The Whispered World

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Daedalic Entertainment
Entwickler
Daedalic Entertainment
Erscheinungsdatum
-
Genre
Abenteuer
The Whispered World

Gesamtwertung

88 %/10

Grafik

8

Sound

9

Lanzeitspaß

9

Spieleinstieg

7

Bedienung

9

The Whispered World

"Träume sind Schäume" sagt der Volksmund. "So ein Käse" sagen wir! Dass Träume mal ganz schnell zu Visionen werden können, deren Wahrheitsgehalt gerade furchteinflößend hoch ist, beweist Daedalic mit seinem neuesten Werk, dem gar nicht so furchteinflößenden, sondern vielmehr äußerst humorvollen Adventure "The Whispered World". Wieso, weshalb, warum? Wer den Test nicht liest, bleibt dumm.

Flüsterwelt am Abgrund...

Was zur Hölle ist denn da hinter dem Mikrofon passiert? Da quietscht und krächzt es durch die Boxen, obwohl uns nur ein kleiner Clown von seinem Traum berichten will. Eins vorweg: Die Stimme des Protagonisten Sadwick ist gerade in den ersten Minuten arg gewöhnungsbedürftig. Wer hätte gedacht, dass wir Euch ausgerechnet das unbedingt als Erstes mitteilen müssen? Wohl nicht einmal der heilige Jesus selbst. Bevor das Ganze jedoch zur Kritik ausartet, sei Euch ans Herz gelegt: Sadwick mag im ersten Moment nerven, doch irgendwie haben wir den Eindruck, dass letztlich auch nur diese eine Stimme wirklich zu ihm passt.

Schon mal jemanden kotzen sehen, angewidert umgedreht und doch wieder hingeschaut? So ist es auch hier - nur hier ist es eine Lobeshymne, deren Prädikat man nun wirklich längst nicht an jede x-beliebige, austauschbar wirkende 08/15-Stimme vergeben kann.

Nach dem sprichwörtlichen heißen Brei nun die Fakten: Sadwick hat einen Traum mit, nun ja, nicht gerade allzu rosigen Aussichten. Eine fremde Macht verkündet ihm, dass die reale Welt dem Untergang geweiht ist und genau er es sein wird, der dieses Ende herbeiführen wird. Moment, müsste hier nicht kommen "Hey Sadwick, du bist der Auserwählte! Du wirst es sein, der die Welt vor dem Untergang bewahren wird."? Eigentlich schon, aber bei "The Whispered World" ist es ausgerechnet der kleine, unscheinbare und vom Scheitel bis zur Sohle der bitteren Melancholie verschriebene Clown, der sich mit diesem Schicksal konfrontiert sieht. Sadwick reizt, abgesehen von seinem hilfreichen Haustier, der Multifunktionsraupe Spot, nichts mehr am Diesseits.

Clown rettet Welt... oder so ähnlich.

Sein älterer Bruder verspottet und ärgert ihn, sein schwerhöriger Großvater nennt ihn ständig beim Namen seines Bruders und sein Dasein als Mitglied einer ständig hin- und herreisenden Schaustellerfamilie macht ihn einfach unglücklich. Und genau hier kommt sein Traum ins Spiel: War es wirklich nur ein Albtraum, oder vielmehr eine Vision, die lediglich auf das vorbereitet, was Sadwicks Welt noch bevorsteht? Langsam kommt wieder Motivation, das Diesseits zu retten, zum Vorschein. Denn schon bald erfahren wir, dass es wirklich so schlimm wie angenommen um jegliche Existenz steht. Das können und werden wir nicht zulassen! Auch wenn wir uns von Sadwicks Bruder und seinem Opa noch einmal allerliebst verabschieden: "Ach übrigens: Ich hasse Euch! Beide." Gut gebrüllt, kleiner Kerl!

Wir bewegen den kleinen Clown Point&Click-typisch über die stets zweidimensional gehaltenen Screens, die aber - welch Seltenheit - sogar über mehrere Ebenen verlaufen können. Nicht selten verbirgt sich also beispielsweise hinter einem Busch ein Gang, der unseren Helden auf einen weiter entfernten Punkt im Hintergrund verschlägt, obwohl die Location noch ein- und dieselbe ist.

Das bringt zusätzliche Würze in die ansonsten nicht minder lebendig wirkenden Screens - und wenn es nur explodierende "Furzpilze" sind, die das Auge mit weiteren Effekten verwöhnen. Alles andere als typisch ist die Tatsache, dass Euch zur Interaktion jederzeit drei Optionen zur Verfügung stehen, in manchen Fällen sogar vier. Die drei Grundaktionen lassen Sadwick etwas näher anschauen, anfassen/modifizieren oder gar auf sich selbst, beziehungsweise seinen Mund anwenden.

