Gesamtwertung85 %/10 |
Grafik8 Sound8 |
Lanzeitspaß8 Spieleinstieg7 |
Bedienung8 |
2006 war sicherlich kein gutes Jahr für den Ruf deutscher Rollenspiele. Mit Gothic 3 veröffentlichte Jowood ein Spiel, das den Größen des Genres ernsthafte Konkurrenz machen sollte, letztlich aber nur zu wütenden Fanprotesten und tausenden Rechner-Neustarts führte. Dass dem Titel viel zu viele Spieler eine Chance gegeben haben, lag mitunter auch an der fahrlässigen Reaktion der Kritiker, die Gothic 3 trotz seiner zahllosen Bugs und Ungereimtheiten beinahe durchweg gute bis herausragende Wertungen verpasst haben. Mit Risen steht nun der Nachfolger in den Startlöchern, wieder von den Jungs von Piranha Bytes programmiert, allerdings mit neuem Publisher. Und wie man hört, hat Deep Silver den Jungs und Mädels genug Zeit gegeben, um dem Spiel den letzten Schliff verpassen zu können und somit einen Titel in der Hinterhand zu haben, der das damalige Debakel vergessen macht. Wie man sich vorstellen kann, steht Risen nun nicht nur bei den Fans der Gothic-Reihe, sondern auch bei der Fachpresse unter stärkerer Beobachtung. Niemand will das Gothic-Drama wiederholen. Gleichzeitig dürfen wir Risen aber auch nicht unterschätzen, um nicht im Umkehrschluss ein gutes Spiel unnötigerweise zu verreißen. Ein Glück, dass der Titel für sich selbst spricht. Wie wir das meinen, klärt der Test.
Um der Spannung den Wind aus den Segeln zu nehmen, können wir gleich zu Beginn sagen, dass Risen im Gegensatz zu seinem Vorgänger kein Urlaubsort für Bugs ist. Das Spiel lässt sich ordentlich spielen, wenngleich man sehr selten mal auf ein nicht richtig funktionierendes Monster trifft. Doch das ist bei einem Titel dieser Größe völlig normal. Insgesamt kann man aber sagen, dass man während der rund 35 Stunden, die man für den Hauptquest benötigt, von keinerlei ungewollten Unterbrechungen gestört wird. Das ist eine gute, wie auch selbstverständliche Nachricht. Wenn es aber um Spiele von Piranha Bytes geht, hört man das ganz einfach gerne. Erstmals zwingt ein Titel der Reihe auch Mittelklasse-PCs nicht gänzlich in die Knie.
Zwar braucht man auch für Risen eine ordentliche RAM-Packung - 2 GB unter Windows XP und 3 GB unter Windows Vista - damit das Spiel vernünftig läuft, ansonsten zeigt sich der Titel aber recht genügsam. Ansonsten präsentiert sich Risen so, wie sich viele Gothic 3 vorgestellt hatten. Vieles erinnert an die Wurzeln der Serie, allen voran das grandiose, freiheitliche Spielgefühl.
Als namenloser Held strandet ihr an einem Küstenabschnitt der Insel Faranga. Dieses Eiland ist deutlich kleiner, als die Spielwelt in Gothic 3 und in Sachen Weitläufigkeit etwa mit der Landschaft aus Gothic 2 zu vergleichen. Durch einen Gedächtnisverlust, den man offensichtlich beim Untergang des Schiffes erlitt, auf das man sich als blinder Passagier geschlichen hatte, steht man quasi vor dem persönlichen Ruin und beginnt auf der Insel ein völlig neues, unbefangenes Leben. Die Entwickler setzten diese Tradition bewusst fort, um jedem Spieler die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Helden zu identifizieren. Nun kann man sich natürlich fragen, wieso man am Anfang nicht wenigstens das Geschlecht des Protagonisten auswählen darf, schließlich könnten sich Frauen wohl eher mit einer weiblichen Hauptrolle auseinandersetzen, als mit einem kahlköpfigen Krieger. Wer die fehlende Charaktererstellungsmöglichkeit aber außer Acht lässt, dem liegt ein beschwerlicher, aber auch spaßiger Trip rundum Faranga bevor.
