In 80 Tagen um die Welt
Man nehme: Einen Romanklassiker als Storyvorlage, einen amerikanischen Archäologen mit Lederhut und Peitsche fürs Spielprinzip, einige Filmproduktionen aus der gesamten Hollywoodgeschichte für den Stil und einen Entwickler mit viel Genreerfahrung für die Umsetzung heraus kommt ein beinahe herausragendes Adventure mit viel Humor und netten Rätseln. Leider gibt es in Frogwares neuestem Streich zu Jules Vernes Roman In 80 Tagen um die Welt zu viele sprichwörtliche Ecken und Kanten.
London 1899: Oliver Lavisheart ist ein etwas hitzköpfiger, junger Tunichtgut, der einfach nicht erwachsen werden will. Dem Verlangen seiner Eltern, er solle sich der Familientradition gemäß verhalten und heiraten, will der Abenteurer, der gerade aus Amerika zurückgekehrt ist, nicht nachgeben. Nachdem sein Onkel Matthew ihm von der schlechten Nachricht berichtete, kommt er mit einer ungewöhnlichen Bitte auf ihn zu, die ihn außerdem von der arrangierten Hochzeit freisprechen könnte: Matthew ist bei einigen Gläsern Scotch zuviel eine sehr riskante Wette eingegangen er soll binnen 80 Tagen beweisen, dass seine Erfindungen, für die er nie Patent angemeldet hat, von niemand anderes als ihm selber erfunden wurden. Wenn er das nicht schafft, verliert Onkel Matthew sein gesamtes Vermögen und seinen Titel als Ingenieur, was in seinem Alter undenkbar wäre.
Um der Familienpflicht zu entgehen und seinem Onkel zu helfen, seine Erfindungen wiederzufinden, macht er sich sofort auf den Weg nach Kairo der Stadt in der das größte Abenteuer seines Lebens beginnt, mit der Zeit als Gegenspieler.
In 80 Tagen um die Welt hat nicht nur zufällig denselben Namen wie Jules Vernes Roman, sondern macht auch mannigfaltige Anspielungen auf eben diese Geschichte. So ist unser größter Konkurrent in dem Spiel, die Hauptfigur des Buches Phileas Fogg, der zu der Zeit ebenfalls wegen einer Wette versucht, die Welt zu umrunden. Auf Olivers Reise durch die Großstädte Kairo, Bombay, Yokohama und San Francisco entdeckt der geneigte Spieler viele Hommagen und humoristische Verknüpfungen zum Klassiker des französischen Erfinders des Science-Fiction Romans, was dem Spiel einen nicht zu verachtenden Pluspunkt in der Charmenote verleiht.
Give and get
Auf seiner Reise muss Oliver viele Aufträge verschiedener Leute erledigen, um ans Ziel zu kommen. So führt eins zum anderen und baut die Geschichte auf. Das Spielprinzip von In 80 Tagen um die Welt wirkt ein wenig monoton und wenig innovativ, so heißt ein Großteil der Aufgaben, die es zu erledigen gilt: Mache dies, hole das, finde dieses, dann bekommst du jenes, ist jedoch durchweg verständlich und einfach gehalten.
Olivers Onkel Matthew versorgt den Abenteurer durch Botschaften, die er im Hotel hinterlegt, mit Informationen und Hinweisen, wie er weiter vorgehen sollte und an wen er sich zu wenden hat. Die Auftragsziele blinken dann links in Kurzform auf und werden auf der Minimap unmissverständlich gekennzeichnet. In den Aufträgen selber gilt es meist recht wenig anspruchsvolle Rätsel zu lösen, um einen bestimmten Gegenstand zu erhalten so muss man schon einmal eine indische Kuh mit einer, sich vorher freigespielten, fiesen Schlange erschrecken um in sein Hotel und so an neue Auftrage zu gelangen.
