Brüssel: Eine Reise wert?

Review
Plattform
PC
Vertrieb
-
Entwickler
-
Erscheinungsdatum
-
Genre
Andere
USK
-
Brüssel: Eine Reise wert? [PC , looki.de]

Brüssel: Eine Reise wert?

Licht- oder Schattengestalt? Was auch immer Thomas von Treichel, ehemaliger PR-Manager bei Bigben Interactive, in der Branche darstellt...man kann nicht so sicher sein. Was man sich jedoch sicher sein kann ist, dass jeden Sonntag wieder die Opinion @ Sunday auf JustGamers veröffentlicht wird. Was Thomas von Treichel auf dem Weg zu offiziellen GeForce 4 Präsentation von Nvidia in Brüssel erlebt hat, erfahrt ihr in der 6. Ausgabe unserer Kolumnenreihe...

Eine Verkettung unglücklicher Ereignisse

„Die geballte Ladung absolut unwahrscheinlicher und surrealer Ereignisse, die selbst Murphys Law aushebeln“ – oder „Was passiert, wenn man als kleiner deutscher Entwickler auf dem Weg zur GeForce 4 Präsentation nach Brüssel ist“ Nun ist es mal wieder soweit – es ist Sonntag – und eine weitere Kolumne wird auf Euch losgelassen – eine weitere Kolumne, die Euch die Illusion der Glitzerwelt in der Entertainment-Branche nehmen soll. Warum Sie das soll? Hmmm – na ja – alles begann wie bei allen anderen Kolumnisten auch – Ulli fragte mich, ob ich nicht was schreiben will.

Meine Ausflüchtversuche wie „Ich kann nicht schreiben“, „Mein Leben interessiert keinen“ oder „Ist es in der Matrix nicht egal, was hier steht?“ zogen nicht. Und da mir verdammt noch mal nix Neues einfallen wollte, fiel mir ein, dass ich vor langer Zeit mal einen Reisebericht geschrieben hatte, der aber nie für irgendwas verwendet wurde. Um ehrlich zu sein – selbst wenn er schon mal verwendet worden wäre, wäre er für Justgamers immer noch gut genug. Und so nehme ich Euch mit auf eine qualvolle Reise zur Geforce 4-Präsentation. Ein Event, nach dem sich jeder Normalbürger die Finger lecken würde. Doch meistens kommt es anders.

Es begann wie üblich, wenn sich das Team Stefan Herget (Geschäftsführer CodeCult), Stefan Heinemann (Director Licensing) und ich (Thomas von Treichel (Public & Developer Affairs bei Phenomedia AG) auf den Weg irgendwohin machen wollten – aus dem ursprünglich geplanten Abfahrtermin gegen 15:00 Uhr wurde 17:00 Uhr wurde 19:00 Uhr wurde 20:00 Uhr! Dann aber schwangen wir uns ins Auto und machten uns auf dem Weg ins Atomium nach Brüssel.

Etwa 20 Kilometer vor Brüssel passierte der Auslöser einer ganzen Kettenreaktion. Bei etwa 140 km/h im Windschatten eines alten Opel Kadetts (wohlgemerkt mit ausreichend Sicherheitsabstand) überfuhren wir einen Reifen (ja, mit Felge), welcher einsam auf der Überholspur lag. Sowohl wir als auch der Kadett fuhren rechts ran – na ja, wir rollten, denn motormäßig lief nicht mehr viel. Beim Kadett fand sich schnell die Erklärung, als die Haube geöffnet wurde – der komplette Motor hatte sich aus dem Motorraum verabschiedet. Bei uns war leider keine Spontandiagnose möglich, da sich die Haube aufgrund des verzogenen Rahmens nicht einen Millimeter bewegen lies – aber zumindest lieferten uns einige Rauchwolken aus dem Kühler den Indiz, das dieser nun nicht mehr kühlt. Das war auch eigentlich nicht nötig, denn schließlich war es kalt – und nass – und dunkel. Wie es halt immer so ist, wenn man an der Autobahn stehen muss. Was macht man nun im Ausland – man ruft die Polizei. Dieser wurde den Fall erklärt und auch darum gebeten, dass gleich der Abschleppdienst informiert wird. Nach etwa 45 Minuten dann ein erstes Gelblicht weit hinter uns auf Höhe des Reifen. Wir waren schon voller Hoffnung, dass Sie den Reifen wegräumen und anschließend uns, damit wir endlich von dieser Autobahn weiterkommen - denn eigentlich haben wir seit dem Losfahren davon geredet, das wir Hunger hätten und endlich was essen müssen.

