Hellion: Mystery of the Inquisition

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X360: Hellion: Mystery of the Inquisition

X360: Hellion: Mystery of the Inquisition

Wie das wohl aussieht, wenn eine neue polnische Spieleschmiede, die sich zur Hälfte aus The-Witcher- und Two-Worlds-Entwicklern rekrutiert, ein mittelalterliches, reichlich wildes Schwertschnetzel-Epos produziert? Auf keinen Fall nach Kindergeburtstag oder Friedensnobelpreis, wie mir eine Technikdemo zu Hellion bewies. In Mystery of the Inquisition, so der Untertitel, geht es um Godric von Glastonbury, einen Ritter, der Leiden schafft.

Und in meinem Kopf hat sich vor allem eine Szene festgefressen:

Zwei Männer hauen und stechen aufeinander ein. Sie atmen schwer, ihre Schwerter klirren. Godric, der Kämpfer mit der Narbe unter dem rechten Auge, hat seinen Kontrahenten unter harten Hieben mürbe gemacht. Die Entscheidung fällt binnen eines Wimpernschlags, jetzt wechselt die Kamera von der Ich-Perspektive in eine seitliche Ansicht.

Der Präsentator am Gamepad hat seine Spielfigur dazu gebracht, ihrem virtuellen Gegner einen Stoß zu versetzen. In Zeitlupe taumelt der in einen weißen Waffenrock gehüllte Kreuzritter nach vorn. Trotzdem geht alles fast zu schnell: Krass, habe ich das gerade richtig gesehen? Hat Godrics Klinge tatsächlich die Achillessehne seines Polygongegners durchschnitten, um ihn zu Fall zu bringen? Fest steht, dass ein zweiter und letzter Schwung den Kopf vom Rumpf trennt und Pixelblut regnen lässt, noch während das Opfer wie ein Baum gen Boden kippt. Exitus.

Nein, im Jahr 1219 des Herrn ging es nicht immer kuschelig zu. Martin Szymanski, der für die Firma Flying Fishworks die Öffentlichkeitsarbeit bestreitet und Hellion („Teufelsbraten“) während der Spielemesse gamescom in Köln präsentiert, lässt auch keine Zweifel aufkommen, dass dieser Titel die ganze Härte des Mittelalters widerspiegeln soll. Deshalb zeigt er zunächst weitere Finishing Moves, also aufwändige Tötungsanimationen. Davon wird es später rund 30 Varianten geben. Bei einer knallt Godric seinem Widersacher zunächst den Schwertknauf gegen Kopf und Nacken, sodass dieser benommen auf die Knie sinkt. Ein Stich ins Herz beendet die blutige Auseinandersetzung.

„Du kannst einen Finishing Move ansetzen, sobald dein Gegner geschwächt ist“, sagt Szymanski. Ausweichen, perfekt zeitlich abgestimmtes Blocken und Deckungslücken nutzen – so lautet die Marschroute zuvor. Und es scheint tatsächlich einiges an taktischer Finesse gefragt, schließlich geht auch Godric ein ums andere mal hops, obwohl sein Steuermann am Gamepad sicher Übung hat. „Wir machen keine Simulation, aber auch keinen One-Button-Masher“, erklärt der Pressesprecher. Gut, das bloße Malträtieren einer einzigen Taste soll also nicht zum Erfolg führen. Außerdem sind Quicktime-Events geplant, also Reaktionstest im Stil von God of War. Vor meinem geistigen Auge entsteht eine Mischung aus simpler Spaßklopperei à la Enclave und Severance, für das man am besten ein abgeschlossenes Fechtkampfstudium benötigte.

Doch Hellion soll weit mehr bieten als brutale Duelle mit Dolch, Schwert, Bogen, Armbrust, realistischen Trefferzonen und abtrennbaren Gliedmaßen. Godric von Glastonbury, ein Engländer, der seine Familie verloren hat, ist nicht nur Ritter, sondern auch von Mönchen ausgebildeter Exorzist. Der Teufelsaustreiber und Dämonenjäger verfügt über übernatürliche Fähigkeiten. Stoßgebete ersetzen gewissermaßen die Magie, wie man sie aus Fantasy-Spielen kennt.

Godrics Glaube an Gott erhöht zum Beispiel kurzzeitig seine Defensive. „Oder er befreit Seelen von Toten und kann dabei sehen, was diesen in den letzten 15 Sekunden ihres Lebens widerfahren ist. Wer sie umgebracht hat, wo sie etwas versteckt haben und so weiter.“ Dadurch und wegen zahlreicher Storywendungen werde das Spiel zudem Qualitäten eines Thrillers entwickeln.

