Gesamtwertung6/10 |
Wir könnten jetzt natürlich zuerst über Vin Diesel reden. Er hat das Spiel in seiner eigenen Spielefirma zusammenbasteln lassen, er liefert jede Zeile und egal wie sein Charakter in The Wheelman heißen mag, eigentlich ist es Vin Diesel und nur Vin Diesel. Da das aber ein so offensichtlicher Start wäre, wenden wir uns dem heimlichen Hauptdarsteller zu: Barcelona.
Wie eine kühle Dusche an einem heißen Sommertag erfrischt es, ein Szenario in einem Open World Game zu sehen, das mal nicht US-Vorbildern entlehnt wurde. Und wie schon „Ronin“, „8 Blickwinkel“ und diverse „Transporter“ zeigten, eigenen sich europäische Innenstädte sowieso viel besser für Verfolgungsjagden. Sie sind überfüllt, eng, verwinkelt und voller touristischer Attraktionen, die jeder sofort von Postkarten und Merian-Heften kennt.
Zumindest ein paar der Attraktionen der wunderschönen Stadt Barcelona im katalonischen Teil Spaniens findet Ihr auch in The Wheelman gut erkennbar wieder. Die Kolumbus-Säule, die Kirche der Sagrada Familia oder das gotische Viertel mit der Kathedrale im Zentrum lassen sich von Kennern der Stadt gut identifizieren und auch das Straßennetz scheint nicht komplett an der Realität vorbeizulaufen. Zumindest in Ansätzen und bei großen Promenaden. Im Detail wurde dann doch Zuschnitt betrieben, um alles schön breit und befahrbar zu halten.
Während man das natürlich im Rahmen guter Spielbarkeit locker verzeihen kann, lassen sich die völlig monotonen, immer gleichartigen Straßenzüge zwischen den Sehenswürdigkeiten nicht so einfach verschmerzen. Das geht so weit, dass Ihr selbst nach Stunden manchmal kaum wisst, in welchem Stadtteil Ihr Euch befindet. Nicht mal ein Barcelonianer hätte den Hauch einer Chance, hier ohne Karte zum Ziel zu finden, da alle Fassaden praktisch ohne Alleinstellungsmerkmale auskommen.
Wenigstens sieht Vin Diesels Barcelona hübsch hell und freundlich aus, kommt ohne Pop-Ups in der Tiefe zurecht und ruckelt nirgendwo vor sich hin. Was wohl auch daran liegt, dass in der Stadt weder besonders viel los ist, kein Tag-Nacht-Wechsel oder gar Wetter existiert und jeglicher Eindruck echten Stadtlebens vernachlässigt wurde. Mit anderen Worten: Das virtuelle Barcelona kann unter der von Liberty City gelegten Messlatte nur müde hindurch kriechen.
Kommen wir nun zum eigentlichen Hauptdarsteller, der sich hier in besten Posen mit zementierten Oberkörpermuskeln selbst inszeniert. In seiner Gegenwart würden Eisbären frieren, Batmans Stimme für die eines Kastraten gehalten werden und jeder weiß, dass auf diesem Bildschirm nur Platz für einen ist. Vin Diesel (4q.cc). Ob sein supercooles, röchelstimmiges Posen, das den Verdacht nahe legt, er würde zum Lachen in einen Dungeon unter dem Keller gehen, gefällt, ist eine Geschmacksfrage und soll hier gar nicht Thema sein. Mögt Ihr sein Auftreten in den Filmen, dann liegt Wheelman genau richtig und bringt die breite Brust gut getroffen auf den Screen.
Was weit mehr ist, als man von der Handlung um den tollsten Autofahrer in Barcelona behaupten kann. Ehrlicherweise lässt sich überhaupt nicht so wahnsinnig viel dazu sagen. Ein kurzes Intro deutet an, das Vin Undercover für den CIA in Barcelona etwas finden soll, was das Ende der Welt oder so bedeuten könnte. Danach entlässt Euch das Spiel ohne weiteren Background in die Unterwelt der Stadt, in der Ihr insgesamt drei stereotype Gangs mit austauschbaren Bösewichtern als Anführern Avancen macht, um sie gegeneinander auszuspielen. Und das wiederum, um irgendwas zu erreichen, was Spanien so, wie wir es kennen, erhält. "Fast and the Furious" meets "James Bond" binnen 8 Stunden, nur nicht so gehaltvoll.
