Dreamfall: The Longest Journey

Review
Plattform
PC
Vertrieb
dtp digital tainment
Entwickler
Funcom
Erscheinungsdatum
-
Genre
Action
USK
12
Dreamfall: The Longest Journey [PC , Justgamers]

Gesamtwertung

87%/10

Grafik

Sehr gut

Sound

Sehr gut

Lanzeitspaß

Sehr gut

Spieleinstieg

Sehr gut

Bedienung

Befriedigend

Dreamfall: The Longest Journey

Ziemlich genau sechs Jahre ist es her, dass Adventurespieler in The Longest Journey das Gleichgewicht zwischen den beiden Parallelwelten Stark und Arcadia wiederhergestellt haben. Kann Dreamfall an den Erfolg und die Beliebtheit seines Vorgängers anknüpfen, oder bewahrheitet sich wieder einmal, dass Fortsetzungen so gut wie immer schlechter sind als ihre Vorgänger? Kommt Dreamfall an das Flair seines Prequels heran? Unsere Review klärt auf.

Was bisher geschah ...

Stark? Arcadia? Parallelwelten? The Longest Journey? Noch nie davon gehört? Für all die, die nicht den blassesten Schimmer haben, worum es hier eigentlich geht, hier nochmal zum mitschreiben: April Ryan, die damalige Heroin des Point & Click Adventures von 2000, war eine stinknormale Kunststudentin in Stark, einer der beiden Parallelwelten im The Longest Journey-Universum. Stark kann man am besten mit einer Art High-Tech-Zukunftsvorstellung unserer derzeitigen Gesellschaft vergleichen – alles ist hoch technisiert, überall blinken bunte LCD-Bildschirme, die Großstädte sind noch größer als heute, in den Häuserschluchten verkehren futuristische Fahrzeuge, die Slums und Gassen jener Mega-Städte sind hingegen heruntergekommen und voll mit Obdachlosen und Junkies. April besucht die Kunstakademie in Venice, einer vergleichsweise ruhigen Vorstadtgegend, bis sie eines Tages durch ein Portal nach Arcadia gelangt. Arcadia ist das genaue Gegenteil von Stark. Eine fast perfekte Märchenwelt mit mittelalterlichen Städten und Dörfern, unberührter Natur, den verschiedensten Fabelwesen und – Magie. Genau das ist der Hauptunterschied zwischen den Zwillingswelten: auf der einen Seite steht die Technik, auf der anderen die Magie. Dies ist auch der Hauptgrund dafür, dass die beiden Welten voneinander getrennt wurden: Zwischen ihnen herrscht seit Jahrhunterten Gleichgewicht. Aber genau dieses Gleichgewicht drohte damals verloren zu gehen, als eine fanatische Sekte versuchte, Stark und Arcadia zu vereinen. Mittendrin im Geschehen befand sich April Ryan, die ihr in The Longest Journey auf einem spannenden Adventuretrip bis hin zur Wiederherstellung des Gleichgewichts begleitet habt.

So viel zur Erläuterung der Storyline samt kurzem Rückblick auf den Vorgänger. Nun sind wir aber zehn Jahre in der Zukunft, im Jahre 2219 um genau zu sein. Wir befinden uns in Casablanca und sehen eine junge Dame in Unterwäsche auf ihrem Bett liegen – sie schaut fern. Es ist Zoë Castillo, die neue Protagonistin von Dreamfall.

Plötzlich fängt das Fernsehbild an zu flimmern, kurze Zeit ist nur Rauschen zu hören. Auf einmal sehen wir anstatt der Nachrichten eine unwirkliche, schneeweiße Landschaft auf dem Fernsehbildschirm, darin ein Haus aus Holz und wir hören eine Mädchenstimme: „Finde April Ryan, rette sie“, „Du musst April Ryan finden“.

Dann flackert das Bild wieder und wir bekommen das Mädchen ganz kurz zu Gesicht. Ihr Kopf ist runtergebeugt und sie hält einen Teddybären in der Hand. Kurz darauf laufen wieder die Nachrichten über den Bildschirm – was ist da passiert? Das wird sich nicht nur der Spieler fragen, auch Zoë ist erstmal ziemlich verwirrt, hält das Ganze dann aber für eine Störung. Hier fängt alles an, ab hier übernimmt man die Geschicke der jungen Heldin in spe. Wenn man es bis hierhin noch nicht gemerkt haben sollte, wird es allerhöchste Zeit zu realisieren, dass Dreamfall, anders als The Longest Journey, ein waschechtes 3D-Spiel ist. Vorbei sind die Zeiten, in denen Hobby-Abenteurer allerhöchstens ihren rechten Arm bemühen mussten, um im Spiel vorwärts zu kommen. Zoë wird aus der 3rd-Person Perspektive gesteuert, wahlweise per Maus und Tastatur oder per Gamepad. Leicht reizbare Spieler sollten am besten zu letzterer Variante greifen, denn die Maus/Tastatur-Steuerung kann ganz schnell zu Frust führen.

