Das Schwarze Auge: Drakensang
Drakensang ist nicht das erste Computerspiel im 'Das Schwarze Auge'-Universum. Mit der Nordland-Trilogie 'Die Schicksalsklinge', 'Sternenschweif' und 'Die Schatten über Riva' bannte das Entwicklerstudio Attic in den Jahren 1992 bis 1996 zahlreiche DSA- und Rollenspielfans vor die Bildschirme ihrer wahnsinnig langsamen PCs und trumpfte vorallem mit dem regeltreuen Spielsystem und der lizensierten Story auf, für die Autoren der DSA-Redaktion verpflichtet werden konnten. Auch Radon Labs will mit Drakensang Fans des Pen&Paper-Rollenspiels und Neueinsteiger gleichzeitig erfreuen. Das Studio hat sich Originalautoren, Zeichner und DSA-Profis geschnappt und sich durch Unmengen von Material gewälzt um mit ihrem Spiel dem Vorbild so treu wie möglich zu bleiben.
Ob den Project Nomads Machern der gewaltige Spagat aus Regelkonformität und Massentauglichkeit gelungen ist, wissen wir erst bei Veröffentlichung des Spiels, den Ersteindruck der Looki-Redaktion gibt es schon jetzt. Claas Wolters von Publisher dtp hat es sich in unserem kuscheligen Büro gemütlich gemacht und ließ uns einige Stunden in die Welt von Drakensang eintauchen.
Kein Abenteuer ohne Held
In der Welt von DSA geht natürlich garnichts ohne eine Charakterkarte. Wir starten das Spiel und werden direkt nach dem schicken Intro mit der Charaktererstellung konfrontiert. DSA-Freunde werden da ihre reine Freude haben, im Expertenmodus gibt es unzählige Charakter-Eigenschaften, die der Spieler selbst vergeben kann. Von Mut über Fingerfertigkeit bis Intuition, bei der Personalisierung des Charakters kann man sich ordentlich austoben. Da wir aber nicht die gesamte Präsentation mit dem möglichst geschickten Verteilen von Charakterpunkten verbringen wollen, nehmen wir den Anfängermodus und entscheiden uns für eine der zahlreichen Völker, den Thorwaler. Zur Auswahl stehen außerdem Elfen, Tulamide, Mittelländische Magier, sowie Kämpfer, Amazonen und Zwerge.
Jede dieser Völker verfügt über sogenannte Archetypen oder einfach Klassen, die über die möglichen Fähigkeiten des Charakters entscheiden. Als Thorwaler bleibt da nur der Pirat.
Piraten verfügen über jede Menge Mut und Körperkraft und können ordentlich austeilen aber auch einstecken. Storyrelevant sind auch Fertigkeiten wie Einschmeicheln oder Einschüchtern, die bei ausreichend Schulung weitere Dialogoptionen freischaltet. Mit der Einschmeicheln-Fertigkeit könnte man beispielsweise gewisse Ziele direkt erreichen, während man als mundfauler Prügelknabe eher den Umweg über die Klinge gehen müsste. Die Charakterentwicklung im Spiel läuft Rollenspieltypisch ab. Durch das Erledigen von Gegnern und Quests erhalten Hauptcharakter und Party-Mitglieder Erfahrungspunkte und steigen in der Stufe auf. DSA-Typisch können dann einige Charakterpunkte vergeben werden, jedoch nur soviel, wie für die jeweilige Stufe maximal vorgesehen ist. Um die Relation zum Pen&Paper-Spiel aufrecht zu erhalten, rechnen die Entwickler mit einer maximalen Stufe von 16, welche in der DSA-Welt schon extrem hoch ist.
Das Mittelreich
Drakensang spielt nicht wie die Vorgänger in den Nordlanden Aventuriens, sondern im Mittelreich, genauer in der Umgebung der Grafenstadt Ferdok. In der Gestaltung der Spielwelt wurde das mittelalterliche Deutschland als Vorbild genommen, die Entwickler haben sich an alten Gebäuden und idyllischen Gegenden orientiert, sodass sich Mitteleuropäer in der Welt von Drakensang sofort heimisch fühlen können. Beim Aufbau der Stadt Ferdok wurde kleinlichst auf Originaltreue geachtet und bereits vorhandene Stadtplane und Umrisse aus dem DSA-Universum verwendet. Einen ersten Eindruck erhalten wir in dem kleinen Dorf Avestreu.
Umgeben von grünen Feldern, Gebirgen und Wäldern gehen NPCs ihrer Arbeit nach, trinken ihr Bier in der Schenke oder stehen einfach nur herum und beobachten die Schweine bei der Futtersuche. Unser Ziel ist die Stadt, doch um in die Stadt vorgelassen zu werden, brauchen wir zwei Menschen, die für uns Bürgen können. Also schauen wir uns im Dorf um und genehmigen uns erst einmal eines der berühmten Ferdoker Biere.