Letztlich geht es aber sowieso nur um eines: Vins Liebe zu Autos. In The Wheelman steht nicht die Story im Vordergrund, was angesichts dieser auch besser so ist, sondern das Fahren. Wildeste Stunts, 360s, Sprünge über alles, was zuerst aufwärts geht, und sogar das Entern fremder Autos mittels eines suizidalen Sprungs. Und man muss es The Wheelman lassen: Das Feeling des Fahrens stimmt wie bei keinen anderen Open World–Titel bis zu dem Punkt, an dem Ihr Euch selbst für den „Transporter“ haltet.
Mit Handbremse wilde Manöver zu reißen, kostet Euch keine Mühe bei der Eingewöhnung, klappt praktisch sofort und fühlt sich einfach richtig an. Natürlich sind auch die Feinde nicht zu Fuß unterwegs und starten sofort von Mission 1 an, Euch in die Zange zu nehmen. Sehr schlau stellen sie sich nicht an und mittels ruckartiger, gut kontrollierbarer Ramm-Moves auf dem rechten Stick drückt Vin sie schnell in die Häuserfassaden, wo sie mit spektakulären Kameraschwenks explodieren. Obwohl cineastisch wertvoll, bleibt es doch eine Freude, diese Einblendungen abzuschalten. Mitten in der rasanten Verfolgungsjagd durch eine Umblendung gestört zu werden, nervt mit der Zeit ein wenig.
Habt Ihr die ersten Kontrahenten in die Wand geschoben, offenbart Euch das Spiel seine Freude zum Instant-Respawning und prahlt mit seiner kompletten Ignoranz von relativen Geschwindigkeiten. Explodiert ein Auto, taucht meistens gleich das nächste hinter Euch auf und macht nahtlos weiter, wo sein Kollege unterbrochen wurde. Bis zu dem Punkt, an dem Ihr es aufgebt und versucht, einfach schneller zu sein. Nur interessiert es The Wheelman kein Stück, dass Euer Porsche weit schneller sein müsste, als die beiden Trucks, die Euch verfolgen. Selbst mit dem Boost werdet Ihr vollkommen willkürlich überholt, wieder vorgelassen, alles ohne jeden Bezug auf die unterschiedlichen Fahrwerte des Untersatzes.
Dabei kann gerade die Auswahl dieser überzeugen und passt mit ihren Mikros, Kompaktwagen und Limousinen gut in das Stadtbild. Jeder Untersatz lenkt sich gemäß der Eigenschaften, die man sich so vorstellt, und mit einem Smart durch enge Gassen zu zirkeln, zählt zu den bessern Spielerlebnissen, die Ihr diesen Frühling genießen werdet. Das wird eigentlich nur vom Sixt-Angebot getoppt, die Euch einen Smart mit Vollkasko für kleines Geld vermieten. Nur was helfen die schönsten Abstufungen der Fahrfertigkeiten eines Wagens, wenn in den Verfolgungsjagden alle Werte obsolet werden, das Spiel macht, wozu es Lust hat und was es gerade für kinomäßig hält? Damit Ihr Euch wenigsten ein bisschen gegen das Dauerspawning wehren und für drei Sekunden Ruhe habt, kann Vin die Zeit verlangsamen und in Zeitlupe seinen Wagen um 360 Grad drehen. Dies gibt Euch Gelegenheit, Tanks, Reifen und Fahrer unter Feuer zu nehmen und das Feindfahrzeug in einen beeindruckenden Feuerball zu verwandeln. Und im Anschluss meist selbst in die Wand zu rasen, aber irgendwas ist ja immer.