Bevor man sich dazu entschließt, die Insel ein erstes Mal zu erkunden, sucht man sich das Nötigste aus dem angeschwemmten Strandgut heraus, rettet nebenbei noch eine bewusstlos am Strand liegende Frau und marschiert dann drauflos. Schnell wird klar, dass sich am Spielprinzip wenig geändert hat. Und das ist auch gut so. Denn durch die Möglichkeit, die Insel völlig frei erkunden zu können, wird der Sammel- und Erkundungstrieb schon nach wenigen Minuten entfacht. Auch wenn man bald einer klaren Linie folgen kann, verspürt man ständig das Verlangen, lieber einen Umweg zu gehen, um fremde Orte zu entdecken und deren Geheimnisse zu entschlüsseln. Da die Insel nicht besonders groß ist, war es für die Entwickler offensichtlich auch möglich, diese voll mit Überraschungen und Geheimnissen zu packen, was die ständigen Erkundungstouren nicht nur spannender, sondern auch lohnenswert macht. Schnell kristallisiert sich aber die Hierarchie auf der Insel heraus.
Während man als Einzelkämpfer in der Wildnis zunehmend aufgeschmissen ist, weil man immer wieder in den Kampf zwischen dem Weißen Orden und den so genannten Banditen gezogen wird, bietet eine Mitgliedschaft in einer der beiden Vereinigungen, die um die Vorherrschaft auf der Insel streiten, ein wenig Sicherheit und vor allem die Möglichkeit, sich vernünftig ausbilden zu lassen.
Glücklicherweise muss man sich nicht schon zu Beginn für eine der beiden Fraktionen entscheiden, so dass man sie, solange man noch ein Unbekannter ist, gut gegeneinander ausspielen kann, und so Kapital aus dem Twist schlagen darf.
Insgesamt ist die Insel in drei große Areale aufgeteilt. Da wäre zum einen die Vulkanfestung, die Anlaufstelle für alle Ordenskrieger, die sich entweder in der Kunst des Stabkampfes oder der Magie ausbilden lassen können, das Banditenlager, das logischerweise den Gesetzlosen gehört und die für ihre exzellente Ausbildung von Schwert- und Axtkämpfern bekannt sind, und zu guter letzt die Hafenstadt, ein quasi isolierter Teil der Insel, in dem beide Lager aufeinander treffen und den Kampf in ihrem kleinen Mikrokosmos austragen. Während man zu Beginn noch vor der Frage steht, welchen Weg man einschlagen soll, muss man leider sagen, dass die Entscheidung für das spätere Spiel nicht ausschlaggebend ist.
Nach der Beendigung des zweiten von vier Abschnitten verfolgt die Geschichte, egal ob Ordenskrieger oder Bandit, fast immer das gleiche Ziel. Ab diesem Zeitpunkt beeinflusst die Wahl der Fraktion höchstens den Schwierigkeitsgrad und die Ausbildungsmöglichkeiten, die man noch geboten bekommt. Dann geht es vorzugsweise auch nur noch in den Untergrund. Der Kampf zwischen den beiden Fraktionen hat nämlich einen bedrohlichen Hintergrund. Irgendwann wurde die Insel von einem fürchterlichen Beben erschüttert, das viele uralte Ruinen aus dem Erdboden an die Oberfläche beförderte. Diese Ruinen versprühen nicht nur eine böse Aura, sondern sind auch Fundgruben für Schatzjäger. Der Orden rückte daraufhin auf Faranga an, begann die Bewohner zu unterdrücken und die Ruinen auszuschlachten. Das wiederum konnten sich die Banditen, die dadurch erst zu selbigen wurden, nicht gefallen lassen, und haben sich zur Rebellion bekannt. Letztlich geht es aber darum, die Bedrohung, die durch das Erscheinen der Ruinen ausgeht, zu verstehen und zu beseitigen.
