Dark Sector

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
D3Publisher of Europe
Entwickler
Digital Extremes
Genre
Shooter
X360: Dark Sector

X360: Dark Sector

Ich hatte Digital Extremes eigentlich schon aufgegeben. Nach dem erstklassigen Unreal Tournament und einem gerade noch erträglichen Unreal 2 ging es mit den Entwicklern ständig bergab. Egoshooter-Fans blutet noch heute das Herz, wenn sie die Namen Pariah oder Warpath hören. Trotz bewährter Technologie wurden die Spieler mit ausgelutschtem Gameplay und unsäglicher Grafik gefoltert. Da half es auch nichts, dass es bei Pariah einen Quasi-Vorgänger der Halo 3-Forge gab. Beide Titel waren höchstens durchschnittlich und kassierten weltweit katastrophale Wertungen.

Ein ähnliches Schicksal schien auch Dark Sector zu treffen. Vor vier Jahren erstmals mit einem Weltraumszenario vorgestellt, warf die Entwicklertruppe aus Kanada das Konzept nach der ersten Präsentation komplett um, begann spielerisch wieder bei Null und versetzte die Story in ein fiktives Ostblock-Land. Der ehemalige Astronaut Hayden Tenno wurde zu einem amerikanischen Geheimagenten und die Aliens durch Infizierte ersetzt – Resident Evil 4 lässt grüßen.

Beim Gameplay bediente sich Digital Extremes der aktuellen Mode, versetzte die Perspektive über die Schulter und klaute beim Deckungssystem fleißig bei Gears of War. Ein chaotischer Ansatz, der eigentlich gar nicht funktionieren kann, oder doch?

Zumindest der Einstieg überrascht: Im coolen Schwarz-Weiss-Look führt Ihr den Geheimagenten in eine Biowaffen-Fabrik, die nach einer Explosion die gesamte Umgebung vergiftet hat. Geschützt durch ein Antiserum und eine Gasmaske muss sich Hayden Tenno im klassischen Shooter-Stil durch Horden von aggressiven Gegnern kämpfen. Anfangs nur ausgerüstet mit einer Pistole, liefert Ihr Euch harte Stellungskämpfe, bei denen Ihr die Steuerung erlernt. Erst nachdem Ihr selbst infiziert wurdet, stehen Euch neue Möglichkeiten zur Verfügung.

Wer Titel wie Gears of War oder Uncharted kennt, weiss, was ihn erwartet. Ihr hechtet von Deckung zu Deckung, visiert auf Knopfdruck die einigermaßen intelligenten Gegner an und säubert einen Raum nach dem anderen. Selbst die Rennfunktion mit dramatischem Kameraschwenk wurde eingebaut.

Das bewährte System funktioniert überraschend gut. Anfangs fehlt zwar noch etwas Abwechslung, aber dank des fleißigen Ideenklaus wissen die Feuergefechte von Anfang an zu begeistern. Einziges Manko: Die Laufgeschwindigkeit Eures Helden ist viel zu langsam. Das Ausweichen und Stellung beziehen dauert viel zu lange. Selbst der Weg zum nächsten Levelabschnitt wird in engen Räumen zur Qual, denn Rennen könnt Ihr nur in offenen Arealen. In Kombination mit den oft viel zu langen Kampfsequenzen, bekommt Ihr das Gefühl, dass Digital Extremes das Spiel künstlich verlängert hat.

Auch ständig auftauchende neue Ziele verstärken diesen Eindruck. Pro Bereich werden Euch locker drei Mal so viel Gegner vorgesetzt wie bei der Konkurrenz. Gut, dass Hayden mit der Zeit immer stärker wird und immer neue Möglichkeiten bekommt, die Bösewichter auf die Matte zu schicken. Die Vernichtung der Horden wird so selten langweilig, obwohl diese Design-Entscheidung die Geschwindigkeit des Titels deutlich reduziert.

Das Schlüsselelement für den Spielspaß ist die so genannte Glaive. Dieser Kreisförmige Metallbumerang ist das einzige, wirklich innovative Element des Spiels und begeistert auf Anhieb. Nachdem Ihr selbst infiziert wurdet, wächst Euch die ungewöhnliche Waffe aus der Hand. Auf Knopfdruck könnt Ihr sie in Richtung Gegner schleudern und sie kommt nach einer kurzen Flugphase wieder zu Euch zurück – Predator lässt grüßen. Trefft Ihr direkt den Hals, wird der Kopf stilecht vom Körper getrennt, bei anderen Körperteilen braucht Ihr mehrere Treffer, um sie mit sauberen Schnitte zu amputieren – ein Grund wieso der Titel nur als Import erhältlich ist.

