WII: Anno: Erschaffe eine neue Welt
Lasst uns einmal zusammenfassen, was wir in den letzten 2 Jahren mit der Wii so alles gelernt haben.
1. Nintendo selbst macht immer noch die besten Spiele für ihre Plattform. Man denke an Zelda: The Twilight Princess, Super Mario Galaxy und Metroid Prime 3: Corruption. 2. Gefühlte 90% des zugänglichen Softwarekontingents bestehen – dank etlicher Dritthersteller – aus überflüssigen Minispielsammlungen, Casual-artigen Gameplay-Gurken mit Pseudo-Gewackel sowie halbgaren Umsetzungen der Marke „schnell und einfach Geld machen“. 3. Lediglich 2% der Wii-Spiele können mit einem Online-Modus aufwarten. Wenn es hochkommt!
4. Wie es auf der Wii „aussieht“, hat nahezu jeder zwischenzeitlich begriffen. Sogar mit -9 Dioptrien. 5. Die Wii ist weniger für Hardcore-Gamer gedacht, dafür mehr für Neueinsteiger und Familien. 6. Die Motionsense-Spielereien sind anfänglich erfrischend, nagen jedoch spätestens ab dem 10ten Spiel gehörig an den Nerven. Und 7. Zugänglichkeit ist das neue Unwort, das insbesondere mit der Wii in Mode kam und nach und nach (leider) die anderen Kisten unterwanderte. Prince of Persia ahoi!
Und da wir uns das nun alle noch einmal in Erinnerung gerufen haben, werde ich Euch jetzt auch nicht anlügen. Anno: Erschaffe eine neue Welt für die Wii ist in puncto Grafik definitiv nicht so ein Sahnehäubchen wie der jüngste PC-Bruder, wird stark auf „familientauglich“ gemünzt – O-Ton Andreas Suika, Blue Byte-Entwickler: „Wenn meine Mutter das nicht auf Anhieb spielen kann, darf ich mich daheim nicht mehr blicken lassen.“ - und die Zugänglichkeit erfährt obendrein eine tragende Rolle.
Aber – und das wird Euch vermutlich besonders verdutzen – es reiht sich dennoch nicht in die zuvor erwähnten 90% ein, sondern sticht bereits zum jetzigen Zeitpunkt erfreulich aus der Masse der Mittelmäßigkeit heraus. Der Trick: Anno: Erschaffe eine neue Welt versteht sich nicht als dröge Umsetzung, die einige neue Features zum Besten gibt. Es ist ein vollkommen eigenständig konzipierter Vertreter aus dem Anno'versum. Einer, der sich gänzlich anders spielt, anders anfühlt. Ohne auch nur jeglichen Gebrauch von Schüttel- und Schwing-Elementen in Erwägung zu ziehen.
Die Zauberformel heißt in diesem Falle: Verlagerung der Schwerpunkte. Statt wie bei Anno 1701 und seinen Vorgängern das Endlosspiel in den Vordergrund zu rücken, währenddessen man als Spieler in Kleinstarbeit und ohne Zeitdruck eine blühende Metropole aus dem Boden stampfte, erfindet sich Anno mit der Wii-Version ein Stück weit neu und wandelt auf den Pfaden der Abenteurer. Hin zu mehr Story, mehr Interaktion mit den Gegebenheiten, mehr Erkundungsdrang. Schlicht mehr Fokus auf eine unterhaltsame Kampagne, die Euch binnen der 7 Kapitel immer wieder mit kleinen Herausforderungen, Erzählungen und Überraschungen bei der Stange hält.
Wie gehabt dürft und müsst Ihr mehr oder minder große Inseln mit Eurer Präsenz beehren, Eure Untergebenen in 5 Evolutionsstufen nach oben wirtschaften und etwaige Hauptaufgaben pro Kapitel bewältigen. Mal sollt Ihr Eurem Vater, dem König, den Tribut einer bestimmten Menge an Kleidung zollen, kurze Zeit später dem Volk Eures, im wahrsten Sinne des Wortes, abgebrannten Bruders Asyl und Unterbringung gewähren. Anfänglich noch relativ simpel zu handhaben, stellen Euch die Zielsetzungen mit jedem neuen Abschnitt vor schwierigere Hürden und sollen so auch Anno-Veteranen genügend Motivation verschaffen.