Die Jungs und Mädels von Piranha Bytes haben es auch dieses Mal wieder geschafft, eine düstere und glaubwürdige Welt entstehen zu lassen. Nicht nur die Flora und Faune überzeugt durch ihren eigenen Rhythmus und ihre ganz eigenen Gefahren, sondern auch das Leben der Bewohner untersteht einem geregelten Tagesrhythmus und deren Launen eurem Verhalten ihnen gegenüber. So steht man häufig vor der Entscheidung, ob man etwas Gutes tut und so weniger belohnt wird oder ob man sich für eine schlechte Aktion entscheidet, mehr Gold einstreicht, dafür aber einen Freund verliert. Gerade in der fraktionslosen Zeit gibt es sehr viele Möglichkeiten voranzukommen. Da man sich zunächst erst einmal einen Namen machen und Geld verdienen muss, nimmt man kleinere Jobs an, die einem den Lebensunterhalt sichern.
Meist sind das Altbekannte, wie überbringe Person A einen bestimmten Umschlag, stehle Person B ein bestimmtes Objekt und so weiter. Das wird aber durch die Vermischung der moralischen Linie zu meist äußerst interessant. Ein kleines Beispiel gefällig? In der Hafenstadt hat eine Wache mächtig Ärger am Hals.
Sie ist dafür zuständig, die Lagerhallen des Patriziers zu bewachen. Wegen der Aktivitäten der Banditen, die auch loyale Arbeiter gern einmal durch Bestechung zu ehrenlosen Geldgeiern machen, fällt ihr das zunehmend schwer. So bittet sie euch, einen Diebstahl aufzuklären und nennt euch auch die Namen der Verdächtigen und beschreibt den Kerl, der angeblich als Auftraggeber dahinter stecken soll. Ihr sichert dem Ordenskrieger zu, euch um die Sache zu kümmern, und sucht erst einmal den angeblichen Hintermann auf. Von dem wiederum erfahrt ihr, dass die Arbeiter, die er bestochen hat, um die Ware mitgehen zu lassen, auf einmal mehr Gold verlangen. Er hingegen beauftragt euch, das Gestohlene wieder zu beschaffen und bei ihm abzugeben.
Nach kurzer Verhandlung habt ihr den Preis dafür in die Höhe getrieben und befindet euch auf dem Weg zu den Übeltätern. Diese könnt ihr dann entweder mit Gold bestechen oder sie in einem Duell herausfordern. Schlagt ihr sie zu Boden, könnt ihr euch der Hehlerware annehmen und selbst entscheiden: Holt ihr euch das gute Geld des Diebes und steigt so im Ansehen der Banditen oder liefert ihr das Zeug bei dem Lagerwächter ab, erhaltet weniger Kohle, steht dafür aber besser mit den Männer des Patriziers, die immerhin alles auf der Insel kontrollieren? Eine schwere Entscheidung? Wer klug ist, kann noch mehr rausschlagen. Wir kehrten erst zum Dieb zurück, übergaben ihm die Ware, steckten unser ausgehandeltes Gold ein, ließen uns dann von ihm im Taschendiebstahl unterrichten, warteten bis es Abend war und klauten ihm die Sachen aus dem hauseigenen Schrank. Am nächsten Morgen wurde der Kerl dann verpfiffen und die Sachen ordnungsgemäß dem Lagerwächter übergeben, wofür es noch mal Kohle gab.
So bietet euch fast jeder Auftrag die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn sich dadurch oft nur das Verhalten eines einzelnen Charakters euch gegenüber ändert und sich die jeweils getroffenen Abwägungen nicht wirklich auf das Spielgeschehen auswirken. Trotzdem wissen so auch die zahlreichen Nebenaufgaben zu fesseln. Kluge Köpfe können dadurch auch schon einmal zwei Quests auf einmal abschließen und mehr Kapital herausschlagen. So gibt es beispielsweise eine Situation, in der ihr einen streunenden Wolf ausfindig machen und töten sollt. Beobachtet ihr das gefundene Tier aber erst einmal, bevor ihr es in die Hölle schickt, wird euch klar, dass es auf einer Fährte ist. Folgt ihr dem Tierchen, so führt es euch zu einer vermissten Person, die ihr so sonst nur durch Zufall aufgespürt hättet. Nun das Vieh nur noch schnell gestellt und schon dürft ihr euch zwei Belohnungen abholen. Doch nicht so schnell. Ist es wirklich so einfach, den Wolf um die Ecke zu bringen? Die Antwort auf diese Frage muss mit einem klaren "Nein" beantwortet werden.
