Call of Juarez: Bound in Blood

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Ubisoft
Entwickler
Techland
Erscheinungsdatum
-
Genre
Action
USK
18
Call of Juarez: Bound in Blood

Gesamtwertung

85 %/10

Grafik

8

Sound

7

Lanzeitspaß

8

Spieleinstieg

8

Bedienung

9

Call of Juarez: Bound in Blood

Wir wussten es schon längst: Das liebe Frauenvolk kann selbst die stärksten Freundschaften und familiären Bindungen schnell zu Bruch gehen lassen. Da kann man noch so eng zusammengeschweißt und durch Himmel und Hölle gegangen sein. Spielt erst einmal eine grazile Schönheit mit ihren Reizen, ist es schnell aus mit Friede, Freude und Eierkuchen. Aber das ist längst nicht das einzige Problem, welches den drei Brüdern Thomas, Ray und William McCall in der Vorgeschichte zum knapp 20 Jahre später angesiedelten Western-Shooter "Call of Juarez" begegnet. Im Prequel "Bound in Blood" haben es Rothäute, Mexikaner und ehemalige Bürgerkriegs-Kumpanen auf das Dreier-Gespann abgesehen. Doch wieso, weshalb und warum? Immer schön der Reihe nach.

Auf in den Krieg!

Trompeten ertönen zum Vormarsch, ohrenbetäubende Explosionen schleudern Dreckbrocken durch die Gegend und wir sehen einen Kameraden nach dem anderen fallen: Bound in Blood schickt Euch auf direktem Wege in die wahr gewordene Hölle des Bürgerkrieges, in der wir uns als Revolverheld Ray McCall wiederfinden.

Bruder Thomas kämpft an einer anderen Front, der Jüngste, der gottesfürchtige William, kümmert sich derweil um die im Sterben liegende Mutter des Brüder-Trios. Nachdem uns das bewusst geworden ist, erteilen wir einem Soldaten unter vielen einen Befehl. Er salutiert und kassiert kurz darauf eine Salve in den Kopf. Gottverdammter Krieg! Wer jetzt aber denkt, dass das Prequel deswegen zum reinen Kriegs-Shooter verkommt, der irrt gewaltig. Der Auftakt dient lediglich zur Darstellung der Motivation unserer beiden spielbaren Helden, Thomas und Ray, der sinnlosen Massenschlachtung den Rücken zu kehren und lieber zum Rest der Familie zurückzukehren. Bruder William und Mutter McCall sind schließlich die einzigen Personen, für die es sich überhaupt zu überleben lohnt. Es kommt wie es kommen muss: Ray beschließt Thomas aufzuschnappen und Fahnenflucht zu begehen. Damals wie heute ein Verbrechen.

Der griesgrämige Captain Barnsby lässt sich das natürlich nicht gefallen und erklärt beide zum Abschuss freigegeben. Nur eine von unzähligen Personen, die die Gebrüder tot sehen wollen. Call of Juarez: Bound in Blood macht gleich von Anfang an klar, dass die vielgehasste und aufgesetzt wirkende Schleichkomponente des ersten Teils Geschichte ist: Stattdessen sprechen zuerst die Waffen, erst danach werden Fragen gestellt.

Eine Entscheidung, die dem Titel wesentlich besser zu Gesicht steht und vor allem mit den Gemütern der beiden Hauptcharaktere harmonisiert - nein, hier hätten unnötige Kletter- und Schleichpartien nun wirklich nicht gepasst. Ray und Thomas sind zwei Kaliber Mann, die weder Tod noch Teufel fürchten und sich wohl eher den Revolver selbst an die Schläfe halten würden, ehe sie versuchen, mit friedlichen Lösungen ans Ziel zu kommen.

