Gesamtwertung85 %/10 |
Grafik7 Sound9 |
Lanzeitspaß8 Spieleinstieg8 |
Bedienung9 |
Der Name Jack the Ripper sorgt auch heute noch für wohlige Gänsehaut, steht er doch für ein Mysterium, dessen Faszination auch bis in die heutige Zeit nichts von seiner Wirkung verloren hat. Um den Serienmörder ranken sich die wildesten Spekulationen, differenzierende Meinungen und nicht einmal die genaue Zahl seiner Opfer ist bekannt, sondern wurde erst viel später von Kriminologen eingegrenzt. Sicher ist: Wer Jack the Ripper wirklich war und wie viele Frauen er tatsächlich umgebracht hat, wird immer ein Geheimnis bleiben, dass der Verbrecher mit ins Grab genommen hat.
Interessierten Naturen bleiben nur die Nachwirkungen des vor allem seitens der damaligen Medien und heutigen Filmen immer größer aufgeblasenen Mythos. Nun hat aber auch die Spielebranche den Schlitzer für sich entdeckt und lässt ihn gleich einmal mit einem der bekanntesten (fiktiven) Detektive aller Zeiten zusammentreffen: Niemand geringerem als Sherlock Holmes. Ob das funktionieren kann, zeigt unser Test zu "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper".
Wir beobachten das Treiben einer wild atmenden Gestalt aus deren Augen. Ihr Weg führt uns entlang der heruntergekommenen, dreckigen Straßen des Londoner Stadtteils Whitechapel. Vorbei an abgemagerten Obdachlosen und maroden Häusern. Wir linsen um die Ecke. Eine Frau, wahrscheinlich eine Prostituierte, späht nach Freiern. Wir bieten uns ihr an, sehen in ihre großen Augen. Sie will uns den Gürtel und die Hose öffnen, zieht ihre Haube ab... und zack! Wir packen sie mit der linken Hand am Gesicht und halten ihr Mund und Nase zu, die Finger unserer rechten Hand drücken wir an die linke Wangenseite und in den Hals.
Ihre Augen entgleiten, sie hört auf zu atmen - das Ganze geht schnell. Nun liegt sie am Boden, wir starren sie an und packen sie erneut mit der rechten Hand am Gesicht um sie festzuhalten. Ein langes, scharfes Messer komm zum Vorschein. Wir hören nur noch Schneidegeräusche und wie die Klinge in den toten Leib eindringt. Mehrfach stechen wir ihr in den Bauch, wischen das Blut von der Klinge und hauen ab.... Cut!
Liebe Güte, was für ein famoser, extrem gruseliger und vor allem atmosphärischer Einstieg - da verwundert das grüne USK-Siegel doch schon ziemlich. Gleich vorweg: Was "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" Eurer Vorstellung überlässt (also quasi offscreen passiert) und was ihr für Grausamkeiten diversen Dokumenten und Beschreibungen entnehmt, würde locker "keine Jugendfreigabe" rechtfertigen, obwohl man sich mit expliziten Aufnahmen eher zurückhält.
Der Titel gibt schon früh die brutal-düstere Richtung vor, in die das Ganze diesmal geht: Dagegen wirken Arsene Lupin und der Cthulhu-Clan, mit denen es Sherlock Holmes in früheren Abenteuern zu tun hatte, wie ein friedvoller Gartenverein. In Sachen Inszenierung und Atmosphäre macht das Adventure also schon von Beginn an eine ganze Menge richtig. Und die Frage aller Fragen, ob man diesmal die leidige First-Person-Ansicht aus "Die Spur der Erwachten" wieder gegen die klassische Genre-Ansicht eingetauscht hat, wird auch schon früh beantwortet: Jein. Es steht Euch diesmal frei, ob Ihr nach altbekannter Point&Click-Manier spielen oder Euch lieber mit den Bewegungstasten durch die Locations tasten wollt. Und das Unverhoffte ist diesmal eingetreten: Wo die Ego-Ansicht bei "Die Spur der Erwachten" noch frustrierte, ist sie aus "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" gar nicht mehr wegzudenken.
