The Book of Unwritten Tales

Review
Plattform
PC
Vertrieb
HMH
Entwickler
King Games
Erscheinungsdatum
-
Genre
Abenteuer
USK
12
The Book of Unwritten Tales

Gesamtwertung

91 %/10

Grafik

9

Sound

10

Lanzeitspaß

9

Spieleinstieg

8

Bedienung

9

The Book of Unwritten Tales

Adventures stehen wieder hoch im Kurs - ein Zustand, der vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Doch durch Perlen wie Black Mirror, Ankh, Geheimakte Tunguska, Edna bricht aus, A Vampyre Story oder die beiden Sam & Max-Staffeln konnte das Genre wieder gehörigen Fahrtwind gewinnen. Und in der ganzen Flut an mehr oder minder hochkarätigen Knobelspielen blitzt manchmal ein Titel heraus, der irgendwie anders ist als der Rest und nahezu restlos begeistern kann. Ein Titel, der verzaubert, entzückt und ein Grinsen auf das Gesicht zaubert. Ein Titel wie The Book of Unwritten Tales.

Ein Wort: Zauberhaft!

Woran es liegt, dass der Titel einen ungemeinen Charme versprüht, lässt sich ganz leicht erklären: The Book of Unwritten Tales sieht nicht nur verteufelt gut aus, sondern kann auch mit einem durchweg sauberen Rätseldesign, sympathischen Helden und vor allem vielen Seitenhieben glänzen, bewahrt bei allen Zitaten und Anspielungen aber eine eigene Note. Wir könnten an dieser Stelle den Test abschließen und die Zeilen zuvor als Fazit verwenden. Dann wüsstet Ihr zwar, dass der Titel ausgezeichnet ist, aber nicht genau warum. Tja, warum?

Warum grinse ich ich wie ein Kleinkind, wenn Gnom Wilbur seinem motorischen Flugfisch lachend dabei zusieht, wie er in der engen Behausung der Familie Wetterquarz seine Runden dreht? Weil es so verdammt schön ist. Nicht nur optisch, sondern auch weil es mir gut tut. Das Werk entführt Euch in das vom ewiglich andauernden Krieg heimgesuchte Aventásia. Und wo wir schon mal beim Thema Entführung sind: Gremlin-Greis MacGuffin, der nicht weniger als die Wende des Krieges in Form eines Artefakts gefunden hat, wird von der Schattenarmee gefangen genommen und verschleppt.

Glücklicherweise kann sich Waldelfe Ivo im letzten Moment an das Flugwesen heften, dass MacGuffin ins Herz der Schattenarmee-Bastion bringen soll. Einige Momente später und Meter höher dürfen wir bereits ins Geschehen eingreifen und den Gremlin-Opa befreien.

Zumindest es versuchen, denn der Käfig plumpst nur wenige Meter von Wilbur entfernt auf den Boden. Der kleine Gnom hat noch nie ein Abenteuer erlebt und ist daher sprachlos, als MacGuffin ihm schnell noch einen Ring andrehen kann, ehe er erneut in die Fänge der Schattenarmee gerät. Was genau dieser EINE Ring bewirken soll, weiß Wilbur nicht, wohl aber, dass er verdammt wichtig ist und zu einem Vulkan gebracht werden soll. Na, klingelt's?

Zwar durften wir bereits kurz vorher mit Ivo starten, aber erst als Wilbur den Ring erhält, geht The Book of Unwritten Tales (BoUT) so richtig los. Ab diesem Punkt wird man mit witzigen, teils intelligenten, teils einfach nur süffisanten Dialogen und mehrstufigen, aber nie zu schweren Knobeleien bombardiert. Ganz ehrlich: Wo uns selbst bei Ceville mittendrin etwas langweilig wurde, kann der Titel direkt von Anfang an unterhalten und auf eine eigene, unerklärliche Art motivieren. "Wartet, das Rätsel noch!" "Gleich, ich will mir nur schnell den Dialog noch anhören." Wie oft habe ich diese Sätze gesagt, als die Kollegen schon angenervt an der Türschwelle standen und zur Zigarettenpause rufen wollten?

