Venetica
"Sterben kann gar nicht so schwer sein - bisher hat es noch jeder geschafft." Dies pflegte einst noch der US-amerikanische Schriftsteller Norman Mailer zu sagen. Eigenlich sollten wir nun anerkennend nicken und schweigen - tja, eigentlich, denn im Action-Rollenspiel Venetica ist Sterben gar nicht so einfach, kommt man doch erst einmal immer wieder zurück, obwohl man eigentlich schon die Radieschen zählen müsste. Wie das geht und welchen Eindruck Venetica bei uns bisher hinterlassen hat, erfahrt Ihr in unserer Vorschau.
Rache verpflichtet...
Bei der hübschen Scarlett und ihrem Edelprinzen Benedict ist die Welt in Ordnung. In ihrem Heimatdorf herrscht eine ausgelassene Stimmung, es wird gefeiert und gelacht... bis ein Pfeil den Körper einer der Dorfbewohner durchdringt. Nur wenige Augenblicke später hagelt es gleich mehrere Dutzend Geschosse, Häuser werden von vermummten Assassinen angezündet und wir sehen weitere Bewohner sterben. Kurzum schnappen wir uns einen Schürhaken und bekämpfen die Eindringlinge. Doch es hat keinen Zweck: Benedict kommt bei dem Angriff ums Leben und Scarletts Heimatdorf wird nahezu vollständig zerstört.
Die Gute überlebt die Attacke und hat eine Vision: Der Tod höchstpersönlich erzählt Ihr, dass sie seine Tochter ist und den eigentlich auserkorenen, aber als unwürdig erwiesenen Nachfolger Victor aufhalten müsse. Der kann seine Absetzung nämlich nicht akzeptieren und stellt eine Gefahr für das gesamte Diesseits dar - nebenbei ist er natürlich auch für den Tod Benedicts verantwortlich. Da fällt die Rache doch gleich viel leichter.
Und so erledigen wir auch gleich die ersten Schritte in Venetica - wahlweise mit Maus und Tastatur oder mit einem Gamepad, beide Steuerungsoptionen klappen ohne Probleme. Nur die Tatsache, dass wir vor dem Durchsuchen von Feinden die Waffe halftern müssen, nervt. Aber sei es drum: Wir führen erste - übrigens gut vertonte - Gespräche mit den Bewohnern, können dabei bereits anfängliche Nebenquests einholen und müssen schon früh erfahren, dass die Welt in Venetica keine friedliche ist. Zwei verärgerte Bewohner geben uns die Schuld an der ganzen Misere - was ja irgendwie auch stimmt - und rammen uns in einem hinterhältigen Moment einen Dolch in den Rücken.
Wo in anderen Titeln jetzt die Frage kommen würde, ob Ihr den vorherigen Speicherstand noch einmal laden oder zurück ins Hauptmenü wechseln wollt, fängt hier der Spaß erst an. Als rechtmäßige Tochter des Todes wechselt Scarlett zwischen Schattenwelt und irdischer Welt hin und her, sofern sie denn genügend Schattenenergie besetzt.
Der Tod ist nicht das Ende...
Sterbt Ihr, müsst Ihr also nicht sofort aufgeben, sondern könnt einfach mit regenerierten Kräften fließend aufs Neue loslegen. Im speziellen Fall zeigt Scarlett dies auch den beiden Einwohnern. Diese zeigen sich ehrfürchtig und betteln um Gnade. Ob wir sie ungestraft passieren lassen oder uns für den Hinterhalt rächen, scheint im ersten Moment keine Auswirkungen zu haben, soll aber das Ende beeinflussen, von dem es im fertigen Spiel mehr als eine Hand voll unterschiedlicher Variationen geben soll. Ob Gnade oder Tod, beides bringt Erfahrungspunkte. Überhaupt wird man in Venetica bisher eher selten bestraft, egal wie man sich entscheidet.
Stattdessen hagelt es Erfahrungspunkte und quest-spezifisch sogar neue Items. Die recht häufig vorkommenden Multiple-Choice-Dialoge in Verbindung mit den zahlreichen Nebenquests lassen genügend Raum für eine ganz eigene Spielweise: Ob wir nun in den Außenbezirken von Venedig versuchen, ganz legal als Händler mit Äpfeln die Stadtwachen passieren können oder uns einfach dank der Schattenwelt vorbeischmuggeln, bleibt uns überlassen, genauso wie, ob wir Cousin Ruperts Ring an eine Zielperson ausliefern oder selbigen beim örtlichen Händler gegen bare Dukaten verscherbeln. Kleinere und größere Auswirkungen haben aber alle Wahlmöglichkeiten.
