Gesamtwertung75%/10 |
GrafikGut SoundGut |
LanzeitspaßGut SpieleinstiegGut |
BedienungBefriedigend |
Always remember: Big Brother is watching you. Eine grünlich gekleidete Frau erwacht auf einer alten, versifften Matratze, die Wände bestehen aus hartblättrigem Rost und überhaupt scheint keiner da zu sein. Sie kommt allmählich zu sich, sieht sich ungläubig um und starrt uns nach wenigen Sekunden in die Augen. Wir können nichts außer zusehen und zuhören, wie sie mit uns spricht. Allmählich wird uns klar, dass unsere Kommunikationsmöglichkeiten äußerst eingeschränkt, um nicht zu sagen non-existent, sind. Nach und nach realisieren wir, dass wir die treibende Kraft hinter der nur zäh beweglichen Kamera sind, die die junge Frau beobachtet. Sind Sie von der Army? Wir bewegen die Maus nach links und rechts, um ein verneinendes Kopfschütteln zu signalisieren. Da wir nicht auf normale Art und Weise antworten können, bricht Lea Nichols so heißt die Protagonistin das Gespräch ab und bittet uns um Hilfe.
Von Kameras umgeben...
Außer ihren Namen weiß sie nicht mehr viel, außer dass sie sich auf einem gestrandeten Forschungstankers befindet und nur mit unserer Hilfe einen Ausweg finden kann. Nur zu gut, dass wir nicht nur über eine Kamera, sondern über das gesamte Überwachungssystem des stählernen Titanen Zugriff haben.
Das Geschehen verfolgen wir dabei stilecht über ein Windows-ähnliches Interface, dass uns neben der aktuellen Kameraaufnahme eine Übersichtskarte des Komplexes bietet. Die dient nicht nur zur Orientierung, nein, über jenes Schema wechseln wir auch noch von einer Kamera zur Nächsten. Maximal drei verschiedene Geräte dürfen wir dabei steuern, alles per Maus versteht sich. Damit Lea auch weiß, was wir von ihr wollen, knipsen wir beispielsweise Lichtschalter an und aus, oder aktivieren beziehungsweise deaktivieren Geräte, um ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken.
Das klappt in den meisten Fällen ohne Probleme wie gesagt, in den meisten Fällen. Manchmal kommt es auch vor, dass die Gute entweder zuerst gar nicht reagiert, in eine völlig verkehrte Richtung rennt oder sich in einer Wand verabschiedet, nur um kurze Zeit später nicht weit entfernt wieder aufzutauchen argh, solche Fehler gehören einfach nicht in ein modernes Spiel!
Nicht lange dauert es, dann findet Lea auch schon das erste Upgrade für unsere Kamera ja, auch Überwachungssysteme haben ein Recht auf Verbesserungen! Eine Nachtsicht-Option, cool. Jenes Feature dürfen wir fortan bei jedem Aufnahmegerät benutzen, einige noch nicht freigeschaltete Symbole am rechten Fensterrand deuten auf weitere Upgrades hin. Langsam wird es schwer mit der Übersicht, wir verschieben daher die Fenster so günstig wie möglich auf dem Screen, um die bestmöglichste Show zu genießen.
Warum aber gerade das dritte Fenster immer wesentlich kleiner ist, als alle anderen, bleibt uns schleierhaft auf der fest skalierten Knirpsen-Größe erkennt man fast gar nichts, schon überhaupt nichts, was womöglich von Bedeutung sein könnte.
Schade, denn ansonsten simuliert eXperience112 die interessante Herangehensweise hinter den Kulissen perfekt: Wir fühlen uns fast wie bei der täglichen Arbeit auf dem Desktop. Wir öffnen, verschieben und schließen Fenster oder loggen uns wie bei anderen Programmen in das Sicherheitsnetz des Tankers. Schon gleich zu Beginn gibt uns Lea ihre Accountdaten. Wir stöbern in ihren Dateien, checken E-Mails vergangener Tage und lesen uns oft nur leidlich interessante Texte durch Überwachung pur! Andere Bereiche wie persönliche Dokumente bleiben uns aber vorerst vorenthalten. Je mehr sich das Fräulein leidend durch die tristen, geradezu traurigen Gänge des Schiffes schleppt, desto mehr fühlen wir uns involviert.
Nur wir allein können ihr helfen, denn ansonsten befindet sich keiner im Komplex - oder doch?
Findet es selbst heraus, wir halten uns mit expliziten Spoilern vornehm zurück. Ist auch nicht wichtig, schließlich wollen wir Lea erst einmal helfen, die giftige Substanz aus ihrem Körper zu bekommen. Das Gegenmittel dafür befindet sich im Laborbereich, selbiger ist abgeschlossen und die notwendige Codekarte befindet sich wie könnte es adventuretypisch auch anders sein - nicht an einer Stelle, in die man so einfach reinmarschieren könnte. Durch die transparenten Fenster eines Versuchsraums sehen wir einen vergifteten Wissenschaftler, neben dem die eben gesuchte Karte liegt. Der Weg ist zur Lösung ist dabei nicht so simpel wie anfangs gedacht: Da der Raum, in dem sich der Tote befindet, voll von Substanzen ist, die unserer Gesundheit nicht gerade zuträglich sind, entschließen wir uns stattdessen für einen Greifroboter, der die Arbeit für uns erledigen soll.
