Gesamtwertung7/10 |
Die ganze Zeit über erinnerte mich Cursed Mountain vom reinen Gefühl her an etwas, aber ich konnte einfach nicht meinen Finger drauflegen. Es waberte im Unterbewusstsein, dass es sich vertrauter anfühlte, als es sollte. Es waren nicht die Parallelen zu Capcoms großer Horrorserie, die spielerisch sofort ins Auge fallen, wie ihr später sehen werdet. Es war irgendetwas anderes, von vor langer, langer Zeit.
Und als mein Blick zufällig auf das Cover einer CD der Berliner Band „Wir sind Helden“ traf, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Tim und Struppi in Tibet! Ok, Deep Silver mag jetzt so verwirrt sein wie ihr, dass ein Grusel-Actionadventure, ein waschechter Survival-Horrortrip, plötzlich mit einem späten Hergé-Werk verglichen wird. Passt doch gar nicht, was hat das miteinander zu tun? Außer vielleicht, dass beides in Tibet spielt. Da erschöpfen sich die Parallelen doch.
Nun, für mich nicht ganz, denn Tim in Tibet ist die Geschichte einer abenteuerlichen Reise und Bergbesteigung. Gefährlich: ja. Spannend: sicher. Unterhaltsam: sowieso. Gruselig oder gar voller Horror, der einem das Herz zu Eis gefrieren lässt: nicht unbedingt… Und genau diese Eigenschaften treffen auch auf Cursed Mountain zu. Zunächst einmal, bevor sie ihre wertvolle Splatterzeit hier vergeuden, sei allen Zombielovern und Gorefetischisten gesagt, dass das Wii-Spiel mit einem absoluten Minimum an Blut, ganz ohne Zombies und praktisch ohne echte Monster im Sinne eines Resident Evil auskommt. Keine Tyrants im Himalaja.
Probleme hat der Bergsteiger Eric Simmons, in dessen Rolle ihr schlüpft, aber auch so genug. Sein Bruder, ein weniger brillanter, aber umso eifersüchtigerer und ehrgeizigerer Kletterer, wurde in Lhasa von einer etwas zwielichtigen britischen Berglegende angeheuert, um ein tibetanisches Artefakt auf einem noch nie bestiegenen Berg zu finden. Natürlich ist es der spirituelle Berg der von Mönchen und Sherpas, der niemals gestört werden darf, und so geht der Bruder verschollen. Also auf, munterer Wanderer, findet heraus, was geschah.
Als wahrlich erfrischend stellt sich dabei die Konsistenz dieser Welt heraus. Die Reise führt euch eben nicht in einen Hightech-Keller einer verbotenen Regierungsorganisation, sondern zu wesentlich spannenderen und, im Rahmen dieser Geschichte, glaubwürdigeren Zielen und Gründe. Dem entgegen kommt dabei das stetige Gefühl von Reisefortschritt, während die einzelnen Abschnitte euch immer höher führen, der Spitze des heiligen Berges entgegen. Das Gefühl, sich dabei sinnlos in Kreisen drehen zu müssen, bleibt aus und wird vollständig durch die stetige Annäherung an einen Klimax, sowohl erzählerisch als auch örtlich, ersetzt.
Nur der Horror bleibt dabei irgendwie auf der Strecke. Das Empfinden von Grusel und Furcht ist natürlich sehr persönlich, deshalb sage ich jetzt einfach mal für mich, dass ich bei Silent Hill zu leichter Panik, bei Fatal Frame zu Grauen und bei Resident Evil immerhin noch zu Schreckhaftigkeit neige. Cursed Mountain jedoch löst kaum etwas dergleichen aus. Klar, hier und da zuckt man mal kurz zusammen, wenn eine schnelle Einblendung und ein passender Soundeffekt einen überraschen, aber das geht so schnell vorbei wie es kam, und lässt im Laufe der 8 bis 12 Spielstunden auch deutlich nach.
Was jedoch bleibt, ist die schiere, pure Neugier, der Entdeckerdrang. Wie auch bei Tim in Tibet will man einfach wissen, wie es weitergeht, vorbei an den Gefahren, denen sich die Helden stellen müssen, aber ohne das Gefühl ständiger Bedrohung. Ihr wollt schon nach kurzer Zeit wissen, was hier in den Bergen vor sich geht, was aus der Expedition des Bruders wurde, was der seltsame Brite im Schilde führt, wieso Tod und Verderben innerhalb weniger Tage über den Berg herfielen. Es ist nicht der verzweifelte Kampf um das nackte eigene Überlegen, den vergleichbare Spiele so oft zelebrieren, vielmehr eine spannende und sehr reizvolle Reise.
Das liegt ein wenig auch daran, dass Cursed Mountain die meisten Spieler vom nicht einstellbaren Schwierigkeitsgrad her kaum überfordern dürfte. Zwar wird automatisch und keineswegs jederzeit gespeichert und Heilung findet ihr auch nur an Schlüsselstellen, allerdings liegt beides nie zu weit auseinander. Und eure Gegner, ausschließlich Geistwesen, verursachen weder das Gefühl großartiger Furcht noch Bedrohung.
