Haegemonia
In ferner Zukunft enden die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Erde und den Marskolonien in offenen Kampfhandlungen. Als dann auch noch ein zu Friedensverhandlungen reisender Diplomat von unbekannten Angreifern in Sternenstaub verwandelt wird, bricht der unvermeidliche Krieg aus. Netterweise erinnern sich ein paar Außerirdische an das schöne Motto Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte und strecken ihre Fingerchen sowohl nach der Erde als auch nach den Kolonien aus.
Das ungarische Team von Digital Reality hat einiges an Erfahrungen, was Strategiespiele in Weltall angeht, denn schließlich haben wir ihnen das meisterhafte Imperium Galactica 2 zu verdanken, das zusammen mit Microproses Master of Orion 2 und Relics Homeworld das Triumvirat auf dem Olymp des Weltall-Strategie-Genres bildet. Nach der Lizenzabgabe von Imperium Galactica 3 an CDV war eine einfache Fortsetzung unmöglich, wonach sich Digital Reality gezwungen sah, neue Wege zu suchen und Haegemonia war geboren
Die Wissenschaft, die Wissen schaft
Haegemonia besitzt, ähnlich wie Homeworld, kein Endlos-Spiel, sondern es wird vielmehr durch einzelne Missionen eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Damit aber Meteore zerstört, feindliche Raumstationen erkundet und ganze Sonnensysteme erobert werden können, ist natürlich eine gewisse Technik, sprich Feuerkraft, von Nöten. Und da uns die Forschung nicht nur Waschmaschinen und Mikrowellenherde bescherte, sondern auch lustige kleine Sachen, mit denen man sich gegenseitig das Lebenslicht ausknipsen kann, sollte ein Besuch bei den Herren der Wissenschaft obligatorisch sein. Aus den knapp 200 Technologien und Untertechnologien darf man schöpfen, um Planeten fruchtbarer, Schiffe schneller und sicherer, Einwohner glücklicher und gesünder und nicht zuletzt Waffen ein wenig durchschlagskräftiger zu machen. Doch einfach losforschen funktioniert nicht. Vielmehr erhält man pro Missionen eine gewisse Anzahl Forschungspunkte, die man während der Mission frei verteilen darf. Was man entwickeln will, bleibt einem selbst überlassen, man sollte sich nur der Konsequenzen sicher sein, wenn man am Nötigen vorbeiforscht. Wer also Gebäude erforscht, um seine Bevölkerungszahlen zu steigern, sollte sich nicht wundern, wenn die eigene Flotte, die völlig veraltete Waffensysteme sein eigen nennt, zur gleichen Zeit in Scheibchen geschnitten wird. Andererseits ist eine Konzentrierung auf Waffensysteme irrsinnig, da die Baugeschwindigkeit von z.B. Schiffen oder Raumstationen auf dem Planeten von deren Einwohnerzahl abhängt, sodass ein gewisses Gleichgewicht während des GESAMTEN Spieles von existenzieller Wichtigkeit ist. Will man sich diese Arbeit ersparen, darf man auch angeheuerte Helden diese Aufgaben übergeben, die, je nach Spezialisierung, den Planeten nach eigenem Gutdünken verwalten.
Bäng, Bumm, Krach und Peng
Wenn man ein kleines, schnuckeliges Sonnensystem sein eigen nennt, kann man schon cholerisch reagieren, wenn üble Bösewichte mit ihren schmutzigen Raumschiffen daherkommen. Also baut man sich ebenfalls Raumschiffe, in der Hoffnung, dass die Bösen gehörig eines vor den Bug bekommen. Allerdings kann und darf man nur über eine gewisse Gesamt-Anzahl von Schiffen kommandieren. Wichtig beim Bau der Schiffe ist es, dass man sich das richtige Waffensystem auswählt. Man kann seine Schiffe und Waffen leider nicht selbst frei konfigurieren, sondern darf nur aus einer Liste von Schiffen wählen. Wahre Ungetüme am Firmament sind aber die Raumstationen. Ihre zahlreichen und durchschlagskräftigen Waffensysteme können schon mal eine zahlenmäßige beeindruckende aber waffentechnisch unterlegene Flotte in kurzer Zeit in handliche Brocken schießen. Wichtig ist anzumerken, dass Einheiten im Kampf Erfahrungspunkte erlangen, dementsprechend in Stufen aufsteigen können und so auch besser treffen und mehr Schaden machen können. Am Ende einer Mission kann dann aus einer Anzahl von Helden und Schiffen ausgewählt werden, damit man auch in der nächsten Mission frei über sie verfügen darf.
