Gesamtwertung80%/10 |
GrafikSehr gut SoundSehr gut |
LanzeitspaßBefriedigend SpieleinstiegGut |
BedienungGut |
Weit über den Seenlandschaften Finnlands formieren sich vier Jäger der finnischen Luftwaffe, um eine einfallende, sowjetrussische Bomberschwadron abzufangen. Die Luftschlacht ist kurz und heftig, aber die Finnen haben gegen die geballte Feuerkraft der russischen Geleitjäger nicht die geringste Chance. Als die letzte Maschine brennend auf dem Boden aufschlägt, sind die russischen Maschinen längst hinter dem Horizont verschwunden. Wie die Simulation einschlägt, erfahrt Ihr im Test.
Finnen in Silberpfeile mal anders
Als IL2-Sturmovik Ende 2001 erschien, erlebte das totgeglaubte WW2-Flugsimulation-Genre eine kleine Renaissance. Hobby-Piloten aus aller Welt stürzten sich in die bis dato fast gänzlich ignorierten Luftschlachten zwischen Deutschland und der Sowjetunion an der Ostfront. Und ganz nebenbei schuf das russische Entwicklerteam 1C:Maddox mit IL2 mal eben die wohl realistischste Flugsimulation.
Klar, dass da eine Ankündigung zu einer Zusatz-CD mit weiteren Flugzeugen, mehr Einsätzen und vor allem eine dynamische Kampagne nicht lange auf sich warten ließ. Doch noch kurz vor Release entschied man sich, aus IL2: Forgotten Battles ein Vollpreisprodukt zu machen. Fast jeder Geschichtsinteressierte weiß, was damals zwischen 1941 und 1945 an der so genannten deutschen Ostfront passierte. Schlagwörter wie Stalingrad oder die Panzerschlacht von Kursk sind Synonyme für den Schrecken des 2. Weltkrieges.
Doch was ca. ein Kilometer über den Köpfen der zig Millionen Infanterie-Soldaten und Panzer geschah, wissen wenige. Nun, wenn es um Luftschlachten geht, glauben viele, dass an der Westfront gegen Frankreich, USA und England oder im Pazifik zwischen den USA und Japan die erbittertsten Lustkämpfe gab und vergessen allzu gern, dass auch Russland über Flugzeuge verfügte. Und was noch weniger bekannt ist, ist dass die Ostfront nicht exklusiv für Deutschland und Russland reserviert waren.
Die mit Hitlerdeutschland verbündeten Ungarn, Rumänen und Finnen mischten hoch über den Wolken kräftig mit. Mit IL2: Forgotten Battles werden nun endlich auch die vergessenen Schlachten der Finnen und Ungarn gewürdigt, ohne allerdings die Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Russland zu vernachlässigen, die weiterhin eine große Rolle in IL2:Forgotten Battles spielen werden.
Nachfolger, ob nun offizielle oder inoffizielle, hegen meist den Wunsch in sich, Fehler der Vorgängerversion zu tilgen, Bekanntes zu verbessern, den Spielumfang zu erweitern und schlussendlich einfach besser zu sein, als dass, was es bereits gibt.
Wer sich bei IL2 Sturmovik über die wenigen Kampagnen beschwerte, wird bei Forgotten Battles geradezu mit selbigen überrannt. Endlich kann man auf deutscher und auf russischer Seite nicht nur Jägermissionen übernehmen, sondern kann auch in Bomber und Sturzkampfbomber Platz nehmen, um dem Feind dicke Bomben auf den Kopf zu werfen, während die neu hinzugekommenen Finnen und Ungarn nur über Jagdflugzeug-Missionen verfügen.
Dicke Bomber und anderes Fluggetier
Bomber? Grosse fliegende Dinger mit vielen Motoren und Bomben und einer Menge Besatzung? Ja, genau, denn neben dem deutschen Bomber Heinkel HE-111, darf man nun auch im mehr als betagten, russischen TB-3 Platz nehmen. Der Clou an der Sache: Man muss nicht unbedingt als Pilot sein Dasein fristen, denn per Tastendruck kann und darf man nämlich zwischen allen Stationen also Pilot, Bombenschütze und den restlichen Schützen hin und herwechseln, wobei der Autopilot die Aufgaben der anderen beteiligten Besatzungsmitglieder übernimmt, ein großer Unterschied zu IL2:Sturmovik.