Während uns das Spiel diese Auswirkungen spüren lässt, lassen wir den zahlreich auftretenden Gegnern ganz andere Auswirkungen spüren: Nämlich die des Schwertes, Hammers, Speeres oder was auch immer Ihr gerade mit Euch herumschleppt. Bisher gestalteten sich aber gerade die Kämpfe noch etwas eintönig. Nach einigen Spielstunden haben wir bisher noch keine richtigen Combos oder echten Spezialangriffe spüren können, die uns in der Präsentation eigentlich noch versprochen wurden.
Bisher verfügt Scarlette über ein arg eingegrenztes Kampfschema, wir wünschen uns an dieser Stelle mehr Moves und Animationen. Genauso unverständlich: Wieso kann die Gute nicht blocken? Anstatt Angriffe abzuwehren, bleibt Euch bisher nur die Rolle zur Seite oder nach vorn/hinten. Mag dies bei einem Gegner noch gut klappen, befindet Ihr Euch schon bei zwei bis drei Feinden in der sprichwörtlichen Zwickmühle. Immerhin kann sich Scarlett später beispielsweise einen Speer kaufen, der mit einem Schild ausgeliefert wird, was zumindest einen Teil der Hiebe automatisch abfängt. Ein manuelles Block-Feature wäre uns aber trotzdem lieber gewesen.
Finales Urteil steht noch aus...
Noch keinen richtigen Einblick konnten wir uns in die Kampf- und Geistfähigkeiten machen, die Ihr über Reiter in Eurem Charakter-Screen einsehen könnt.
Was wir gesehen haben, war jedoch äußerst nützlich: Beispielsweise ein Rabe, der uns den Weg bis zum nächsten Ziel zeigt - und das wesentlich schneller und besser als die etwas wertlose Map.
An verschlossene Kisten und Türen könnt Ihr zu Beginn des Spiels noch nicht ran, was sich aber mit der Fähigkeit, Geister der Schattenwelt zu sehen, ändert. Hierbei helfen Euch zwei ehemalige, von Assassinen gemeuchelte Wegbegleiter dabei, den Dietrich richtig einzusetzen. Venetica bedient sich ansonsten recht altbekannter Rollenspiel-Tugenden: Questerfolge, besiegte Gegner und neu bereiste Gebiete belohnen Euch mit Erfahrungspunkten, die Ihr in verschiedene Attribute der Heldin investieren könnt - darunter Stärke und Weisheit.
Die Entwickler von Deck 13 haben das reale Venedig, das auch so im Spiel heißt, nicht 1:1 ins Spiel übertragen, sondern sich nur am Stil der Vorlage orientiert. Den typischen Gondeln werdet Ihr also auch begegnen, könnt sie sogar als Transportmittel einsetzen, um so schneller von A nach B zu kommen. Auch einige Bauten, oder zumindest Fragmente davon haben es teils angepasst, teils unverändert ins Spiel geschafft. Und bisher können sich sowohl die Außen- als auch Innenbezirke der Stadt, die in Passagen, in den zwischengeladen wird, unterteilt ist, durchaus sehen lassen. Die unterirdischen Katakomben sind uns bisher leider noch einen Tick zu monoton, wenn auch atmosphärisch beleuchtet. Aber da sich bis zum Release noch einiges tun soll, sind wir guter Dinge. Hoffen vergisst man dabei nicht die noch in Scharen auftretenden Clipping-Fehler.
Ersteindruck
Sicher ist: Deck 13 kann mehr als nur gute Adventures entwickeln, das dürfte das deutsche Entwicklerstudio mit Venetica eindrucksvoll unter Beweis stellen. In den einigen Stunden, die wir bereits mit dem Action-Rollenspiel verbracht haben, stand neben einigen Abstürzen an exakt einer Stelle des Spiels vor allem der Spielspaß im Mittelpunkt. Die Geschichte wirkt schon jetzt gut erzählt und mit unterhaltsamen Quests verknüpft, die Charaktere kommen aufgrund lebendiger Mimikspiele auf Anhieb sympathisch rüber und auch das Gameplay kann bisher überzeugen - von den noch etwas zu monotonen Echtzeitkämpfen mal ganz abgesehen.
Betreiben die Jungs von Deck 13 jetzt noch fleißig Politur, überraschen mich mit vernünftigen Combos und lassen die vielversprechende Geschichte in ein würdiges Ende bzw. Enden münden, dann steht einem zünftigen, überzeugenden Action-RPG-Fest nichts mehr im Wege. Erscheinen soll Venetica im September für den PC, während sich Xbox 360-Zocker noch bis Anfang Oktober gedulden müssen.