Wenn es eine Sache an Dreamfall gibt, die vollkommen verkorkst wurde, dann ist es die PC-Steuerung. Nichtsdestotrotz gewöhnt man sich nach einiger Zeit an den schrägen Bedienugsstil. Alle Objekte in der Landschaft, die man benutzen, aufheben oder ansehen kann, werden immer gut sichtbar auf dem Bildschirm markiert, sobald man sich in ihrer Nähe befindet. Sollte man dennoch einfach ein ganzes Areal „scannen“ wollen, um nachzusehen, ob man nicht doch noch etwas vergessen oder übersehen hat, kann man mit der rechten Maustaste in den Sicht-Modus schalten, der ein frei schwenkbares Sichtfeld des Charakters aktiviert, mit dem man in bester Superman-Manier zwar nicht durch Wände sehen aber die ganze Umgebung absuchen kann.

Kampf-Krampf

Aber gut, zurück in Zoës Zimmer. Nachdem wir die Heldin angezogen haben (ja, das ist Pflicht) machen wir uns auf den Weg zu unserer Personal-Trainerin. Mit der haben wir nämlich einen Termin ausgemacht, deshalb müssen wir uns sputen. Auf dem Weg ins Fitnessstudio lernen wir flüchtig Casablanca kennen und laufen u.a. an einem belebten Marktplatz vorbei. Aber wozu trainieren? Dreamfall ist doch ein reines Adventure, oder? Jein – die Entwickler haben hier und da kleine Kampfeinlagen eingebaut die an Beat’em-Ups der ärmeren Sorte erinnern, mehr als Schlagen, Treten und Abwehren ist nicht drin. Und genau deshalb, weil das Feature für so manchen Adventure-Fan neu sein mag, führt uns das Spiel in einer Art Tutorial zuerst zu einer Trainerin, mit der wir probeweise einpaar Schläge austauschen können.

Nach dem Aneignen der Grundsteuerung wollen wir das Fitnessstudio verlassen, doch da passiert es – auf einem Fernsehgerät im Gebäude, das eigentlich so gut wie immer ausgeschaltet ist, sehen wir auf einmal die gleichen Szenen wie zu Anfang des Spiels, wieder begleichtet von der Bitte des mysteriösen Mädchens: „Du must April Ryan finden, rette sie!“. Eine Sekunde später ist der Fernseher wieder aus. Zoë kommen erste Zweifel, dass es sich bei den beiden Vorfällen um schlichte Störungen gehandelt hat. Draußen angekommen erhält sie einen Anruf ihres Ex-Freunds Reza, der sich mit ihr im Café am Marktplatz treffen will. Als freier Journalist arbeitet er momentan an einer großen Story und braucht Zoës Hilfe, um ein Paket für ihn entgegenzunehmen, da er einen Termin mit einem Kontaktmann hat. In den Dialogen von Dreamfall hat man meistens mehrere Antwort- oder Fragemöglichkeit zur Verfügung. So können wir Reza je nach Wahl entweder freundlich helfen oder seine Bitte gekränkt ablehnen, letzendlich hat die Art in der wir antworten aber keinen signifikanten Einfluss auf den Spielverlauf – wir helfen ihm, egal ob wir wollen oder nicht. Anders sieht es da mit den Fragen aus. Deren Beantwortung stellt sich meist sowohl für Neulinge als auch für Spieler, die bereits mit The Longest Journey zutun hatten, als sehr interessant dar. Man erfährt Hintergrundinformationen oder erhält Tipps, falls man irgendwo feststeckt und nicht weiterkommt.