Klingt nett, ist es aber nicht wirklich, da die Bomberkampagnen eine gewisse nun langweilige Komponente haben, zumindest für Fans von schneller Action. So kann ein Anflug gut und gerne über zehn Minuten dauern, wohlgemerkt bei achtfachem Zeitraffer! Die Abwehrbewaffnung auch gerne mal Luftwaffen-Anklopfgeräte genannt der Bomber ist nämlich, ganz der Realität entsprechend, außerordentlich schwach. Nur direkte Treffer in den Motorblock oder die Kanzel des angreifenden Jägers birgt Hoffnung auf einen geglückten Heimflug.
Die Sturzkampfbomber-Kampagne der Deutschen, geflogen mit der Ju-87 Stuka, versprüht da schon etwas mehr Reiz. Zwar ebenfalls mit lächerlicher Bewaffnung ausgestattet, erlaubt uns ihre Manövrierbarkeit im Vergleich zum Horizontal-Bomber des Typs HE-111 oder des TB-3 zumindest etwas Überlebenschancen. Die russische IL2 hingegen, quasi ein fliegendes Betonbrett, was die Schadensaufnahme angeht, bietet ein völlig anderes Fluggefühl.
Die machtvolle Bordbewaffnung wird sogar mit Panzer fertig und dank der für einen derart schweren Kampfbomber außerordentlichen hohen Manövrierbarkeit sind sogar Luftkämpfe möglich. IL2:Forgotten Battles bietet auch gleich eine Fülle an neuen steuerbaren Maschinen oder zumindest Umbauvariationen bereits bestehender Exemplare, bei denen meist nur die Bewaffung und/oder die Motorenstärke variieren, was teilweise zu unterschiedlichem Flugverhalten führt.
Als ein großes Feature von IL2:Forgotten Battles wird die so genannte dynamische Kampagne genannt. Nun, dynamische Kampagnen sind eigentlich Kampagnen, bei denen das Ergebnis der einzelnen Missionen starken Einfluss auf die Gesamtkampagne nimmt. Wird beispielsweise während einer Mission eine Brücke zerstört, dann sollte sie das auch während der gesamten Kampagne bleiben, sodass Bodentruppen dort nicht passieren können. Klingt gut und wäre bei IL2:Forgotten Battles auch ein interessantes Feature. Nur leider verfügt IL2:Forgotten Battles nicht wirklich über eine dynamische Kampagne.
Die dynamische Kampagne bei IL2:Forgotten Battles krankt vor allem an der historischen Inkorrektheit der Ausgangslage der jeweiligen Kriegs-Nationen und an dem Zufallsgenerator. Nehmen wir die Finnenkampagne. Die Finnen hatten, als historische Ausgangslage, weniger Flieger als die Russen, waren also am Anfang des Krieges hoffnungslos unterlegen. Sie mussten also eine Menge Russen abschießen, allerdings bei minimalen eigenen Verlusten - in der Realität kamen auf eine abgeschossene finnische Maschine knappe 26 russische Maschinen, was daran lag, dass die Finnen besser ausgebildet waren. Bei der dynamischen Kampagne von IL2:Forgotten Battles aber funktioniert das nicht. Erstens ist dafür die KI der jeweiligen Flieger zu ausgeglichen, was bedeutet, der Spieler selbst muss auf Seiten der Finnen eine extreme Abschussleistung bringen, da die eigenen Flügelmänner ebenso gut sind wie die Gegner. Auf der anderen Seite aber spielt der Zufallsgenerator eine gewichtige Rolle. So kann es sein, dass, wenn man eine Mission mehrmals neu startet, jedes Mal eine andere Anzahl und Typus von Gegner auf den Spieler wartet, was sich auch massiv auf den Schwierigkeitsgrad auswirkt.
Da kann es schon mal vorkommen, dass man mit sechs B239-Brewster-Buffalo-Jägern und sechs leichten Bombern gegen 14 Feindjäger des Typs I-153 oder LaGG schützen muss. Beendet man das Spiel und startet neu, kann es vorkommen, dass man es nur noch mit drei feindlichen Jägern zu tun bekommt. Auch das Verwalten der Kampagnendaten scheint Forgotten Battles großzügig auszulegen. Und wenn man in der Finnlandkampagne nach neun eigenen Verlusten - bei zehn Abschüssen - in der nächsten Mission wieder zehn Jäger zur Verfügung hat, ist das völlig unglaubwürdig. Hier wird per Zufallsgenerator jedes Mal eine neue Mission zusammengewürfelt. Auf diese Art wiederholen sich die Missionen zwar nicht, aber aufgrund der in jeder Mission gleichen Spielweise und kommt doch ab und an Langeweile auf. In der 'großen' Jägerkampagne der Russen und Deutschen gibt es durch die häufig wechselnden Flugzeugtypen zumindest Anreize, weiter zu spielen. Bei den Finnen und den Ungarn sieht es durch die geringe Zahl der Flugzeuge leider anders aus.