Ihr legt recht präzise mittels Buttondruck der Mote funktionierende Straßennetze an, baut Rohstoffvorkommen ab, platziert Kornfehler, Viehbestände sowie diverse Kultur- und Weiterverarbeitungsgebäude. Alles in allem hantiert Ihr mit 44 Bauten plus einer noch nicht genannten Anzahl an Story-relevanten Konstrukten. In den ersten beiden Kapitel werdet Ihr vorsichtig an die Materie herangeführt, erfahrt, wie Ihr die Steuerschraube sinnvoll einsetzt, wie notwendig es ist, neben Eurem Haupt-Eiland zusätzliche Inseln zu besiedeln, und welche Bedürfnisse befriedigt werden müssen, um das Volk in eine neue Ära zu führen.
So weit, so bekannt. Nun zu dem, was sich im Gegensatz zu den Heimrechner-Äquivalenten verändert. Zunächst einmal entfällt die Einrichtung von Handelsrouten. „Das war schon auf dem PC zu kompliziert, das hätten wir so nicht umsetzen können“, erläutert Andreas Suika im Gespräch. Recht hat er, der Mann. Anstatt somit sorgfältig Eurer Flotte irgendwelchen Routen zuzuordnen, um einen steten Fluss aus teils exotischen Warenlieferungen zu gewährleisten, fungieren die Kontore als miteinander verwobenes Netzwerk. Egal auf welchem Land Ihr was an- beziehungsweise abbaut, es ist unmittelbar in jedem Lager verfügbar.
Ebenfalls abkömmlich ist der „fahrende Händler“, der laut Andreas Suika aber auch gar nicht mehr benötigt wird. Nicht, weil Anno: Erschaffe eine neue Welt zu einfach, das Wirtschaftssystem gar abgespeckt daherkommen würde. Vielmehr zeigt sich hier eine der erwähnten Neuausrichtungen, die speziell die Sammler ansprechen dürfte. Die Schätze.
Ab dem zweiten Kapitel erhaltet Ihr Zugriff auf das Schatzkarten-Menü, in dem Ihr gegen Bares Kartenstücke freischalten könnt. Und mit selbigen wird Euch die Position einer oder mehrerer versunkener Kisten offenbart, die Ihr stimmig mit Eurem Kahn per Nunchuck (funktioniert auch automatisch per Zielsetzung) anschippert. Die Inhalte richten sich dabei stets an den akuten Bedürfnisse Eurer Einwohner. Vorausgesetzt, Ihr schafft es heil zu Eurem heimischen Kontor. Werdet zwischenzeitlich also nicht von der überall herumreisenden Piraten erwischt.
Ein weiterer Grund für den Zwangsurlaub des hausierenden Händlers ist die Großzügigkeit der Königin, die Euch, sollten sich rote Zahlen auf Eurem Konto manifestieren, eine saftige Finanzspritze spendiert. Und das wiederum kann durchaus schnell passieren, selbst wenn man, wie meine Wenigkeit, zu dem Lager der eingeschworenen Anno'isten gehört. „Wir wollen nicht nur Anfänger und Familien, sondern natürlich auch die Anno-Fans ansprechen.“, gibt Suika zu Protokoll. Heißt: Es wurden drei Schwierigkeitsgrade integriert, die jedem das Anno bieten, das er erwartet.
Auf „Leicht“ spürt Ihr beispielsweise nur ansatzweise die Probleme, die mit dem Aufbau einer Wirtschaft einhergehen, konzentriert Euch in erster Linie auf den Städtebau und wisst mehr Geld in Euren Taschen. Auf „Schwer“ schlägt Euch indes die volle Breitseite entgegen. Bei Bedarf könnt Ihr übrigens die Schwierigkeitsgrade während des Spielens hoch und runter drehen. Ebenso die Katastrophen – Erdbeben und Co. sind wieder mit dabei – an- und ausschalten.
Sobald der „Orient“ Euren Weg kreuzt, eröffnet sich schließlich das Gesamtpaket. Eure Gemeinden werden fortan von Euren neuen Verbündeten „bewertet“, steigen ob der Bevölkerungsdichte in Stadtleveln auf und erhalten spezielle Titel. Etwa „Seehafen“ oder „Metropole“. Damit einhergehend dürft Ihr Euch auch aus dem Technologiebaum des orientalischen Volkes bedienen.
