Transport Gigant

Review
Plattform
PC
Vertrieb
JoWood
Entwickler
-
Erscheinungsdatum
-
Genre
Simulation
USK
0
Transport Gigant [PC , Justgamers]

Gesamtwertung

78%/10

Grafik

Befriedigend

Sound

Gut

Lanzeitspaß

Sehr gut

Spieleinstieg

Gut

Bedienung

Mangelhaft

Transport Gigant

Die Giganten-Reihe von JoWooD (Studio Ebensee) erfreut sich seit mittlerweile über 10 Jahren großer Beliebtheit unter Liebhabern von Wirtschaftssimulationen mit erhöhtem „Tüftelfaktor“. Während der Schwerpunkt des im vergangenen Jahr veröffentlichten Industriegigant 2 im Aufbau eines funktionierenden Wirtschaftskreislaufes (Produktionsstätten, Transportnetz und Abnehmermärkte) liegt, beschränkt sich die Aufgabe des Spielers beim neuen Transportgigant auf den Aufbau eines Transportnetzes, d.h. es können weder eigene Industrien errichtet werden, noch muss sich der Spieler Gedanken um Produktionsmengen machen, das übernimmt nämlich freundlicherweise der Computer in Eigenregie. Neben zwei Kampagnen, die aber eher nett gemeint als nett gemacht sind, ist der Endlosmodus ganz klar das Herzstück des Spieles. Hier kann sich der Spieler in Ruhe austoben, ohne Zeitbeschränkung und mit nichts als ein paar Moneten zu Beginn seiner Karriere. Entsprechend bezieht sich dieser Test auch auf genau diesen Modus, da die zwei Kampagnen wie bereits angedeutet eher als nette Beigabe zu betrachten sind und selbst von ungeübten Spielern innerhalb weniger Stunden problemlos zu bewältigen sind.

Aller Anfang ist schwer

Nicht nur für den Spieler, sondern vor allem für die um das Jahr 1850 eher armseligen Transportvehikel. Zwar muss man nicht in der frühesten Epoche starten, doch wer es ultra-realistisch mag und gerne vom Pferd als Transportmittel bis zum Monorail-Schnellzug alles miterleben möchte, kommt nicht um die eher zähen Anfangsjahre herum. Zäh, aber nicht unbedingt langweilig - denn den ersten Dampfloks bei ihrer Arbeit zusehen zu dürfen bzw. Pferdezüge in Aktion bewundern zu können ist durchaus unterhaltsam.

Der typische Jung-Transportgigant sucht sich zu Beginn eine erste Route zwischen zwei verschiedenen Punkten, wobei der erste Punkt nach Möglichkeit etwas herstellen sollte, was der zweite Punkt dringend benötigt – sonst würde das ganze sicher keinen Sinn machen. Beispiel: Eine Getreidefarm erntet einmal im Jahr eine bestimmte Menge Weizen, dieser wird von einer nicht allzu weit entfernten Hühnerfarm Monat für Monat benötigt, um die Hühner bei Laune zu halten, sprich sie satt zu bekommen. Satte Hühner produzieren wiederum mehr Eier, und Eier werden von den in Städten lebenden Menschen jeden Tag zum Frühstück verzehrt – fertig ist die erste Transportkette.

Allerdings beschränken sich die Transportmöglichkeiten gerade zu Beginn des Spiels sehr. Denn weder die ersten Dampfloks noch Pferdeeisenbahnen oder Pferdetransporte auf der Straße können große Mengen von A nach B transportieren, außerdem ist die Reichweite dieser frühen Transportmittel sehr gering.

Formel des Transport-Erfolges

Wie viel Geld der Transport von Waren bringt, hängt von mehreren Variabeln ab. Zum einen natürlich von der beförderten Ware selber. Nicht verderbliche Güter bringen immer gutes Geld, auch wenn der Transport ein halbes Jahr dauert. Verderbliche Waren bringen nur Geld, wenn der Transport schnell über die Bühne läuft. Weiterhin hängt die Höhe der Entlohnung auch immer von der Entfernung ab, je weiter zwei Punkte voneinander entfernt liegen, desto höher die Gewinne. Doch Vorsicht: Als Grundmaß wird immer die Luftlinie genommen, wer also eine Stecke in Spiralform, dreimal um die gesamte Karte baut, um sich dann den Megagewinn einstreichen zu können hat leider schlechte Karten.Aus diesen Tatsachen heraus ergibt sich automatisch, dass es nicht für alle Waren bereits in einer frühen Epoche des Spiels sinnvoll ist, diese auch zu transportieren. Beispiel: Selbst wenn bereits um 1850 herum ein Kohlebergwerg auf der Karte zu finden ist würde es keinen Sinn machen, diese auch zu transportieren, denn Kohle ist extrem schwer und erfordert Vehikel mit hoher Zugkraft, welche es zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht gibt. Das gleiche gilt für viele andere Arten von Waren. Somit rentiert sich der Transport erst mit fortlaufender Spieldauer und mit dem Erscheinen entsprechender Beförderungsmittel. Dadurch hat der Spieler stets neue Ziele vor Augen und wird nicht direkt zu Beginn mit der gesamten Vielfalt von Transportmöglichkeiten erschlagen, außerdem dient das ganze dem Realismus.

