"Spielwiese – Gelassen durch digitale Welten
Folge 4: Datenmüll - oder: ich pfeife auf Pfeiffer!"

Mi 27 Feb 12:33PM von Harald Hesse

Wut, Wut, Wut! Unsereins - und hier gibt es viele Mitstreiter - rackert sich ab, macht und tut und müht sich, um in unzähligen Gesprächen mit Lehrern, Erziehern, Eltern, Freunden, Bekannten und Politikern bestehende Unsicherheiten, Orientierungs- und Hilflosigkeiten im Umgang mit Medien millimeterweise abzubauen. Und dann kommt da so ein schwadronierender Professor daher, der in alter Kreuzrittermanier zum Angriff auf den Medienkonsum bläst und mit wenigen, in überregionalen Medien platzierten Zeilen wieder alles zunichte macht. Da könnte man doch vor Freude in die Tischkante beißen, besser noch: zum Tier werden. Warum ich mich so aufrege?

Deshalb: Mitte Februar wurde in Düsseldorf die aktuelle Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) vorgestellt. Sie trägt den reißerischen Titel „Die PISA-Verlierer - Opfer ihres Medienkonsums". Bereits hier hätte ein unüberhörbarer Aufschrei durch die Medien gehen müssen! Warum? Weil die PISA-Studien KEINE Aussage über einen etwaigen Zusammenhang von Lernen und Medienkonsum zulassen. Warum nicht? Weil diese Frage schlichtweg nicht Gegenstand der PISA-Untersuchungen war. Dennoch erweckt das KFN mit dem Titel seiner Studie bewusst den Eindruck, als hätte PISA hierzu Erkenntnisse zutage gefördert, was definitiv nicht der Fall ist. Der Titel suggeriert also Unsinn und nichts Unsinn. Trotzdem blieb der Aufschrei der Medien aus. Brav berichteten sie - landauf, landab und querbeet -, was der ach so kompetente Professor Pfeiffer mit seinem KFN-Institut wieder unters Volk bringen wollte. Doch damit nicht genug! Es kommt noch dicker!

Die erwähnte KFN-Studie stützt sich auf bundesweite Befragungen von 5500 Viert- und 17 000 Neuntklässlern, wie die „Süddeutsche Zeitung" etwa zu berichten wusste. In einer seit 2005 laufenden Untersuchung habe das KFN außerdem 1000 Berliner Grundschüler begleitet und ihre Schulnoten ausgewertet. Diese fallen demnach umso schlechter aus, je mehr Zeit die Kinder mit Medien verbringen und je brutaler die konsumierten Inhalte sind. Potzblitz! Jetzt sind wir aber wirklich beeindruckt!

Quatsch! Humbug! Unsinn!

1. Zunächst stützt sich das KFN in der Regel auf sogenannte Querschnittsuntersuchungen, d.h. es werden ganz viele Menschen einmalig zu einem Thema oder mehreren Themen befragt. Das ist zwar nett, numerisch vielleicht auch beeindruckend, was die Repräsentativität der Studie unterstreichen soll, faktisch produziert diese empirische Untersuchung jedoch nur eins: eine Menge Datenmüll. Mit diesem Haufen Einzeldaten und damit Einzelmeinungen kann man nun sicher vieles anstellen, nur eines nicht: kausale Zusammenhänge herstellen bzw. ableiten. Das machen das KFN und Pfeiffer aber am laufenden Band.

2. Für die Erkenntnis, dass die Schulnoten der Kinder umso schlechter ausfallen, je mehr Zeit sie mit Medien verbringen, brauche ich nun wahrlich keine Studien des KFN. Hierfür reicht eigentlich der gesunde Menschenverstand eines jeden vollkommen aus. Ich hoffe nur, dass für diese Studien keine Forschungsgelder aus Steuermitteln zur Verfügung gestellt wurden! Diese Mittel könnten wahrlich besser und nachhaltiger eingesetzt werden.