Sie spielt sich dynamischer, flüssiger und das Mittendrin-Gefühl wird dadurch gekräftigt. Die klassische Ansicht dagegen ist dröge, wirkt zu starr und außerdem fallen hier die schwachen Animationen des Protagonisten unangenehm auf. Doch genug der Phrasendrescherei, nun will der Killer endlich gefasst werden: Sherlock Holmes und sein treuer Begleiter Dr. Watson erfahren von einem ungewöhnlichen Mord in Whitechapel und machen sich auch gleich an die Arbeit. Die örtliche Polizei steckt schon früh in einer Sackgasse, weswegen klar ist, dass wir das gutbürgerliche Appartement in der Baker Street verlassen und uns in den gefährlichen und vor allem gefährlich hässlichen Straßen Whitechapels herumtreiben, um Nachforschungen anzustellen. Am Tatort des ersten Opfers darf auch schon das neue Herleitungs-Feature greifen: Blutspuren, Würgemale, umgebungsbedingte Merkmale usw. werden in die Ermittlungen miteinbezogen.
In einer Übersichtstafel reiht sich dabei ein Gedankenkärtchen ans andere - aus den Funden schließt Holmes dann Multiple Choice-Vermutungen, die Ihr mittels passender Antworten miteinander in Zusammenhang bringt. Falsch machen könnt Ihr dabei wenig. Habt Ihr einige Kärtchen richtig miteinander "verknotet", kommt das Schnüffler-Duo zu einer Schlusserkenntnis, die entweder richtig (grün) oder falsch (rot) ist. Antworten könnt Ihr fließend tauschen, bis aus dem zumeist nur oberflächlich komplexen Gedankenkonstrukt eine runde Sache geworden ist. Zur vollen Erkenntnis fehlt dann noch die Rekonstruktion des Tathergangs. Im ersten Fall muss Watson gleich mal als "Opfer" herhalten. Holmes beugt sich über ihn und deutet beispielsweise anhand der Würgemale und des Blutflusses, wie Jack the Ripper vorgegangen ist. Auch hier kann man nicht wirklich viel falsch machen - aber interessant und eine Bereicherung für die Atmosphäre ist es wirklich allemal.
Dass es nicht bei diesem einen Opfer - Mary Ann "Polly" Nichols - bleibt, ist klar wie Klosbrühe: Weitere Frauen müssen im Spielverlauf dran glauben. Alle mit zunehmend stärkeren Verstümmelungen: Annie Chapman beispielsweise, das zweite offizielle Ripper-Opfer, wurde die Gebärmutter entfernt und die Innereien über die rechte Schulter gehangen. Würden sich Holmes und Watson nun allerdings einzig und allein auf Zeugenbefragungen und das Sammeln von Indizien konzentrieren, wäre das Spiel wohl einen Tick zu kurz. Nein, um beispielsweise Informationen über Verdächtige aus jemanden herauszukitzeln, müssen wir ihm erst einen Gefallen tun. Und das nicht nur einmal, sondern eigentlich über den gesamten Verlauf hinweg. Während dies anfangs noch für eine nette Abwechslung abseits der spannenden Ermittlungsarbeiten sorgt, nerven die vielen "Umwege", die man im Verlaufe des Spiels gehen muss, umso mehr.
Gerade im Mittelteil gerät der Ripper-Plot fast schon gefährlich nahe in Vergessenheit - stattdessen müssen wir beispielsweise bei einem Tierarzt eine Gasmaske organisieren, um damit in eine von giftigem Qualm durchsetzte Wohnung einzudringen, um aus ihr die geheime Beute einer Person zu entwenden, damit diese uns endlich mit mehr oder minder wichtigen Details herausrückt. Ach und halt: Nicht das Kätzchen in der vergasten Wohnung vergessen, denn das brauchen wir ja noch, um es einen kleinen Jungen wiederzubringen, damit der es beim Tierarzt heilen und dann mitsamt anderer vierpfötiger Artgenossen auf eine unliebsame Prostituierte loslassen kann, die wir mit Katzen-anziehendem Parfüm bestochen haben und die uns an den Ermittlungen hindert. Argh!
