Gesamtwertung76%/10 |
GrafikGut SoundGut |
LanzeitspaßGut SpieleinstiegGut |
BedienungGut |
Fallout-Fans haben nach der Schließung von Black Isle die Hoffnungen auf einen würdigen Nachfolger des Rollenspielklassikers eigentlich schon längst aufgegeben. Da überrascht ausgerechnet ein Deutscher Entwickler die Spielergemeinde mit einem Titel, der wie ein zeitgemäßes Remake des postapokalyptischen Rollenspiel daher kommt. Wir haben uns Silver Styles Hoffnungsträger The Fall angesehen und sagen euch, ob sich ein Besuch in den Wastelands lohnt...
Rollenspiele aus Deutschland konnten sich in den vergangenen Jahren sehen lassen. Gothic und zuletzt Ascarons Verkaufserfolg Sacred, gehören mittlerweile zu den festen Größen im Genre. Über die Schließung des traditionsreichen Rollenspiel-Entwicklers Black Isle, vor genau einem Jahr, konnten sie aber dann doch noch nicht hinweg trösten. Fortsetzungen von Klassikern wie Baldurs Gate oder Fallout werden, wenn überhaupt, nur unter der Führung fremder Teams und auf Basis veräußerter Lizenzen erscheinen. Mit mehr als einem bekannten Namen können solche Titel aber in den meisten Fällen wenig glänzen.
Als der deutsche Entwickler Silverstyle nach der Schließung von Black Isle aber die Fans mit der Nachricht überraschte, Teile des ehemaligen Teams für ihr postapokalyptisches Rollenspiel The Fall angeheuert zu haben, war die Hoffnung auf einen würdigen, wenn auch inoffiziellen Fallout-Nachfolger, nicht ganz verloren. Nun, knapp ein Jahr später steht The Fall Last Days of Gaia im Handel und muss sich den verwöhnten Rollenspielfans stellen.
Wir schreiben das Jahr 2062. Die Technologien die dem Menschen einst Erleichterung bringen sollten, entwickelten sich weiter und gipfeln im Aufbruch in eine neue Welt. Die NASA legt erste Pläne zur Marsbesiedelung vor und arbeit mit Hochdruck an der Fertigstellung von Terraformern, die riesige Mengen CO2 auf den Mars leiten sollen, um die eisige Oberfläche zu erwärmen und die Entstehung einer lebensfreundlichen Atmosphäre zu ermöglichen.
Doch 11 Tage vor dem geplanten Start des Projektes, sieht eine bis dato unbekannte Sekte ihr Chance der Menschheit ihren Willen aufdrücken zu können. Die Anhänger der Sekte übernahmen die Kontrolle über die insgesamt sechs Terraformer und leiteten riesige Mengen von CO2 auf die Eroberfläche. Die Folgen für die Umwelt waren trotz des schnellen Eingreifens gegen die Sekte verheeren. Die Durchschnittstemperatur der Oberfläche stieg um mehr als 10° an, was dem bis dahin geregelten Klima der Erde endgültig den letzten Stoß versetzte. Riesige Wassermassen überschwemmten große Teile der Kontinente und Stürme, die bis dato alles Dagewesene in den Schatten stellten, geißelten die letzen verbliebenen Reste der Menschheit mit unvorstellbarer Wucht. Der Kampf um sauberes Trinkwasser und genügend Nahrung endet in einer Welt, die voll Anarchie und Selbstjustiz kein Recht und Unrecht mehr zu kennen scheint. Versprengte Enclaven und selbstgekrönte Oberhäupter regieren von nun an auf dem Planeten.
Der Spieler übernimmt die Rolle eines jungen Mannes, der während seiner Abwesenheit in den Wastelands seine gesamte Familie durch eine skrupellose Bande verloren hat. Nachdem er als einziger Übelerlebender seines Dorfes zurückkehrt und alle Leichen im staubigen Sand der Wüste beigesetzt hat, schwört sich unser Held Rache. In einer neu gegründeten Regierung, irgendwo im Südwesten der Wastelands, heuert er als Söldner an und nimmt den Kampf gegen das organisierte Verbrechen auf. Ihm zur Seite stehen fünf weitere durchtrainierte Männer und Frauen, von denen jeder Einzelne besondere Fähigkeiten mit in die Gruppe einbringt. Fallout-Veteranen werden am Anfang mit der Steuerung einer so großen Gruppe Probleme haben und hier und da hektisch in der Gegend rumklicken, wenn die ersten Feinde in der Ferne die Gewehre ansetzen.
