The Witcher

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Atari
Entwickler
CD Projekt
Genre
Andere
PC: The Witcher

Gesamtwertung

8/10

PC: The Witcher

Die Welt der Rollenspiele hat mit gewaltigen Vorurteilen zu kämpfen. Damit sind nicht die hämischen Blicke der Altersgenossen gemeint, wenn man nur mit Bleistift und Papier bewaffnet in die Welt der Pen&Paper-Rollenspiele versinkt. Nein, es sind die starren Muster der Herr der Ringe-Trilogie, die bis heute das Fantasy-Universum in ihrem eisernen Griff halten. Orks sind böse, Elfen gut und Sex findet nur in den Träumen der Spielergemeinde statt. Es ist eine Welt bestehend aus schwarz und weiß. Jeder weiß, wo sein Platz ist. Niemand zweifelt, was richtig oder falsch ist. Nur eines steht fest: Am Ende gewinnt das Gute.

Natürlich gibt es auch ein paar chaotische Charaktere, die sich nicht so recht an die Konventionen der Spielwelt halten wollen. Doch geht es erst einmal gegen den Erzfeind, steht jeder auf der richtigen Seite.

Selbst der böse 'Hauptcharakter' aus Overlord bezwingt am Ende einen noch größeren Bösewicht, um die Spielwelt nicht im Leid zu ertränken.

Die Entwicklungsmöglichkeiten sind beschränkt, das Ziel immer klar vor Augen und die oft ausgelutschten Geschichten wiederholen sich bis zum Erbrechen. Wer Abwechslung sucht, wird nur selten fündig.

Doch es gibt Hoffnung. Ein polnischer Autor wehrt sich gegen diese Klischees. Andrzej Sapkowskis Welt ist moderner. Zu den Fantasy-Wesen und Zauberkräften gesellen sich harte Drogen, mordende Freiheitskämpfer und wilder Sex. Moral ist in seinen Büchern eine zwiespältige Angelegenheit. Die Charaktere haben oft finstere Hintergedanken und selbst der strahlende Held Geralt jagt so ziemlich jedem Rockzipfel hinterher, der ihm über den Weg läuft.

Außerdem sind die Motive des magisch begabten Hexers nicht von Ruhm, Ehre und Weltfrieden bestimmt. Dem Söldner geht es um den schnöden Mammon und das blanke Überleben. Erst wenn das Gold in seiner Tasche klimpert, geht er seinem Job als Monsterjäger nach. So ist die Welt von The Witcher nicht schwarz oder weiß, sondern meistens einfach nur grau.

Geralt ist also ein fantastischer Protagonist für das ambitionierteste Rollenspiel-Abenteuer in der Geschichte der polnischen Spiele-Entwicklung. Satte vier Jahre verbrachten die Entwickler CD Projekt mit einer faszinierenden Welt, die nun - mit ein paar Startproblemen - auf Eure Entdeckung wartet. Gleich zum Verkaufsstart gibt es einen gewaltigen Patch, der über 200 Probleme der Verkaufsfassung beseitigt. Nichts Dramatisches im Ausmaß eines Gothic 3, aber genug, um das Update zu einer Pflichtveranstaltung zu machen.

Da das 112 Mbyte große Paket schon zum Release zur Verfügung stand, haben wir es natürlich in unseren Test mit einbezogen. Es gab zwar auch nach der Installation ein paar Abstürze, doch über weite Strecken war das Spiel ohne Probleme spielbar.

Die Geschichte des Spiels folgt nicht einem Buch des Autors, sondern wurde in Zusammenarbeit mit ihm extra für das Spiel entworfen. CD Projekt griff dabei auf einen beliebten Trick in der Spielebranche zurück, um eine neue Marke einzuführen: Geralt leidet nach einem Kampf an einer schweren Amnesie. Nach und nach muss er gemeinsam mit dem Spieler seine Welt neu entdecken, alte Freunde wieder finden und neue Freundschaften schließen. Sein großes Ziel ist die Vernichtung der Salamandar-Sekte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Witcher und die übrigen 'Anderlinge' endgültig auszulöschen.

