Gesamtwertung7/10 |
Das war alles nur ein Traum!
Wer diesen Satz schon einmal gehört hat, guckt wahrscheinlich zu viele schlechte Filme. Oder liest zu viele schlechte Bücher, falls das noch jemand tut. Schließlich gibt es doch keine enttäuschendere, keine unmotiviertere Auflösung einer Geschichte, als zu sagen: „Sorry, aber das, was wir Dir in den letzten Stunden erzählt haben, ist überhaupt nicht passiert.“
Eternal Sonata begeht diesen Fehler zum Glück nur halb, denn in dem wunderschönen Rollenspiel von Tri-Crescendo erfahrt Ihr bereits zu Beginn, dass alles Folgende nur ein Traum sein soll. Allerdings kein Traum einer ganz gewöhnlichen Person, sondern von Frédéric Chopin, dem polnischen Komponisten. Der liegt Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich gerade mit Tuberkulose im Sterben und ersinnt in seinen letzten Zügen mal schnell eine komplette Fantasywelt.
In deren Mittelpunkt steht das kleine Mädchen Polka, die als einer der wenigen Bewohner dieser Welt mit Magie umgehen kann. Das allerdings ist kein gutes Zeichen, besitzen dort doch nur Menschen magische Kräfte, die dem Tod geweiht - sprich: unheilbar krank - sind. Viel größere Probleme bereitet Polka jedoch die Tatsache, dass offenbar ein Großteil ihrer Mitmenschen glaubt, diese Krankheit sei ansteckend, und sie deshalb wie die Pest meidet.
Auch sonst liegt einiges im Argen: Polka würde beispielsweise gerne Blumenpulver verkaufen, aber das wird neuerdings von dem fiesen Graf Waltz so hoch besteuert, dass damit kaum ein Geschäft zu machen ist. Stattdessen wollen alle Leute nur noch das neue und viel billigere Mineralpulver.
Also macht sich Polka gemeinsam mit Frédéric, der sich seines Traums bewusst glaubt, auf den Weg zum Grafen, um ihn um eine Senkung der Steuern zu bitten. Unterwegs treffen die beiden dabei auf zwei Jungen, die Waltz ebenfalls einen Besuch abstatten möchten, weil ihnen die Steuern auf Brot zu hoch sind. Klar, dass sie bald gemeinsam kämpfen, um die Gerechtigkeit im Land wieder herzustellen.
Zugegeben, das Spiel stellt das Ganze ein wenig komplexer dar, aber genau das ist vielleicht sein größtes Problem. Es suggeriert anfangs eine enorme Tiefe, die Charaktere schwadronieren mitunter minutenlang in Zwischensequenzen über philosophische wie politische Fragen, die das Spiel in seinem Verlauf nie zufrieden stellend beantworten kann - und teilweise nicht einmal wieder aufgreift. Mehr noch: Schon früh muss die Geschichte auf die typischen Klischees zurückgreifen, die Ihr in so ziemlich jedem japanischen Rollenspiel antrefft. Der Herzschmerz von kulleraugigen Kindern passt einfach nicht zu der schwermütigen Prämisse.
Auch in einigen anderen Bereichen ist Eternal Sonata ein etwas zu klassischer Vertreter seiner Art: Ihr rennt durch überwiegend kleine und absolut lineare Umgebungen, trefft im Prinzip nie auf Sidequests und von den wirklich langatmigen Cutscenes habe ich ja schon gesprochen.
Richtig interessant wird das Spiel erst, wenn Ihr über einen Widersacher stolpert, die übrigens fairerweise nicht zufällig auftauchen, sondern in der Umgebung dargestellt werden. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr vielen also einfach ausweichen, indem Ihr an ihnen vorbeilauft, was angesichts der stets am Ende eines Abschnitts auftauchenden Bossgegner jedoch nicht empfehlenswert ist. Ein bisschen Grinding muss schon sein.
Doch zurück zum Kampfsystem, das geschickt Echtzeit- und Rundenelemente miteinander vereint. Folgendermaßen: Es greift jederzeit nur ein Charakter aktiv ins Geschehen ein. Meistens ist zunächst ein Mitglied Eurer Party an der Reihe, das Ihr dann fünf Sekunden lang steuern könnt.
