Gesamtwertung80%/10 |
GrafikGut SoundGut |
LanzeitspaßGut SpieleinstiegGut |
BedienungGut |
Ihr könnt nachts nicht ruhig schlafen, da Ihr extremen Schiss vor der Dunkelheit habt? Euch jagt sogar eine Ratte Todesangst ein? Ganz einfach: Ihr wäret die Letzten, mit denen man einen Spaziergang bei Vollmond machen könnte? Dann haltet bloß Abstand von Clive Barker's Jericho, dass nun endlich seinen Weg auf den PC gefunden hat und alles andere als magenveträglich ist. Warum? Das erfahrt Ihr im garantiert nicht gefährlichen Review!
Blut und Morde...
Blut, Gedärme, gehäutete Leichen: Mehr als genug von eben jenen Gräueltaten bekommt Ihr in Clive Barker's Jericho zu sehen. Verständlicherweise zuviel für deutsche Mägen: Die USK verweigerte dem Codemasters-Titel hierzulande auf PC, Xbox 360 und PlayStation 3 eine Alterseinstufung im Rahmen der Richtlinien. Codemasters hatte sich dazu entschieden, die künstlerische Vision des renommierten Autors und Filmemachers Clive Barker nicht durch Schnitte und weit reichende Änderungen zu verfremden und die kreativen Vorgaben und Ideen zu respektieren trotz der Folgen für den Verkauf und die Vermarktung in Deutschland.
Jericho ist im Grunde genommen ein stinknormaler Ego-Shooter und so beginnt er auch. Als irgendwo in einer entlegenen Wüste eine verloren geglaubte Stadt wie aus dem Nichts wiedererscheint, entsendet das Department für okkulte Kriegsführung das titelgebende Jericho-Team eine Spezialeinheit, die nicht nur mit konventionellen Waffen, sondern auch mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist. Inmitten der drohenden Gefahr steht dabei das Erstgeborene, eine Kreatur in Gestalt eines kleinen Kindes.
Bevor wir jedoch in den Genuss des kompletten Squads kommen, steuern wir lediglich deren Anführer Ross. Da dieser jedoch bald recht blutig das Zeitliche gesegnet, ist das Team bereits früh führerlos denken sie jedenfalls, denn nur kurz nachdem Ross abgenippelt ist, entschwindet seine Seele aus dem toten Körper und schlüpft in eines der Teammitglieder, dessen Kontrolle wir nun übernehmen dürfen. Nach und nach erklären sich jedoch alle Recken damit einverstanden, dass Ross zeitweilig von ihnen Besitz ergreift und mitkämpft. Weg frei also für den ständigen Wechsel der Spielfigur, eines der Highlights von Jericho.
##Unser Team ist nämlich mit vielen unterschiedlichen Talenten und Schießprügeln gesegnet: Während der aggressive Hühne Delgado eine Minigun und eine Pistole sein Eigen nennen kann, verfügt er an übernatürlichen Kräften neben eines Feuerdämons auch eine Feuerbarriere, die ihn vor Angriffen schützt. Die etwas sensible Cole wartet derweil mit einer Art Zeitlupenmodus und mit feurigen Projektilen auf Angreifer, versorgt zudem alle Squadmember mit frischer Munition und kann ein Sturmgewehr und explosive Granaten aufbieten. Auch an Scharfschützen wurde gedacht, denn mit der toughen Black wartet eben jene Klassifizierung auf ihren Besitzer.
Wer die Waffe hat, hat das Sagen!
Gemeinsam mit dem durchschlagskräftigen Gewehr gibt es zusätzlich noch eine coole Bulletcam sowie telekinetische Kräfte zum Beiseiteräumen von schlecht passierbarem Geröll obendrauf. Und das Beste: Das war noch nicht einmal das komplette Team. Da wären noch Jones, der Besitz von feindlichen Kreaturen ergreifen kann und ein G36 mitsamt integrierter Schrotflinte bietet, sowie Pater Rawlings, der mit Dualpistolen ins Gefecht zieht und verwundete Mitglieder auch auf weitere Entfernungen heilen und Gegner mit einem Fluch belegen kann. Last but not least steht noch Church zur Verfügung, eine kampfsüchtige Amazone, die mit Katana und Schnellfeuer-MP äußerst gut ausgestattet ist. Reichen ihre Waffen nicht, schneidet sich die Gute wortwörtlich auch mal selber ins Fleisch, um Feinde in Brand oder vorübergehend außer Gefecht zu setzen. Puuh, das waren dann aber auch alle. Klingt bei sovielen Fähigkeiten und Ballermännern nach einem leichten Einsatz, oder? Mitnichten, denn die wahrlich höllischen Gegner in Jericho halten einiges aus.
Dabei hat das Gruselkabinett wirklich einige schauderhafte Monstrositäten zu bieten. Neben halbierten Geisterkindern warten unter anderem auch klingenbestücktes Dämonen-Fußvolk, fliegende Drachen, gigantische Würmer, mit Schilden bestückte Speerwerfer, meterhohe Gladiatoren und explodierende Mutanten auf Eure freundliche Erlösung. Gerade aber bei Letzterem ergibt sich ein zuweilen nerviges Manko: Bei einem insgesamt sechsköpfigen Team kann die Kombination aus engen Räumen und explodierenden Pappenheimern nicht nur für Euch, sondern auch für den Spielspaß geradezu tödlich sein.
Hervorragende Sequenzen!