Gleichzeitig mit Eurem Wurfgeschoss könnt Ihr eine leichte Handfeuerwaffe benutzen und auch ein großes Gewehr mit Euch herum schleppen. Die gegnerischen Schrotflinten, Sturmgewehre und Raketenwerfer könnt Ihr nur für wenige Minuten verwenden. Die speziell präparierten Waffen erkennen Euren Status als Infizierter und vernichten sich nach einer Weile von selbst. So seid Ihr dazu gezwungen, mehr von Eurer Wurfwaffe Gebrauch zu machen und Euch auf dem Schwarzmarkt ungesicherte Waffen zu kaufen.

Dort könnt Ihr Eure aktuellen Schießprügel auch mit verschiedenen Upgrades verbessern. Ein taktisches Element, was vor allem in den späteren Levels zum Tragen kommt. Setzt Ihr zum Beispiel ein Enferon-Addon ein, richtet Ihr mit Eurer Maschinenpistole bei Infizierte mehr Schaden an, während Ihr mit mehr Durchschlagskraft vor allem menschliche Gegner deutlich schneller in die Jagdgründe befördert.

Anfangs ist der Spezial-Shuriken nur eine nette Ergänzung des Waffenarsenals, dem nie die Munition ausgeht. Doch mit der fortschreitenden Infektion bekommt das gute Stück ein paar einmalige Fähigkeiten, die dem Titel endlich die verdiente Abwechslung verschaffen. Besonders kurzweilig ist die Fernsteuerfunktion, mit der Ihr das Geschoss nach dem Abwurf lenken und so selbst Gegner hinter einer Deckung erwischen könnt.

Im weiteren Spielverlauf könnt Ihr diese Funktion mit anderen Fähigkeiten verknüpfen. So müsst Ihr zum Beispiel die Waffe an einer Stromquelle aufladen, um eine elektrische Tür zu öffnen, doch leider ist der direkte Weg versperrt. Also müsst Ihr die Scheibe an den Hindernissen vorbei in die Elektrizitätsquelle steuern, um das Rätsel zu lösen und weiter zu kommen.

Aus den drei unterschiedlichen Elemente, die das Wurfgeschoss aufnehmen kann, ergeben sich verschiedene Gameplay-Varianten. Habt Ihr das gute Stück an einer Feuerquelle in Brand gesetzt, könnt Ihr zugeschleimte Ausgänge anzünden. Wurde es stattdessen schockgefroren, löscht Ihr mit einem Wurf brennende Barrikaden oder friert Wasserflächen ein. Die Elektrizität hilft nicht nur bei Türen, sondern setzt auch Fahrstühle in Gang und betäubt mechanische Gegner.

Später könnt Ihr das Element per Knopfdruck explosionsartig an die Umgebung abgeben und zusätzlich einen Schutzschild generieren. Digital Extremes hat alles auf dieses Gameplay-Element gesetzt und gewonnen. Ohne das Wurfgeschoss wäre Dark Sector nur ein langweiliger Standard-Shooter mit sehr guter Grafik und mittelmäßiger Story.

Dank der Wunderwaffe stehen Euch in jedem Abschnitt dutzende Varianten zur Verfügung, das vielfältige Gegnerangebot wieder in die Hölle zu schicken. Nur auf große Entfernung müsst Ihr auf normale Schusswaffen zurückgreifen, denn die Glaive besitzt nur eine beschränkte Reichweite. Kommt Euch ein Monster zu nah, könnt Ihr auch in den Nahkampf gehen, obwohl dieser deutlich zu schwach ausgefallen ist. Ihr benötigt viel zu lange, um Euer Opfer aus zu schalten, nur selten bekommt Ihr die Möglichkeit sie per Finishing-Move mit einer Attacke aus der Welt zu schaffen.

Im späteren Verlauf werden die ausufernden Kämpfe immer wieder durch Rätselabschnitte unterbrochen. Außerdem nehmt Ihr ab und zu in gepanzerten Robotern Platz oder müsst aus einem sinkenden Tanker fliehen. Als krönender Abschluss für vier der zehn Level fungieren knallharte Endgegnerkämpfe, die sich vor allem mangels sichtbarer Schwachstellen stundenlang hinziehen können. Unfair werden die beeindruckenden Schlachten aber nie und mit etwas Nachdenken gelingt es oft schon nach wenigen Versuchen.

Hierbei ist Euch vor allem das sehr großzügige Lebensenergiesystem hilfreich. Wie bei der Konkurrenz lädt Eure Energie in Deckung wieder auf, allerdings genügen bei Dark Sector ein paar Ausweichrollen, um wieder auf volle Leistung zu kommen. Statt ständigen Gegnernachschub zu liefern, wäre es wohl besser gewesen, die Gefechte kürzer und schwerer zu gestalten.