Und dann wäre da noch das im charmanten Zeichentrick-Stil fast untergehende Menü für Euren treuen Begleiter Spot, der sich entweder in Normalform, dicker kugelrunder Gestalt, brennend oder beispielsweise auch in Fünfer-Teilen auf bestimmte Hotspots - die Ihr übrigens jederzeit per Leertaste einblenden lassen könnt - anwenden lässt.

Zieht man dann noch die Möglichkeit in Betracht, dass Ihr ja Adventure-typische Objekte einsammelt und im Inventar verstaut, ergeben sich sogar ganze fünf unterschiedliche Varianten, auf denen ein Hotspot erfolgreich auf Eure Interaktionsversuche reagieren könnte. Und das Rätselleben in "The Whispered World" ist wahrlich kein Zuckerschlecken, wie es der - oberfläch betrachtet - kindliche Stil vielleicht noch vermuten lassen könnte. Nein, längst nicht immer liegt des Rätsels Lösung, oder zumindest ein Hinweis darauf, auch tatsächlich auf der Hand.

Der Titel richtet sich eindeutig an Liebhaber des Genres, die wissen, worauf es in einem guten Adventure ankommt und sich nicht gleich bei der ersten Sackgasse der Rettung der Flüsterwelt verwehren. Die Hotspot-Hilfe tut zwar ihren Teil doch mit einfachen Kombinationsaufgaben ist es bei "The Whispered World" wahrlich nicht getan: Herrlich-schräge Dialogrätsel, Schachbrett-Knobeleien oder komplette Umdenk-Aufgaben halten den Schwierigkeitsgrad auf einem angenehm stabilen, aber höher als dem der Genrekonkurrenz angesiedelten Niveau. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass ein Blick auf unsere unliebsame To-do-Liste verrät, wie wir mithilfe einer ominösen Standuhr ein Orakel herbeirufen? Bis man den Ansatz mancher Kopfnüsse erst einmal herausgefunden hat, kann es schon recht frustrierend werden. Doch "The Whispered World" zerrt einen auf soviele Arten und Wege immer wieder ins Geschehen.

Ganz oben auf der Liste stehen dabei eindeutig die absolut genialen Mono- und Dialoge aus der Feder von Jan Müller-Michaelis. Der gute Mann zeichnete sich auch schon für die unterhaltsamen und vor allem vielfältigen Wortkalbereien in "Edna bricht aus" verantwortlich und setzt hier sogar noch einen drauf. Zwar lässt Sadwick nicht immer wieder einen anderen Spruch ab, doch die zweideutigen Seitenhiebe, Umschreibungen und Metaphern sind einfach umwerfend. Bestes Beispiel ist ein gewöhnlicher Kompass gleich zu Beginn des Spiels, den Sadwick bei verschiedenen Interaktionsmöglichkeiten immer wieder anders interpretiert, dabei aber stets mit demselben Satzanfang beginnt.

Und dann ist es noch dem bereits erwähnten, charmanten Grafikstil zu verdanken, dass "The Whispered World" bei aller Abkehr von jeglichem "Realismusgehasche" sofort in den Bann zieht: Die Screens wurden wunderschön per Hand gezeichnet, was auch auf die teils obskuren Figuren zutrifft, die ausnahmsweise einmal nicht drei-, sondern zweidimensional gestaltet wurden. Ein klassisches Adventure, wie es im Buche steht, also. Kann es da noch zum Grund zum Meckern geben? Nicht wirklich: Abgesehen von einigen an den Haaren herbeigezogenen Rätseln - Stichwort "Maus fischt Opas Unterhose" - und der festen Auflösung von leider nur 1024x768 Pixeln - ohne Antialiasing-Option - ist das hier ganz großes Rätselkino. Außerdem nervt der Würfel-Kopierschutz zu Beginn eines jeden (!) Spielstarts.

Fazit

Was soll man da noch sagen? 88 Prozentpunkte sollten eigentlich für sich sprechen... für Adventure-Freunde ist "The Whispered World" freilich ein Muss, schon alleine wegen des in tiefer Melancholie versunkenen Clowns Sadwick, der trotz fehlender, echter Bezüge zum Diesseits dennoch nicht tatenlos bei dessem Untergang zuschauen möchte. Ein Genre-Beitrag mit Herz, den Daedalic da gezaubert hat. Ein oberflächlich-kindliches, aber tiefschauend äußerst erwachsenes Werk mit malerischen Kulissen und einer reifen, zwischen den Zeilen stehenden Botschaft... und nein, die heißt nicht, "Lasst Euch dieses Spiel nicht entgehen", denn das ist meine Botschaft an Euch.

The Whispered World

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