Nicht immer kann man wirklich davon sprechen, dass die Rätseleien einen Sinn ergeben oder besonderen Bezug zur Realität haben, aber immerhin erkennt man den Ehrgeiz, so viele Kopfnüsse wie nur möglich aufzutischen. Damit diese nicht zur lästigen Laufarbeit ausarten, spendierte man glücklicherweise eine hilfreiche Karte mit gesondert verzeichneten Punkten. Dank Schnellreise-Funktion könnt Ihr beispielsweise blitzschnell von dem angsteinflößenden Anwesen einer Körperschmuggler-Bande in die wohlig-warme Wohnung der Londoner Baker Street oder ins dimmrig beleuchtete Ambiente eines Etablissements des horizontalen Gewerbes wechseln - äußerst komfortabel.
Damit Einsteigern nichts entgeht, können diese sich per Druck auf die Leertaste alle relevanten Hotspots im 3D-Screen einblenden lassen. Wirklich oft dürfte man wohl allerdings nicht Gebrauch davon machen: Nur wenige Items sind gut versteckt und nicht selten ist klar, wonach man genau sucht und wo es ungefähr zu finden sein sollte. Dieser Umstand sorgt präventiv dafür, dass sich Nutzer der Ego-Ansicht nicht benachteiligt fühlen.
Das Rätselspektrum deckt übrigens so ziemlich alles ab, was sich das Adventure-Herz wünscht: Von simplen "Gib Person X Gegenstand Y" haben auch typische Kombinationsrätsel und eine ganze Reihe variierender Minispiele Einzug ins Spiel gehalten: Mal stopft Ihr ein Gasleck mithilfe eines Druckmessgerätes, verbindet sinnvoll elektronische Steckanschlüsse, knackt einen Safe mit einfacher Addition (die Erkenntnis dauert hier länger als das eigentliche Rätsel), kreiert anhand von Zeugenaussagen einen komplizierter werdenden Zeitstrahl oder verschiebt Objekte waagerecht/senkrecht (schwierig!), um ein wichtiges Amulett aus einer Bodenöffnung herauszufischen. Die Knobeleien wirken gut ins Geschehen integriert und vor allem nicht zu aufgesetzt - das Wort "Minispiele" ist hierbei übrigens etwas irreführend und sollte nicht im gleichen Gedanken mit wilder Mausklickerei oder stupiden Aufgaben stehen. Hier steht das Denken im Vordergrund - "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" bleibt dabei dank zahlreicher Hinweise stets fair, ohne Gefahr zu laufen, wirklich zu leicht zu sein.
In Harmonie mit der soliden Optik des Titels, die zwar keine weltbewegenden, aber immerhin ansehnlichen Bilder auf den Monitor zaubert, steht die gelungene akustische Komponente. Die Musikuntermalung ist ansprechend, hinzu kommen passende Soundeffekte, die sich gut im Geschehen verankern und natürlich auch die wohl in den Ohren liegende deutsche Sprachausgabe: Holmes klingt endlich nicht mehr so gelangweilt, aber immer noch so konzentriert wie früher und kann sich auch den ein oder anderen makaberen Scherz nicht verkneifen, während Dr. Watson stets hellhörig herüberkommt und um einiges lauter spricht als sein Kollege. Auch der Rest der Stimmen weiß zu gefallen.
Ich hätte nicht gedacht, dass der alte Schlitzer mich noch einmal so am Kragen packen kann: "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" hat sich für mich als echte Überraschung entpuppt. Schon alleine die beklemmende Inszenierung der Morde ist gelungen, dazu noch die motivierenden, da nie unfairen Ermittlungsarbeiten, das düstere Setting und und und. Da macht Detektiv sein wirklich ungeheuren Spaß. Unverständlich nur, warum die Jungs von Frogwares im eher durchschnittlichen Mittelteil fast schon vom eigentlichen Fall abzudriften drohen und mit einem Tick zu häufigen Nebenaufgaben fast das fröhlich schippernde Schiff in den Sand setzen.
Glücklicherweise ist aber auch diese Phase irgendwann überstanden und "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" konzentriert sich dann wieder auf seine Stärken: Den zaghaften Blick hinter die mysteriösen Morde und die Erzählung einer vielschichtigen, spannenden Story, ohne dabei den Mythos von Jack the Ripper zu zerstören. Wer also etwas für Adventures übrig hat, dürfte um diesen Titel nicht herumkommen.
Bei XBlaster ist die Welt, wie wir sie kennen, Vergangen- heit. Als Mechpilot kämpfst Du zur Belustigung der Menge und monatlich 10.000 € zum Spiel...
Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper im Test.
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