Gleich der Einstieg beginnt mit einer groß angelegten Belagerung einer Hexer-Festung, wo der noch etwas verwirrte Geralt gegen plumpe Schwertkämpfer, einen mächtigen Zauberer und ein gewaltiges Insektenmonster antreten muss. Die Entwickler bringen dem Spieler dabei gleich das innovative Kampf- und das eher rudimentäre Magiesystem näher. Während man Zauber einfach per rechter Maustaste auslöst, kommt es beim Schwertkampf darauf an, neben der richtigen Klinge auch den passenden Kampfstil einzusetzen.

Die Grundregeln sind dabei recht übersichtlich: Das Silberschwert ist für den Einsatz gegen Monster gedacht, das Stahlschwert gegen Menschen. Mit dem starken Angriffsstil wird man mit schwerfälligen Gegnern fertig, mit schnellen Stößen erwischt man flinke Kämpfer und den Gruppenstil packt man bei Unterzahl aus. Zusätzlich muss man den richtigen Rhythmus finden, um die Angriffsserien nicht zu unterbrechen.

Mit dem ersten Klick löst man mehrere erstklassig animierte Schläge aus, die man durch das richtige Timing ständig erweitern kann. Das erfordert Konzentration und hebt sich erfrischend von anderen Rollenspiel-Systemen ab. Leider reagiert Geralt manchmal etwas träge und der Gruppenstil erscheint auf den ersten Blick zu mächtig. Wenn man den Dreh aber erst einmal heraus hat, schnetzelt man sich vergnügt durch die Gegnerhorden und lässt sich von diesen kleinen Fehlern nicht beeindrucken.

Ebenso erfrischend ist das Upgrade-System. Attribute und Fähigkeiten sind hier nicht klar getrennt. Investiert man in einen zusätzlichen Schlag, gibt es obendrein einen Bonus auf andere Bereiche. Wirkliches 'Verskillen' fällt somit also fast flach. Bei der Herstellung von Drogen und Tränken könnt Ihr ebenfalls Eurer Kreativität freien Lauf lassen. Wenn Ihr Euch nicht an die Rezepte haltet, springen dabei zwar auch echte Giftbrühen raus, doch ein Hexer steckt das eigentlich ganz gut weg. Auch bei lustigen Minispielchen, wie einem Wettsaufen, verändert sich Euer Gesundheitszustand. Erst ist alles verschwommen, dann kippt Ihr bewusstlos nach hinten weg – ganz wie in der Realität.

Habt Ihr den ersten Level überstanden, wird die Welt deutlich weitläufiger, auch wenn sie nie mit einem Oblivion oder Gothic mithalten kann. Ihr bewegt Euch auf recht engen Pfaden und müsst auch mit Zäunen und Büschen als Levelbegrenzung leben. Scheinbar musste hier der alten Grafikengine Tribut gezollt werden und die Bewegungsfreiheit wurde stark eingeschränkt. Zu allem Überfluss müsst Ihr mit häufigen und oft langen Ladezeiten leben, die das sonst recht flotte Gameplay immer wieder aus dem Tritt bringen.

Wer aber die Geduld aufbringt, wird im Gegenzug mit einer bombastischen Grafik belohnt, die vor allem in punkto Design die erwähnte Konkurrenz deutlich in den Schatten stellt. Die vorgerenderten Zwischensequenzen, die glaubhaften Gebäude, die fantasievollen Monstern und die herrliche Ausleuchtung versprühen eine solche Wertigkeit, dass sich viele etablierte Entwickler eine gehörige Scheibe davon abschneiden sollten. Fällt zartes in eine dunkle Kloake ein und spiegelt sich eine mittelalterliche Festungsanlage im Burggraben, wähnt man sich sofort mitten in diesem einmaligen Fantasy-Szenario.

Besonders atmosphärisch ist hier die Schulterperspektive, die sich nicht nur deutlich einfacher steuert als die klassische Iso-Ansicht, sondern die Charaktere in all ihrer Pracht viel näher an das Geschehen heran holt. Einziger Wermutstropfen: Die NPCs sind nicht variantenreich genug.

Auf einige Modelle trifft man immer wieder, ein wenig Abwechslung wäre deutlich besser gewesen. Dafür sind die Quests wunderschöne Kausalketten, die immer wieder durch Entscheidungen die gesamte Spielwelt beeinflussen. Verhindert man zum Beispiel zu Beginn den Klau eines Mutagens trifft man später nicht auf mörderische Genzüchtungen. Man muss aber im Gegenzug auf einen Mitstreiter verzichten.