Durch das durchdachte Kampfsystem artet aber kein Gefecht in Hektik aus. Je nach gewünschter Einstellung, pausiert das Spiel sobald der erste Gegner in Sichtweite ist. So lassen sich in Ruhe alle Waffen nachladen, Handgranaten in die Hand nehmen oder vorher noch ein Bissen rohes Fleisch runterwürgen, bevor einem die Kugeln um die Ohren fliegen. Der eigentliche Kampf läuft danach in Echtzeit ohne großartiges Zutun des Spielers ab. Wird jemand verwundet oder verliert man im hitzigen Gefecht dank der fest zentrierten Kamera - die Übersicht, kann das Spiel jederzeit wieder pausiert werden.
Obwohl sich die Macher viel Mühe bei der Einbindung und Bedienung des Kampfsystem gegeben haben, gibt es dennoch relativ wenig Rückmeldung und Interaktion im Kampf. Fallout-Spieler werden wehmütig an alte Zeiten zurückdenken, wo fliehende Gegner mit einem gezielten Beinschuss aufgehalten werden konnten und schwere Waffen durch einen Armtreffer unbrauchbar gemacht wurden.
Trefferzonen, die gezielt angegriffen werden können gibt es in The Fall im weiteren Sinne nicht. Das Höchste der Gefühle sind Kopftreffer, die den Gegner schneller zur Strecke bringen.
Die fehlende Reaktion der NPCs wirkt nicht nur unecht, sondern vermittelt auch unweigerlich das Gefühl einer sterilen Umwelt. Und das, obwohl sich Silver Style mit zahlreichen kleinen grafischen Details so hart daran versucht, eine möglichst glaubwürdige Spielwelt zu schaffen.
Die KI-Schwäche zeigt sich leider auch in den Kämpfen wieder, die dadurch immer nach dem selben Muster ablaufen. Der Gegner kommt angerannt, schießt und beißt in den meisten Fällen auch gleich in den staubigen Sand. Deckung wird kaum gesucht und an Flucht gar nicht erst gedacht. Der taktische Tiefgang ähnelt dem einem schlechten Rambo-Film. Wer die größere Waffe hat, gewinnt auch den Großteil der Gefechte.
Vom Infiltrieren bis hin zum einfachen Hau Drauf-Auftrag ist alles dabei, was das Rollenspieherz begehrt.
Als Belohnung winken neben nützlichen Gegenständen auch Erfahrungspunkte, die zum Aufstieg zur nächsten Charakterstufe benötigt werden. Die Fähigkeitspunkte, die ihr mit jedem Stufenaufstieg bekommt, dürfen frei auf eine der 14 Grundfähigkeiten verteilt werden. Später ist sogar die Spezialisierung auf bestimmte Talente möglich.
Trotzdem verwöhnen viele kleine Details das Auge und erinnern an das gute alte Fallout. Autowracks an jeder Ecke, heruntergekommene Wellblechhütten und ausgediente Wasserspeicher sorgen eigentlich für die perfekte Endzeitstimmung. Die einzigen Dämpfer versetzen der Atmosphäre die verwaschenen Texturen und die stellenweise hölzern wirkenden Animationen, die heutzutage eigentlich keinen Platz mehr in einem Spiel zu suchen haben.
Dafür wird man mit teils rockiger, teils melancholischer Musikuntermalung entschädigt, die sich nahtlos in die bedrückende Endzeitstimmung einfügt. Nur die Spachausgabe hätte etwas mehr Feinschliff verdient. Die Dialoge hören sich blechern und stellenweise sehr unmotiviert an.
Das Spiel macht auf mich den Eindruck, als ob die Entwickler bei Silver Style Unmengen an Ideen umsetzten wollten und dabei den Blick für die wirklich wichtigen Aspekte des Spiels etwas aus den Augen verloren haben. Den Kämpfen fehlt es an taktischen Tiefgang, die KI kränkelt stellenweise auf dem Niveau eines Toastbrots herum und die, auf den Spieler zentrierte Kamera, hätte auch durch eine übersichtlichere (frei drehbare) Ansicht ersetzt werden können.
Zudem trübten kurz nach dem Release zahlreiche Bugs den Spielspass, die mittlerweile aber größtenteils ausgemerzt wurden dem fünften Patch sei dank...
Trotz all den Patzern weiß The Fall aber dennoch zu gefallen. Schon lange mussten sich Rollenspieler nicht mehr durch derart abwechslungsreiche Quests kämpfen, die vor der heruntergekommenen Kulisse der zerstörten Erde stellenweise sogar den Flair des guten alten Fallout wieder aufleben lassen. Hätten sich die Entwickler von Silver Style noch ein halbes Jahr mehr Zeit genommen, hätte The Fall mit Sicherheit ganz oben in der Liga der besten Rollenspiele mitmischen können.
So wie es nun aber auf den Markt gebracht wurde, bleibt nur ein solides Endzeitabenteuer, dass Rollenspielfreunde für einige Stunden an den Bildschirm fesseln wird. Nicht mehr, und nicht weniger...
The Fall: Last Days of Gaia im Test.
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