Pro Stadtstufe warten bis zu drei Technologien im zugehörigen Menü. Beispielsweise „Schiffshülle verbessern“, um Eurer Flotte mehr Schutz gegen die Piraten mitzugeben. „Teehaus“ ruft zur Spendenaktion in Eurer Ortschaft auf und sammelt das Geld automatisch ein. Und mit der aus Siedler: Aufstieg eines Königreichs bekannten „Wasserpumpe“ begrünt Ihr sandige Wüstenregionen und schafft so neue Abbau-Regionen. Will man alle drei Technologien eines Stadtlevels ergattern, müssen drei Siedlungen entsprechend groß sein. Ansonsten bleibt die obligatorische Qual der Wahl.
Die nächsten orientalischen Vergnügungen sind für all jene gedacht, die allabendlich der Erfolge/Trophäen-Hatz auf Xbox 360 und PlayStation 3 frönen. Das Verdienste-Menü. Getreu der Vorlage gilt es, bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, damit Ihr Euch Medaillen an Eure Brust, oder eher gesagt in den Menü-Schirm heftet. Sammelt Ihr zum Beispiel 20 Tonnen Kleidung, dürft Ihr Euch zum Rohstoffkönig ausrufen lassen. Wandern 5 Schätze vom Meeresboden in Euren Besitz, erhebt Ihr Euch zum Schatzjäger.
Und zu guter Letzt noch ein paar Details zu den zwei großen K's von Anno: Erschaffe eine neue Welt: Kampf und Koop-Spiel. Trotz etwaiger Piratenüberfälle und Fehden will man gemäß Aussage den Kampf nicht forcieren. „Mehr miteinander, weniger gegeneinander“, lautet die allgemeine Message. Demzufolge verzichtete man bei der Erstellung der Gebäude auch größtenteils auf Militärkonstruktionen und schiebt lediglich Baracken in den Spielverlauf. Greift Euch ein Feind an, baut dieser Brückenköpfe und stürmt die Stadt mit dem Ziel, Eure Häuser zu übernehmen. Scharmützelt wird dabei ausschließlich innerhalb der Bauten.
Hinsichtlich Kooperativem Spiel setzen Blue Byte und Keen Games indes auf eine Offline-Variante. Einer übt sich im regulären Bauen, der andere wirkt unterstützend. Ihr könnt unter anderem Wohnstätten anklicken, zaubert so ein Feuerwerk in die Luft. Resultat: Die Leute sind zufriedener, bezahlen mehr Steuern. Bei regulären Gebäuden erhöht sich die Produkt, das Schiff Eures Kindes, Partners, you name it, flitzt schneller über die bläulich glitzernde Oberfläche des Meeres. Und bricht ein Vulkan aus, helft Ihr beim Feuerlöschen. Ein Online-Modus respektive eine Vs-Alternative ist leider nicht vorgesehen.
Ich hatte keine allzu großen Erwartungen, als ich mich kürzlich zu einer gepflegten Anspiel-Session aufmachte. Zu viele mittelmäßige Umsetzungen raubten mir in letzter Zeit den Spaß an meiner Wii, zu groß war die Vorsicht, dass exakt dasselbe auch bei Anno: Erschaffe eine neue Welt eintreffen könnte. Freudige Überraschung: Das Gegenteil ist der Fall, die Angst somit unbegründet.
Anno erstrahlt auch auf der Wii in einem ungemein unterhaltsamen Gewand, umgarnt mit frischen Impulsen und verlegt den Schwerpunkt mehr auf das Abenteuer, die Geschichte, das Erkunden und Sammeln. Die Stadtplanung geht reibungslos von der Hand, die Steuerung mittels Mote und Chuck funktioniert recht präzise. Noch besser: Auf nervötende Wackeleien wurde komplett verzichtet. Wer also bis dato noch keinerlei Erfahrungen mit der deutschen Erfolgsreihe sammeln konnte und einige vergnügliche, (je nach Schwierigkeitsgrad) nicht ganz so stressige, aber dennoch fordernde Stunden verbringen möchte, sollte sich tunlichst den Sommer vormerken. Anno'isten sind sowieso dazu aufgefordert!
Anno: Erschaffe eine neue Welt erscheint im Sommer diesen Jahres exklusiv für Wii und DS. Die Kampagne ist auf beiden Systemen inhaltsgleich, die DS-Version soll sich aufgrund der Bedienung 2-3 Stunden schneller spielen.