Köstlich! An der Schenke treffen wir auch unser erstes Party-Mitglied, Rhulana, eine schwer bewaffnete Kämpferin, die lieber austeilt als einsteckt und während unseren Abenteuern schon einmal den ein oder anderen zickigen Spruch ablässt. Die ersten Spielminuten dienen dem Spieler als in die Story integriertes Tutorial, so gibt es viele Nebenquests, die man mit Leichtigkeit ohne groß nachzudenken erledigen kann.
Mit der Kämpferin im Schlepptau räumen wir das Umland ordentlich auf, retten einen berühmten, aber reichlich verwirrten Erzmagier, spießen Bärenschädel auf und schlichten einen Streit zwischen zwei Gauklern. So verdienen wir uns einen gewissen Ruf und können als ehrbare Menschen die Stadt Ferdok betreten, wo wir unseren Freund treffen sollen, der uns im Intro einen Brief geschrieben hat.
Doch, stehen wir vor seinem Stadtschloss, die Fassade heruntergekommen und die Fenster verrammelt. Von einem Gardisten erfahren wir, unser Freund ist tot und anscheinend Opfer der unheimlichen Mordserie, von der soviele Menschen in Stadt und Umgebung hinter vorgehaltener Hand reden. Die Aufgabe der Heldengruppe wird es sein, die Mordserie aufzudecken und die Mörder unseres Freundes zur Rechenschaft zu ziehen.
Ausgangspunkt unserer Ermittlungen wird die Residenz des ermordeten Freundes sein, die als Hauptquartier der Party dienen und sogar persönlich eingerichtet und mit Trophäen verschönert werden kann.
Party time
Von der Interaktion mit der Party haben wir in der Präsentation nicht allzuviel mitbekommen. Hier und da lassen die Charaktere ein paar flotte Sprüche los, echter Streit oder Ärger kam aber noch nicht auf. Etwas plötzlich geschah die Aufnahme der Kämpferin Rhulana, die sich ohne unser Zutun unserer Gruppe anschloss. Wir hoffen, dass es im Laufe des Spiels noch tiefgründigere Gespräche geben wird, da wir so noch nichts über die wehrhafte Frau erfahren konnten, außer, dass man sie im Inventar fast vollständig entkleiden kann. Anders bei dem stark angetrunkenen Zwerg, den wir in der Taverne in der Stadt Ferdok treffen. Hier wird gleich klar, dass er der Leibwächter unseres verstorbenen Freundes war und sich die Schuld an seinem Tod gibt. Ein interessantes Detail ist der rasierte Bart, den man bei Zwergen sonst nie zu sehen bekommt. Der sogenannte Schandbart brandmarkt den armen Kerl als ehrlosen Zwerg, der zu allem Überfluss in großem Selbstmitleid versinkt, bis wir ihn mit einer fiesen Kräutertinktur zur Besinnung bringen. Der dankbare Zwerg schließt sich kurz darauf unserer Party an und hilft mit großem Eifer bei der Aufklärung der Mordfälle.
Ob die Taten der Spieler auch langfristige Konsequenzen, wie in The Witcher, Oblivion, Mass Effect oder anderen Rollenspielen nach sich ziehen, konnten wir noch nicht herausfinden, in bisherigen Berichten wurde allerdings nichts dergleichen bekannt gegeben. Es wird kein Moral- oder Ethiksystem geben, die Gesetzeshüter glänzen nur durch Strammstehen und nicht durch Eingreifen bei einem Vergehen wie Diebstahl oder Einbruch.
Böse oder gute Taten wirken sich nicht auf die Werte und den Charakter Eures Helden aus, so ist nicht der Weg das Ziel, sondern der Weg der Weg und das Ziel das Ziel. Beides scheint strikt vorgegeben zu sein, was nichts schlechtes sein muss, sofern die Entwickler mit einer guten Story punkten können, was bei den großartigen Autoren allerdings schon vorprogrammiert zu sein scheint. So soll die Hauptquest ungefähr 40 Stunden Spielspaß bieten, inklusive Nebenquests soll eine Spielzeit von über 80 Stunden möglich sein. Besonders interessant ist auch die Vorarbeit des Teams. Um für eine nahtlose Einbettung der Story und Begebenheiten des Spiels in die DSA-Welt zu garantieren, wurde die Pen&Paper-Gemeinschaft schon vor Monaten auf einige Neuheiten im Spiel vorbereitet.
Die Entwickler brauchten für die Storyline beispielsweise einen großen, neuen Tempel in der Stadt Ferdok. Also haben sie das DSA-Team kurzerhand gebeten, diesen Tempel in ihrem Magazin in Auftrag zu geben. Dieser Tempel ist bei unserer ersten Begegnung mit der Stadt noch mit Baugerüsten umgeben und befindet sich im Bau, später wird er fertig und begehbar sein und auch in der Pen&Paper-Welt von DSA als neue Kulisse für Abenteuer dienen können.