Keinen Grund zum Meckern bietet die Grafik: Mal abgesehen von ein paar Grafikfehlern ist Digital Extremes zumindest technisch ein Meisterwerk gelungen. Vor allem die extrem hoch auflösenden Texturen sind eine wahre Pracht und sorgen zusammen mit dem gefälligen Gegnerdesign für Begeisterung. Auch Next-Generation-Effekte wie Tiefenunschärfe wurden gekonnt eingesetzt und machen Dark Sector zu einem echten Augenschmaus. Allein die Umgebung erinnert manchmal etwas zu sehr an Gears of War und wird von grau-braunen Farben diktiert. Etwas Eigenständigkeit hätte dem Titel gut getan, auch wenn die düstere Atmosphäre recht gut zum Szenario passt.

Die Story wird nach dem gelungene Einstieg leider nur mäßig weitererzählt. In gut choreographierten Zwischensequenzen geben die Schauspieler zwar ihr Bestes, aber durch die langen Feuergefechte und die viel zu offensichtlichen Story-Wendungen kommt nur selten Spannung auf. Die deutsche Übersetzung ist gelungen, aber leider kaum lippensynchron. Auf der DVD findet Ihr aber auch die englische Tonspur, die wunderbar funktioniert.

Wie man es nicht anders von Digital Extremes erwarten konnte, gibt es natürlich auch einen Multiplayer. Der wiederum überraschend übersichtlich ausgefallen ist. Gerade mal zwei Spielmodi werden angeboten, die sich aber deutlich vom üblichen Deathmatch-Brei unterscheiden. Beim ersten Spielmodus tretet Ihr als Hayden Tenno mit all seinen Fähigkeiten gegen ein Team von Soldaten an.

Ein Sieg ist trotz der übermenschlichen Fähigkeiten kaum zu erzielen, doch ein guter Infizierter kann die Horde zumindest kräftig dezimieren, bevor er ins Gras beißt. Wer Hayden am Ende den finalen Fangschuss verpasst, darf in der nächsten Runde selbst einen Versuch wagen.

Der zweite Spielmodus ist da deutlich ausgeglichener. Hier treten zwei Teams mit jeweils einem Superhelden an und müssen versuchen, den jeweiligen Anführer auszuschalten. Auch hier müssen die menschlichen Spieler mit einem Sturmgewehr und ein paar Granaten auskommen. Es entsteht eine interessante Hetzjagd, die aber nur als netter Zeitvertreib funktioniert und kaum mit Titeln der Marke Battlefield und Co. mithalten kann. Für begeisterte Dark Sector-Fans, die das Spiel auf Brutal durchgezockt haben, aber genug Spielmaterial, um die ca. 10 Stunden für die Single-Player-Kampagne sinnvoll zu verlängern.

Theoretisch müsste solch ein Flickwerk gehörig in die Hose gehen, aber den Entwicklern ist es wirklich gelungen, das ehemalige 08/15-Produkt mit viel Liebe zum Detail, einer herausragenden Grafik und jeder Menge bewährter Gameplayelemente aus dem Wertungskeller zu befördern. Mal abgesehen von der Wurfscheibe bietet der Titel zwar kaum innovative Ansätze, aber so lange es Spaß macht, kann man mit den geklauten Ideen sehr gut leben.

Digital Extremes hat damit wieder zurück auf die Siegerstraße gefunden, auch wenn dem Titel die höchsten Wertungsränge verwehrt bleiben. Dazu sind die Kämpfe zu lang, die Story zu einfallslos und das Design zu sehr bei der Konkurrenz abgekupfert. Das ist zwar alles immer noch besser wie die einfallslose Durchschnittsware der letzten Produktionen, doch etwas mehr Eigenständigkeit darf es beim nächsten Mal ruhig sein.

Der Multiplayer reicht dagegen wirklich nur für den kurzen Hunger zwischendurch, gerade hier hätte ich von Digital Extremes etwas mehr erwartet. Sonst bietet der Titel viel Stunden sanftes Gruseln und adrenalinreiche Feuergefechte für Third-Person-Shooter-Fans. Da Resident Evil 5 und Gears of War 2 noch ein paar Monate auf sich warten lassen, sollten Fans auf jeden Fall mal einen Blick auf Dark Sector werfen. Der Titel ist für so einige Überraschungen gut.

Dark Sector erscheint am 4. April im europäischen Ausland für die Xbox 360 und die PS3. In Deutschland gibt es keine USK Kennzeichung.

 

 

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