Wie sehr habe ich meine Harnleitungen strapaziert, als ich mal wieder nicht zur Toilette gehen konnte (wollte?) und meinen Magen damit gestresst, dass die Mittagspause wieder und wieder nach hinten verschoben wurde. Ich war verzückt und bin es immer noch.

Bitte höre nicht auf...

Und es ist eines der wenigen Adventures, in dem man nicht sämtliche Gespräche wegklickt, nur um nicht einzuschlafen. Wenn ich schon alleine an den Zwergen-Barkeeper denke, der mit einem brüllend komischen Kölsch-Akzent von Wolgang Völz gesprochen wird, geht in mir die Sonne auf - so wie gerade im Rest Deutschlands. Es sind nicht nur die offensichtlichen Stärken, mit denen BoUT bei mir gleich zu Beginn einen Stein im Brett hatte. Auch die kleinen Details sind schön, verzaubernd und was auch immer. An dieser Stelle gehen mir schon langsam die Adjektive aus, Ihr merkt es wahrscheinlich.

Nachdem Wilbur im Auftrag seines militärisch-fanatischen Großvaters die Ausrüstung für "einen echten Soldaten" aufgetrieben hat und mittels Rakete in die Menschenstadt geschossen wurde, geht der Spaß weiter. Da schalten wir begeisterten WoB-Spielern (World of Bureaucracy) die Verbindung zum Server - in wahrhaftiger und wild Knöpfe durcheinander drückender sowie Beschwerden in den Müllkorb schmeißender Affengestalt - ab, überreden den frustrierten Tod höchstpersönlich zur Gründung einer GmbH für Lebendbestattungen und absolvieren nebenbei eine Magieschüler-Prüfung, nur um danach in voller und an Discworld erinnernder Zaubermontur beim Erzmagier anzuklopfen. Herrlich!

Und genau am Ende dieses Aktes treffen unsere vier Helden erstmals zusammen: Da sind der bereits erwähnte Gnom Wilbur, die ebenfalls eingangs benannte Waldelfe Ivo sowie der Freibeuter Nate und sein treuer Begleiter "das Vieh". Und gerade letzterer dürfte locker als einer der coolsten Nebencharaktere der Spielegeschichte gelten: Er verfolgt nicht nur fanatisch den toughen Nate, sondern wächst einem mit seinem unverständlichen Gebrabbel, den an Scrat aus Ice Age erinnernden Glubschaugen und dem zotteligen Fell sofort ans Herz.

Genau wie beispielsweise Tschiep-Tschiep, ein Vogel, der ständig Ivo hinterher fliegt und mit Ihr Gespräche in Zwitschersprache führt, bei denen man nur aus den Antworten und Gegenfragen der attraktiven Waldelfe deuten kann, was denn Tschiep-Tschiep von sich gegeben hat. Haben wir vorhin von wunderschönen Details gesprochen? Das war nur ein Vorgeschmack.

Abwechslung in großen Buchstaben

Auch bei den Rätseln wird aus dem Vollen geschöpft: Nicht nur, dass die Locations teilweise geradezu brachial gefüllt sind mit Gegenständen - gesegnet sei die Hotspot-Anzeige -, die man in die virtuelle Tasche stecken kann, nein, viele Knobeleien gehen auch über das übliche "Kombiniere X mit Y"-Einerlei hinaus und bieten einen Abwechslungsreichtum, den wir schon richtig vermisst haben. Da bietet sich das Fantasy-/Märchenszenario ja geradezu perfekt an, um beispielsweise nach einer Anleitung Tränke mit Mausbewegungen zu mixen. Natürlich besteht der Alltag auch viel aus Kombinationsrätseln, doch wenn schon kombiniert wird, dann oft nicht nur einfach ein Gegenstand mit einem anderen. Um nicht den roten Faden zu verlieren, werden glücklicherweise genug Hinweise eingestreut - ein Journal oder ähnliches haben wir jedoch vermisst.