Und tatsächlich, nach einiger Zeit kam das Blinklicht näher, und es stellte sich heraus, das es zwar ein Abschleppwagen war – er aber leider einen anderen - nach uns - Verunglückten aufgeladen hat. Auch ein weiteres, näher kommendes Blinklicht erwies sich als trügerische Hoffnung – es war ein Schwertransport. Und das eigentlich Schlimme war nicht, das es kalt und dunkel und nass war und wir Hunger hatten – das eigentlich Schlimme war der belgische Fahrer des Kadetts, welcher drei Sätze gebrochenes Deutsch konnte – und diese beliebig oft wiederholte.

Diese Sätze brannten sich in unsere Gehirne – es war „Große Chance – alle tot“, „Meine Chance – 120 – bei mehr alle tot“ und „Große Chance - kein Spezialfelge - bei Metall alle tot“ Wir vermuten, mit Chance meinte er Glück – der Rest erschloss sich uns jedoch nicht ganz. Nach einer Stunde kam die Polizei. Und eigentlich erwarte jeder, der so etwas schon mal in Deutschland mitgemacht hat, Unterschriften, Unfallaufnahmen, Fotos und Protokolle – aber nichts. Sie räumten den Reifen von der Bahn, gaben uns eine Visitenkarte – und das war’s. Wenigstens riefen sie noch den Pannendienst. Auf diesen warteten wir – und warteten – und warteten – diverse Guerilla-Versuche, schneller an Hilfe zu kommen, schlugen leider fehl – die D2–ADAC–Pannenhilfe kann man nur aus dem D2-Netz erreichen – die ADAC Auslandsnotrufzentrale hilft nur ADAC Mitgliedern (was leider keiner von uns war) – und so warteten wir etwa weitere zwei Stunden, bis ein Abschleppwagen kam. Dieser nahm uns dann an den Haken und brachte uns zum Hotel direkt neben dem Atomium – gab uns seine Karte – und fuhr weiter. Anscheinend ist Papierkram in Belgien nicht besonders beliebt, denn der Abschlepper hat keine Adresse von uns – keine Unterschrift – gar nichts – und bezahlt haben wir auch noch nicht.

Also könnten wir einfach nie wieder da anrufen und den Wagen dort vergammeln lassen... Als wir das Hotel betraten, wurden wir auch schon von nVIDIA-Mitarbeitern empfangen und auf einen Drink eingeladen – wir wollten aber erst mal einchecken. Kurz die Rahmenparameter zusammengefasst – wir hatten Hunger, wir wollten ins Bett! Es hatte gerade wieder aufgehört zu regnen und wir hatten wenig Gepäck dabei – das Zusammenspiel dieser vier Komponenten erwies sich für den Portier als überlebenswichtig, als er uns aus seinen treuen Augen ansah und meinte: „.... kleine Probleme, wir sind überbucht, ich habe ein neues Hotel für Sie reserviert, das ist mit dem Auto keine fünf Minuten von hier.....“„Wir haben kein Auto“ „Das kann man auch laufen.....“ Nun denn, wir haben dann also nach dem Namen des Hotels gefragt und uns auf dem Weg gemacht. Noch ein „....könnt Ihr nicht verfehlen – auf der linken Seite – etwa 200 Meter von hier“ wurde uns hinterhergerufen, da standen wir wieder in der Nacht und begannen unseren Zug ins nächste Hotel.