Recht gebe ich dem KFN und dessen Leiter Prof. Pfeiffer allerdings darin, dass Kinder keinen eigenen Fernseher in ihrem Kinderzimmer benötigen. Aber auch dafür brauche ich keine Studien des KFN, der „einfache" Rat namhafter Medienpädagogen, deren Erfahrungswerte sich aus der langjährigen Arbeit mit Kindern speisen, wirkt da manchmal Wunder. Denen vertraue ich persönlich jedenfalls tausendmal mehr als irgendeinem Kriminologen.

Oder, um mit Prof. Dr. Maria Salisch, die an der Leuphana Universität Lüneburg Entwicklungspsychologie lehrt, zu sprechen: „...der Tenor der aufgeregten Debatten, welche die modernen Bildmedien vor allem unter dem Gesichtspunkt der Beschränkung diskutieren (...), stellt die Sorgen und Ängste von Eltern in den Mittelpunkt. Dennoch trägt die Diskussion nicht zu deren Differenzierung und Minderung bei, sondern schürt regelrecht die Unsicherheit und Vorbehalte der Erwachsenen. Der öffentliche ‚Besorgnis-Diskurs' ... (und hier spielt Prof. Pfeiffer mit seinen KFN-Studien und Thesen eine Hauptrolle; Anmerkung von mir) ...vermindert auch die Bereitschaft von Eltern, ‚sich für den Medienkonsum ihrer Kinder zu interessieren und ihn kritisch zu begleiten'...." (in: Maria von Salisch, Astrid Kristen, Caroline Oppl, Computerspiele mit und ohne Gewalt. Auswahl und Wirkung bei Kindern, Kohlhammer, Stuttgart 2007).

Mit anderen Worten: Ohne Pfeiffer geht's besser. Oder: Ich pfeife auf Pfeiffer! Wenn es die Medien doch auch nur täten. Da stimmen Sie mir doch sicher zu, oder?

Andrea M. Hesse und Harald Hesse sind die Authoren des Buches "Computer und Videospiele - Alles, was Eltern wissen sollten", ein umfassender Ratgeber zur altersgerechten Nutzung von Computer- und Videospielen. Vom Jugendschutz über eSport und LAN-Partys bis zum Medienvertrag zwischen Eltern und Kindern erklären die Autoren Fachbegriffe wie Xbox 360 und EyeToy oder "Jump 'n' Run" und "Ego-Shooter". Der anschauliche Ratgeber beschreibt das Thema leicht verständlich, sodass auch Neueinsteiger sich zurechtfinden können und gibt pädagogische Tipps und Empfehlungen zum Umgang mit Spiel- und Lernprogrammen und einem Erste-Hilfe-Extra zur Erkennung von Spielsucht.

 

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Benutzer Kommentare

  • (1)

    rofl glaubst du wirklich mit deiner aufregung würdest DU was erreichen ... hahahahahaha wenn du das wirklich glaubst, dann frage ich dich, warum lässt du den fernseher ned aus, weil "QUOTEN" die sendung bestimmen. DU allein bestimmst was DU konsumierst, und hast du kinder, gibt es nix einfacheres als den strom abstellen. also motz ned, HANDEL und erst wen du gehandelt hast dann darfst du motzen so long Lizzy

    Posted by: lizzylarla on So 09 Mrz 03:25AM | Missbrauch melden
  • (2)

