GTA: Chinatown Wars

Review
Plattform
Vertrieb
Nintendo
Entwickler
Rockstar Games
Erscheinungsdatum
-
Genre
Action
USK
18
GTA: Chinatown Wars

Gesamtwertung

92 %/10

Grafik

9

Sound

10

Lanzeitspaß

9

Spieleinstieg

9

Bedienung

9

GTA: Chinatown Wars

Eigentlich könnte man denken, auf dem Nintendo DS läge angesichts der nicht enden wollenden Flut an einfältigen und sich teils verdammt ähnelnden 08/15-Haustier- und Kochspielen schon lange der Hund begraben. Eigentlich könnte man denken, die Plattform würde es abseits dieser zumeist vor Langeweile nur so miefenden Gammelware nicht über kindgerechte Titel hinausschaffen. Tja eigentlich… denn mit GTA: Chinatown Wars schafft es doch tatsächlich ein Spiel, dem Nintendo DS wirklich neues Leben einzuhauchen, die Touchscreen-Steuerung sinnvoll ins Gameplay einzubauen und auch ansonsten qualitativ zu blitzen und zu funkeln - und das über zahlreiche spaßige Stunden des Spielens hinweg.

Wenn wir es uns einfach machen würden, wäre zum Thema "Rockstar meets Nintendo DS" somit eigentlich alles gesagt, was zu sagen wäre. Aber Chinatown Wars und die vielen in der Vergangenheit gepeinigten DS-Seelen verdienen nun mal eine ausgeweitete Kritik. Statt wie in einigen Teilen des Franchises auf einen x-beliebigen Nobody zu setzen, in dessen virtuelle Haut der Zocker schlüpfen soll, greift Rockstar das sich als wesentlich besser herausgestellte Prinzip der großen Brüder - wie zum Beispiel Grand Theft Auto IV - auf, die dem Spieler einen Helden mit Namen und eigener Persönlichkeit vorsetzten und somit - entgegen dem früheren Irrglauben - eine Identifikation leichter ermöglichten als ein namenloses Abziehbild.

Ehre verpflichtet...

In Chinatown Wars ist es diesmal der rachsüchtige Chinese Huang Lee. Rachsüchtig deshalb, weil er auf der Suche nach den Mördern seines Vaters ist, der zwar selbst nicht den Heiligenschein mit bis zum Klosett trug, aber für die Ehre vergisst man selbst die schlimmsten Missetaten der eigenen Sippe. Also ab in den Flieger und ab nach Amerika. Von Reis und Nudeln zum großen, strahlenden Burger quasi.

Hin zu Onkel Kenny, der uns ein nettes Appartement und keine weitere Angst vor finanziellen Sorgen garantiert. Ab nach Liberty City, dass aus dem Flieger heraus einen traumhaften Eindruck macht. Hier wird Scheiße zu Gold, da ist sich Huang Lee sicher… und so nebenbei darf man natürlich auch an die Bastarde denken, die seinen alten Herren auf dem Gewissen haben.

Empfangen wird Huang von den Leibwächtern des Triaden-angehörigen Onkels - doch so schnell sie auch gekommen sind, so schnell sterben sie im Kreuzfeuer mysteriöser Gestalten, die Huang am Kopf treffen und sich sicher sind, dass das chinesische Problem somit gänzlich verschwunden wäre. Um ganz sicher zu gehen, darf der sich mittlerweile tot stellende Huang noch auf einen Ausflug ins kalte Nass gefasst machen… und genau HIER steigen wir. Mit unseren blanken, noch zittrig-schockierten Fäusten schlagen wir wie wild gegen die Windschutzscheibe. In DS-Sprache heißt das: Den Touchpen auf die grafisch abgebildete Scheibe hämmern, bis das Glas nachgibt… Action und Touchpen-Interaktion werden bei Chinatown Wars groß geschrieben: Nicht lange dauert es, da ist man bereits fleißig mit Autoklau, Gangrekrutierung und Schießereien beschäftigt.