Nach etwa einem Kilometer kamen wir an eine recht große Kreuzung und die einzige Strasse, die in Wirklichkeit ein versifftes kleines Gässchen war, wäre der einzige Weg gewesen, der geradeaus weitergegangen wäre. Wir entschieden uns notgedrungen, in einer Kneipe nach dem richtigenWeg zu fragen. Da keiner von uns mehr den Hotelnamen wusste, versuchte ich es über „Ich suche ein Hotel, hier in der Nähe, aber nicht das Holiday Inn“ „Ah – das Holiday Inn – da müssen Sie die Strasse....“ „Nein, NICHT das Holiday Inn“ „Achso – dann wohl das Paladin – das ist die Strasse runter auf der rechten Seite“. Erste Mutmaßungen wurden bei uns laut, ob man dort wohl pro Stunde zahlen müsste. Wir machten uns also auf zum Paladin. Dort angekommen, gingen wir direkt zum Portier, und dort nach den drei für uns reservierten Zimmern vom Holiday In gefragt.

Zum Einen sagte er uns, das gerade sein Rechner blockiert sei, da er ein Backup mache (wie immer um diese Zeit) – zum Anderen aber auch, das er keine Reservierung mehr vorliegen hätte. Wir fragten, ob er denn noch drei Zimmer hätte – ja, das hätte er – er könnte nur nicht buchen, weil halt gerade der Rechner blockiert sei, wir sollten ein paar Minuten Platz nehmen.

Nachdem das Backup gelaufen war, buchte er uns dann die Zimmer – da er aber nicht gepeilt hat, das es ja bereits morgen ist (also nach 0:00 Uhr) und er uns bis zum nächsten Tag buchte, buchte er uns für zwei Übernachtungen ein – allerdings bemerkten wir diesen Fehler noch rechtzeitig. Der nächste Schritt war dann um 1 Uhr ein Taxi zu bestellen und irgendwas zu Essen zu bekommen. Als das Taxi kam, baten wir den Fahrer, uns zu einem McDonalds zu fahren. Daraufhin schaute der Taxifahrer auf die Uhr und meinte „In Brüssel haben um die Zeit alle McDonalds zu“. Unsere verzweifelten Versuche „Burger King, Pizza Hut, irgendwas“ führten zu seiner Aussage, es gäbe auf dieser Welt, um diese Zeit, nur einen Platz in Brüssel gäbe, wo man noch etwas zu Essen bekommen würde. Und dort fuhr er uns dann auch hin.

Als wir ausstiegen, wussten wir schlagartig, wo wir gelandet sind – es war die Herbertstraße der Dönerbuden – das Harlem der Imbissbuden. Eine etwa 200 Meter lange Straße – rechts und links Dönerbude an Dönerbude. Und alle Verkäufer hingen in den Fenstern und versuchten uns zu ködern mit Sprüchen wie „...beste Döner von Stadt..:“,„...billig....“,„.....gute Musik....“. Allerdings gab es da ein Problem – man brauchte sich nur die Fleischspieße anzuschauen, und man hatte keinen Appetit mehr. Was auch immer auf diesen Spießen hing, es kann kaum von einem vierbeinigen Säugetier gewesen sein.

Wir entschieden uns dann für den am wenigsten schmuddeligen Griechen. Dort bestellten Stefan Heinemann und ich dasselbe Gericht: Würstchen - die auf der Karte wie eine Mischung aus Thüringern und Nürnbergern aussahen - mit Pommes. Eigentlich dachten wir, da könnte man nix falsch machen. Als das Essen kam, kamen uns Bedenken, denn die Würste sahen schon merkwürdig aus. Dazu muss man sagen, das ich eigentlich eh alles esse – na ja, und da ich seit 24 Stunden nichts gegessen hatte, hätte ich noch mehr gegessen. Als ich jedoch einen Bissen davon probierte, machte meine Speiseröhre von oben bis unten dicht und meinte „...hier kommst du nicht rein“. Ich habe es dann bei den Pommes belassen. Und ich glaube, das waren die teuersten Pommes meines Lebens. Stefan Heinemann probiert nach meiner Gesichtsakrobatik noch nicht einmal mehr – und er war auch nicht dazu zu bewegen, mal dran zu lecken....

