Resident Evil 4
Die Teile der 'Resident Evil'-Reihe gehören ohne Zweifel zu den Survival-Horror-Spielen, die sich fest in der Spielergemeinde etabliert haben. Dennoch werfen Kritiker der Serie vor, sie halte zu sehr fest an ihren Traditionen und würde deshalb stagnieren. Es war also an der Zeit für Capcom, endlich frischen Wind in das mittlerweile doch recht angestaubte Gameplay zu bringen. Vier Jahre sind vergangen seit der Ankündigung, mit 'Resident Evil 4' das Horror-Genre zu revolutionieren. Schon im Vorfeld folgte ein Gerücht dem nächsten, wilde Spekulationen und ständige Terminverschiebungen erhitzten die Gemüter. Doch jetzt ist es auch bei uns soweit: Zieht euch warm an, verbarrikadiert eure Fenster und Türen, verdunkelt alles und dreht die Anlage auf, denn Horror-Spezi 'Capcom' hat euch etwas mitgebracht. Ob sich die lange Entwicklungszeit ausgezahlt hat und ob 'Resident Evil 4' wirklich eines der besten Spiele seiner Zunft ist, erfahrt ihr in unserem Test.
Flashback
Nach dem anfänglich riesigen Erfolg der Serie, hatten die Fans sich langsam satt gesehen an der ewigen Zombieschlachterei. Vor allem in Sachen Story kam nichts Neues mehr nach, denn das leidige Thema 'Umbrella lässt Virus frei und tötet haufenweise Menschen' war langsam ausgelutscht, und selbst die eingefleischten Fans begannen langsam zu murren. Nach der ersten Tech-Demo von 'Resident Evil 4' herrschte jedoch schnell ehrfürchtige Stille, sowohl Presse als auch Zocker waren überwältigt davon, was 'Capcom' da in der Mache hatte.
Leon is back
Wer 'Resident Evil 2' gespielt hat, kann sich sicher noch an Leon S. Kennedy erinnern. Es war sein erster Arbeitstag als ambitionierter Polizist, und er bekam es gleich mit einer ganzen Armee Untoter zu tun, bevor er die Übeltäter hinter dem Chaos ausfindig machen und ihrer gerechten Strafe zuführen konnte. Mittlerweise sind sechs Jahre vergangen und über das Problem mit Umbrella ist langsam Gras gewachsen. Die Zombie-Stadt Raccoon City ist mit einer Atombombe gesäubert worden und Leon erarbeitete sich den Posten eines Regierungsagenten. Als die Tochter des Präsidenten, Ashley Graham, entführt wurde, war schnell klar, dass er es sein würde, der einmal mehr die Kastanien aus dem Feuer holen musste. Natürlich ist es eure Aufgabe, das arme Mädel zu retten. Ein Hinweis führt euch nach Europa, genauer gesagt in eine unbekannte spanische Gegend. Dort angekommen erwartet euch ein schauriges Dorf, und mit der Kanone im Anschlag beginnt ihr, die wenig einladende Gegend zu erkunden. Schnell stoßt ihr dabei auf ungewöhnlich aggressive Einwohner und man muss kein besonders helles Köpfchen sein, um zu erkennen: Hier läuft etwas ganz schön schief. Die Bewohner verhalten sich überaus merkwürdig, auch wenn sie nicht gleich im für die Serie typischen Zombie-Look daher kommen. Doch schon bald ist es vorbei mit der trügerischen Idylle und die Suche nach Ashley entwickelt sich für Leon erneut zu einem Kampf ums nackte Überleben.
In den fünf Kapiteln werdet ihr neben dem anfänglichen Dorf auch eine architektonisch wunderschön gestaltete Burg durchforsten und natürlich darf später auch ein Labor in einem 'Resident Evil'-Ableger nicht fehlen.