Ladies und Gentlemen, wir haben es hier mit echten Kerlen zu tun. Bezeichnend dafür ist eine Cutscene unter vielen: "Wollen wir es friedlich lösen?" fragt Ray seinen Bruder Thomas, mit Ausblick auf einen Gegnerpulk, der noch nichts von der Ankunft der Beiden ahnt. Beide schauen sich kurz an und brechen danach in Gelächter aus - mit einem ironischen "Klar!" beantwortet Ray sich seine Frage selbst. Die zwei ältesten McCalls ziehen Ärger wirklich magisch an: Ob wir nun zwangsweise den Stadt-Sheriff im Duell umnieten, weil dieser mitbekommen hat, dass wir Spaß mit seiner Tochter hatten, heilige Stätten grimmiger Navajo-Indianer rücksichtslos mit Blut beschmutzen oder Kontakte mit zwielichtigen Gestalten knüpfen, obwohl bereits klar ist, dass das Ganze nicht mit einem Händchenhalten vor aufgehender Sonne enden wird. Auch in punkto Sprachwahl sind die beiden nicht auf den Mund gefallen und so hagelt es im Minutentakt Wörter wie "Schlampe", "scheiße", "Nutte" und einige andere nette Vertreter des üblichen Cowboy-Vokabulars.

Deutsch sein nicht gut für Cowboy

Nur schade, dass man das den Brüdern nicht immer blind abkaufen kann, denn die deutsche Synchronisation rangiert qualitativ zwischen "durchschnittlich" und "mies". Besonders übel hat es den jähzornigen Ray getroffen: Im englischen Original - dass sich auch auf der DVD befindet - klingt er so derb und tief, wie es sich gehört und man bekommt durchaus Respekt vor diesem Charakter. Bei der deutschen Stimme ist davon jedoch nicht viel übrig geblieben: Es mangelt an Glaubwürdigkeit und Emotion, wo es nur geht. Man kann dem Sprecher noch nicht einmal einen Vorwurf machen, er passt einfach überhaupt nicht zum düsteren, bedrohlich wirkendem Narbengesicht.

Aber auch beim Großteil der anderen Figuren sieht es nicht wirklich besser aus: Beim weiblichen Konfliktherd Marisa muss man sogar teilweise schon schmunzeln, wie bemüht die Sprecherin versucht, einen Akzent hinzubekommen. Die gesamte Synchronisation würde eher zu einem Trash-Actioner passen, in einem an sich ernsten und storybetonten Shooter hat diese aber nichts verloren und so büßt Bound in Blood ausgerechnet hier an Atmosphäre ein. Das ist umso bedauerlicher, da eben genau das Stichwort "Atmosphäre" ansonsten ganz groß geschrieben wird: Erbitterte Mann-gegen-Mann-Duelle, bei dem das schnelle Ziehen des Colts (über-)lebenswichtig ist, bleihaltige Verfolgungsjagden mit Kutsche und Pferd und johlende Indianer, die nach Verstärkung rufen, sind nur ein kleiner Auszug aus dem reichhaltigen Sortiment an Western-spezifischen Features.

Da hat uns eigentlich nur gefehlt, dass wir zu Pferd einen Zug zu kapern versuchen. Aber man kann ja auch nicht alles haben. Die drei Brüder streiten sich derweil unentwegt, geraten teils gefährlich nah aneinander und kurz bevor der Kessel überzukochen droht, ist es auch schon wieder aus mit der Zwistigkeit. Und ständig stellt sich die Frage: "Wann ist es soweit, an dem das Fass wirklich überläuft?" Deswegen haben auch wir gerne jede Cutscene genüsslich verfolgt und ist die deutsche Sprachausgabe nun wirklich nicht das Gelbe vom Ei, so motiviert doch jede handlungsvorantreibende Sequenz ungemein.

Open World-Ansatz vorhanden, aber...

Im Prinzip bestreitet Ihr in "Call of Juarez: Bound in Blood" strikt eine Mission nach der anderen. Hin und wieder habt Ihr aber auch die Möglichkeit, Rast auf Eurem Abenteuer einzulegen und fast schon Open World-typisch Nebenmissionen anzunehmen, mit denen Ihr Euren Geldbeutel aufstockt und beim Händler neue Waffen und Munition kaufen könnt.

Schade nur, dass in "Bound in Blood" davon zu wenig Gebrauch gemacht wird. Mit dem Bruder im Schlepptau gemeinsam durch die Pampa reiten und sich eine halbwegs goldene Nase verdienen, während man den vorwiegend hübschen Umgebungen fröhnen kann - das, ja genau das hätte, nein, müsste eigentlich länger ausgekostet werden als es der Fall ist. Zudem hätte man damit locker die ohnehin schon etwas kurze Spielzeit des Titels von knapp sieben Stunden noch strecken können. Hier ging leider Potenzial verloren und wir hoffen, dass Ubisoft hier noch Nachschlag in petto hat - der Menüpunkt "Extra-Missionen" lässt es nämlich erahnen.