Nun denn – zurück ins Hotel und in die Heia. Am nächsten Morgen machten wir uns mit einem Taxi auf zum Atomium. Der nVIDIA-Event ging erstaunlich problemlos über die Bühne. Oh, dass die Tech-Demo nicht auf Anhieb lief muss, glaube ich, kaum erwähnt werden, oder .....Währenddessen waren unsere Kollegen in Deutschland damit beschäftigt, den Rückweg zu organisieren. Fliegen schied aus, da einer von uns dreien seinen Ausweis nicht dabei hatte, und ein „One-Way-Mietwagen“ hätte umgerechnet 800 Euro gekostet. Also blieb wohl nur das Zugfahren – wo sich zum Glück nachher rausstellte, das die erste Reise-Zeitschätzung von sechs Stunden aufgrund eines Missverständnisses herrührte – man dachte nämlich in Deutschland, wir wären in Basel und nicht in Brüssel.

Also Zugfahren. Der sollte um 18:25 abfahren – also genug Zeit. Noch ein paar Gespräche mit diversen Leuten geführt, während nVIDIA das Buffet aufbaute. Da das leider „nur“ aus kleinen Häppchen bestand, wussten wir, wenn wir jetzt anfangen, was zu essen, dann würden wir für was „Handfestes“ töten. Also fiel Essen wieder aus – aber der Plan sah vor, am Bahnhof noch was zu essen. Wir also ins Taxi und zum Hauptbahnhof.

Als wir ankamen, sagten wir, das wir mit dem „Thalys“ fahren wollen – so heißt dort der Zug – und wurden belehrt, das der von Brüssel Nord Abfährt. Wir also weiter zu Brüssel Nord. Dort haben wir in einer Reihe fünf Autovermieter gefunden und diese spontan noch mal abgeklappert – anscheinend war da Welt-Mietwagentag, denn es war nicht mal ein Wagen verfügbar, was die Frage erübrigt, was es denn gekostet hätte.

Also dann – Zug-Karten gekauft – und noch einen Burgerladen gefunden. Dort dann bestellt – Burger, Pommes und Chicken Dips – da ich nicht so der Burger Fan bin. Die Dame am Bestellschalter meinte, das Ganze dauert etwa drei Minuten – wir hatten noch sieben – hätte also gepasst. Wobei gesagt werden muss, dass wir zwar wussten, von welchem Gleis der Zug abfährt, nicht aber, wo dieses Gleis überhaupt ist. Wir vermuteten das entgegengesetzte Ende des Bahnhofes und wir hatten Recht. Nach den vereinbarten drei Minuten fing die Buger-Lady dann gemütlich an, die Pommes einzupacken. Dann ging sie zur Burger Station – und …ups – keine Burger mehr da.

Diese trudelten dann einzeln nach und nach ein. Sie packte die Tüte und stellte sie uns hin. Auf die Frage, was mit meinen Dips sei, meinte sie „ups“ – spurtete nach hinten, schmiss die Dinger in einen Wärmeschrank, holte sie wieder raus und fing an, sie einzeln abzuzählen.

In dem Moment sagte uns eine innere Stimme „RENNT“. Daraufhin meinte ich „okay, wir haben keine Zeit mehr, wir müssen“ – nahmen das Essen, was da war und spurteten zum Gleis. Und wie fast vermutet – während sich die Türen schon schlossen, sprangen wir noch in letzter Sekunde in den Zug. Für mich hieß das erneut, nur von Pommes zu leben – na ja, man gewöhnt sich an alles.

Ab dann war die Fahrt sehr entspannt – und kaum war es 23:00 Uhr waren wir schon wieder zuhause. Mittlerweile bin ich wieder wohlgenährt und kann daher für Euch in die Tasten hauen. Am Ende der Reise angekommen heißt es nun „Danke dass Ihr mit uns geflogen seid und beehrt uns wieder“.

Brüssel: Eine Reise wert? [PC , looki.de]

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