Fahrenheit

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Atari
Entwickler
Quantic Dream
Erscheinungsdatum
-
Genre
Abenteuer
USK
16
Fahrenheit [PC , Justgamers]

Gesamtwertung

78%/10

Grafik

Sehr gut

Sound

Gut

Lanzeitspaß

Gut

Spieleinstieg

Gut

Bedienung

Befriedigend

Fahrenheit

Lucas Kane, IT-Mitarbeiter einer New Yorker Bank, hat ein gewisses Problem. Soeben hat er, unprovoziert und damit völlig grundlos, einen ihm unbekannten Mann auf einer Schnellimbiss-Toilette ermordet. Doch wenn das nicht schon den ganzen Tag versaut, hat Lucas ein weiteres Problem. Zwar hat sein Körper die Mordwaffe in den Leib des Opfers gerammt, doch Lucas' Selbst war nur Zuschauer. Eine unbekannte Macht übernahm seinen Körper und begann die schreckliche Tat, während Lucas' Ich mit Visionen von düsteren Ritualen in einem Meer aus Kerzen traktiert wird. Nun sind Polizisten in solchen Fällen wenig gesprächsbereit, wenn ihnen ein blutverschmierter Tatverdächtiger gegenübersteht, mit der Mordwaffe in der Hand und dieser auch noch was von „Ich wars nicht! Ich war besessen“ stammelt.

Lucas muss also hier weg. Weg von der Leiche, weg von dem ganzen Blut und vor allem weg von dem Polizisten, der im Schankraum des Imbisses hockt und Anstalten macht, aus Hygienegründen das Klo aufzusuchen. Was also tun, Lucas Kane? Genau! Leiche weg, Messer weg, Blut weg und reichtlich Abstand zwischen Lucas und dem Cop bringen.

Doch Lucas ist nicht der einzige Hauptcharakter von Fahrenheit, ganz im Gegenteil. So schlüpft man auch in die Rollen der beiden ermittelnden Polizisten, Carla Valenti und Tyler Miles, ihres Zeichens Kollegen und dem Morddezernat zugehörig. Diese beiden ermitteln in dem Fall des Schnellimbiss-Mordes und versuchen die Indizien zu finden, die man mit Lucas Kane kurz zuvor noch zu verbergen versuchte, kommen dabei einer Serie von weiteren seltsamen Morden und nicht zuletzt auch Lucas Kane auf die Spur, der ebenfalls verzweifelt versucht, Licht in das Geschehene zu bringen. Nun könnte man sich fragen, welchen Sinn es hat, einen Gegenstand mit Lucas zu verstecken und diesen wenige Minuten später beispielsweise mit Carla wiederzufinden.

Nun, das wurde recht einfach gelöst. Nachdem Lucas das Messer in der Imbiss-Toilette aufhebt, raunt er ein „Das Messer muss verschwinden“. Anstatt jedoch selber die Klinge zu verstecken, schwenkt die Kamera für einige Sekunden weg. Lucas hat in der Zwischenzeit das Messer versteckt und der Spieler an der Tastatur hat keine Ahnung wo. Ist man dann wenig später als Carla oder Tyler unterwegs, sucht man die Toilette nach der Tatwaffe ab.

Allerdings sollte man in diesem Fall den Tatort mit beiden spielbaren und jederzeit wechselbaren Charakteren durchsuchen, denn wer was findet, ist von Fahrenheit vorgegeben. Wer also auf Tyler verzichtet, wird das Messer nie finden.

Arx Fatalis meets Black&White

A und O bei Fahrenheit ist die Steuerung, die ein wenig an Arx Fatalis und Black&White erinnert, denn Aktionen werden fast ausschliesslich durch Mausgesten ausgeführt. Denken wir uns zurück zum Tatort. Noch immer liegt die Leiche im Weg, Lucas ist weiterhin blutverschmiert und das Messer liegt in der Gegend rum. Nähert sich Lucas einem interessanten Gegenstand – wie bespielsweise dem Handwachbecken – werden am oberen Bildschirmrand mögliche Aktionen in Form von Symbolen eingeblendet.

Soll Lucas das linke oder das rechte Waschbecken benutzen? Also schaut man sich die Symbole an und vollführt mit der Maus die dort angezeigte Mausbewegung nach. Für das linke Waschbecken soll man bei gedrückter Maustaste die Maus nach links bewegen. Gesagt – getan! Kaum ist die Mausbewegung durchgezogen, wird die Handlung weitergeführt. Lucas wäscht sich am Waschbecken und ist nach wenigen Sekunden einigermaßen sauber. Nach einigen weiteren Minuten haben wir die Leiche in einer Klozelle verstaut, das Messer im Mülleimer versteckt und das Blut auf dem Boden mit einem Wischmob mehr oder minder entfernt. Also verlassen wir das Klo, bezahlen unser Essen und verlassen den Imbiss durch den Vordereingang.