Zumeist sind wir in den Aufträgen zu zweit unterwegs. Vor dem Großteil der Missionen könnt Ihr zudem wählen, ob Ihr nun als Ray oder als Thomas spielen wollt. Signifikante Unterschiede weisen beide zwar nicht auf, aber immerhin ergeben sich einige Feinheiten, wodurch die Wahl der Figur doch nicht ganz egal wird. Während der Älteste, Ray, gleich mit zwei Colts ins Gefecht ziehen und im aufgeladenen Konzentrationsmodus Feinde durch Fadenkreuzmarkierungen wie die Fliegen sterben lässt, erweist sich Thomas als agiler Gegenpart.

Ja, das Lasso hat er auch mit an Bord und nein, nervige Schleichpassagen erwarten Euch trotzdem nicht. Werdet Ihr voneinander getrennt, was hin und wieder vorkommt, motiviert der spätere Blick, was denn der andere Bruder in der Zwischenzeit so getrieben hat. So motivierend sind versteckte Objekte, die Euch Artworks und kommentierte Erinnerungsfetzen bescheren, leider nicht, aber immerhin gibt es damit einen Grund, die zumeist weitläufigen Level etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie die McCalls mit den gegnerischen Schergen fertig werden, was ein mysteriöses Amulett mit einem unvorstellbarem Schatz zu tun hat und warum Ray vom kaltblütigem Revolverheld zum anfänglich gewaltverachtendem Priester wird, den Shooter-Fans aus "Call of Juarez" kennen, verraten wir Euch an dieser Stelle natürlich nicht. Das käme fast einem Verbrechen gleich.

Optisch punktet "Bound in Blood" mit zumeist grandiosen, wunderschönen Außenarealen, die wirklich zum Entdecken einladen würden, wenn man denn die Freiheit hätte, dies zu tun. In den Zwischensequenzen kommen dagegen die detaillierten Spielermodelle gut zur Geltung, während Ihr Euch innerhalb der Missionen auf hübsche Explosionen, Mündungsfeuer, sanft wiegendes Gras, ja selbst kleine Luftwirbel gefasst machen dürft. Unschön sind allerdings vereinzelt arg verwaschene Texturen und einige Animationen: Vor allem Pferde bewegen sich etwas starr und künstlich durch die Prärie. Dem Mehrspielermodus, der mit vier Spieloptionen daherkommt, wobei hier gerade der missionsbasierte Modus "Historische Ereignisse" heraussticht, widmen wir uns in einer separaten Rezension, sobald wir einige Zeit auf den Servern verbracht haben - das war uns zum Testzeitpunkt nämlich noch nicht möglich.

Fazit

Thomas und Ray sind schon zwei kaltschnäuzige Zeitgenossen, mit denen man im wahrsten Sinne des Wortes "Pferde stehlen kann". Die ständigen Diskussionen der beiden Brüder, ihre Sprüche und ihre Aktionen lassen "Call of Juarez: Bound in Blood" fast wie ein spielbares "Buddy Movie" wirken, wäre da nicht die Gewissheit, dass die Frauenwelt da für keine gute Würze sorgen wird. Und so war es mir ein Genuss, eine Mission nach der anderen abzuklappern, weil ich ständig wissen wollte, in was der Strudel aus Gewalt, Eifersucht und krummen Geschäften letztlich mündet. Knapp sieben Stunden habe ich dafür gebraucht und ich bereue keine Sekunde davon - umso trauriger bin ich, weil ich nicht mehr Zeit mit den Gebrüdern verbringen durfte, die fatale Liebesgeschichte etwas zu schnell ins Rollen kam und die deutsche Synchronisation derart in den Sand gesetzt wurde, dass selbst die tolle Atmosphäre kleine Kratzer abbekommen hat.

Sei es drum: "Call of Juarez: Bound in Blood" ist ein spannender Western-Shooter und für Fans des Settings ein Pflichtkauf. Nun warte ich noch ab, ob mich der vielversprechende Mehrspielermodus begeistern kann. Zeit auf den Servern habe ich nämlich vor dem offiziellen Release noch nicht verbringen können.

Call of Juarez: Bound in Blood

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