Ihr steuert Leon aus der Verfolger-Perspektive. Da die Hintergründe endlich einmal in Echtzeit berechnet werden, lässt sich die Kamera mit dem gelben C-Stick frei nachjustieren, was aber nur selten nötig ist. Zieht ihr eine Waffe, habt ihr einen großen Nachteil gegenüber der Horde von Gegnern. Was, Waffe und Probleme? Da stimmt doch was nicht?! Doch, ihr lest schon richtig, denn sobald ihr eine Kanone zieht, kann sich Leon nicht mehr bewegen und wird dadurch leichte Beute der ächzenden Monster. Aber dafür schauen die bösen Burschen jetzt ja auch in die Mündung eures Schießprügels, so dass ihr ihnen genügend bleihaltiges Kontra geben können solltet. 'Capcom' hat jeder Waffe einen Hightech-Laserpointer spendiert, damit ihr leichter zielen und so präziser den Gegnern aufs Korn nehmen könnt.
Klugheit statt Zombiewahn
In 'Resident Evil 4' gibt es wie gesagt keine Zombies mehr in der Form, wie es in den älteren Teilen der Fall war. Stattdessen werdet ihr euch etwa mit pöbelnden Bauern, hinterlistigen Mönchen und auch mit dem allseits beliebten 'Herr der Ringe'-Bergtroll herumschlagen müssen. Ihr seht schon, euch erwarten viele neue Gesichter in der neuen Episode. Auch bei der KI hat sich was getan, denn während die sabbernden Untoten von damals eher lahm und hirnlos durch die Gegend bewegten, kann man dies aber leider (Profis würden eher 'Gott sei dank' sagen) von den neuen Gegenspielern nicht mehr behaupten. Ihr werdet schnell feststellen, dass die neuen Widersacher viel mehr in der Birne haben, denn sie greifen euch etwa nicht mehr nur alleine an, sondern sammeln sich in Gruppen und gehen gezielt vor, ganz getreu dem Motto: 'Macht es diesem Ami nicht leicht!' Sie weichen euren gezielten Schüssen immer wieder aus und versuchen euch zu umzingeln.
Dazu kommt, dass die Szenarios allesamt sehr schlau gescriptet sind. Ein Beispiel: Ihr befindet euch in einer alten, unheimlichen Blockhütte und seid von einer Horde Gegnern eingekesselt, die euch langsam aber sicher auf den Pelz rücken. Bevor ihr euch richtig umsehen könnt, hört ihr schon, wie die Fensterscheiben eingeschlagen werden und die ersten Monster anrücken. Mit einigen gezielten Schüssen aus der Schrotflinte erledigt ihr das Problem und stürmt die Treppe hoch. Doch auch hier seid ihr nicht sicher, denn die Bauern holen sich einfach ein paar Leitern, damit sie durch die höher gelegenen Fenster klettern können. Ihr rennt hin und her, kickt eine Leiter nach der anderen um, doch die Bedrohung will kein Ende nehmen - ihr seid umzingelt. Blanker Horror im Sekundentakt!
Abwechslung braucht der Schnetzelalltag
'Capcom' hat sich einiges einfallen lassen, um die Hatz noch spannender zu gestalten und den Zocker permanent mit Adrenalinschocks unter Dampf zu halten. Zum einen wäre da das neue Feature 'Quick-Time-Events'. Hierbei müsst ihr in Sekundenschnelle die eingeblendete Tastenkombination betätigen, um am Leben zu bleiben. Beispiel gefällig? Ihr schleicht euch einen Weg entlang, euer Herz pumpt wie verrückt, der Schweiß rinnt euch in die Augen und plötzlich seht ihr einen riesigen Felsbrocken auf euch zu kommen. Nun wird eine Tastenkombination eingeblendet, die ihr blitzschnell eingeben müsst, damit Leon zur Seite hechtet und dem Brocken ausweicht. Witzigerweise geschieht das nicht nur im Spiel selbst, sonder auch bei den grandios inszenierten Zwischensequenzen müsst ihr immer auf solch eine Situation vorbereitet sein. Capcom lässt euch nicht zur Ruhe kommen, es gibt immer massig Action. Zeit für eine Zigarettenpause während einer Cutscene bleibt also nicht.