Das Interessanteste an Fahrenheit ist dabei die freie Wahl der Möglichkeiten. Denn man kann auch die Leiche rumliegen lassen, die Zeche prellen und durch den Hintereingang verschwinden. Was auf den ersten Blick vielleicht einfacher klingt, kann weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. So erregt man bei der Bedienung mehr Misstrauen, wenn man sich, ohne zu zahlen, durch den Hinterausgang verdrückt. Die Bedienung wird sich eher an den Zechpreller und möglichen Mörder erinnern als bei einem zahlenden Kunden.

Bei Gesprächen sieht das ähnlich aus. So trifft Lucas im Laufe des Spieles auf seinen Bruder Marcus, dessen Hilfe er braucht. Marcus ist mit Leib und Seele Priester, während Lucas der Religion nichts abgewinnen kann. Marcus glaubt seinem Bruder nicht so wirklich und Mord ist schliesslich eine schwere Sünde. Also kommt es irgendwie zu Streit. Die Entscheidung, ob man die Beziehung zu seinem Bruder abbrechen soll oder nicht, kann den Verlauf der Story nachhaltig verändern. Also sollte man aufpassen, wie man sich anderen gegenüber verhält.

Apropos Gespräche. Gespräche laufen exakt wie Aktionen ab, was bedeutet, dass am oberen Rand Mausgesten-Symbole mit einem situationsbedingt dazugehörigen Stichwort wie beispielsweise „Ja“ oder „Nein“ angezeigt werden. Lange Zeit für Überlegungen gibt es leider nicht, denn sofern man eine Gesprächsoption auswählen kann, erscheint ein Timer. Ist die Zeit abgelaufen, ohne das eine Entscheidung getroffen wird, wird das Gespräch beendet. Eine Wiederaufnahme des Gespräches ist, im Gegensatz zu den meisten anderen Adventures, in der Regel nicht möglich. Wer sich verklickt oder nicht rechtzeitig reagiert, hat meist Pech gehabt.

Die Action-Steuerung ist nicht gerade die Paradedisziplin von Fahrenheit. Die Handlung von Fahrenheit wird immer wieder von – nennen wie es mal – Geschicklichkeits- beziehnungsweise Reaktionsspielchen unterbrochen. Kommt es zu einer solchen Sequenz, wird auf dem Bildschirm ein „Auf die Plätze“-Schriftzug eingeblendet. Anschliessend erscheinen zwei geviertelte, mehrfarbige Kreise, die an das Spiel Senso erinnern. Im Laufe der folgenden Action-Sequenzen heisst es, rechtzeitig die jeweilgen Farben mit den dazu passenden Richtungstasten abzugleichen. Das obere rote Viertel wäre Cursor hoch und Numerischer Block 8, das linke Gelb mit Cursor links und Num 4, das untere Grün mit Cursor runter und Num 8 und das rechte blaue Segment Cursor rechts und Num 6. Wird auf dem Bildschirm also auf dem linken Kreis grün und auf dem rechten Kreis rot gleichzeitig dargestellt, muss man Cursor runter und auf der numerischen Tastatur die 8 innerhalb von ein oder zwei Sekunden gedrückt werden. Man darf sich allerding vertippen, sollange in der fraglichen Zeit die richtige Taste gedrückt wird.

Dennoch eine recht enervierende Angelegenheit, besonders dann, wenn die Tastendrückerei keinerlei Fehler – sprich: das versehentliche Nichtdrücken einer Taste – verzeiht. Dann wird die Aktion als gescheitert angesehen. Dadurch können entscheidene Hinweise zum Lösen des Falles verloren gehen. Man kann zwar die Steuerung nach eigenem Gutdünken einstellen, so richtig zufriedenstellend wird's allerdings nicht. Unkomplizierter und damit einfacher funktionierts hingegen mit einem Gamepad mit zwei analogen Steuersticks. Schade ist auch, dass man bei den Actionsequenzen seine Konzentration voll auf den Bewegungsanzeige-Kreisen hat und so von dem Geschehen drumherum eigentlich so gut wie nichts mehr mitbekommt.

Eine weitere Actionsteuerung konfrontiert den Spieler, wenn es um Kraft-“Proben“ geht. Wie zu den guten alten Zeiten auf dem C64 hämmert man dabei in regelmässigem Rhythmus auf die Links/Rechts-Taste, um eine Aktion durchzuführen. Nur so kann Lucas beispielsweise bei der Rettung eines Kindes aus einem See eben jenes Kind aus den kalten Fluten wuchten.