Wahrhaft gigantische Vielfalt

Um seinem Namen auch gerecht zu werden, bietet das Spiel natürlich eine nahezu unfassbar breite Palette von Vehikeln, Industrien und Waren. Bis der Spieler hier alles mindestens einmal gesehen hat, vergehen locker zwei komplette Endlosspiele (1850-2050), denn in den beiden Szenarien Europa und USA warten innerhalb dieser 200 Jahre jeweils unterschiedliche Vehikel auf den Spieler!

Ein paar Zahlen, um das ganze einmal zu verdeutlichen sollen an dieser Stelle natürlich nicht fehlen:

ca. 130 verschiedene Vehikel

ca. 60 verschiedene Waren

ca. 500 verschiedene Gebäude

Die diversen Vehikel unterteilen sich dabei in Pferde, LKW, Loks, Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber und bieten dem Spieler im Laufe der Jahre immer wieder neue Transportmöglichkeiten, je nachdem ob es beim Warentransport schnell gehen soll oder ob eher die Masse wichtig ist.

Virtuelle Modelleisenbahn

Während sich Routen für alle anderen Vehikel rasch und einfach planen lassen, bedarf es bei den Eisenbahnen schon etwas mehr Geschick seitens des Spielers.

Bis zu 64 Gleise pro Bahnhof (!) lassen bereits erahnen, dass hier eine gewaltige Tüftelei auf den Spieler wartet. Ursprünglich kam das Spiel übrigens ohne Signale in die Regale, d.h. die Züge konnten kreuz und quer mit-, neben- und durcheinander fahren.

Nach einem lauten und empörten Aufschrei der Fans hat man sich bei JoWooD jedoch schnell zu Nachbesserungen in Form eines ersten Updates entschlossen, das Signale enthält und von der offiziellen Webseite geladen werden kann. Mit diesem Update wird der Streckenbau um einiges komplexer und natürlich auch realistischer – wem das jedoch als Feierabend-Unterhaltung zu viel des Guten ist, kann auch mit diesem Patch die Signale weiterhin deaktiviert lassen. Wer jedoch mit Signalen arbeiten will, kann für eine komplexe Route mit mehren Stationen und Zügen schon mal locker 1-2 Stunden einplanen, denn bis hier alles rund läuft und die Strecke reibungslos funktioniert, ist viel Denkarbeit erforderlich: Ein Himmelreich für Hobbyschaffner!

Im Getriebe knackt und kracht es gewaltig

So schön sich bis hierher alles anhört, unter der Haube des Transportgiganten hakt es leider an vielen Stellen ganz gewaltig. Als größten Kritikpunkt möchte ich hier direkt einmal die Steuerung aufführen. Die Erfinder der Streckenbaumenüs gehören eigentlich nach Sibirien strafversetzt, um dort mal eine Strecke mit ihren eigenen Tools zu errichten, dann wüssten sie bestimmt was sie verbrochen haben.

Grundsätzlich müssen Strecken nämlich immer erst als eine Art Hologramm vorgebaut, und dann vom Spieler bestätigt werden. Da hier aber ein wirklich grauenhaftes Zusammenspiel von rechter und linker Maustaste zum Einsatz kommt artet das ganze regelmäßig in Wutausbrüche aus, glücklich schätzen darf sich hier, wer eine Tischkante aus Titan oder einem noch härteren Material hat, falls es so was geben sollte. Nicht selten werden minutenlang geplante Strecken wegen eines ungewollten Mausklicks mal eben gelöscht und der Spaß fängt wieder von vorne an.