Obwohl die Wagen wahnsinnig stabil in Barcelona gebaut sind – natürlich nur die, die Vin fährt, die Stärke seiner Brustmuskulatur überträgt sich wahrscheinlich auf Autos –, sind auch sie irgendwann mal am Ende und Ihr müsst wechseln. Hier dachte man sich einen praktisch-eleganten, wenn auch komplett unrealistisch-dämlichen Move aus. Vin springt einfach zwanzig Meter weit zum Fahrzeug vor ihm und lässt sich vom Dach elegant durch die Seitenscheibe auf den Fahrersitz gleiten, während er den Besitzer bei voller Fahrt auf die Straße befördert. Er ist halt der Gute. Aussehen tut's wie ein springender Berggorilla und ja, es klingt bekloppt, aber als Gameplay-Element funktioniert es perfekt, da der Fluss erhalten bleibt und Ihr nicht mal stoppen müsst.
In den ersten Stunden begeistert das Fahren dank der bunten, hellen Stadt und des guten Fahrgefühls durchaus und man könnte auf die Idee kommen, dass Tigon hier eine richtig gute Variation des Open World Prinzips hinlegten. Dummerweise nutzt sich dies dank der immer recht gleichen Missionen und der schnell eintönigen Kulisse bald ab. Einige Aufträge, wie das Stoppen eines U-Bahnzuges von einem Bike aus, sorgen für denkwürdige Momente, nur könnt Ihr davon ausgehen, dass die nächsten zehn Missionen in die „fahre nach A, und kehre zurück“-Kategorie fallen.
Das fiel den Entwicklern wohl auch auf und so beginnt Vin zum Ende hin immer öfter, sein Auto zu verlassen. Und diese Eskapaden reizen nicht mal in der ersten Zeit. Allerdings werden sie auch nicht schlimmer, sondern halten einen gewissen Pegel der Drögheit. Die schon beim Fahren nicht allzu helle KI schaltet zu Fuß endgültig ab und rennt Euch in 90 Prozent der Fälle stupide vor die Flinte, das automatische, meist ein wenig zu zuverlässige Zielen übernimmt den Rest. Rennt nicht zu schnell vor, Eure Munition ist eh endlos, und macht Euch keine Sorgen. Vin lässt sich halt nicht stoppen. Rein technisch kann man sich nicht mal beklagen, da gab es schon schlimmere Versuche in Spielen dieser Art, nur Spaß oder Spannung wollen nicht so recht aufkommen. Ihr bringt es hinter Euch, es tat nicht weh und dann geht es zurück ans Steuer.
Wollt Ihr nicht nur den rudimentären Storyresten folgen, stehen Euch jede Menge Missionen am Rand zur Verfügung. Rennen, Taxi, Zerstörungswut, Botendienste und ein paar mehr noch laden dazu ein, auf der Karte angeklickt zu werden. Da sich diese in erster Linie um das gelungene Fahren und weniger um das Fussgängergeballer drehen, werdet Ihr hierhin gerne immer mal wieder für ein Ründchen zurück an das Pad kommen.
Das eigentlich tragische an der Sache ist, dass The Wheelman für die ersten Stunden wirklich Spaß macht und ein durchweg heißes Spiel hätte werden können. Das arcademäßige Fahrgefühl sitzt auf den Millimeter, das Szenario einer europäischen Stadt reizt zu Beginn und hübsch bunt ist es auch noch.
Nur leider kühlt es dann sehr schnell auf Normaltemperatur herunter und Ihr merkt, dass die Story längst nicht alles ist, was sie sein könnte und die Abläufe der Missionen sich ähneln wie eine Vin-Mimik der anderen. Ähnlich verhält es sich mit der für ein Open-World-Game ja nicht ganz unwichtigen Umgebung. Voller europäischem Esprit lächelt Euch Barcelona an. Und lässt Euch nach genauerer Betrachtung mit lebloser Uniformität hängen.
Fanatische Vin Diesel-Fans werden der angemessenen digitalen Umsetzung ihres Idols noch etwas abgewinnen können. Aber auch sie seien gewarnt: Wie ein überlasteter Turbolader kann the Wheelman nicht das brachiale Tempo des Spielstarts halten und muss sich schnell von der Überholspur in den Normalverkehr der Spielewelt einordnen.
The Wheelman ist ab sofort für Xbox 360, PS3 und PC erhältlich.
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The Wheelman im Test.
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