Missionen-Ding
Missionstechnisch ist Haegemonia recht abwechslungsreich. Da wollen Planeten erobert, feindliche Flotten zu Klump geschossen und Techniken durch Spione geraubt werden. Dies sind aber nur Untermissionen. Meist heißt es nur Halte das Yargo-System oder Erobern Sie dieses System, der Rest kommt notgedrungen von selbst. Spaßig sind aber die teilweise überraschenden Wendungen innerhalb der zeitintensiven Mission und der Handlung. So kann es vorkommen, dass man vom Oberkommando eine eilige Meldung bekommt, in der es heisst, man sollte doch bitteschön seine halbe Flotte ins System XYZ schicken, und das während eines Grossangriffes des Feindes und auch bitte innerhalb eines Zeitrahmens und letztendlich entpuppt sich das ganze als netter Trick des Feindes. Leider gibt es auch einige Schwachstellen in der Missionengestaltung. Die Missionenbeschreibung ist leider meist mehr als nur dürftig. So ist die Aufgabe einer Mission, eine Raumstation zu sichten. Problem ist nur, dass jedes Schiff, dass sich an das Teil ranwagt, zerstört wird. Erst wenn man den Hauptheld in ein Schiff setzt und hinfliegen lässt, wird die Mission weitergeführt
nur, wer soll darauf kommen, ohne ALLE Eventualitäten durchzuprobieren? Problem hierbei ist, dass die Verkaufsversion 1.0 von Haegemonia abstürzt, sofern man die Truppen-Info wählt. Nervig, da in diesem Menu die teilweise missionskritischen Held-Schiff-Kombinationen realisiert werden. Der mittlerweile erschienene Patch 1.4 behebt dieses Problem aber glücklicherweise.
Hierhin, dorthin
Steuerungstechnisch ist Haegemonia erfreulich einfach und simpel gehalten. Mit wenigen Mausklicks sind alle wichtigen Menüs abrufbar. Schiffe und ganze Flotten lassen sich mit einfachen Klicks durch das Weltall steuern, teilweise bietet das Spiel an, welche Aktionen wie Angriff oder Beschützen man wählen möchte.
Optik, nichts als Optik
Wenn man etwas über die grafische Präsentation von Haegemonia sagen soll, bleiben eigentlich nur Superlative übrig: Genial, atemberaubend, schier unglaublich, wunderschön! Man merkt wirklich, dass hier das Herzblut der Grafiker drinsteckt, denn noch niemals zuvor durfte man eine derart detaillierte Grafik bewundern.
Gleissende Sonnen mit ihren Flammen-Stürmen, rotierende Planeten mit Tag/Nachtwechsel, auf deren Nachtseite die Lichter der Städte zu sehen sind und gigantische, mehrstufige Explosionen, die das Herz stillstehen lassen. Es ist wahrlich kaum zu beschreiben, aber wer sich an die Raumkämpfe aus der TV-Serie Babylon 5 erinnert, kann sich in etwa vorstellen, welche optische Brillanz auf den Spieler wartet.
Musikalisch vermag Haegemonia ebenfalls zu begeistern. Orchestrale und sphärische Melodien erklingen munter aus den Boxen. Alle wichtigen Texte werden dank professioneller Sprecher gekonnt in Szene gesetzt und vermitteln das Gefühl, mitten in einem fesselnden Sci-Fi-Film zu sitzen.
Fazit
Wow, es ist sehr sehr lange her, dass ich staunend und mit offenen Mund vor dem Monitor saß und mich an der Grafikpracht satt sehen konnte und wenn dann auch noch der klasse Soundtrack erklingt, ist es vollends um mich geschehen.
Doch
wo Licht, da auch Schatten. Einige nervige Bugs in der Verkaufsversion nervten doch sehr und können, trotz zwischenzeitlichem Patch, im Test der Verkaufsversion nicht wirklich übersehen werden. Ferner artet manchmal eine Mission in Arbeit aus, da man teilweise mehr an der Entwicklung und dem Ausbau der Planeten als an den Kämpfen hängt, speziell dann, wenn sich die eigenen Planten in drei bis vier unterschiedlichen Systemen befinden. Darüber hinaus sind die Missionsbeschreibungen teilweise lächerlich, da man oftmals nicht wirklich weiß, was genau man machen soll. Nichtsdestotrotz fesselt Haegemonia immens und die Optik und der Spielspass relativieren die Mängel eindeutig. Für mich ist Haegemonia bislang der überzeugendste Vertreter seines Genres und hat die Latte für die kommenden Konkurrenten sehr hoch gehängt. Das beste Strategiespiel des Jahres 2002!
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