriten zujubelt. Tragt Ihr beispielsweise eine britische Flagge auf Eurem Helm, brechen Begeisterungsstürme der englischen Fans los, sobald Ihr an den Tribünen vorbeiheizt. Brillant!
MotoGP 07 ist überaus simulationslastig und parallel dazu unglaublich schwer. Das rasante, feinfühlige Gameplay wird Euch einiges abverlangen und spätestens auf dem dritten Schwierigkeitsgrad häufig zum Controller-in-die-Ecke-schmeißen verführen. Der Simulationsgrad ist je nach Vorliebe regulierbar und sorgt bei Bedarf für eine höhere beziehungsweise niedrigere Toleranzschwelle der Crashs.
Besonders realistisches Fahrgefühl verspricht überdies der intelligent genutzte Rumble-Effekt. So schüttelt sich das Pad nicht nur beim Ausflug ins Kiesbett, sondern auch, sobald Ihr eine gewisse Geschwindigkeitsgrenze überschreitet - und simuliert damit überzeugend den vibrierenden Motorradlenker.
Wer alleine schnell von der Langeweile heimgesucht wird und keine drei Mitspieler zur Hand hat, kann sich auch im Internet richtig austoben. Die Jungs von Climax spendierten dem neuen MotoGP-Ableger einen prall gefüllten Online-Modus, den wir mangels Konkurrenz jedoch leider noch nicht testen konnten. Die Fakten sprechen allerdings für sich. Freie Rennen, in denen sämtliche Einstellungen uneingeschränkt konfiguriert werden können, Turniere mit bis zu insgesamt 16 Teilnehmern sowie der neue Pink-Slip-Modus, in dem die eigens designten Bikes den Wetteinsatz darstellen, garantieren schier endlose Freude am Spiel.
Wo wir gerade beim Thema sind: Eure Motorräder könnt Ihr nach Belieben lackieren, mit Abzeichen und Logos versehen und bis zu einem gewissen Grad pimpen. Der dazugehörige Overall erstrahlt selbstredend ebenfalls im von Euch bevorzugten Design.
So weit, so gut. Allerdings bleibt auch ein MotoGP nicht vor kleineren Mängeln verschont. Die bei den früheren Teilen oftmals kritisierten Ruckler sind auch beim 07er in eingeschränkter Form vorhanden. Sobald man sich in die Kurve legt, geht die Framerate geringfügig, aber dennoch spürbar in die Knie. An unserem Testmuster gemessen variieren die kleinen Slowdowns jedoch von Strecke zu Strecke und sind teilweise auch von der Einstellung des Simulationsgrades abhängig. Um meine persönliche Meinung ins Spiel zu bringen: Mich hat's nichts gestört. Aber diesen Patzer verzeiht sicherlich nicht jeder so leicht...
Hinzu kommt, dass Ihr nach einem Sturz jedes Mal vom Kiesbett aus neu starten müsst und nicht gleich auf die Strecke zurückgesetzt werdet – ganz zum Ärgernis der Kenner der Vorgänger. Auch die Ladezeiten hätten etwas abgespeckter ausfallen können. Denn trotz der hübschen Streckenansicht aus Hubschrauberperspektive ist das fünfzehn- bis zwanzigsekündige Warten vor dem Startschuss nicht leicht verdaulich. Ob man darüber hinaus dem Spiel das fehlende Schadensmodell und die laue Inszenierung in Form von ruckelnden Rendersequenzen und kaum erwähnenswerten Siegerehrungen als Minuspunkt ankreiden möchte, bleibt jedem selbst überlassen.
Ja, MotoGP 07 hat diverse kleinere Häkchen. Allerdings überwiegen die positiven Aspekte um Längen. Das Spiel unterscheidet sich nicht groß von den Vorgängern, sondern macht einfach alles noch ein Stück besser. Lohnt sich der Kauf für Besitzer des 06er's trotzdem? Schwierig. Der Online-Modus könnte knallen und das Renn-Feeling kommt durch die optisch aufpolierte Präsentation noch einen Tick besser rüber als bisher. Ob diese Argumentation für den Kauf ausreicht, liegt in der Entscheidung des Einzelnen. Fakt ist: MotoGP 07 steht seinen Vorgängern in nichts nach, verweilt durch die wenigen „wirklichen“ Neuerungen jedoch auf demselben Niveau – demselben SEHR GUTEN Niveau, wohlgemerkt.
Nach wie vor fängt MotoGP das atmosphärische Rennfahrer-Feeling, gepaart mit extravaganter Fahrphysik und einem großzügigen Schuss Realismus so vortrefflich ein, wie kein anderer Genre-Vertreter. Darüber hinaus vermag der Online-Modus das ohnehin schon bis zum bersten voll gestopfte Bündel zu bereichern und sorgt – sofern Mitfahrer vorhanden - bei bestehender Internetverbindung für spannende Mehrspielerduelle. MotoGP 07 ist ein großartiges Spiel, das auf die Tugenden der Vorgänger aufbaut und einige Belange grandios weiterentwickelt. Bleibt nur noch eine Sache: Wer mit Motorsport absolut nix anfangen kann, wird seine Einstellung hiermit auch nicht ändern.
Der Startschuss fiel bereits am 24. August. Leibhaftige Rennfahrernaturen sollten sich umgehend für den Kauf qualifizieren.