Gesamtwertung74 %/10 |
Grafik7 SoundUngenügend |
Lanzeitspaß8 Spieleinstieg8 |
Bedienung8 |
Bereits seit über einem Jahr rätseln sich englischsprachige Adventure-Liebhaber durch die gruseligen Weiten von "The Lost Crown". Allerorts vernimmt man äußerst positive Kritiken, die den Stil, die Story und die Atmosphäre loben. Das augenfälligste Merkmal des Spiels ist sicherlich die grafische Präsentation, die mit Farbe geizt und dadurch bestimmte Objekte betont, wie es einst Robert Rodriguez in seinem Film "Sin City" gemacht hat. Waren die Entwickler einfach nur zu faul, die Szenerie farbig anzumalen oder setzt der andersartige Stil dem Rätselspaß die Krone auf?
Was sich auch immer der Protagonist Nigel als ahnungsloser Angestellter einer geheimnisvollen Firma dabei dachte, als er sich in die gesperrten Bereiche der Administration hackte und rein zufällig Kopien streng vertrauter Daten anfertigte. Jedenfalls kann man diese Idee spätestens als gescheitert ansehen, als die Führung Wind davon bekommt und den Möchtegern-Hacker daraufhin querfeldein durch London hetzt.
Dank eines gerade zur richtigen Zeit abfahrenden Zuges mit unbekannten Ziel kann Nigel jedoch seinen Verfolgern entkommen und findet sich nach einer ereignislosen Fahrt im verschlafenen Nest Saxton wieder, wo er erfahren muss, dass in nächster Zeit kein Zug mehr zurück fahren wird.
Von dieser durchaus spannenden Vorgeschichte bekommt der Spieler nichts mit. In der Introsequenz wird lediglich ein rot angelaufener Chef gezeigt, der seine Schergen losschickt, anscheinend aber andere Pläne verfolgt. Um herauszufinden, warum man sich als Nigel plötzlich in einer unbeschreiblichen Ödnis wiederfindet, muss man doch tatsächlich die Anleitung lesen. Das Spiel steigt direkt am Bahnhof in Sedgemarsh ein, das einen kurzen Fußmarsch durch eine neblige Moorlandschaft vom Hafenstädtchen Saxton entfernt ist.
Dort erfährt er, dass momentan in der Stadt Hochsaison für Schatzsucher ist. Vor allem der größte Schatz, die letzte heilige Krone Englands, fasziniert Nigel und er gelobt sich diesen zu finden. Dies klingt alles nach einem stinknormalen Abenteuer, wenn da nicht die paranormalen Aktivitäten in der Umgebung wären…
Diese zu untersuchen, ist die eigentliche Aufgabe von Nigel, der bereits nach kurzer Zeit von seinem erbosten Chef gefunden und gezwungen wird, mit speziellen Geräten auf Geisterjagd zu gehen. Dies läuft weniger spektakulär als bei den "Ghostbusters" ab. Geister sollen nicht mithilfe von dicken Wummen und flapsigen Sprüchen eingesperrt, sondern vielmehr mit Geräten wie einem hochempfindlichem Diktaphon, einen Camcorder mit Nachtsichtmodus oder einer besonderen Digitalkamera untersucht werden. So knipst und rätselt sich Nigel durch das beschauliche Örtchen, das noch die ein oder andere Überraschung für unseren frischgebackenen Geisterjäger bereithalten wird.
Wie zum Beispiel die ältere Frau, die Nigel gleich zu Beginn des Abenteuers auf dem Weg nach Saxton, an einem Strandabschnitt trifft. Sogleich wird einem der melancholische Grundton gewahr. Die traurig wirkende Dame starrt gedankenversunken auf das Meer und scheint unseren Protagonisten zu kennen, obwohl er sie niemals vorher getroffen hat. Beim näheren Blick auf das Meer meint Nigel eine Kinderleiche zu sehen, welche die geheimnisvolle Frau als Baumstamm erkennt. Was verbindet diese Frau mit dem Meer? Und woher kennt sie Nigel?
Leicht verwirrt findet Nigel das verschlafene Saxton und wundert sich über die schrulligen Bewohner und Schatzsucher. Als er ein merkwürdiges Gebäude namens "Harbour Cottage" zum Übernachten mietet, beginnt die eigentliche Spukgeschichte. Nicht nur, dass überall Stimmen zu hören sind, auch Geister treiben sich dort anscheinend herum.