    Sehr geehrter Herr Hesse, ich kann Ihren Artikel gut verstehen, vor dem Hintergrund Ihrer Tätigket als Chefredakteur der Fachzeitschrift GamesMarkt, einer Zeitschrift die von den Spielen im Kinderzimmer lebt. Die "Beratung von Eltern" durch Ihre Veröffentlichungen erfüllen dabei lediglich eine Alibifunktion um der offenen Werbung für Spiele übelster Art einen seriöseren Hintergrund zu verleihen. Dass Gutachten über die Auswirkung von Spielen von Spieleproduzenten in Auftrag gegeben werden und die Herren Professoren, die sich dafür hergeben, ein mehr als stattliches Honorar für ihr scheinbar objektives Gutachten von den Spieleherstellern erhalten, zeigt mehr als deutlich das verantwortungslose Interesse der Softwareproduzenten am reinen Geschäft. Die schönen Worte in Ihrem Ratgeber sind sicher richtig, aber eigentlich nur Augenwischerei. Die Realität im Umgang mit dem, was der Spielemarkt anbietet sieht erschreckend anders aus. Hier nutzt "Ihr Rat" an die Eltern nichts, wenn diese keinen Einblick in das nächtliche und externe Spieleverhalten ihrer Kinder haben. In Punkt 2. diskreditieren Sie die Untersuchung von Prof. Pfeiffer wegen des Geldes, das für die Studie ausgegeben wurde. "Dazu reicht der gesunde Menschenverstand." Somit stimmt Ihr gesunder Menschenverstand den Aussagen von Prof. Pfeiffer zu und Sie wären ohne solche Untersuchungen zu den gleichen Aussagen gekommen! Ihre Ablehnung von Prof. Pfeiffers nachgewiesenen Erkenntnissen ist daher für mich nicht nachvollziehbar, hier traue ich einer Studie mit mehr als 50000 Befragungen mehr als der Meinung eines ehemaligen Studenten der Theologie und einem Ausgebildeten Redakteurs, der keinerlei Kenntnisse im Bereich der Pädagogik nachweisen kann. John

    Posted by: johnmcbreen on So 09 Mrz 02:20PM | Missbrauch melden
  • (3)

    Computerspiele sind Teufelszeug! Man muss sie beschlagnahmen und dann am besten auf einen Haufen legen und verbrennen! Hat vor ein Paar Jahrzehnten mit Büchern ja auch wunderbar geklappt. Ja ja, diese Angst vor dem Unbekannten und Fremden hat diesem Land bereits oft einen guten Dienst erwiesen. Killerspiele sind gewalttätig. Der Spieler erlebt Gewalt in einem Medium, kann zwischen Realität und Fiktion nicht unterscheiden und trägt die Gewalt ins tägliche Leben. Indiziert Ego-Shooter! Indiziert noch mehr! Indiziert die Werke dieses sadistischen Briten, dessen Helden bis zum letzten Akt im Blut waten - Shakespeare hieß er glaub` ich. Ach ja und dieses eine Buch, in dem ein Bruder den anderen tötet, nach erfolglos verstrichenem Ultimatum Seuchen das Land überziehen, die Erstgeborenen sterben und die Flüsse sich mit Blut färben - das eine meine ich, ihr wisst schon, das mit dem Gewaltaufruf: "Auge um Auge, Zahn um Zahn"! Auf die Liste damit! Und das eine von diesem Goethe wird ja sogar in der Schule gelesen. Das ist so schmalzig, da haben die Kinder es beim Erscheinen gelesen und danach reihenweise Suizid begangen. Soll dieser junge Werther in der Hölle schmoren! Und überhaupt - dieses ganze pseudoliberale Gerede, von wegen man kann das Problem nicht monokausal betrachten, man darf andere Faktoren nicht vernachlässigen, Meidenkompetenz stärken, bla, bla... Absoluter Quatsch! Ein Problem, eine Ursache - so ist das im Leben! Von wegen Sündenbock suchen. Na, folgende Untersuchung zum Beispiel: man hat herausgefunden, dass Menschen, die in Haushalten leben, in denen es Feuerzeuge gibt, häufiger an Lungenkrebs erkranken - daraus folgt:

    Posted by: pastorjohnhale on So 27 Apr 05:48PM | Missbrauch melden
  • (4)

    Feuerzeuge verursachen Lungenkrebs! So einfach ist das! In diesem Sinne - quod erat demonstrandum. Herr Prof. Pfeiffer hat Recht! Gute Nacht, Deutschland!

    Posted by: pastorjohnhale on So 27 Apr 05:51PM | Missbrauch melden