Das im Comicstil gehaltene Treiben beobachten und steuern wir dabei aus der Vogelperspektive - ja, sie ist wieder da! - und bevorzugt mit dem Steuerkreuz sowie den Buttons. Während wir mittels Kreuz bestimmen, wo es per pedes und per Auto lang geht, rennen und geben wir mit B Gas. Mit Y springen wir und fahren im Auto rückwärts.

Mit A betätigt Ihr den Finger am Abzug während X den Ein- und Ausstieg ins bzw. aus dem - auch gern geklauten - Auto ermöglicht. In der Theorie sicherlich ein bunt zusammengewürfelt wirkendes Bedienungslayout, dessen Wirkweise sich aber erst in der Praxis erschließt und erstaunlich schnell erstaunlich einfach funktioniert.

Dealen mit dem Touchpen

Doch kommen wir langsam zum Eingemachten: Wie bereits erwähnt, wurde der Touchpen wirklich hervorragend ins Geschehen integriert und sein Einsatz wirkt nie übertrieben aufgesetzt oder sinnlos. Spätestens beim Autoknacken fühlt man sich involviert - wenn auch nur mit einem federleichten Stift in der Hand: Das untere Display zeigt uns den Lenkradkasten, in dem wir die Zündkabel finden. Zuvor will jedoch die Abdeckung samt Schrauben mittels Drehbewegungen abgeschraubt werden - dann noch fix die Kabel zusammendrehen und schon springt der Wagen an. Klasse! An anderer Stelle sollen wir in Dealerwagen angebrachte Bomben entschärfen - kein Problem: Mit dem Testgerät checken wir die einzelnen Signale und machen so den richtigen Draht aus, schnappen uns den Cutter und schneiden (eher streichen mit dem Pen) den Zünddraht entzwei.

Oder wie wäre es mit einem netten Tauschgeschäft zwischen Freunden? Wir meinen damit natürlich entsprechend betitelte Drogen wie LSD, Koks, Heroin und andere "Süßigkeiten".

Aus unserem Vorratskoffer bestimmen wir per Pen die Menge und die Art der Drogen, die wir auf unseren Streifzügen mitnehmen möchten, checken unser GPS nach bereits ausgemachten Dealern aus, lassen wie bei jedem anderem Auftrag die passende Route mittels "Doppelklick" berechnen und vergleichen vor Ort den Gewinn (oder auch Verlust) des Geschäfts. Lasst Euch übrigens nicht lumpen: Überall im von der Größe her nur leicht beschnittenen Liberty City tummeln sich zahlreiche Gestalten, die nur darauf warten, Geschäfte zu machen. Werdet Ihr Euren Stoff also nicht gewinnbringend los, dann kundschaftet einfach die umliegenden Hehler aus.

Kleiner DS ganz groß

Nur wer sich die Mühe macht, in den Dealergeschäften wirklich sämtliche alternativen Hehler nach potenzieller Gewinnmenge auszumachen, dem winkt bereits recht früh viel Geld. Das steckt Ihr dann entweder in den neuen Ammunation-Lieferservice, der Euch die Knarren direkt vor der Tür abstellt, in Gewinnlose, die Ihr freirubbeln dürft oder schlichtweg in neue fahrbare Untersätze, die in diversen Garagen in Liberty City findet und in Eurem Unterschlupf bunkern könnt. Apropos Unterschlupf: Den dürft Ihr - ausreichend Bares vorrausgesetzt - natürlich auch gegen eine frische und noch größere Behausung eintauschen beziehungsweise zusätzlich zulegen. Die Möglichkeiten sind nach wie vor da - man mag es beim Betrachten des schnuckeligen Nintendo DS kaum glauben. Worauf Ihr allerdings logischerweise verzichten müsst, ist eine Individualisierung von Huang Lee - Klamotten, Frisur etc. bleiben wie gehabt.