Denn wie man es aus den Vorgänger-Titeln bereits gewohnt ist, stellt fast jeder Kampf auch in Risen eine Herausforderung dar. Das liegt nicht nur an dem anfangs schwachen Protagonisten, der erst nach und nach durch Ausbildungen und neue Waffen und Rüstungen ein echter Krieger wird, sondern auch an den teilweise clever agierenden Gegnern.
So greifen die Tiere der Wildnis gern in ihrer Horde an, versuchen den Helden zu umzingeln und von der Seite oder von Hinten anzugreifen. Das gleiche gilt natürlich auch für die menschlichen Herausforderer. Daher muss man immer auf der Hut sein und schnell begreift man, dass die Schnellspeicher-Funktion und das Blocken die größten Waffen im Kampf gegen die Gefahren auf Faranga darstellen. Die Steuerung zeigt sich dabei stark verbessert. Zwar vertraut das Spiel immer noch auf die altbekannte WASD-Bedienung, die durch das Schlagen mit der linken Maustaste und das Blocken mit der Rechten abgerundet wird, insgesamt geht das Ganze aber intuitiver und vor allem präziser von der Hand. Für Fernangriffe und Zaubersprüche zoomt die Kamera auf Schulterhöhe des Protagonisten, ein Fadenkreuz ermöglicht dann das punktgenaue Zielen. Leider wirken die Bewegungsabläufe der Monster und auch der Menschen, sowie des Helden noch immer etwas haklig, vor allem Sprünge sehen äußerst unrealistisch aus.
Das sind aber nur negative Notizen am Rande. Für die nötige Ausrüstung kann man Schmiede bezahlen, selbst schmieden, Leute beklauen oder diese geschenkt bekommen beziehungsweise finden. Leider gibt es davon nicht gerade besonders viel zu entdecken. Ganze Rüstungen sind selten, Schwerter, Äxte, Stäbe und so weiter gibt es da schon häufiger und in unterschiedlichen Ausführungen. Nichtsdestotrotz sind sie nicht im Überfluss vorhanden. Ganz im Gegensatz zu Kräutern und Lebensmitteln. Die findet man an jeder Ecke und darf sie, vorausgesetzt das benötigte Rezept ist vorhanden, zu leckere Speisen verkochen, die dann wiederum die Lebens- und Manaenergie kurzweilig oder dauerhaft steigern. Um die Kampffertigkeiten des Protagonisten in ausreichendem Maße zu trainieren, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Man kann zum einen durch Levelaufstiege Punkte freispielen und diese dann investieren, sich bei verschiedenen Lehrern gegen Geld ausbilden lassen oder Attribute wie Stärke und Geschick durch den Verzehr von bestimmten Speisen steigern.
Leider kämpft man zu Anfang um jeden Punkt und hat später im Spiel wiederum so viele zur Verfügung, dass man gar nicht weiß, wohin damit. Ein wenig mehr Balancing in diesem Bereich wäre wünschenswert gewesen.
Gott sei Dank! Mit Risen retten die Piranha Bytes ihren bereits verloren geglaubten Ruf und liefern uns das Spiel, was wir uns 2006 eigentlich gewünscht hatten. Der Titel präsentiert sich ähnlich süchtig machend wie die ersten beiden Ableger und brilliert durch eine kleine, aber feine und vor allem reizende Spielwelt, die man dank des Gothic-typischen Gameplays mehr als nur einmal erkunden will. An jeder Ecke gibt es Dinge zu entdecken, hinter jeder Felswand scheint ein neues Abenteuer zu warten. Die Entwickler haben offensichtlich aus vergangenen Fehlern gelernt und liefern uns ein weitestgehend Bugfreies und unterhaltsames Spiel, das lediglich durch ungenaue Bewegungsabläufe, einer betagteren Optik und Schwächen im späteren Spielverlauf die 90er-Marke nicht zu knacken vermag. Am Ende fehlte es einfach an dem Mut, den man braucht, um ein hervorragendes Spielerlebnis abzuliefern. Aber wer will ihnen das verdenken, nach den Desastern der letzten Jahre? Rollenspiel-Fans können jedenfalls ohne Bedenken zu Risen greifen und endlich wieder mal in den Genuss eines waschechten und größtenteils ausbalancierten Piranha Bytes-Abenteuers kommen.
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Risen im Test.
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