Sinking Island
Wieso muss uns Benoit Sokal immer wieder in solch bizarre Gegenden schleppen? Das wird sich jeder Adventure-Fan immer wieder aufs Neue fragen. Das Afrika-Szenario von Paradise war ja noch recht annehmbar, aber wer die verzerrten Realitätsabbilder in Syberia nicht mochte, wird wohl auch bei Sinking Island dankend abwinken. Die Insel heißt Sagorah und ist Schauplatz der neuesten Schaffung des ehemaligen Comic-Zeichners, der gegenwärtig vor allem in Zusammenarbeit mit Entwicklerstudios fungiert und dabei unter anderem für den finalen Look der Hintergründe verantwortlich ist.
Die Handschrift lässt sich auch bei Sinking Island recht schnell erkennen: Bizarr überproportionierte und dadurch unheimlich wirkende Bauten und ein Hang zum Art Déco sprechen für die Qualität des Meisters. Abseits der aufwendigen Hintergründe hat aber auch das restliche Spiel einiges zu bieten, nämlich vorrangig eine Krimigeschichte. Auf dem Eiland wurde der stinkreiche Milliardär Walter Jones tot aufgefunden. Ein brutaler Mord aus Habgier? Ein Verbrechen als Sühne für sein unfertiges Luxus-Hotel, dass eher an einen gigantischen Turm erinnert? Eben das sollt Ihr als Detektiv Jack Norm herausfinden. Glücklicherweise ist die Insel nicht allzu stark überbevölkert, der Kreis der Verdächtigen beschränkt sich daher auf gerade einmal zehn Personen.
Statt die Berichte über Eure Funde allerdings in ein Tagebuch zu kritzeln, steht Euch ein sogenannter PPA zur Verfügung, man könnte es auch als PDA bezeichnen. Anmerkung am Rande: Das Interface des PPA erinnert fatal an Ingame-Menüs aus Bioshock, ein weiteres Indiz für das Bestreben der Designer, auf den wohl zur Zeit angesagten Art Déco-Stil zu pochen. Aber nun weiter im Text: In den PPA kommt einfach alles rein, was man als Detektiv so braucht. Fingerabdrücke, Fotos und Informationen zu Verdächtigen und eine Art Checkliste. Letzteres gibt Euch bestimmte Parameter vor, die es zu erfüllen gilt. Zwölf Hauptparameter besitzt Sinking Island, die für die jeweilige Absolvierung Bedingungen an den Rätselfreund stellen. So müssen mit Indizien bestimmte und vom Spiel vorgegebene Fragen natürlich ordentlich untermauert beantwortet werden. Je weiter man kommt, desto mehr Indizien fordert das Programm von Euch der Anspruch steigt also.
Mach hinne, Jung!
Im Groben und Ganzen ist das also nichts wirklich Spektakuläres und wirkt abgesehen von den Parametern - wie eine Featureliste aus bereits bekannten Adventures. Neu ist jedoch die Idee, sich anfangs zwischen zwei Spielarten zu entscheiden. Anfänger werden wohl primär den klassichen Modus benutzen, wie er eigentlich von allen Genrevertretern hinlänglich bekannt ist. Wer jedoch die Herausforderung sucht, spielt Sinking Island unter Zeitdruck. Richtig gehört, sämtliche Aktionen werden in Echtzeit berechnet. Denn Sinking Island würde nicht Sinking Island heissen, wenn das Eiland, auf dem wir stehen, nicht wegen des Gewichts des Konstruktionsmonstrums im Meer zu versinken drohen würde. Drei Tage hat der Spieler Zeit, sämtliche Unklarheiten zu lüften und den Täter dingfest zu machen. Wer hier nicht so rational wie ein Detektiv denkt vor allem in den Gesprächen -, wird schnell an seine Grenzen stoßen. Versagt Ihr an dieser Hürde, lässt Euch das Spiel am letzten Rücksetzpunkt wieder raus. Ob dieses Feature allerdings bei der breiten Masse an Adventure-Fans Anklang finden wird, ist zu bezweifeln.
Über den eingenwilligen Grafikstil vom Schlage eines Benoit Sokals haben wir uns ja bereits eingangs geäußert, jedoch nicht über die wirklich überzeugenden und depressiv-stimmenden Hintergründe. Dagegen schneidet das detailarme Aussehen der Charaktere sowie eine fehlende Lippensynchronität schon wesentlich schlechter ab. Ob sich bis zum nahen Release noch was ändern wird, ist da sehr unwahrscheinlich. Immerhin wurden den Figuren gute Animationen spendiert. Über eine deutsche Sprachausgabe lässt sich zur Zeit noch kein Urteil bilden, als Muster lag uns stattdessen die englische Preview-Version zur Verfügung, die keine schlechte Figur macht.
Ersteindruck
Jack Norm ist kein George Stobbard (Baphomets Fluch) und auch kein Guybrush Trepwood (Monkey Island), das lässt sich bisher schon sagen. Man nehme einen austauschbaren Helden, setze ihn auf eine unheimlich wirkende Insel mit Hintergründen im Art Déco-Stil und garniere das Ganze mit bekannten Sachen wie einem ständigen Helferlein (PPA) und neuen Features wie dem Zeitdruckmodus. Dass das zwangsläufig nicht in einem Hit resultieren muss, darin liegt meine Befürchtung. Bisher macht Sinking Island jedenfalls einen soliden Eindruck. Stimmen deutsche Synchronisation und der Härtegrad der Echtzeitoption in der Vollversion, darf jedenfalls ein Blick riskiert werden.

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