Beyond Divinity
Wie siamesische Zwillinge
Stellt Euch einmal vor, ein richtig fieses Kellerkind kettet Euch an Euren schlimmsten Feind, einen solchen Deppen, bei dem Ihr Euch lieber die Finger abhacken würdet, als irgendwie noch länger seine Anwesenheit zu ertragen. Das wäre ziemlich schlimm, gell? Und genau so ergeht es dem Helden des Spiels
Beyond Divinity von den Larian Studios, der eigentlich nur mal eben vor dem Abendessen den bösen Erzdämon von nebenan (ihr wisst schon, vorher besagtes Kellerkind) schlachten gehen wollte und dessen Seele stattdessen von diesem mit der eines Todesritters verschmolzen wird. Zu allem Überfluss endet der kleine Ausflug im Verlies des fiesen Dämons, das noch dazu in einer anderen Dimension gelegen scheint. Euch bleibt wohl nichts anderes übrig, als Euch mit dem Ritter, der so ziemlich alles verkörpert, was Ihr normalerweise niedermetzeln würdet, zusammen zu tun und den Oberdrecksack höchst persönlich heimzusuchen. Denn das Schicksal des bösen Kämpfers und das Eures Alter Egos sind über kurz oder lang unabänderlich miteinander verbunden stirbt der eine, segnet auch der andere das Zeitliche. Alles andere als gute Ausgangsbedingungen also, um in die große Schlacht gegen die Horden der Unterwelt zu ziehen.
Aller Anfang ist die Charaktergenerierung
Bevor jedoch die wilde Schlacht so richtig losgeht, darf man sich erst durch die Charaktergenerierung klicken. Ob Ihr lieber einen Fernkämpfer, einen Magier oder einen mutigen Schwertschwinger spielt, bleibt dabei Euch selbst überlassen. Außerdem teilt sich später im Spiel jede Klasse in zahlreiche Unterklassen auf. Dabei sind auch Klassenmischlinge möglich ein Feuerbälle schleudernder Bogenschütze ist ebenso denkbar wie der Krieger, der, bevor er zum Schwert greift, die eigene Party erst mit einigen segnenden Zaubersprüchen belegt. Dass Klassenmischungen jedoch nie etwas so gut können wie Spezialisten im jeweiligen Bereich, dürfte dabei klar sein. Trotzdem können sich gut durchdachte Mischungen später durchaus als sinnvoll erweisen.Ungewöhnlich ist auch, dass Ihr storybedingt gleich von Anfang an zwei Charaktere steuern dürft und so ganz nach Eurem Spielstil noch mehr Möglichkeiten habt, die Spielfiguren entsprechend mit Fähigkeiten auszustatten. Jedoch von Anfang an zwei gleichartige Kämpfer auszubilden, geht im Spielverlauf nicht wirklich auf, da Eure Figuren doch zu schnell das Zeitliche segnen. Hier sind Ausgewogenheit und Spezialisierungen wichtig.
Nachdem man sich also die ersten Charaktere halbwegs zurechtgebastelt hat, kann der Kampf beginnen. Da man, wie schon erwähnt, anfangs in einem ziemlich schäbigen Verlies gefangen gehalten wird, gilt es, sich aus eben diesem zu befreien. Die ersten Gefängniswärter sollten zwar kein allzu großes Problem darstellen. Doch schon hier wird klar, dass der Schwierigkeitsgrad selbst auf der mittleren Stufe schon recht happig ist. Im späteren Spielverlauf werden die Gegner noch stärker, was jedoch dank flinker Quicksavefunktion halbwegs kompensiert wird.
Im Gegensatz zu Action-Rollenspielen wie Diablo sind die Gegner in Beyond Divinity auch bedeutend spärlicher über die Levels verteilt. Zu beachten ist allerdings, dass sobald eine Eurer beiden Spielfiguren in den Staub sinkt, das Spiel sofort beendet ist. Man sollte also immer ein wachsames Auge auf die Lebensenergie richten, die bedauerlicherweise schneller sinkt, als einem lieb sein kann.
Weniger Action, mehr Rollenspiel
Auffällig ist auch, dass die Gegner bedeutend mehr reden als in vergleichbaren Spielen: Rollenspiel tritt bei
Beyond Divinity viel mehr in den Vordergrund. Ein Wächter fordert beispielsweise seinen Imp einen Sklaven auf, euch anzugreifen. Nachdem die Wache tot ist, könnt Ihr dann entscheiden, ob Ihr das arme Kerlchen laufen lassen wollt oder mit seinem Herrn ins Grab schickt. Entscheidet Ihr Euch für die barmherzige Methode, beschwert sich euer Todesritter-Freund, dass Ihr einfach zu gutmütig wärt. Überhaupt geht dieser dem Spieler das ganze Abenteuer über auf die Nerven, schließlich vertreten die beiden Protagonisten grundverschiedene Weltanschauungen. Das mag eine Weile ganz lustig sein, irgendwann geht es jedoch nur noch auf den Keks.