Rätseln leicht gemacht

Apropos feststecken und nicht weiterkommen. Wie in Adventures üblich, sind auch in Dreamfall Rätsel vertreten. Die können zwar nicht als anspruchsvoll oder fordernd bezeichnet werden, erfüllen aber dennoch ihren Zweck. Die Entwickler von Funcom wollten das Spiel anscheinend auch Adventureunerfahrenen und nicht sehr rätselfreudigen Spielern schmackhaft machen und haben sich deshalb anstatt auf richtig harte Knobel-Brocken, lieber auf Minispielchen und Simpelrätsel konzentriert. Will sich Zoë zum Beispiel in einen Computer hacken, so muss man als Spieler ein mit einem großzügigen Zeitlimit gepolstertes Minispielchen bestehen. Auf der anderen Seite gibt es in Dreamfall auch die guten alten Kombinationsrätsel. Hier muss man aus zwei oder mehreren Gegenständen im Inventar einen dritten Gegenstand basteln, der dann für eine spezielle Aktion benötigt wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Kombinieren eines Holzpfahls mit einem in Kerosin getränkten Tuch, das an einem offenen Feuer entflammt wird und fortan als Lichtspender in dunkeln Gängen dient. Mit dem Entgegennehmen des Pakets für Reza fängt die Geschichte nun erst richtig an. Reza verschwindet spurlos und Zoë wird in eine großangelegte Verschörungsgeschichte hereingezogen, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Es folgen die wohl turbulentesten Tage ihres noch jungen Lebens. Sie bereist den halben Globus und besucht auf ihrer Suche nach Antworten und Erklärungen auch die Magiewelt Arcadia, wo sie unter anderem auch auf April Ryan trifft. Nachdem sie das Gleichgewicht wiederhergestellt hat, ist Miss Ryan kurzerhand in Arcadia geblieben. Doch nicht etwa, um auf dem Marktplatz der mittelalterlichen Großstadt von Marcuria einen Brezelstand zu eröffnen. Marcuria wurde gegen Ende von The Longest Journey von dem barbarischen Volk der Tyren angegriffen und eingenommen. Glücklicherweise kamen aus dem Süden Arcadias die Azadi zu Hilfe, eine orientale Kultur von gottesfürchtigen Menschen, die Marcuria aus dem Würgegriff der Tyren befreit haben. Doch nach getaner Arbeit sind die Truppen Azadi nicht in ihre Heimatgefilde zurückgekehrt, sie halten Marcuria seit zehn Jahren besetzt und versuchen seitdem die Einwohner von Marcuria ihre Religion und den Glauben an ihre Göttin aufzuwingen. Darüberhinaus halten die Azadi nichts von Magie, weshalb sie kurzerhand alle magisch begabten Einwohner der Stadt in eine Art Ghetto gesperrt haben, um sie von der restlichen Bevölkerung abzuschotten.

Stimmig bis zum Ende

Dreamfall schöpft das Potenzial der beiden Parallelwelten storytechnisch voll aus. Zwar ist die schöne Zoë nach wie vor Hauptheldin, dennoch übernimmt man im Spielverlauf die Geschicke zweier anderer Personen. Eine davon ist die schon mehrfach angesprochene und aus The Longest Journey hinreichend bekannte April Ryan. Nachdem sie sich dazu entschieden hat, in Arcadia zu verweilen und die Unterdrückung durch die selbstgerechten Azadi nicht akzeptieren konnte, gründete sie mit einigen Mitstreitern eine Rebellenorganisation, die es sich zu Aufgabe gemacht hat, die Azadi aus Marcuria und Umgebung für immer zu verjagen. Dritter im Bunde der spielbaren Charaktere ist der Azadi-Krieger Kian Alvane. Er wurde mit einem Spezialauftrag nach Marcuria beordert. Die Entwickler von Funcom haben es geschafft, die Schicksale und Storystränge dieser drei Figuren geschickt zu einem interessanten, verstrickten und konstant spannenden Gesamtbild zusammenzufügen. Das i-Tüpfelchen bei Dreamfall ist die perfekte Synchronisation, sowohl die deutsche als auch die englische. Publisher dtp hat für die deutsche Lokalisierung viele namenhafte Synchronsprecher verpflichtet, unter anderem auch die deutsche Stimme von Angelina Jolie für die Hauptprotagonistin Zoë. Wer jedoch der englischen Sprache mächtig ist, sollte unbedingt zu jener Sprachversion greifen, da uns die noch einen kleinen Tick atmosphärischer vorkam.

Fazit

Dem Großteil aller Spiele, die in letzter Zeit erscheinen sind, kann man eines besonders anmerken – dass ihnen eine Seele fehlt. Als Seele bezeichne ich das gewisse etwas, die Atmosphäre gepaart mit der Story, das Flair des Spiels, die Tatsache, dass ich mich auch Monate nach dem Durchspielen noch (positiv) an ein Spiel erinnere. Dreamfall: The Longest Journey ist so ein Spiel. Gut, vielleicht hat es hier und da Macken – zu erwähnen ist z.B. die verkorkste Maus/Tastatur-Steuerung. Für reine Tüftler, die gerne harte Rätsel knacken wollen, ist Dreamfall sicher auch nicht der größte Reiz und die Actioneinlagen sind ebenfalls etwas fehl am Platz. Aber das sind alles nur kleine Mankos im Vergleich zur sonstigen Klasse des Spiels. Nirgendwo sonst findet man heutzutage eine so detailliert ausgearbeitete, tiefgehende und bis zur letzten Dialogzeile spannende Story, wie in Dreamfall: The Longest Journey. Das Spiel bietet Atmosphäre, Spannung, Spaß und Humor und zwar in genau der richtigen Mischung. Dank des Cliffhangers und vieler unbeantworteter Fragen am Ende, freue ich mich schon jetzt auf eine baldige Fortsetzung des Spiels – die TLJ-Vater Ragnar Tørnquist bereits selbst bestätigt hat. Fest steht, wer sich Dreamfall: The Longest Journey nicht zulegt, dem entgeht eines, wenn nicht das beste Adventure der letzten Jahre.

Dreamfall: The Longest Journey [PC , Justgamers]

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