Eure einzige Waffe, eine Art spirituell aufgeladene Bergsteigeraxt, stellt sich als ziemlich effizient heraus und tröstet auch über die Abwesenheit von Schusswaffen hinweg. Ihr verfügt über eine Art Geistersicht auf Knopfdruck, poetisch das „Dritte Auge“ betitelt. Aus dieser Perspektive, die der Welt die Farben entzieht und Asche regnen lässt – auf Dauer eher nervig als atmosphärisch -, schießt die Axt… Energiebolzen, Geisterblitze, was auch immer ab. Womit dann eigentlich auch schon alle Grundelemente des Kampfes benannt wären und euch alle Mittel gegeben sind, einen Geist zu „töten“.
Die bessere Variante heißt allerdings Gnadenritual und verheißt der armen Seele nicht nur Frieden, sondern bringt euch auch ein wenig Lebensenergie zurück. Und hier kommen das erste Mal die Besonderheiten der Wii ins Spiel. Die Entwickler recherchierten wohl recht gründlich und nahmen sich dabei die Rituale tibetanischer Mönche als Vorbild, bei denen Handgesten eine große Rolle spielen. Passt natürlich perfekt und so müsst ihr auch ein paar Gesten vollführen, um einen bösen Geist auszutreiben.
Die meisten davon klappen gut, seitliche Wischbewegungen sind kein Thema, Heben und vor allem das leidige Stechen, das schon das letzte Tenchu stellenweise zur Tortur werden lies, umso mehr. Leider, leider und weitere tausendmal leider wird kein Motion Plus unterstützt und so heißt es Zähne zusammen, ein Mönch kennt keinen Schmerz, und mitunter mehrmals zum Ritual ansetzen. Dass ihr dabei nicht tausend sinnlose Tode sterbt, liegt an dem generell trägen Tempo von Cursed Mountain, das euch viel Zeit lässt, die Bewegungen ein paar Mal auszuführen. Als Geist gehört man offensichtlich nicht zu den schnellsten Daseinsformen und auch Eric hat es nicht besonders eilig.
Ohne jede Hast dreht er sich, Sam Fisher schleicht schneller als der Held hier läuft, und so haltet ihr permanent die Rennen-Taste gedrückt, um wenigsten ein bisschen zügiger um die Häuser zu kommen. Die wenigen Rätsel, die sich um das Finden von Schlüsseln oder anderen Möglichkeiten, den weitern Weg frei zuräumen, drehen, helfen mit ihrem Design dabei nicht unbedingt weiter. Oft genug seid ihr gezwungen, die richtige Tür in einem der Dörfer oder Klöster zu finden. Dummerweise gibt es selten einen Hinweis, was Staffage und was wirklich Öffnung ist. So schleicht ihr mitunter an fünf Türen vorbei, nur um festzustellen, dass sich erst die sechste öffnen lässt, selbst wenn sie von außen identisch scheint.
Ähnlich verhält es sich auch mit den zerstörbaren Vasen, die überall herumstehen und von Zeit zu Zeit auch mal ein Rächerstäbchen enthalten - der einzigen Möglichkeit, sich an kleinen Schreinen zu heilen. Wäre es nicht weit einfacher gewesen, nur ein paar Gefäße geschickt zu verteilen? Wieder viele Wege, die meisten unnötig. In den letzten Jahren wurden die Survival Games schneller, Cursed Mountain zeigt sich hier sehr reaktionär.
Was die Technik angeht, war zugegebenermaßen ja kaum etwas anders zu erwarten, aber wie auch das Spieldesign stellt sie ein Ausflug in die Frühzeit des Survival Horrors dar. Während die Landschaften, Dörfer, Klöster, Berge und auch Wind und Wetter im Rahmen der technischen Möglichkeiten teilweise hervorragend umgesetzt wurden, blieben die Figuren und Charaktermodelle tief in der Frühzeit der letzten Konsolengeneration hängen. Auch die Wii kann mehr als diese praktisch kaum bewegten Gesichter und simplen Animationsabläufe. Das Grunddesign funktioniert und harmoniert absolut mit dem Setting, nur den Feinschliff vermisst man doch stellenweise. Zum Glück holt der Audioausgang es wieder heraus und was hier an düsteren Stimmungseffekten um eure Ohren zieht, muss sich nicht hinter der Konkurrenz verstecken.
Cursed Mountain schafft das Unmögliche und bringt trotz seines ziemlich überholten Designs und langsamen Ablaufs frischen Wind in das Genre. Die Atmosphäre, die der intelligente und ungewöhnliche Plot mit einbringt, die Liebe zum Detail, mit der die stimmungsvolle und unheimliche tibetanische Bergwelt eingefangen wurde, reicht allein schon aus, um den Aufstieg auf den heiligen Berg zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen. Ein wenig mehr Detailfreude im optischen Design, ein klein wenig mehr Abwechslung im Kampf, minimal mehr Tempo und vielleicht noch Motion Plus, dann hätte man es hier mit einem echten Ausnahmespiel zu tun. So reicht es aber immer noch, um es allen ans Herz zu legen, die nicht den blutigen Schocker-Horror suchen, sondern eine spannende, außergewöhnliche Reise bestehen wollen.
Cursed Mountain gibt es exklusiv für die Wii und das ab sofort.
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