Gesamtwertung79%/10 |
GrafikGut SoundGut |
LanzeitspaßGut SpieleinstiegGut |
BedienungSehr gut |
Die Aussage, Adventures wären ausgestorben, die noch vor drei bis vier Jahren angesichts der vorherrschenden Ebbe an vernünftigen Genrevertretern gefällt wurde, wird heutzutage wohl von niemanden für voll genommen: Spiele wie Fahrenheit, die Ankh-Serie, Still Life oder Perry Rhodan zeigten, dass das Genre noch längst nicht tot ist und oft sogar richtig gute Geschichten parat hat. Goin Downtown reiht sich nun gelungen in die Auswahl der guten Adventures ein. Aus welchen Gründen, das erfahrt Ihr bei uns im Review.
Zukunft ohne Aussichten...
Herrlich, wie komfortabel das hier ist: Habe ich gerade mal keine Lust, mit meinem Vorgesetzten oder meiner Kollegin zu sprechen, überspringe ich einfach jeden Satz, der mich zum Gähnen langweilt. Hey Jake, kriech nicht so lahmarschig rum! Scheiße du Pisser, das mache ich doch gar nicht, auf Wunsch gelange ich per Doppelklick direkt in den nächsten Screen und per Übersichtskarte direkt zum nächsten Bereich. Nichts für ungut Jake, alte Gewohnheit von weit weniger komfortablen Point&Click-Adventures.
Nein, wir führen hier keine Selbstgespräche durch den Einfluss definitiv nicht legaler Helferlein, sondern sind erfreut über den Komfort, den uns Goin Downtown bietet.
Wie beim Küchentuch Zewa Wisch und Weg ist auch beim vorliegenden Spiel mit wenigen Klicks alles erreicht aber immer der Reihe nach. So unfreundlich wie in unserem Gespräch ist unser Alter Ego aber nicht immer: Jake McCorley ist ein deprimierter und unterbezahlter Cop im New York des Jahres 2072. Und wenn es nach den Entwicklern von Silver Style Entertainment geht, sieht die Zukunft alles andere als rosig aus. Steuern und Gehalt bestimmen das Rechtssystem, nur wer einen ausreichend hohen Steuerstatus vorweisen kann, hat Anspruch auf Recht und Gehör.
Winken bei Kriminalfällen den ermittelnden Beamten keine hohen Prämien, wird der Fall schnell abgefrühstückt und zu den Akten gelegt. Selbiges trifft nicht nur auf Jake, der durch andauernden Alkohol- und Tablettengenuss sich die größte Scheiße wieder zurecht biegt, wie er sie gerne sehen würde, sondern auch auf die Prostituierte Rose, die von Jake ohnmächtig gefunden und zum Aufpeppeln in sein Appartement gebracht wird. Mehr als ein kurzes Gespräch bleibt unserem Helden jedoch nicht von der mysteriösen Schönheit als Jake nach einem Nickerchen aufwacht und ihm der kalte Wind aus der zerbröselten Fensterscheibe ins Gesicht weht, nimmt die Handlung des Titels Fahrt auf.
Fakt ist: Rose scheint sich aus dem Fenster gestürzt zu haben, während sich Jake im Land der Träume befand. Das sagen zumindest die Kollegen, die im Fall der jungen Dame keinen potenziellen Gewinn sehen und sich auf Selbstmord einigen.
Dass an der Sache soviel faul ist wie an der Erhöhung der Spritpreise, kommt dem Protagonisten gleich in den Sinn. Also beginnt Jake zu ermitteln und entdeckt dabei noch schwärzere Seiten des oberflächlich freundlichen Rechts- und Beamtensystems.
Man sagt ja immer, die erste Aktion in einem Adventure wäre die Wichtigste: Zum Beispiel die Erledigung einer giftigen Spinne mithilfe eines Wandschranks in Baphomets Fluch 2 oder die Überwältigung zweier Halsabschneider am Anfang von Jack Keane.
Bei Goin Downtown hingegen lassen wir erst einmal Wasser. Mann, ich möchte mal wissen, was die Scheißtabletten mit meinen Nieren machen, bei der Farbe. Gut gebrüllt, Löwe. Die Dialoge des Titels richten sich trotz der überraschenden grünen Altersplakette ausschließlich an Erwachsene. Was da wohl die Bordsteinschwalben meinen? Lack? Oral? Anal? Bitte, was?