Durch die zeitliche Distanz zu den getroffene Entscheidungen entstehen echte moralische Konflikte, die sich hervorragend in die Geschichte integrieren. Eigentlich klare Wege werden auf einmal wieder undeutlich, man hält inne und denkt wirklich darüber nach. In Kombination mit den glaubhaften Charakteren entsteht so eine enorm dichte Atmosphäre, der man auch ein paar Lücken in der Story verzeiht.

The Witcher verlangt manchmal etwas Kreativität, um den Gedankensprüngen des Autoren zu folgen. Unterstützt durch die schwache deutsche Sprachausgabe hinterlassen einige Zwischensequenzen mehr Fragen, als dass sie Antworten liefern. Doch wer sich wirklich auf die Spielwelt einlässt, kann diese Lücken recht schnell wieder mit Informationen füllen.

Während also die Hauptstory etwas unter Planlosigkeit leidet, verzücken die ganzen Nebenquests und Minispiele mit witzigen Einfällen, spannenden Charakteren und sinnvollen Aufträgen. Gleich zu Beginn gibt es zum Beispiel ein Würfelpokerspiel zu entdecken, bei dem wild Kniffel und Texas-Hold'em vermischt wird. Mit etwas Geschick kann man so sein Geld sinnvoll zum Bestechen oder das Bezahlen einer Prostituierten nutzen.

Die anderen Trophäen, äh, Damen muss man übrigens mit Gefälligkeiten und Geschenken gefügig machen, nur wenige, wie die Zauberin Triss gleich zu Beginn, geben sich einfach so dem Hexer hin. Als Belohnung gibt es dann eine verwaschene Sexszene und ein schickes Pin-Up-Bild. Eine herrlich sexistische Angelegenheit, die die Identifikation mit unserem Helden deutlich einfacher macht.

Bei der Musik gibt es keine großen Überraschungen, routinierter Orchestersound schafft die passende Grundlage für ein zünftiges Fantasy-Spektakel. Um dem Debakel der deutschen Sprachausgabe auszuweichen, kann man gleich zu Beginn auch die englische installieren. Deren Sprecher machen einen deutlich engagierteren Eindruck und auch die Lippensynchronität ist gegeben. Bei den Hardwareanforderungen sollte man einen einigermaßen aktuellen Rechner besitzen. Für die volle Grafikpracht darf es dann auch gleich eine starke Nvidia-Grafikkarte und ein Dual-Core-Rechner sein. Die alte Grafikengine ist deutlich hungriger als es anfangs den Eindruck macht.

Oblivion mag beeindruckender sein, Gothic 3 mehr Freiheiten bieten und Neverwinter Nights 2 mit vielen spielbaren Charakteren auftrumpfen. Trotzdem gebe ich dem Witcher jederzeit den Vorzug. Und das obwohl das Gameplay teilweise etwas sperrig ist und die Interaktionsmöglichkeiten insgesamt zu mager. Die Art Direktion und die fantastische Spielwelt als solche sorgt für ein glaubhaftes Erlebnis. So glaubhaft, dass man gern ein paar Mängel in Kauf nimmt. Schade nur, dass es schon nach 15 Stunden vorbei ist - allerdings gilt das nur für die, die eilig durch die Handlung hetzen. Mit den Nebenaufträgen ist man eine ganze Weile länger beschäftigt.

Lasst Euch also nicht von den Startschwierigkeiten, von denen man hier und da liest, die Laune verderben. The Witcher ist ein einmaliges Rollenspiel, das der versammelten Konkurrenz eine Lehrstunde in Sachen Atmosphäre gibt und Euch mit glaubhaften Charakteren in seinen Bann zieht. Beim nächsten mal klappt es ja auch vielleicht mit einer größeren Spielwelt und kürzeren Ladezeiten. Dann könnte Geralt vielleicht sogar den Genre-Thron erobern.

The Witcher ist seit dem 26. Oktober erhältlich. Den wichtigen Day-One-Patch sollte man direkt nach der Installation per Auto-Update herunterladen.

 

 

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