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Er hat in seiner Jugend Alice Cooper gehört, sich schon an „Killerspielen“ versucht und schreibt oder schrieb für Computermagazine wie Macwelt und c't: Thomas Hartmann ist vielleicht nicht so, wie man sich einen Pfarrer gemeinhin vorstellt. Hin und wieder verfasst der Wiesbadener im Rahmen seiner gelegentlichen journalistischen Tätigkeit sogar Tests zu Spielen. Über LEGO Batman etwa.
Und: Der 49-Jährige provoziert. Mit der These zum Beispiel, dass Kinder „ballern und sich prügeln müssen.“ Neben einer guten Erziehung sei für ihre Entwicklung spielerische Gewalt und das Ausleben ihrer Aggressionen wichtig, ist er überzeugt.
Warum „Killerspiele“ keine Amokläufer machen, erläutert der Pfarrer auch in seinem Buch "Schluss mit dem Gewalt-Tabu!". Der 272 Seiten starke Ratgeber beleuchtet unter anderem das Jugendschutzgesetz so fachgerecht, dass er nicht nur für Eltern, sondern selbst für erfahrene Spieler interessant ist. Das war für Eurogamer.de Grund genug, den vierfachen Familienvater um ein Interview zu bitten.
- EUROGAMER
- Herr Hartmann, der Untertitel Ihres Buches Schluss mit dem Gewalt-Tabu! lautet Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen. Könnten Sie das kurz erläutern?
- THOMAS HARTMANN
- Natürlich klingt das etwas provokativ, um in die Diskussion einzugreifen. Wie im Buch sehr schnell deutlich wird, unterscheide ich so klar wie möglich zwischen „spielerischer“ und „zerstörerischer“ Gewalt. Nur um die Erstere geht es auch bei dem Untertitel.
- EUROGAMER
- Wie begründen Sie, dass Shooter allein eben nicht zu Amokläufern machen, wie das manche Politiker immer wieder unterschwellig durchblicken lassen?
- THOMAS HARTMANN
- Wäre es so, müsste die Welt und auch Deutschland voller Amokläufer sein. Das ist zum Glück nicht der Fall. Kein Experte würde das im Übrigen jemals behaupten. Die primären Ursachen liegen fast immer im sozialen Bereich. Dazu kommt bei den Tätern ein zu leichter Zugang zu Waffen, wie insbesondere in den USA.
- EUROGAMER
- Seit Ihr Buch erschienen ist, kam es zu einem weiteren Amoklauf – in Winnenden. Wie erklären Sie sich, dass sofort wieder eine Verbindung zu Counter-Strike hergestellt wurde?
- THOMAS HARTMANN
- Für unfassbare, im Grunde nicht zu verarbeitende Geschehnisse suchen wir immer nach einfachen Erklärungen. Der Soziologe Niklas Luhmann meinte, Sinn sei die Reduktion von Kontingenz, also die denkbaren Faktoren werden so eng wie möglich eingegrenzt oder auch eingeengt, was unterm Strich übrig bleibt, muss alles erklären.
Counter-Strike ist 2002 zum Symbol für eine sich am Monitor scheinbar blutig ballernde Jugendgeneration geworden, die durch solche Spiele klammheimlich zu potenziellen Amokläufern herangezüchtet wird. Der Wahrheitsgehalt daran interessiert dann nicht. Hauptsache, der Übeltäter ist gefunden. Dass man damit natürlich keine Probleme löst, weil man sich um deren wahre Ursachen dabei gar nicht kümmert, liegt auf der Hand. - EUROGAMER
- Der bayerische CSU-Innenminister Joachim Herrmann hat „Killerspiele“ gewissermaßen mit Pädophilie verglichen. Was empfinden Sie, wenn Sie so etwas hören?
- THOMAS HARTMANN
- Auch wenn er durch die Staatsanwaltschaft in Darmstadt quasi das Recht zugesprochen bekam, solche unglaublichen Vergleiche anzustellen: Ich finde es widerlich, unerhört. Und übrigens eine Verharmlosung von Kinderpornografie, die sicher nicht beabsichtigt ist, aber sich aufdrängt.