Nicht mehr ganz so neu ist dagegen, dass ihr später nicht mehr alleine unterwegs seid. Sobald ihr Ashley, die Tochter des Präsidenten, gefunden habt, müsst ihr diese auch beschützen. Dazu könnt ihr Ashley auch zwei simple Befehle erteilen: 'Folge mir' und 'Bleib stehen'.
Die Rätseleinlagen in 'Resident Evil 4' werden alte Hasen eventuell enttäuschen. Denn diese sind nicht mehr ganz so knackig wie bei den Vorgängern, oft unterfordern sie den mutigen Spieler. So müsst ihr beispielsweise lediglich ein Artefakt finden, um eine Tür öffnen zu können, oder ihr seht ein farbiges Symbol und müsst mittels Knopfdruck die anderen drei Scheiben so drehen, dass sich das gleiche Symbol ergibt. Diese Rätseleinlagen dienen diesmal eher der Entspannung, bevor die Action wieder losgeht.
Freund oder Feind?
Mit dem Feind werdet ihr recht schnell Bekanntschaft machen, doch es gibt auch einige NPCs im Spiel, die euch nichts Böses wollen, im Gegenteil. So entdeckt ihr hilfsbereite, jedoch sehr verängstigte Menschen, die euch mit Rat und Tat zur Seite stehen. Im oben erwähnten Beispiel mit der Blockhütte etwa seid ihr nicht auf euch alleine gestellt. Der mysteriöse Spanier Luis steht euch tatkräftig zur Seite. An anderer Stelle nehmt ihr auch schon mal mittels Walki-Talki Kontakt mit dem Hauptquartier auf, um so an neue Informationen zu kommen.
Doch woher bekommt ihr eure Mordwerkzeuge? Wo könnt ihr die gefundenen Schätze verhökern? Gibt es etwa einen Shop in der düsteren Umgebung? Ja, es gibt einen solchen Shop, hierbei handelt es sich um einen reisenden Händler, der euch die aktuellsten Waffen zur Verfügung stellt - aber nur gegen Bares, versteht sich. So könnt ihr bis zu 18 Waffen erwerben, angefangen bei einer handelsüblichen 08/15 Pistole bis hin zum Minenwerfer. Ihr wollt eure lieb gewonnene Knarre lieber behalten? Mit dem nötigen Kleingeld könnt ihr auch Upgrades für eure Wumme kaufen, sie bekommt so zum Beispiel ein größeres Magazin oder mehr Durchschlagskraft spendiert. Sollte eure Lebensenergie einmal zu Neige gehen, helfen euch beim Händler erworbene Heilsprays. Doch die überaus beliebten Heilkräuter müsst ihr euch in den Abschnitten selber suchen. Dafür könnt ihr durch geschickte Kombinationen eure Lebensleiste erstmals sogar erweitern.
Its Horrortime
Anstatt ausschließlich auf altbewährte Schockelemente zu setzen, wurde auch in diesem Bereich vieles neu gemacht. Bei 'Resident Evil 4' habt ihr mehr als je zuvor das Gefühl, als wärt ihr nur ein kleiner Hase, der von Wölfen durch die dunklen Gänge und Hallen der Burg und die umliegenden Wälder gehetzt wird - und den stinkenden Atem der Monster dabei immer im Genick spürt. Hinter jeder Ecke könnte ein Gegner versteckt sein, der euch ans Leder will, jedes Öffnen einer Tür birgt Gefahren. Selbst in den Zwischensequenzen könnt ihr euch nicht zurücklehnen und euch von den Dialogen berieseln lassen, stattdessen müsst ihr immer bereit sein, Ashley und euch selbst zu beschützen. Solltet ihr doch einmal den Kopf verlieren (und das ist wörtlich gemeint...), gibt es wenig Grund zur Besorgnis: Es sind genügend Speicherplätze im Spiel verteilt, außerdem gibt es viele weitere Respawn-Punkte, so dass euch erneutes Bewältigen derselben Abschnitte und längere Laufwege weitestgehend erspart bleiben, wenn ich mal das Zeitliche segnen solltet.