Tolle Atmosphäre, aber die Bedienung...
Selbiger ist aber dummerweise passwortgeschützt. Lea merkt sinngemäß an: Ich weiß, dass der Professor vergesslich war und seine Codes deswegen immer aufgeschrieben hat, lass uns hier im Raum suchen. Gut gebrüllt, Lady!
Dank hinzugekommenen Zoom-Upgrade grasen wir das Zimmer nach jedem noch so kleinem Hinweis ab und werden schließlich fündig. Aber halt, falsch gedacht das war nicht das Passwort des Roboters, sondern die Zugangsdaten für den Login des Professors. Das heißt, wir müssen nun also in den Dateien des Wissenschaftlers stöbern, um letztendlich das richtige Passwort zu finden.
Getreu dem Leitsatz Wer suchet, der findet haben wir Erfolg, übernehmen dank der Daten die Kontrolle über den kleinen R2D2-Verschnitt und begeben uns übrigens per Pfeiltasten in den mit giftigen Gasen gefüllten Raum.
Jetzt nur noch die Karte greifen! Klingt einfach, will aber erst einmal gar nicht klappen. Mit einer Maus regulieren wir die verschiedenen Gelenke des Greifarms, dessen Magnet kurz vor dem Wutausbruch endlich die benötigte ID-Card anziehen konnte. Nun aber schnell wieder zurück zu Lea, die sich freuen darf, gleich ihr gesundes Schlückchen nehmen zu dürfen. In solchen Momenten beschleicht den Spieler ein ermutigendes, befriedigendes Gefühl das Gefühl, einer Person bei etwas Wichtigem geholfen zu haben. Und ja, der Clou mit Lea als oft hilflose Sympathisantin geht voll auf. Irgendwann tut einem das Mädel einfach nur leid.
Vor allem dann, wenn man ein paar Stunden oder sogar einen ganzen Tag von eXperience112 abgelassen hat. Das kommentiert die weibliche Gefangene dann mit einem leicht gereiztem Ton Sorry Lea, aber das echte Leben bringt auch Pflichten mit sich, die erledigt werden müssen.
Der größte Pluspunkt des Spiels ist definitiv der Stil: Grieslige Grafikfilter, Bildstörungen und -verzerrungen und natürlich die gesamte Aufmachung verdienen schon fast eine eigene Wertung. Das Gefühl, einer unbekannten Person durch technische Mittel entscheidend voraus zu sein, ihr das aber nicht mitteilen zu können, ist unbeschreiblich. In einer Szene des Spiels wollen wir sie durch eine scheinbar verschlossene Tür lotsen. Der Grund der Barrikade: Irgendetwas oder irgendjemand stemmt dagegen, lässt aber in der Sekunde davon ab, in der wir die Kamera Richtung Tür justieren. Husch, es verschwindet aus dem Sichtradius, wir können Lea aber nicht mitteilen, was wir gerade gesehen haben. Doch es ist nicht alles Gold, was im Tanker-Inneren glänzt: Mag sich das Überwachungssystem anfangs noch recht eingängig und überschaubar handhaben, verkommt die Bedienung im weiteren Spielverlauf durch weitere Upgrades und die begrenzte Zahl an gleichzeitig laufenden Kameras zum chronischen Krampf. Ständig muss etwas verschoben, nachjustiert oder skaliert werden.
Neu erschlossene Überwachungsgeräte setzen sich zudem auf das bekannte Standardmaß zurück Nacht- oder Wärmesicht sowie Zoom & Co. müssen also neu eingestellt werden. Insgesamt läuft das Geschehen zu sehr nach Marke Vortasten ab, einen Tick zu schleppend, um wirklich am Stück spielbar zu sein. Wo wir schon bei schleppend sind: Auch Lea ist nicht gerade das, was man als flink bezeichnet, vor allem zu Beginn muss man fürchten, dass sie entweder einschläft oder vor Schmerzen auf dem Boden zusammenbricht. Die optionale, automatische Verfolgung klappt dabei eher schlecht als recht. Optisch befindet sich eXperience112 auf einem guten Niveau: Vor allem die Mimik und die Animationen ist den Entwicklern hervorragend gelungen, ganz im Gegensatz zu den öden, farbarmen Umgebungen, durch die wir Lea lotsen müssen. Da trifft es sich doch prima, dass die Heldin professionell und in Deutsch vertont wurde, damit wir von den genannten Abschnitten abgelenkt werden. Die subtil eingestreut wirkende Musikuntermalung verstärkt die gelungene Atmosphäre, ohne vom Gameplay abzulenken.
eXperience112 im Test.
Was halten Sie vom neuen Spiel von Lexis Numérique?
Teilen Sie Ihre Meinung mit anderen Yahoo!-Usern.