- EUROGAMER
- Mögliche negative Auswirkungen von gewaltigen Spielen, etwa auf psychisch angeschlagene Menschen, räumen Sie durchaus ein. Wären solche Einzelfälle nicht Grund genug für ein Verbot?
- THOMAS HARTMANN
- Niemand würde wegen der Möglichkeit, zum Beispiel Alkohol zu missbrauchen, diesen für alle verbieten. Allerdings ist der Zugang nur begrenzt möglich, wenn man an die Verkaufsfreigaben denkt. Das ist auch für Spiele das richtige Mittel: Altersfreigaben müssen strikter eingehalten werden, das ist auch eine Aufgabe der Eltern.
Allerdings: Menschen mit seelischen Problemen lassen sich durch Verbote, die man etwa durchs Internet leicht umgehen kann, bestimmt nicht von Spielen abhalten, die ihrer Gemütsverfassung nicht förderlich sind. Natürlich muss es Grenzen bei der Freigabe von Spielen geben, und diese existieren ja auch. Gewaltverherrlichende Spiele oder Videos etwa sind bereits verboten. Wo hier genau die Grenze verläuft, lässt sich aber diskutieren, wie man beim Spiel Der Pate gesehen hat. - EUROGAMER
- In jüngster Vergangenheit geriet auch die USK wegen ihrer Alterseinstufungen immer wieder in die Kritik. Wie beurteilen Sie die Arbeit dieses Gremiums?
- THOMAS HARTMANN
- Ich habe den Eindruck, dass man dort gute Arbeit leistet. Natürlich beurteilen Experten, die solche Spiele gewohnt sind, auch gewalthaltige Anteile in Games gelassener als Menschen, denen das fremd ist. Das Problem besteht aber nicht bei den Einstufungen, die bekanntlich zu den strengsten in Europa gehören, sondern bei der Umsetzung. Und hier meine ich nicht die Größe der Alterseinstufungen auf den Verpackungen oder Alarmsignale an den Verkaufskassen, sondern die mediale und pädagogische Verantwortung von Eltern und auch Schule.
- EUROGAMER
- Eltern müssen beim Thema Jugendschutz in die Verantwortung genommen werden, so Ihre Forderung. Was raten Sie Mütter und Vätern?
- THOMAS HARTMANN
- Anstatt gewissen Professoren und Politkern zu vertrauen, die ihre einseitigen und teils extremen Meinungen immer wieder fast unwidersprochen in den Medien äußern dürfen, sich lieber ein eigenes Bild machen – nicht gegen, sondern mit ihren Kindern. Das kann durchaus kontrovers sein und auch damit enden, dass enge Grenzen gezogen und sogar Verbote für bestimmte Spiele ausgesprochen werden.
Aber jedenfalls ist dies im Dialog geschehen und unter größerer Sachkenntnis, als wenn man auf fremde Meinungen ohne eigene Anschauung setzt. Das fördert das Vertrauen auch der Kinder, selbst wenn die im Moment enttäuscht sind, weil sie natürlich lieber keinen Widerstand hätten. Aber Konflikte gehören nun mal dazu, auch Erziehung ist vor allem Beziehung, mit allem, was dazu gehört.
Das vollständige Interview mit Thomas Hartmann finden Sie bei Eurogamer.de. ©Eurogamer.de © Foto: H. Schröder
Harald Hesse
Mischa Strecker
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Benutzer Kommentare
Stimmt natürlich alles was hier steht. Aber wenn mans genau nimmt, ist das nichts anderes als das, was alle mittlerweile denken, die spielen!
Posted by: luggiluggiluggi on Do 21:40 27.Aug. | Missbrauch meldender typ soll politiker werden. der könnte alles verändern, endlich mal jemand der bescheid weiß :)
Posted by: devilmaycry_nero on Do 21:47 27.Aug. | Missbrauch melden