Angesichts der Vogelperspektive ist das natürlich sehr wohl zu verschmerzen, schließlich hätten wir uns auch nichts davon kaufen können, an einem Pixel zu erkennen, dass wir gerade Huang's Haare geändert haben. Überhaupt bekommt Ihr Euren Alter Ego - erneut logisch - nur in den comicartigen Standbild-Sequenzen zu Gesicht, die Euch zumeist vor und nach einer Mission erwarten und mit GTA-typisch derben Dialogen und Bildern punkten können. Zwar gibt es keine Sprachausgabe, aber dennoch "lauscht" man immer wieder gerne den Gesprächen der harten Kerle - und solchen, die es gerne wären. Wie der gute Chan beispielsweise, der gerne einmal ein Wettrennen mit unfairen Mitteln gewinnen möchte und natürlich uns losschickt, damit wir uns um den Flitzer eines Rennprofis "kümmern". Dazu verfolgen wir den Kerl bis nach Hause, klauen seinen per Zahlencode gesicherten Rennwagen - den wir vorher natürlich knacken müssen! - und bringen ihn zu einer Werkstatt, um den Motor mittels diverser Werkzeuge halbwegs kaputt zu schlagen - der Touchpen kommt auch hier wieder zum Einsatz - und ihm schließlich noch einen stinkenden Fisch zu hinterlassen sowie das nun schrottreife Auto wieder vor die Tür zu stellen.

Das Missionsdesign in Chinatown Wars übertrifft sich immer wieder mit gelungenen und witzigen Einfällen - natürlich gibt es auch einige Missionen, die nach dem GTA-Schema F ablaufen und arg bekannt vorkommen, doch wirklich oft wird man mit wirklich originellen Überraschungen überrumpelt. An einem Flughafen klauen wir beispielsweise einen Krankenwagen, dessen Insassen wir noch beim Fahren und mit verstärktem Polizeieinsatz im Rücken (!) mit dem Touchpen immer und immer wieder vor dem Herzstillstand bewahren müssen - nur um dann festzustellen, dass unser Auftraggeber den armen Kerl nur wiedersehen wollte, um ihm bei lebendigem Leibe das Herz herauszuschneiden... ähm, toll! Während Eurer Fahrten durch das überzeugend urbane Liberty City werdet Ihr von unterhaltsamer Radiomusik begleitet, die natürlich nicht an die großen Brüder und die PSP-Ableger heranreicht und keine echten gesungenen Tracks beinhaltet, aber immerhin über einige Sender verfügt, die mit netten Stücken mehrerer Genres das Ohr verwöhnen.

Fazit

Ich hätte es selbst nicht für möglich gehalten und mich ehrlich gesagt ein wenig gegen den Test von GTA: Chinatown Wars gesträubt, aber glücklicherweise war Kollege Rohrbeck so gnadenlos: Gerechnet habe ich mit einer fummeligen, reizlosen DS-Portierung des zeitlosen Serien-Gameplays. Doch schon ab dem Moment, in dem ich mehreren Metern Tiefe im kalten Wasser die Frontscheibe des Entführerwagens mit dem Touchpen zerbröselt habe, war ich bekehrt und sicher, dass dieser Titel anders ist als der sonst leider übliche Brei an NDS-Titeln.

Rockstar hat hier etwas geschaffen, was dem Prädikat "portable Unterhaltung" nicht nur gerecht wird, sondern es auch definiert: Ein grandioses Missionsdesign, eine mehr als saubere technische Umsetzung, eine nahezu perfekte Bedienung und ein ganzer Haufen mannigfaltiger Möglichkeiten machen aus Chinatown Wars ein optisch kleines, aber insgeheim ganz großes Juwel, das Ihr überall erleben könnt. GENAUSO will ich das sehen!

Den Test des Mehrspielermodus reichen wir nach ausreichend ausführlichen Sessions natürlich nach. Bisher sieht es aber danach aus, als ob auch hier nicht gekleckert, sondern geklotzt wurde: Mehrere Modi dürften mit- und gegeneinander für zahlreiche spaßige Stunden vor dem Dualscreen sorgen.

GTA: Chinatown Wars

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