Es ist außerdem sehr bedauerlich, dass man sein Einsatzziel nicht frei aussuchen kann. Alles von der Art und Anzahl der am Angriff beteiligten Flugzeuge, über die An- und Abflugroute bis hin zum Primär- und Sekundärangriffziel wird vom Programm bestimmt. Der Spieler hat auf diese Dinge, selbst bei Beförderungen, überhaupt keinen Einfluss, genau wie im Vorgänger IL2.
Management
Für Puristen und Hardcore-Simulationsfreaks bietet IL2:Forgotten Battles allerlei Einstellungs-Spielereien, allen voran das erweiterten Motoren-Management, bei dem man nebem Propeller-Anstellwinken auch Aspekte wie Treibstoffgemisch, Kompressor-Stufe, Kühlungsklappen und Drehzahl regeln kann, wohlgemerkt für jeden Motor einzeln. Freunde der reinen Action können dies allerdings auch dem Computer überlassen und Punkte wie Black- bzw Redouts, Schäden, Turbolenzen, realistische Waffen und weitere zwei dutzend Einstellmöglichkeiten ein- oder ausschalten.
Einen besonderen Reiz entwickelt die Multiplayer-Unterstützung. Mit bis zu 32 menschlichen Spielern tobt man im Luftkampf bei freier Flugzeugwahl über riesige und sehr detaillierte Karten, während man im als Unterstützung benannten Coop-Mode auch mit Freunden eine HE-111 besteigen und zum Ziel führen kann, während andere Spieler oder aber auch der PC die restlichen (Feind-)Flieger übernimmt. Leider hat 1C:Maddox viel zu wenig Coop-Missionen begefügt, doch glücklicherweise kann jede bessere Fanpage zu IL2:Forgotten Battles hier mit selbstgeschaffenen Missionen aushelfen.
Und falls man nichts Interessantes findet, baut man sich mit dem eingebauten Missionseditor seine eigenen Coop-Missionen oder gleich ganze Solo-Spieler-Kampangnen. Wenn sich die untergehende Sonne in den Wassern der Seen widerspiegelt oder sich mehrere Bomber majestätisch aus einer Wolke herausschälen, wird man Zeuge der wirklich hervorragenden Grafikengine von IL2:Forgotten Battles.
Von den detaillierten Flugzeugmodellen inklusiver der Texturen, über die im Vergleich zum Vorgänger spürbar verbesserten Wasser- und Wettereffekte bis hin zu den Explosionen kann das Gezeigte voll überzeugen. Auch die Landschaftsgrafiken zeichnen sich durch Liebe zum Detail aus. Die riesigen landwirtschaftlichen Acker-Flächen, Strassen, Flüsse, Seen, Meere, Inseln über Buchten bis hin zu den Städten und die grandiosen Bergpanoramen begeistern immer wieder. Zu gerne wechselt man während eines langen Anfluges auf die Außenansicht, um sich die Maschinen und die Landschaft anzuschauen. Auch der Sound ist, wie schon bei IL2:Sturmovik, erstklassig geblieben. Funksprüche der Piloten, das Rattern der Bord-MGs und Kanonen, das Brummen der Motoren bzw. das Rumpeln der selbigen bei Defekten und letztendlich das wuchtige Dröhnen beim Aufschlag der Maschinen, nachdem die abgeschossen wurde und zu guter Letzt das Heulen der Sirenen der Ju-87 Stuka.
Bugs. Das wohl größte Problem von IL2:Forgotten Battles. Sei es nun die teilweise aussetzende KI der Piloten merkbar daran, dass sie zu oft abstürzen, sich beim Landemanöver in den Boden rammen, dummes Rottenflieger-Verhalten oder einfach schlichtweg Wegpunkte oder Gegner ignorieren.
Oder die skurile Schadensberechnung, bei der schon mal Beschädigungen wie defekte Motoren auftreten, obwohl man Schäden dieser Art bei den Schwierigkeitseinstellungen deaktiviert hat.
Kleinigkeiten wie die immer offenen Klappen aller Me-109-Maschinen sind weitere, offensichtliche Bugs.
Nun, Maddox hat schon bei IL2:Sturmovik bewiesen, dass solche Bugs beim ersten Patch meist ausradiert sind, aber hier gehts um den Test der vorliegenden Release-Version, also kann man dies nicht berücksichtigen.
IL2-Sturmovik: Forgotten Battles im Test.
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