Denn wer will zum x-ten Mal sein Squad verlieren, nur weil es sich mal wieder zu nah an einen der Angreifer gestellt hat? Der Fakt, dass man nicht frei speichern darf, tut da sein Übriges. An nicht immer fair platzierten Kontrollpunkten speichert das Game automatisch Euren Spielfortschritt.
Glücklicherweise spielt Jericho aber eben nicht die ganze Zeit in klaustrophobischen Gängen, sondern präsentiert ein stets abwechslungsreiches Paket aus Szenerien. Beim Gegnerdesign ist übrigens die Handschrift von Clive Barker deutlich zu erkennen: Wer Filme wie Hellraiser gesehen hat, kennt die obstrusen Designs der Kreaturen. Das geht von Nägeln in Köpfen wie beim Hellraiser-Pinhead über Sadomaso-Klamotten bis hin zu horrorhaften Fettsäcken, die ihren Bauch aufreissen, um mit ätzendem Blut um sich zu schießen.
Nun mal Hand aufs Herz: In Ansätzen können wir die Entscheidung der USK sogar nachvollziehen, zumal alles wirklich richtig schön glibberig, schleimig und eklig aussieht. Das liegt vor allem am überaus detaillierten Aussehen der Widersacher, das so echt wirkt, dass man den Viechern vor Angst am Liebsten selbst die Haut abziehen würde. Wir wollen gar nicht wissen, wie eine zensierte Version von Jericho ausgesehen und wie lange sich das Spiel alleine deswegen nach hinten verschoben hätte, zumal jedes Level vor Blutspritzern, -pfützen und ganzen Seen vollgestopft ist. Da ist es der Atmosphäre jedoch nicht gerade gut getan, wenn das Programm Euch mit nimmersatten Gegnerwellen immer wieder zum Kampieren zwingt.
Manchmal habt Ihr es trotz üppigem Squad mit zuweilen zwanzig nacheinander auftauchenden Monstern zu tun, die nicht immer einfach ins Nirvana zu schicken sind. Manche sind verdammt schnell, manche werden Euch auch aus der Ferne gefährlich...tja, und manche explodieren und reissen die Hälfte Eures Teams ins Verderben.
Nur zu gut, dass Ihr die nicht immer intelligent agierenden KI-Recken stets heilen könnt, egal wie oft und egal mit welchem Charakter. In Passagen, in denen man auf sich allein gestellt ist, entscheidet dagegen jede Sekunde. Sterbt Ihr hier, könnt Ihr nicht geheilt werden, da Ross' Seele zu keinem anderen Körper wandern kann. Cool inszeniert sind die aus Tomb Raider: Anniversary bekannten Quicktime-Events, die mittels Richtungstasten gemeistert werden müssen.
Hier macht Clive Barker's Jericho noch einmal deutlich, wie wichtig die Integrierung des Spielers ins Geschehen ist. Man kann die eigenen Hände und Füße sehen, der Blickwinkel schwankt und wir müssen im richtigen Moment reagieren, um nicht grausam zu sterben. Besonderes Highlight ist hierbei die Szene, in der wir als Church ein Loch nach unten hüpfen und uns Stück für Stück an den Steinen nach unten unseren Weg bahnen, als plötzlich eine klingenschwingende Höllenkreatur von oben mit lautem Getöse auf uns springt. Unten angekommen, liegt das Monstrum auf unserem Körper und will uns mit seinen Schwertern zu Gehacktes verarbeiten. In der nun folgenden Tastenvorgabe machen wir natürlich alles richtig und verpassen dem Vieh danach eine gehörige Bleispritze. Ohne solche grandios inszenierten Sequenzen und eben das coole Squad - wäre Jericho nur ein ganz normaler Ego-Shooter ohne große Überraschungen.
Die Feuergefechte sind gut, aber nicht spektakulär, der Frustgrad ist durch die explodierenden Mutaten zuweilen recht hoch und die Spielzeit ist mit gerade einmal sieben bis acht Stunden auch nicht wirklich lang ausgefallen.
Vom enttäuschenden Ende wollen wir an dieser Stelle lieber gar nicht erst reden da hätte wesentlich mehr kommen müssen, als nur ein minimaler Abspann mitsamt Credits nach einem eher unspektakulären Bossfight. Über die Optik haben wir uns hinsichtlich Gegnerdesign ja schon ausgelassen. Die Szenerien ergeben einen eher zwiespältigen Eindruck: Während die Außenareale oft arg eintönig und öde wirken, hinterlassen die zahlenmäßig überwiegenden Innenräume ein horrorhaft-gutes Grinsen.
Horrorhaft deshalb, weil alles ziemlich schick, aber auch extrem eklig und blutig gestaltet wurde. Wundert Euch also nicht über aus dem Boden herausragende Gliedmaßen, hässliche Fratzen und gehäutete Leichen an den Wänden sowie Berge von Hautfetzen und Innereien. Die Effekte von denen es in Jericho mehr als genug gibt - sind derweil klasse und größtenteils imposant. Einen flotten Rechner solltet Ihr für die volle Grafikpracht aber dann doch besitzen. Nicht ganz so gut kommen dagegen die nur leidlich wuchtigen Soundeffekte weg, vor allem die der oft müde wirkenden Knarren.
Gut gelungen ist hingegen jedoch wieder die deutsche Sprachausgabe, die sogar die Originalvertonung in Bezug auf Glaubhaftigkeit übertreffen kann. Ein ganz großes Plus geht auch an die bedrohliche und abwechslungsreiche Musikkulisse, die nicht immer aufdringlich pompös, aber stets effektiv das Geschehen einfängt.