Wir mussten uns nach den ersten zwei Stunden noch einmal genau vergewissern und waren wirklich erstaunt, hatten wir doch mit einer Altesfreigabe ab 16 Jahren gerechnet. Aber so schlimm ist das ja auch nicht, schließlich haben die kleinen Zocker schon ganz andere Wörter drauf. Aber nicht nur in dieser Hinsicht überrascht Goin Downtown: Wichtig für die Lösung der Rätsel, die sich meist auf überzeugend logische Kombinationsaufgaben beziehen, ist nicht selten der Tag- und Nachtwechsel, der hier auf Wunsch mit einem Klick vollzogen wird.
Damit verändert sich nicht nur die Helligkeit der Locations, sondern logischerweise auch die Positionierung enthaltener Charaktere oder Gegenstände. Um beispielsweise an ein futuristisches Telefon zu gelangen, muss sich Jake das Teil von seiner Kollegin leihen. Dumm nur, dass tagsüber der Chef mit offenen Augen alles beobachtet und nachts Jakes Kollegin selbst am Platz sitzt. Was also tun?
Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Wir schalten wieder in den Tag-Modus, erblicken eine Ladung Kisten am Rand des Bildschirms und schieben selbige unter dem Vorwand, sie würde uns stehen, direkt ins Blickfeld des Vorgesetzen. Und schwupps, das sogenannte HandCom befindet sich in unserem Besitz.
Im Endeffekt zu einfach...
Da Handys in der vorliegenden Zukunftsvision wegen erhöhter Strahlengefahr verboten sind, dürfen wir jedoch nur an bestimmten Stellen, nämlich sogenannten ComStations mit Personen telefonieren. Aber keine Sorge, fast in jedem Screen befinden sich solche Verbindungungsstationen. Man kann Goin' Downtown vieles vorhalten: Dass es für Kinder nicht geeignet sei oder dass die Dialoge nicht immer die Sinnvollsten sind.
Das ist aber abhängig von Eurem persönlichen Geschmack. Wenn aber eine Sache wohl sicher sein dürfte, dann die, dass der Titel zu einfach ist.
Freuen sich Einsteiger noch über die zahlreichen Hilfestellungen, wie etwa subtile Andeutungen in Dialogen oder Monologen sowie eine Hotspot-Anzeige und als Sahnehäubchen eine integrierte, optionale Komplettlösung, müssen Profis nicht lange nachdenken. Schnell sind Zusammenhänge gefunden, nicht weit erscheint die endgültige Lösung. Und so kommt es, dass fortgeschrittene Spieler auch ohne Nutzung der Hilfen in sieben bis acht Stunden mit dem Titel fertig sein dürften.
Abfrühstücken nennt man also nicht nur im Jahre 2072 den raschen Abschluss eines uninteressanten Falls, sondern auch das Durchspielen von Goin Downtown. Es ist schade diesen Trend zu sehen, der zuletzt schon Treasure Island einige Wertungspunkte kostete.
Und dabei macht der Titel doch sonst alles richtig: Die nicht allzu aufwändige Comic-Optik erinnert stark an den Cel-Shading-Shooter XIII und passt perfekt um bitterbösen Szenario, das man sich bei Silver Style ausgedacht hat, auch wenn man sich ruhig mehr Animationen für Jake & Co. hätte ausdenken können. Die komplett deutsche Synchronisation tut hier gut daran, ihr Bestes zu geben und ganz ehrlich: Einem gelangweilt stöhnendem Sprecher hätten wir seine Rolle auch nicht abgenommen.
Akustisch befindet sich der Titel auf einem überzeugenden Level. Übrigens müssen wir unsere Aussage von vorhin etwas korrigieren, wonach die Rätsel durchweg logisch seien. Sind sie eigentlich schon, aber ab dem Punkt, an dem Jake mittels Simulator in die Vergangenheit reisen kann, driftet die Nachvollziehbarkeit der Handlungsebenen etwas in die falsche Schiene. Dem erzählerisch und dramaturgisch genialen Kniff wird dadurch unnötig Wind aus den Segeln genommen, schade. Vor allem dadurch, weil die Dialoge und die Geschichte eigentlich überzeugen können.
Goin' Downtown im Test.
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