Haben sich die Helden zum Quartett (mit Tschiep-Tschiep ist es genau genommen sogar ein Quintett) zusammengeschlossen, könnt Ihr später zwischen den Charakteren hin- und herwechseln. Vor allem im versunkenen Tempel der Insel Krun' Pak wird davon exzessiv Gebrauch gemacht, so werden hier doch Ivo, Wilbur und Nate voneinander getrennt und müssen sich gegenseitig helfen. Im Übrigen einer der besten Abschnitte des gesamten Spiels. Auch Schalterrätsel wollen gelöst werden, doch wer die bereits erwähnten, zur Genüge eingestreuten Hinweise beachtet, dürfte damit keine Probleme haben. Erst recht nicht, wenn man beispielsweise die Kombination der Drehscheiben gut lesbar auf einer Steinplatte vor sich hat und quasi nur noch eins und eins zusammenzählen oder in bester "Mastermind"-Manier anhand ampelfarbener Knöpfe deuten muss, welche Steinscheibe wie gedreht werden muss. Optisch ist BOUT wie bereits erwähnt mehr als nur nett anzusehen - wenn man denn von den eher schwachen, aber nicht allzu zahlreichen Rendersequenzen absieht.

Unfassbar mimik- und gestikstarke, detaillierte Charaktere bewegen sich im Titel über hübsche, zweidimensionale Hintergründe. Im Gegensatz zu manch anderem Genrevertreter wirkt der Großteil der Screens zudem lebendig. Ob sich denn nun der "dickste Hamster der Welt" aufbläht, im Magen eines riesigen Ungetüms Magensäure transportiert wird oder sich die Augen eines aufgespießten Kopfes hin- und herbewegen. Nahezu keine der Szenerien macht einen leblosen, sterilen Eindruck - dies trifft auch auf den Sound zu, der nicht nur mit tollen Musikstücken, wie zum Beispiel dem Grieg'schen "In der Halle des Bergkönigs", aufwarten kann, sondern so ziemlich jedem Hintergrund auffrischende Umgebungseffekte spendiert. Die professionelle Sprachausgabe ist derweil eigentlich über jeden Zweifel erhaben: So geben sich unter anderem die deutschen Stimmen von Ben Stiller, Daniel Craig, George Clooney oder Angelina Jolie die Ehre. Herausragende Highlights wie Wolfgang Völz' Part hatten wir ja bereits erwähnt.

Fazit

Wie sang Freddie Mercury doch einst? "It's a kind of magic" - und ja, das ist es wirklich. Auf Anhieb habe ich mich in Wilbur, Nate, Ivo, Tschiep-Tschiep und vor allem auch "Das Vieh" verliebt - und es ist auch verdammt schwer, nicht von The Book of Unwritten Tales verzaubert zu werden. Dafür sind die Ideen zu einfallsreich, die Dialoge zu herrlich, die Nebencharaktere zu skurril, die Anspielungen zu zahlreich und das Rätseldesign zu gut. Für echte Profis ist BOUT sicherlich keine allzu große Herausforderung, doch für alle anderen eine fabelhafte und vor allem für sich logische Erfahrung, die nur wenige Schnitzer aufweist. Und dass einen Tick zu langsame Charaktere, schwache (aber seltene) Render-Cutscenes und das beim Durchsuchen manchmal hinderliche Inventar ein Durchbrechen der wichtigen 90er-Marke verhindern sollten, sehe ich als Krümelkackerei. Ich hoffe inständig, dass The Book of Unwritten Tales die Anerkennung erlangt, die es verdient. Auch wenn es nur ein Aprilscherz seitens Publisher HMH Interactive und Entwickler King Art war, Nachfolger anzukündigen, möchte ich ungerne auf mindestens einen verzichten.

The Book of Unwritten Tales

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