Noch schlimmer sieht es bei Weichen, Signalen und Bahnsteigen bei der Planung einer Route aus – hier klickt der Spieler nach einer Art Zufallssystem so lange auf den Weichen und Bahnsteigen rum, bis die gewünschte Route irgendwann mal endlich passt – oder auch nicht; der Wurm der hier in der Steuerung steckt ist meilenlang. Der irgendwann aufgrund dieser Steuerung unvermeidliche Griff zum Handbuch schafft leider auch keine Abhilfe, sondern sorgt eher für noch mehr Frust. Ein schlechteres Handbuch als das des Transportgiganten habe ich in meinen mittlerweile 15 Jahren als Spieler meines Wissens nach noch nicht gesehen. Zu fast allen Fragen die irgendwann auftauchen, fehlt die passende Antwort im Handbuch. Stattdessen erfährt man nur oberflächliche, meist völlig überflüssige Informationen zu Themen wie „Bedeutung von Städten“. Erde an JoWooD: Die Bedeutung einer Stadt dürfte selbst ein Grundschüler ohne Handbuch verstehen! Insgesamt wirkt das Handbuch daher wie ein in letzter Minute erweitertes ReadMe-File, das es irgendwie noch in die Druckerei geschafft hat – unverständlich wie man bei einem derart komplexen Spiel am Handbuch sparen kann.

Technik-Check

Neben den bereits angesprochenen, spielerischen Macken, gibt es vor allem zur Grafik auch nichts wirklich positives anzumerken. O.K., die Gebäude und Vehikel sind allesamt nett und detailreich gestaltet, leider aber nur in einer der insgesamt acht Zoomstufen schön anzusehen. Verlässt man nämlich die Normalansicht um ran- oder rauszoomen, bekommt man einen potthässlichen Pixelbrei serviert, der aufgrund seiner Unschärfe wie schon beim Industriegigant 2 nach einiger Zeit zu Kopfschmerzen führt. Warum man nicht wenigstens dieses Problem in den vergangenen Monaten mal ansatzweise in den Griff bekommen konnte/wollte, bleibt für den Spieler vermutlich ein ewig währendes Geheimnis.

Die Landschaften selber sind detailarm und einfallslos, wer also wie in Spielen dieser Art zwischendurch einfach mal das Geschehen in Ruhe beobachten will, bekommt nichts wirklich ansprechendes zu sehen und verwirft diesen Plan schnell wieder. Schade, hier verschenkt man sehr viel Potential, denn auch das Auge spielt bekanntlich immer mit.

Musikalisch hingegen bietet das Spiel dank 80 verschiedener Titel sehr viel Abwechslung, da gibt es absolut nichts zu meckern. Die Tracks sind immer wieder hörenswert und wiederholen sich aufgrund der Masse auch nicht ständig. Was Umgebungsgeräusche angeht, hat man jedoch bei JoWooD mit dem Rotstift gearbeitet, außer Hupen oder Hörnern von losfahrenden Zügen und LKWs gibt es hier absolut gar nichts, es herrscht Totenstille in der Spielwelt. Ratternde Dampfloks, ächzende Großindustrien oder durch Geräusche auf sich aufmerksam machende Städte, hätten sicher sehr zur Atmosphäre beigetragen, tun es aber nicht.

Fazit

Es hätte der absolute Knaller werden können, doch leider scheitert das Spiel an vielen kleinen Schwächen, die so wirklich nicht hätten sein müssen! Ein einfaches Wirtschaftssystem ohne lästiges Mikromanagement, dafür aber die große Freiheit beim Aufbau eines Transportsystems, das dank einer Zeitspanne von 200 Jahren technischen Fortschrittes immer spannend ist und enorme Abwechslung bietet – bis hier hat die gute Idee es auch in die Praxis geschafft.

Dass sich das ganze dann aber selber wegen vielen Unschönheiten – angefangen von der katastrophalen Steuerung bis hin zur insgesamt enttäuschenden optischen Präsentation - um eine Topwertung bringt, müssen sich entweder die Entwickler oder die Marketingabteilung von JoWooD auf die Kappe schreiben lassen. Wer hier letztendlich die Entscheidung getroffen hat das Spiel in diesem, an vielen Stellen unschönen Zustand, auf den Markt zu werfen weiß ich nicht, ist mir als Spieler angesichts des Ergebnises auch egal. Dass in einem angeblich stattgefundenen Betatest keine der gravierenden Steuerungs-Mängel entdeckt wurden kann ich nicht glauben. Ich tippe eher mal auf die Variante Betatester sollen kleine Bugs finden und ansonsten den Mund halten, Verbesserungsvorschläge wurden vermutlich komplett ignoriert. Wer eine tüftelreiche Simulation für sehr lange Abendstunden sucht, und sich auch nicht von der Steuerung abschrecken lässt und erst recht keinen Wert auf gelungene Präsentation legt kann blind zugreifen; ein echter Zeitkiller ist das Spiel allemal. Wer hingegen für 49.00 Euro ein rundum abgeschlossenes Spiel erwartet, sollte noch warten, ein AddOn befindet sich bereits in Planung und soll die größten Schwächen ausbügeln. Das zu erwartende Bundle aus Hauptspiel und Erweiterung dürfte dann sein Geld auch endlich vollends wert sein.

Transport Gigant [PC , Justgamers]

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