Solange Ihr Euch bewegt, einen Gegner per Buttonmashing angreift, einen Zauberspruch ausführt oder ein Item benutzt, läuft die Zeit. Sobald Ihr nichts tut, stoppt sie wieder. Außerdem ist es möglich, die fünf Sekunden ein wenig zu verlängern, indem Ihr einen Kontrahenten mehrmals hintereinander trefft - jedes Mal kommen dabei ein paar Sekundenbruchteile hinzu, sofern der Gegner die Attacken nicht blockt. Das könnt Ihr mit schnellen Reaktionen übrigens ebenso.
Kleine Veränderungen an diesem System gibt es, wenn Eure Gruppe im Laufe des Spiels aufsteigt. Dann hält die Zeit nach der ersten Bewegung nicht mehr an, Ihr dürft zu Beginn eines Zuges nicht mehr unbegrenzt überlegen, Euch stehen lediglich vier Sekunden zur Verfügung und so weiter.
Vielleicht noch interessanter, weil taktisch enorm relevant, ist die Bedeutung, welche Licht und Schatten in den Kämpfen von Eternal Sonata spielen: Jeder Charakter verfügt über zwei aufladbare Spezialaktionen, wovon er eine nur in der Helligkeit und eine nur in der Dunkelheit ausführen kann.
Dadurch gewinnt die Umgebung natürlich enorm an Gewicht, müsst Ihr doch stets darauf achten, wo Ihr gerade steht - besonders wenn der Unterschied zwischen Licht und Schatten den Unterschied zwischen Heilung und Angriff bedeutet. Auch manche Gegner verändern ihre Form und Stärke abhängig von der Helligkeit, was zusätzliche Übersicht erfordert. Denn sogar der Schatten eines anderen Gegners reicht unter Umständen aus, um aus einem harmlosen Wesen ein wahres Monster zu machen.
Die einzige echte Schwäche des Kampfsystems ist, dass Ihr nie so recht wisst, mit wem Ihr es denn gerade zu tun habt und wie stark dieser jemand ist. So informiert Euch das Spiel zwar darüber, welchen Schaden Ihr mit einem Angriff verursacht. Aber was nützt das, wenn Ihr nicht die geringste Ahnung habt, wie viel Lebensenergie Euer Gegenüber besitzt? Die Anzahl der verschiedenen Gegnertypen hält sich zudem arg in Grenzen.
Dass bei einem Spiel mit Frédéric Chopin die Musik im Allgemeinen einen hohen Stellenwert einnimmt, dürfte derweil selbstverständlich sein. Neben einigen Stücken des Komponisten sind es vor allem die unzähligen musikalischen Referenzen, die auffallen: Kaum ein Charakter, kaum eine Umgebung ist nicht nach einem Begriff aus der Musik benannt.
Aber was bei Eternal Sonata am meisten hervorsticht, ist erstaunlicherweise nicht die Musik, sondern die Grafik: Die wundervoll animierten und mit unglaublich viel Detailreichtum modellierten Charaktere wirken - anders kann man es kaum beschreiben - wie aus einem Zeichentrickfilm.
Die Umgebungen stehen dem ein klein wenig nach, weil sie nicht so recht zu dem Cel-Shading-Look der Figuren passen und eher an ein World of WarCraft erinnern, aber das ist verzeihlich. Nur wünschte ich, diese traumhaften (haha!) Charaktere hätten eine bessere Geschichte bekommen.
Denn so gut Eternal Sonata auch aussieht, so erfrischend es sich stellenweise spielt, so bieder ist es in zu vielen anderen Bereichen. Es beginnt stark, aber lässt dafür leider umso stärker nach, je weiter man kommt. DAS japanische Rollenspiel der Xbox 360 hätte es werden können, aber in dieser Form ist es „nur“ ein guter, hübscher Titel mit einem tollen Kampfsystem und einer faszinierenden Idee, die enttäuschend umgesetzt wurde.
Mach Dir einen Namen im Dark Orbit. Allein oder mit Verbündeten wagst Du Dich in weit entfernte Sternen- systeme vor und kämpfst um 10.000 € zum Spiel...
Eternal Sonata im Test.
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