Jetzt ohne Servo
Bereits in den ersten Minuten Spielzeit stößt man auf die großen Schwächen von Frogwares Romanversoftung. Erfahrene Spieler merken direkt, dass etwas ihren gewohnten Spielfluss stört. Olivers Steuerung ist ziemlich gewöhnungsbedürftig und träge. In einer der ersten Aufgaben des Spieles gilt es beispielsweise, in Form eines eingebetteten Tutorials, das Schleichen zu lernen. Das Problem ist, dass man anders als gewohnt, für das in die Hocke gehen und Aufstehen erst eine Weile verharren muss und die Aktion nicht während des Gehens ausführen kann das kostet wertvolle Sekunden und trübt den Spielspaß ein wenig, wenn man mit einer Sprint-Schleichkombination versucht den Zöllnern in Kairo zu entwischen. Auch die Steuerung der interessant gestalteten Fahrzeuge ist leider eher ungenau als alles andere. Oft bleibt Oliver an diversen, teils unsichtbaren, Ecken hängen, was vor allem in den höheren Schwierigkeitsgraden teilweise frustrierend sein kann, da man da, aufgrund des Zeitdrucks, nicht auf Fahrzeuge verzichten sollte Jede halbe gespielte Stunde ist dann ein ganzer Ingame-Tag. Wählt man die erste Stufe, hat man alle Zeit der Welt, die Aufgaben zu lösen und sich die schicke Spielwelt in Ruhe anzuschauen vielleicht genehmigt man sich dann lieber ein gemächliches und unproblematisches Kamel für seine 30 Goldstücke, als einen rasanten, jedoch hakeligen Straßenflitzer.
An einigen Stellen fällt uns immer wieder unangenehm auf, dass der Spieler nicht frei speichern kann, sondern sich auf die Großzügigkeit der Entwickler verlassen muss denn der hat die Checkpoints gesetzt. Etwas nervig ist es da, wenn man vor einer etwas kniffligeren Aufgabe steht und sich jedes Mal vor Wiederholen der gescheiterten Spielszene eine Einleitungssequenz anschauen muss, die man nicht manuell beenden kann. Der Charme des Buches, den dieses Spiel versprüht macht allerdings viele Ungereimtheiten wieder wett und die entdeckungswütige Abenteurerromantik lässt kleinere Fehler verzeihen.
Tohuwabohu
Die technische Seite von In 80 Tagen um die Welt kann man zwiegespalten sehen auf den ersten Blick bietet die firmeneigene Engine eine schöne Grafik mit hübschen Landschaften, netter Architektur und lustigen, kleinen Details - auf den zweiten erkennt man allerdings die verschwommenen, matschigen Texturen, aufpoppende Objekte und leider zu häufig auftretende Grafikfehler, die sich unter anderem durch falsches oder fehlerhaftes Mapping der Texturen oder den kompletten Fehlen von Gebäuden und Gegenständigen bemerkbar machen. Der Sound ist wirklich gut gelungen, ein gelegentlich unpassender Einsatz der sonst sehr guten Hintergrundmusik mal außer Acht gelassen, bietet das Adventure eine ordentliche Sprachausgabe mit Staraufgebot, stimmiger Klangkulisse und recht guten Umgebungseffekten. Insgesamt macht die Engine zwar einen recht instabilen Eindruck, doch arbeiten die Entwickler von Frogwares ja bereits an einem umfangreichen Update, das die gröbsten Fehler komplett beheben soll.
Fazit
Rätselfans sowie Adventureprofis werden kaum Freude am Durchspielen des Weltenbummlersimulators haben. Doch gerade Einsteiger, an die sich In 80 Tagen um die Welt primär richtet, die vielleicht auch Jules Vernes Romane oder die Verfilmungen eben dieser kennen, kann das Spiel erfreuen einfache Rätsel, schnurgerade Handlung und ein leicht zu bedienendes Interface sind ein Garant für leichte Unterhaltung. Ein großes Manko allerdings ist die Steuerung Olivers, die gerade die Zielgruppe des Spiels in Schwierigkeiten bringen dürfte es ist einfach frustrierend, sich durch eine zähe Suppe mit noch zäheren Fortbewegungsmitteln fortzuzittern. Doch kann dies alles mit einigen Bugfixes und Updates behoben werden, während der Kern des Spiels, die Story und der Humor, bereits jetzt überzeugen konnten. Man identifiziert sich leicht mit dem Hauptcharakter und freut sich auf neue und altbekannte Länder, Leute, Abenteuer.
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