Würfel
Fast jede Interaktion mit der Umweld wird im Hintergrund DSA-Typisch ausgewürfelt, also auch die Kämpfe. In der optional aufrufbaren Konsole könnt ihr jeden Wurf zurückverfolgen und nachschauen, wieso der Angriff nicht geklappt hat oder der Dietrich abgebrochen ist. Die Kämpfe sind also rundenbasiert und erinnern von der Spielweise an Klassiker wie Baldur's Gate. Eine Gruppe besteht aus Maximal vier Party-Mitgliedern und zwei Begleitern, wie etwa beschworene Elementare oder ein geretteter NPC. In einem Kampf kann man das Spiel jederzeit pausieren und seinen Helden Angriffe und andere Befehle, wie Heilung oder Zaubersprüche zuweisen, die sie dann nacheinander abarbeiten. Das Kampfsystem ist allerdings ziemlich einfach gehalten und funktioniert einfach durch das Erteilen verschiedener einfacher Befehle. Die Abenteurer können auf Defensiv und Aggressiv eingestellt werden, was einfach den Effekt hat, dass Erstere sich aus dem Kampf zurückhalten und den Angreifern die Arbeit überlassen.
In den anfänglichen Kämpfen waren die Feinde ohne größere Taktik schnell erledigt, was noch auf ein wenig mehr Taktik und Tiefgang hoffen lässt. Doch was bei einem rundenbasierten Spiel zählt ist nicht die Geschicklichkeit mit der Maus, sondern die Werte der Recken und vorallem Glück beim virtuellen Würfelspiel. Im Hintergrund wird immerzu gewürfelt und das umfangreiche Regelwerk beachtet. Das kennen vor allem Pen&Paper-Rollenspieler unter den Gamern, die sich auch dank der offenen Darlegung der Würfelergebnisse in der Konsole sofort heimisch fühlen werden.
Eins ist klar: Den Preis für die beste Technik wird Drakensang mit der Nebula Engine 3 von Radon Labs nicht ergattern können, doch scheinen die Entwickler das letzte bischen aus ihrer Eigenentwicklung herausgekitzelt zu haben. Trotz etwas schwammiger Texturen und blassen Charakteren, wirkt die Spielwelt lebendig und glänzt vor allem im Umland mit schicken Effekten und Details.
Besonders die Detailverliebtheit der Entwickler, was die Umsetzung der Vorlagen aus dem Pen&Paper-Rollenspiel angeht, kann begeistern und wird vor allem DSA-Jüngern gefallen, die ihre Welt aus Buchstaben endlich selber betreten können werden. Schon in den ersten Spielminuten möchte man sich am liebsten in dem Dorf Avestreu mit seinen schicken Fachwerkhäusern einquartieren, sich ein sonniges Plätzchen suchen und den Bächern beim Plätschern und Mühlen beim mahlen zusehen oder einfach die enorme Weitsicht genießen... wären da nicht die fiesen Bären und Wölfe. Eine offene Welt wie in Oblivion sucht man hier vergebens, die schicken Regionen werden ähnlich 'The Witcher' eher in kleinen Portionen aber dafür mit einer besonders schöne Garnierung serviert. Bisher ist auf dem Gebiet der Grafik allerdings noch viel Feinarbeit und Bugfixing von Nöten, da man zwar mit einer schönen Weitsicht, aber auch mit häufigen Popups und nachladenen Texturen leben muss. Von der akustischen Seite haben wir noch nicht viel gesehen, da sich die Synchronisation in der Arbeit befindet und auch noch nicht alle Musikstücke vorhanden sind.
Ersteindruck
Das Schwarze Auge: Drakensang macht zum derzeitigen Punkt schon einen sehr guten Eindruck, sowohl von optischer wie von spielerischer Seite. Auch wenn hier und da noch ein paar NPCs fehlen, damit sich die Helden in ihren Abenteuern nicht so alleine fühlen, wirkt die Welt lebendig und lädt zum erkunden ein. Schön gelungen sind die rundenbasierten Kämpfe, die eine taktische Alternative zum Hack'n'Slay-Einerlei der heutigen Generation bieten und sorgen nicht zuletzt dank der Regeltreue und dem nachvollziehbaren 'Würfeln' des Computers für ein stimmiges DSA-Feeling. Von Verlauf und Entwicklung der Story und vor allem der Charaktere in der Party war in der Präsentation noch wenig zu sehen und wir hoffen da auf ein ausgeklügeltes System mit vielen Höhepunkten und Wendungen, Intrigen, Streit, Ärger und Romanzen, die Welt wirkt hier etwas zu sauber. Mit vielen bekannten Sprechern, wie der Stimme von Angelina Jolie oder Antonio Banderas hat sich dtp mal wieder nur die besten Sprecher in's Boot geholt und baut auf eine gute Synchronisation um die Stimmung und Atmosphäre besonders gut rüberzubringen. Wir sind gespannt!
VIDEO
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