Des Weiteren hat Capcom mit Details nicht gespart, die eine atemberaubende Atmosphäre aufkommen lassen und für echtes Horrorfeeling sorgen. Das gilt sowohl für die düsteren Hintergründe, die von toll eingerichteten Altbauten über die Dorfumgebung bis hin zu einer Seilbahn mit quietschenden Seilen reichen, als auch für die Gegner. Denn nur, weil ihr beim Betreten eines Saales niemanden seht heißt das nicht, dass nicht ein paar Sekunden später ein netter Bauer mit einer Kettensäge hinter euch auftaucht. Dabei hätten euch das dumpfe Grunzen und die beunruhigenden Schmatzlaute beim Betreten des Saales eigentlich warnen müssen...
Optisch und akustisch TOP
'Resident Evil 4' bietet neben dem ausgezeichneten Gameplay und der atemberaubenden Inszenierung auch noch eine bombastische Optik, es ist zweifelsfrei eines der schönsten Spiele dieser Konsolen-Generation geworden. Das liegt nicht nur an den abwechslungsreichen Texturen und den vielen kleinen Details, an denen man merkt, wie viel Arbeit in dem Titel steckt, vielmehr ist die gesamte Präsentation in sich stimmig. Die düstere Farbwahl, die wunderschönen Wetter- und Hitzeeffekte, aber auch die Beleuchtung hätten einen Oscar verdient, wenn es so etwas für Videospiele gäbe. Außerdem spielt sich 'Resident Evil 4' wunderbar flüssig, es gibt keine Slowdowns. Selbst wenn der gesamte Bildschirm förmlich zu explodieren scheint und eine schier unzählige sauber animierte Monster auf euch zu laufen, die Framerate bleibt trotzdem stabil.
Apropos Animationen: Diese gehören zum Besten, was aktuell über den Bildschirm flimmert, dasselbe gilt auch für die aufwändig und abwechslungsreich designten Gesichter. Diese fallen einem vor allen bei den gelungenen Zwischensequenzen auf, denn in den Dialogen hat man sogar Wert auf einigermaßen realistische Bewegungen der Lippen und Mundwinkel gelegt. Zu den durch die Bank positiven Aspekten gehört natürlich auch der bombastische Sound: Die düstere Musik mit feinster ProLogic II-Unterstützung und die animalischen Laute der Gegner lassen eine fantastische Gruselstimmung aufkommen.
Fazit
Wow, man hat es am Bericht wohl schon gemerkt: Ich bin hin und weg. Die lange Wartezeit mit all ihren Verschiebungen hat sich definitiv gelohnt, denn Capcom liefert mit Resident Evil 'Fear' eines der besten Spiele, wenn nicht sogar das beste Spiel dieser Generation schlechthin aus. Sie haben es geschafft, den Flair der alten Renderkulissen in eine atemberaubende 3D-Echtzeit-Kulisse umzuwandeln und legen sogar noch eins drauf. Es ist einfach bombastisch, was der kleine GameCube noch in Sachen Grafik zu leisten vermag. Doch auch das Gameplay stimmt: Das abwechslungsreiche Spieldesign fesselt einen regelrecht an das Pad des Cubes. Die tolle Atmosphäre lässt keine Wünsche offen und vermittelt einen Horror, der viel stärker als erwartet unter die Haut geht. Die vielen kleinen Details wissen sofort zu gefallen und auch der Beschützerinstinkt, welchen man nach der Befreiung von Ashley empfindet, lässt einen bis zum Ende nicht mehr los. Es sei noch darauf hingewiesen, dass das Spiel seine 'Ab 18'-Einstufung aufgrund expliziter Gewaltdarstellung völlig zu Recht erhalten hat und es somit nicht in Kinderhände gehört. Für alle anderen Gamecube-Besitzer gilt: Ein Must-Have.
Schweizer und Österreicher kommen außerdem noch in den Genuss der Bonusspiele 'Mercenaries' und 'Assignment Ada', die in der in Deutschland erhältlichen Version kurzfristig - dank der USK - von Capcom gestrichen werden mussten, und dürfen deshalb zur ohnehin schon hohen Wertung einen weiteren Prozentpunkt hinzufügen.
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