Von Rom aus kümmert sich Godric als eine Art Geheimagent um heidnische Sekten. Kümmern stellt in diesem Fall eine beschönigende Formulierung für „bekehren, und falls die Typen Mucken machen, dann beseitigen“ dar. Im Lauf der Zeit ahnt der junge Mann allerdings, dass er vielleicht doch nicht nur für die gute Sache streitet und kommt einer Verschwörung auf die Spur. Klingt ja schon mal nicht unspannend.

Allerdings: Ein Ritter, der in Diensten eines Kardinals und damit der katholischen Kirche steht und sich im Namen der heiligen Inquisition gewaltsam durch die Gegend schnitzelt? Okay, die CSU-Parteizentrale in München oder Einzelhändler in Altötting bestellen 2011 vermutlich keine größeren Mengen des fertigen Spiels, sinniere ich im Stillen.

Der Recke bereist im Verlauf des Abenteuers zehn authentische Schauplätze. Auf dem Programm stehen unter anderem Italien, Südspanien, England, Preußen, der Harz und Ostfrankreich. Zum Beweis steuert Martin Szymanski nach der Präsentation des Kampfmodus‘ im zweiten Teil der Technikdemo die Spielfigur friedlich durch eine Kathedrale, die der Église Saint-Jean-Baptiste-et-Saint-Étienne in Lyon nachempfunden ist. Unter anderem nutzt er dabei einen mechanischen Lastenaufzug – sehr stilvoll.

Die Kirche befand sich seinerzeit im Umbau, entsprechend tummeln sich auch im virtuellen Gotteshaus überall Arbeiter. Unter dem Dach flattern Tauben. Im Licht, das durch die Fenster fällt, tanzt feiner Staub. Besonders ansehnlich ist das farbenprächtige Mosaikglas. Die bereits sehr ordentliche Optik der Vor-Alpha-Version überzeugt also. Für das fertige Spiel wollen die Entwickler die Lizenz an der Unreal-Engine 3.5 erwerben.

Herumprügeln soll sich der Rittersmann nicht nur mit anderen Kämpen, sondern auch mit wilden Tieren und Dämonen, wobei es bei den zuletzt Genannten natürlich zunächst gilt, sie aus dem Körper von Besessenen zu scheuchen. Besondere Härtefälle bearbeitet euer Alter Ego sogar mit griechischem Feuer, einer explosiven Mischung aus Erdöl, Schwefel, Harz, Salz und gebranntem Kalk (liebe Kinder, bitte zuhause nicht nachmachen!).

Godrics Exorzistenkräfte und Kampfähigkeiten verbessern sich im Lauf der Zeit. Ähnlich wie im Rollenspiel Oblivion je nachdem, wie häufig er sie einsetzt. Außerdem motzt der Glaubenskrieger seine Waffen auf, das Schwert etwa mit christlichen Symbolen und die Armbrust mit einem Spieß für den Nahkampf. Bolzen und Pfeile lassen sich außerdem mit Feuer und Weihwasser pimpen, was gegen Untote und andere Kreaturen der Finsternis mehr Erfolg verspricht. Hat da jemand an Dark Project gedacht? Und wegen des Szenarios an sich an Assassin’s Creed? Nun, ein bisschen Inspiration muss ja nicht verkehrt sein, oder?

Um das noch mal deutlich zu machen: Technikdemo bedeutet, dass noch keine Szenen aus dem wirklichen Spiel zu sehen sind, sondern lediglich kleine Häppchen, die die Entwickler rein zu Präsentationszwecken zusammenklöppeln. Im Fall von Hellion waren das ein Video mit einem Kameraflug durch beinahe leere Levels, der noch rudimentäre Kampfmodus und ein virtueller Spaziergang durch eine Kirche.

Wer daraus eine Prognose über die spätere Qualität eines Titels ableitet, liest auch in Fischgedärmen oder heiratet eine Frau, von der er nur den Hintern gesehen hat.

Was ich sagen kann: Das Gezeigte gefiel und die Ideen klingen prima. Also werde ich mit diesem Projekt wie bei meinen Kontaktlinsen verfahren und es im Auge behalten. Es könnte sich lohnen.

Die Entwickler suchen für Hellion momentan noch eine Vertriebsfirma, das Spiel soll aber auf jeden Fall im ersten Quartal 2011 für PC, Xbox 360 und PlayStation 3 erscheinen.

 

 

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