Wenn man sich nach einer Weile einige Lorbeeren im Kampf verdient hat und die Charaktere ein paar Stufen aufgestiegen sind, wird es Zeit, die errungenen Skillpunkte zu investieren. Dabei ist zu beachten, dass bestimmte Zweige des Skillbaums erst im Lauf des Spiels freigeschalten werden. So kann man beispielsweise erst Waffen reparieren, wenn man es von einem NPC in einer Stadt erlernt hat. Durch das Skillsystem sind allerdings nette Effekte möglich. So kann man sich beispielsweise sein eigenes magisches Wurfgeschoss zusammenbasteln. Als erstes wählt man im Skillbaum den Kampfzauber Wurfgeschoss aus. Diesem kann man dann beliebigen Schaden zuweisen, zum Beispiel ein wenig Luftschaden, Feuerschaden und Blitzschaden. Dieser Spruch wird dann zwar relativ viel Mana fressen, macht dafür aber auch umso mehr Schaden. Ähnlich läuft es bei kämpferischen Fähigkeiten ab: Zuerst muss man sich für den Kampf mit oder ohne Schild entscheiden. Anschließend kann man verschiedene Waffengattungen auswählen und diese einzeln verbessern. Dabei kann der Spieler sich neben der eigentlichen Stärke auch auf das genauere Führen einer Waffe, deren Schnelligkeit oder ähnliches konzentrieren, so dass es auch für keulenschwingende Barbaren zahlreiche Möglichkeiten der Charakterentwicklung gibt. Dem Experimentierwahn sind also keine Grenzen gesetzt.
Das Gameplay selbst unterscheidet sich jedoch nur durch den Partymodus von aktuellen Genrekollegen aus dem (Action-)Rollenspielbereich. Viel Neues kann das Spiel sonst nicht bieten. Auch ein Multiplayermodus wurde den Fans der Serie vorenthalten. Die einzige interessante Neuerung dürfte der Schlachtfeldmodus sein. Sobald man diesen freigespielt hat, kann man seine Recken auf einem speziellen Schlachtfeld in den Kampf um Items und Erfahrung schicken. Ansonsten sollte es Umsteigern von anderen Rollenspielen nicht schwer fallen, zu Beyond Divinity zu wechseln, auch, wenn der Titel doch bedeutend rollenspiellastiger ausfällt als zum Beispiel Diablo 2.
Grafisch keine Wunder
Am stärksten krankt das ansonsten solide
Beyond Divinity an der völlig veralteten Grafikengine. Seit dem Vorgänger
Divine Divinity hat sich daran nämlich so gut wie gar nichts geändert, und das geben die Programmierer auf der Homepage sogar offen zu. Stattdessen habe man sich auf die Weiterentwicklung des Gameplays konzentriert. So verwundert es kaum, dass die dunklen Gewölbe und weitläufigen Areale kaum jemanden vom Hocker reißen werden. Überhaupt wirken besonders die Spielfiguren wie einem alten Amigaspiel entnommen, nur die Lichteffekte und die sehr phantasievoll in Szene gesetzten Landschaften können halbwegs überzeugen. Darüber jedoch, dass die Larian Studios hier dringenden Nachholbedarf haben, täuscht das nicht hinweg. Für das nächste Spiel im Divinity-Universum wäre da eine Generalüberholung auf jeden Fall dringend angebracht!
Fazit
Beyond Divinity kaufen oder nicht, das ist hier die Frage. Zwar reizt das Spiel durch die interessante Story, die liebevoll gestaltete Umwelt und das umfangreiche Skillsystem im Baukastenstil. Dem entgegen stehen allerdings der schwere Einstieg für Spieler, die sich normalerweise mit anderen Genres beschäftigen, sowie die wirklich altbackene Grafik und der viel zu hoch angesetzte Schwierigkeitsgrad. Wer schon den Vorgänger mit Inbrunst gespielt hat, wird sicher auch seinen Spaß am Nachfolger haben, Quereinsteiger sind mit Spielen wie
Lionheart oder
Neverwinter Nights sicherlich besser beraten.
Beyond Divinity ist also auch keine lange Abhilfe für nach Nachschub dürstende Rollenspielerseelen.
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