Des Rätsels Lösung

Während die Handlung bei Fahrenheit dank der intelligenten Story und der Freiheiten der Entscheidungen ziemlich überzeugend wird, sind richtige Rätsel bei Fahrenheit eher Mangelware. Eines der anspruchvollsten Rätsel von Fahrenheit spielt in der Bibliothek eines schrulligen Japaners, in der man Informationen sucht. Doch anstatt sofort mit der Antwort rauszurücken, soll man erstmal ein Buchband suchen. Hinweise: Das gesuchte Buch ist vom gleichen Schriftsteller wie das, dass man zur Suchhilfe von Japaner überlassen bekam. Alles andere soll man selber rausfinden. Nach einigen Sekunden des Suchens findet man drei Dinge: Eine Lupe, ein Buch mit Jahresordnungen der jeweiligen Schriftsteller und ein weiteres Buch, in dem steht, nach welcher Logik die Bücher abgelegt wurden... nämlich mach dem Erscheinungsdatum und dem Namen des Schriftstellers. Also schaut man auf den mitgegebenen Schmöcker und sieht den Namen des Schriftstellers, schaut in das Jahreszahlen-Buch, um zu sehen, wann es geschrieben wurde und anschliessend in das das Ablagesystembuch, um zu sehen, wo der verschollende Band wohl abgelegt wurde. Dann wird zum entsprechenden Regal geschlendert und – Tadaa! - da ist ja das Buch.

Ein weiteres vergleichsweise anspruchsvolles Rätsel ist das Zusammenführen der Indizien in der Rolle der Polizei. Hier hat man die Fingerabdrücke von der Mordwaffe, da die Fingerabdrücke von Lucas Kane, mit dem man mittlerweile schon gesprochen hat. Es führte nämliche eine Spur in die Bank führte, in der er arbeitet. Dort ein am Tatort liegen gelassener Shakespeare hier ein im Büro von Lucas gefundener Shakespeare. Und sieht das erstellte Phantombild nicht Lucas zum Verwechseln ähnlich? Komplexe Rätsel sehen anders aus!

Das ist ja wie im Fernsehen

Auch wenn die Steuerung zuweilen zu verknoteten Fingern und die Rätsel zu Schlafattacken führen, dies wird mit der Präsentation locker wett gemacht. Es gilt die einfache These aus der Welt der TV-Serien: „Inhalt ist unwichtig solange die Aufmachung stimmt.“ Bei keinem anderen Titel der letzten Jahre passt das so sehr wie bei Fahrenheit. Getragen durch eine detailreiche Grafik, eindrucksvollen Animationen und realitätsnahen Szenerien - wie der bereits erwähnte Imbiss, der Bibliothek oder dem düsteren Haus der blinde Agatha, der man im Laufe des Spieles über den Weg läuft – zaubert Fahrenheit eine fesselnde Atmosphäre auf den heimischen Bildschirm. Der Clou jedoch ist die aus der RTL2-TV-Serie 24 hinlänglich bekannte Schnitttechnik. Unterschiedliche Kameras, die entweder völlig andere Bilder senden oder aber alle auf einen Punkt beziehnungsweise auf eine Person ausgerichtet sind, allerdings aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Abständen, vermitteln ein „Mittendrin, statt nur dabei“-Gefühl par excellance.

Fahrenheit (48 Bilder)

So gerät man schon etwas ins Schwitzen, wenn man als Lucas unter Zeitdruck einige blutige Beweise in dessen Wohnung verstecken muss, während auf einem Bildausschnitt ein sichtlich generverter Cop an die Tür hämmert und Einlass fordert, da Nachbarn Schreie aus dieser Wohnung hörten.

Soundtechnisch ist Fahrenheit über fast jeden Zweifel erhaben. Fast! Denn obwohl die Verantwortlichen viel Liebe und Mühe in den exquisiten Soundtrack und die restlichen Geräuschkulissen steckten, ist die deutsche Synchronisation ein Wechselbad der Gefühle. Bis auf Carla Valenti wirken alle Protagonisten dank ihrer wenig überzeugenden Synchronstimmen entweder gelangweilt, bemüht cool oder nuscheln in nicht vorhandene Bärte. Da es keine deutschen Untertitel bei der Wahl einer anderen Sprache gibt, ist ein Wechsel auf die englische Sprachausgabe nur für diejenigen sinnvoll, die dieser Sprache auch mächtig sind.

Fazit

Naja... ich hab mir ein wenig was anderes unter Fahrenheit vorgestellt. Obwohl die Story selber spannend ist und mir der 24-Präsentation-Stil auch gefällt, fehlt Fahrenheit meiner Meinung nach ein wenig die Seele eines Adventures, denn das ist Fahrenheit letztendlich. Die Rätsel sind im Grunde keine und die Actionsequenzen gehen einem besonders am Ende des Spieles langsam aber sicher auf den Keks, denn anstatt den Geheimnissen des Mordes auf die Spur zu kommen, wird man ständig herausgerissen aus der Handlung. Eine Offenbarung ist Fahrenheit jedenfalls nicht und die geschürten Erwartungen kann Fahrenheit eigentlich auch nicht wirklich erfüllen. Hätte Fahrenheit nicht diese 24-typische Aufmachung und eine wirklich beeindruckende Grafik, würde man von Fahrenheit eigentlich kaum Notiz nehmen.

Fahrenheit [PC , Justgamers]

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