Die Inszenierung dieser Spukgeschichten heben "The Lost Crown" herrlich vom Adventure-Mainstream ab. Obwohl alles sehr statisch wirkt, stellt sich schnell eine Gänsehautatmosphäre ein. Abseits herkömmlicher Methoden, Spielern durch "Buh-Effekte" Angst zu machen, agiert das Spiel auf seine eigene interessante Art und Weise. Durch die besondere Einsetzung der Akustik, sei es unheimliche Stille, polternde Geräusche oder unverständliche Stimmen, sich verändernde Orte oder merkwürdige Zufälligkeiten kann das Spiel, besonders bei Nacht, durchaus für ein mulmiges Gefühl sorgen. Dass dies alles ohne die allseits bekannten Schockeffekte gelingt, ist bemerkenswert. Im Laufe des Spiels wird die Anspannung des Spielers immer weiter steigen. Man fühlt sich beobachtet und vermutet hinter jeder Ecke einen Geist.
Dieses Gefühl fördert die ungewöhnliche grafische Präsentation, die an den Film "Sin City" erinnert. In schwarz-weiß gehalten, stechen einige colourierte Objekte heraus. Abseits dieses künstlerischen Kniffs erinnert die Farblosigkeit an Gruselfilme der 50er und 60er Jahre und sorgt insgesamt für einen melancholischen Grundton. Die farbliche Tristesse lässt einige Situationen besonders gruselig erscheinen. Dafür sorgen auch ausgefallene Kamerapositionen, die geschickt mit den Erwartungen spielen. Dieser ganz eigene Stil passt einfach zum Spiel.
Nicht ganz zu gefallen weiß hingegen die eigentliche grafische Qualität. Zwar sind besonders Landschaftsaufnahmen ausgesprochen hübsch, die polygonarmen Charaktere jedoch nicht. Die Animationen der Figuren sind steif und wirken in jeder Situation künstlich. Emotionen können die Charaktere weder durch Grafik, noch durch Sound vermitteln.
So passend die musikalische Untermalung und die gruseligen Soundeffekte sind, so schlecht sind die deutschen Synchronstimmen, die durch ihre unglückliche und lustlose Betonung viel von der ansonsten tadellosen Atmosphäre nehmen.
Auch das Herzstück eines jeden Adventures kann nicht restlos überzeugen: die Rätsel. Diese sind simpel aufgebaut und für geübte Spieler fix zu lösen. Das größte Hindernis beim Lösen stellen lediglich gelegentlich leicht übersehbare Objekte dar, die durch die fehlende Hot-Spot-Anzeige akribisch gesucht werden wollen. Dazu gesellt sich die ärgerliche Tatsache, dass verschiedene Objekte oftmals nicht deutlich sichtbar voneinander getrennt sind und somit die Wahrscheinlichkeit des Übersehens steigern.
Insgesamt läuft der Spielverlauf nach dem immer gleichen Schema ab. Der Aufbau des Adventures ist nämlich so linear, dass zunächst alle Leute befragt und alle begehbaren Orte abgeklappert werden müssen, bevor es weitergeht. Dabei kann man unüberschaubar viele Sachen näher anschauen. Die darauf folgende Nahansicht des Objekts ist zwar häufig hübsch gezeichnet, hat aber in den meisten Fällen nur atmosphärischen Wert. Ein paar Kommentare seitens Nigels zu den Objekten hätten sicherlich nicht geschadet.
Hat man schließlich zum wiederholten Male die gesamt Ortschaft durchsucht, lassen sich Rätsel ziemlich leicht lösen, weil interagierbare Objekte zusätzlich gekennzeichnet sind. Da sich der dazu verwendbare Gegenstand häufig schon im Besitz des Spielers befindet, stellt kein Rätsel eine besonders hohe Herausforderung dar.
Warum hat ein erwachsener Adventure-Spieler Angst vor Geistern? Vielleicht mag es an unangenehmen Erfahrungen mit LeChuck liegen, der, obgleich mehrfach besiegt, immer noch durch seine durchtriebene Boshaftigkeit das Blut in den Adern gefrieren lässt. Vielleicht liegt es aber auch an der erfrischenden Inszenierung der Geisterjagd in "The Lost Crown". Das, was die Technik versaut, gleicht die unvergleichliche Gruselatmosphäre wieder aus. Sicherlich agiert die deutsche Synchronisation häufig unglücklich, die Rätsel sind leicht durchschaubar und die Dialoge an manchen Stellen wahrhaft dümmlich. Wer aber Point-and-Click-Adventures mag und die durchwachsene Technik in Kauf nimmt, erwirbt mit "The Lost Crown" ein durch und durch atmosphärisches Spiel mit packender Geschichte, das seinen vollen Reiz in der Nacht entfaltet.
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The Lost Crown: A Ghosthunting Adventure im Test.
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